Die
russische
Kaiserliche
Geographische
Gesellschaft
hatte 1847
eine
wissenschaftliche
Expedition
zur
Erforschung
Sibiriens
ausgerüstet.
Bei
Ausgrabungen,
die der
Ermittlung
der Tiefe
des
Permafrostbodens
dienten,
stießen die
Wissenschaftler
bei Beresov,
das an einem
linken
Nebenfluß
des Ob
liegt, auf
einen Sarg,
in dem
Knochen und
Reste von
Seidenstoffen
lagen.
Nähere
Untersuchungen
ergaben, daß
es sich um
die
Grabstätte
des Grafen
Andrej
Ivanovič
Ostermann
handelte,
der 100
Jahre zuvor
hier in der
Verbannung
gestorben
war.
Ostermann
war auf
abenteuerliche
Weise nach
Rußland
gekommen.
Als Johann
Heinrich
Friedrich
Ostermann
wurde er in
eine
Pastorenfamilie
geboren, die
seit
Generationen
in Bochum
Pfarrer und
Advokaten
stellte. Er
besuchte die
Bochumer
Lateinschule,
dann die
Universität
Jena, wo er
die Rechte
studierte.
Hier geriet
er ”in
Händel”,
tötete im
Duell einen
Studenten
aus
Hannover:
”ein
Unfall”, wie
1742 in
einer
Leipziger
Chronik
notiert
wurde, ”der
ihn nöthigte,
sich ohne
Verweilen
von dort
unsichtbar
zu machen”.
Er floh 1704
über Holland
nach Rußland,
wo sich
bereits sein
Bruder
befand, der
in St.
Petersburg
Lehrer der
späteren
Zarin Anna
Ivanovna
war.
Ostermann
gelangte
schnell in
die Nähe des
Zaren Peter
I. Er wurde
1708
Übersetzer
in der
Botschaftskanzlei,
1710
begleitete
er Peter I.
auf einer
Reise nach
Berlin, 1716
nahm er an
Peters
großer
Westeuropa-Reise
teil und
wurde mit
diplomatischen
Missionen
betraut. Als
er 1718 die
Vorverhandlungen
zum Ende des
Nordischen
Krieges auf
den
Åland-Inseln
leitete und
dann 1721
auch den
Friedensvertrag
von Nystad
verhandelte
und
unterzeichnete,
war sein
diplomatischer
Durchbruch
gelungen. Er
wurde Baron
und zum
Generalleutnant
befördert.
1723
heiratete
Ostermann
Martha
Strešneva,
die einem
Moskauer
Bojarengeschlecht
entstammte,
und wurde im
selben Jahr
Vizepräsident
(entspricht
etwa einem
Staatssekretär)
im Kollegium
des
Auswärtigen.
Nach Peters
I. Tod 1725
ernannte
Katharina I.
Ostermann
zum
Wirklichen
Vizekanzler.
Von nun an
bis zu
seinem Sturz
war er der
eigentliche
Lenker der
russischen
Außenpolitik.
Aus dem
diplomatischen
Schriftverkehr
jener Zeit
geht hervor,
daß
Ostermann
auch der
wichtigste
Gesprächspartner
der
ausländischen
Botschafter
in
Petersburg
war; auf
diesem Feld
wurde er im
Westen
bekannt.
Das
nachpetrinische
Rußland
stand ganz
im Zeichen
der
Sicherung
seiner
gerade
errungenen
Position im
europäischen
Mächtekonzert.
Dem
französischen
Botschafter
Campredon
gegenüber
äußerte
Ostermann
unverblümt,
daß man ”der
ganzen Welt
werde zeigen
müssen, daß
die Lehren
Peters nicht
vergeblich
gewesen sind
und man den
Ruhm und die
Macht
Rußlands in
seiner
bisherigen
Ausdehnung
wahren
werde.”
In den 20er
und 30er
Jahren des
18.
Jahrhunderts
bedeutete
das vor
allem die
Niederhaltung
Schwedens:
das Fenster
zur Ostsee
sollte für
Rußland
offen
bleiben. Im
Süden
blockierte
die Türkei
den Drang
zum
Schwarzen
Meer,
darüber
hinaus
störte sie
Rußlands
Aktivitäten
in Persien,
und sie
gerierte
sich als
Schutzmacht
der
Krimtataren.
Ein Bündnis
mit
Österreich,
das 1726
nach
meisterhaften
diplomatischen
Schachzügen
Ostermanns
sowohl im
Obersten
Geheimen Rat
als auch
gegenüber
Frankreich
abgeschlossen
wurde,
sicherte
Rußlands
Interessen
im Süden ab.
Es war mehr
als eine
Defensivallianz
und
überdauerte
auch die
nach
Ostermann
folgende
Elisabethanische
Zeit. Im
Polnischen
Erbfolgekrieg
nach dem
Tode Augusts
des Starken
1733, in dem
Rußland und
Österreich
gemeinsam
den
sächsischen
Prätendenten
August III.
gegen den
französischen
Kandidaten
Stanislaus
Leszczynski
durchsetzten,
festigte
sich das
Bündnis.
Frankreich,
das wegen
seiner
Gegnerschaft
zu
Österreich
stets die
Türkei
unterstützte,
war nun auch
Gegenspieler
Rußlands
geworden.
Mit England
stand
Rußland
ebenfalls in
gemeinsamer
Gegnerschaft
zu
Frankreich.
Obwohl ein
Bündnisvertrag
zu
Ostermanns
Lebzeiten
nicht mehr
zustande
kam,
erreichte er
jedoch 1734
einen
Handelsvertrag.
Für England
war diese
Zusammenarbeit
mit der
kreditbedürftigen
russischen
Wirtschaft
in
Konkurrenz
zu Holland
äußerst
attraktiv.
Ostermann,
der gerne
daran
erinnerte,
daß er
geborener
Preuße sei,
befürwortete
auch ein
enges
Zusammengehen
mit Preußen;
in seiner
Amtszeit
kamen drei
Verträge
zustande. Im
späteren
österreichisch-preußischen
Konflikt,
der sich um
Schlesien
anbahnte,
war
Ostermann
deshalb in
größter
Verlegenheit.
Er setzte
sich für
eine
Verständigung
ein und ließ
es nicht an
Mahnungen
fehlen.
Ostermann
bekleidete
im Laufe der
Jahre
weitere
Ämter, die
ihm auch
bedeutenden
Einfluß auf
innenpolitische
Belange
ermöglichten;
1730 wurde
er Senator
und in den
Grafenstand
erhoben. Auf
Ostermanns
Vorschlag
hin bildete
Anna
Ivanovna
1731 nach
Auflösung
des Obersten
Geheimen
Rates ein
Ministerkabinett,
in dem er
1734 Erster
Minister
wurde;
daneben
blieb er als
Vizekanzler
Chef der
Auswärtigen
Angelegenheiten.
Ein
zeitgenössischer
Beobachter
schreibt
über
Ostermann:
”Das hiesige
Ministerium
rouliert nun
vornehmlich
auf den
Grafen
Ostermann,
der, um sich
unentbehrlich
zu machen,
seine große
Maxime sein
läßt, daß
niemand
außer ihm
den
Zusammenhang
der
innerlichen
und
auswärtigen
Staatssachen
dieses
Reiches zu
sehen und zu
lernen
bekommt, und
sich daher
in seinem
Cabinet ohne
einige Hülfe
fast zu Tode
schreibt,
chiffriert
und
arbeitet”.
Ostermanns
erneuter
Machtzuwachs
erwies sich
in
Wirtschafts-
und
Finanzfragen
als
besonders
bedeutungsvoll.
Obwohl unter
Peter mit
Ausnahme
eines
einzigen
Jahres
ständig
Kriegszustand
herrschte,
gab es bei
seinem
Ableben
nicht eine
Kopeke
Staatsschulden.
Dies änderte
sich aber in
den
folgenden
Jahren, und
bei Annas
Thronbesteigung
(1730) mußte
sich
Ostermann
intensiv der
Rechnungsführung
widmen. Sein
besonderes
Interesse
galt dem
Handel, dem
Ausbau der
Verkehrswege
und der Lage
der Bauern.
1727
beklagte er
in einem
Papier: den
Handel hält
man auf der
ganzen Welt
für eine
Kraft des
Staates –
aber bei uns
gibt es ihn
fast gar
nicht. So
hat er 1731
die
Zolltarife
gesenkt, im
Petersburger
Hafen sollte
Freihandel
möglich
werden. Er
bemühte sich
um die
Eisenwerke
in Tula und
die
Holzindustrie
in der
Ukraine; er
entwarf
Pläne für
die
Entwicklung
der
Hauptstädte.
Die Lage der
Bauern
milderte er
durch
Abschaffung
der
Kopfsteuer;
das Brot
sollte ihnen
zum halben
Preis
verkauft
werden.
Ostermann,
der seit
1727
Generalpostdirektor
und seit
1740
Generaladmiral
war, nahm
auch auf den
Verwaltungsaufbau,
auf Justiz-
und
Militärfragen
Einfluß.
Besonders
gravierend
waren seine
Aktivitäten
in
Thronfolgefragen.
Er hatte
nicht nur
Katharina I.
unterstützt,
die Peters
weltoffene
Politik
fortzusetzen
versprach;
er hat auch
die
Thronbesteigung
Peters II.
Aleksejevič
(des Enkels
Peters I.)
1727
gefördert,
dessen
Erzieher er
gewesen war.
Für ihn
hatte er
einen
Lehrplan
entworfen,
der als
erster
Fürstenspiegel
Rußlands
bezeichnet
werden kann.
Bei der
Thronbesteigung
Anna
Ivanovnas
(Tochter von
Peters I.
Halbbruder
Ivan V.)
1730 wirkte
er darauf
hin, daß
diese nicht
die von den
Bojaren
vorgelegten
Kapitulationen
unterzeichnete.
Auch nach
Annas Tod
1740 zog er
wieder die
Fäden im
Hintergrund
und
unterstützte
die
Thronbesteigung
Ivans VI. Antonovič,
des 1740
geborenen
Sohnes ihrer
Nichte Anna
Leopoldovna,
die auch die
Regentschaft
ausübte.
Peters I.
Tochter
Elisabeth
wollte sich
aber nicht
noch einmal
übergehen
lassen und
kämpfte mit
Hilfe des
altrussisch
gestimmten
Adels, dem
die
Herrschaft
der
Deutschen
schon lange
ein Dorn im
Auge war, um
den Thron;
Intrigen der
französischen
und
schwedischen
Diplomatie
unterstützten
sie. In der
Nacht vom
24. auf den
25. November
1741
putschte
Elisabeth
mit Hilfe
der ihr
ergebenen
Garden und
verhaftete
die
Reichsregentin
sowie den
kleinen
Kaiser Ivan
Antonovič.
Ostermann
wurde mit
anderen
maßgeblichen
Deutschen,
darunter
Feldmarschall Münnich, und
einigen
Russen
verhaftet
und vor
Gericht
gestellt.
Ausgerechnet
Ostermann,
dessen
Lebenswerk
es war,
russischen
Interessen
zu dienen,
der einzige
Unbestechliche,
wurde unter
weiteren 80
Anklagepunkten
beschuldigt,
Geld von
fremden
Mächten
angenommen
zu haben.
Ferner
sollte er
die Flotte
verfallen
lassen und
beabsichtigt
haben,
Elisabeth in
ein Kloster
zu sperren.
Elisabeth
hatte
Ostermann
mit Haß
verfolgt,
hatte er
doch
tatsächlich
zweimal ihre
Thronfolge
verhindert
und mit Ivan
VI. einen
Anwärter auf
den Thron
gebracht, in
dessen Adern
mehr
deutsches
als
russisches
Blut floß.
Aber nicht
nur das:
Über ein
Vierteljahrhundert
hatten sich
viel Neid
und Mißgunst
gegen ihn
angesammelt;
er war zur
Verkörperung
einer
Fremdherrschaft
geworden.
Das Urteil
gegen ihn
lautete
zunächst:
”Tod durch
Rädern”,
dann: ”Tod
auf dem
Schafott”.
Am 18.
Januar 1742
wurden die
Angeklagten
zur
Hinrichtungsstätte
geführt. Als
der Henker
bereits das
Beil erhoben
hatte, wurde
die
Begnadigung
Ostermanns
und seiner
Schicksalsgenossen
durch die
neue
Kaiserin
verkündet.
Den Rest
ihres Lebens
sollten sie
in der
sibirischen
Verbannung
verbringen.
Ostermann
wird in
zeitgenössischen
Darstellungen
als
verschlossen
und
eigenbrötlerisch
geschildert.
Er war
überaus
mißtrauisch,
und alles,
was er
sagte,
konnte auf
verschiedentliche
Art
ausgelegt
werden,
heißt es
einmal. Der
russische
Historiker
Ključevskij
nennt
Ostermann
den
”Mephistopheles
aus Westphalen”.
Ostermanns
diplomatische
Begabung
wurde schon
zu seinen
Lebzeiten
auch von
russischen
und
ausländischen
Gegenspielern
anerkannt.
In der
historischen
Literatur
des 19.
Jahrhunderts
wird bereits
darauf
hingewiesen,
daß sich in
Ostermann
das neue
staatliche
Selbstbewußtsein
Rußlands
verkörperte.
Wenn man ihn
mit anderen
russischen
Diplomaten
jener Zeit
vergleiche,
werde
sichtbar,
daß eine
wirkliche
staatsmännische
Politik erst
mit
Ostermann
begonnen
habe. Er war
unstreitig
einer der
größten
Minister
seiner Zeit.
Auch von
Friedrich
dem Großen
ist eine
sehr
positive
Einschätzung
seiner
Persönlichkeit
überliefert.
Er versuchte
mehrmals,
Ostermann in
seine
Dienste
abzuwerben.
Bemerkenswert
ist
schließlich,
daß
Ostermann
auch in
russischen
Darstellungen
sehr
objektiv
gesehen
wird. Die
Anerkennung
seiner
besonderen
Verdienste
hatte schon
unter
Katharina
II. zur
Rehabilitierung
seiner
Familie
geführt.
Quellen:
Moskauer
Archive (von
der
Verfasserin
benutzt).
Lit.:
H. u. E.
Klueting:
Heinrich
Graf
Ostermann
- von Bochum
nach St.
Petersburg
1687-1747, Brockmeyer
Verlag
Bochum 1976.
– Amburger,
E.: Der
russische
Staatsmann
Heinrich
Ostermann
und seine
westfälischen
Ahnen und
russischen
Nachkommen,
in: Beiträge
zur westf.
Familienforschung
Bd. VIII,
Berlin 1961.
– Mannstein,
C. H. v.:
Historische,
politische
und
militärische
Nachrichten
von Rußland,
Leipzig
1777.
Bild:
Graf
Ostermann im
Jahre 1727.
Gerda
Vollmer