Geboren
wurde Pleyer
1901 in
Eisenhammer,
Bezirk
Kralowitz in
Westböhmen
als das
jüngste von
zehn
Kindern. Der
Name
berührt sich
mit dem
Herkunftsort:
denn Pleyer
(von „gepleut“:
fest
geschlagen)
bezeichnete,
wie Pleyer
mehrfach
berichtet,
„die alten
Schmelzmeister
und geht
zurück auf
die Zeit, in
der das
Metall noch
aus dem
glühenden
Erz
herausgehämmert
wurde.“
In Duppau
bei Karlsbad
besucht er
den Konvikt
und in Prag,
als
Werkstudent,
die
Universität.
Über die
beengten
Verhältnisse
seiner
eigenen
Lehrjahre
hat er
eindrücklich
und
bildkräftig
Rechenschaft
abgelegt,
die
Promotion
zum Dr. phil.
wurde
verspätet,
schon aus
der
Berufstätigkeit
heraus,
abgeschlossen.
Pleyer war
zunächst an
verschiedenen
Orten als
Redakteur
tätig: 1924
in
Reichenberg,
1929 als
verantwortlicher
Schriftleiter
des „Gablonzer
Tagblattes“.
Daneben
zeichnet
sich in
frühen
Jahren ein
politisches
Engagement
ab. Von
1926–1933
ist er
Gaugeschäftsführer
der
Deutschen
Nationalpartei,
nach deren
Auflösung
1933 er kein
politisches
Mandat mehr
annimmt. Aus
den
vielfältigen
publizistischen
Aktivitäten
in Pleyers
erster
Lebenshälfte
ragen die
Herausgabe
der
„Sudetendeutschen
Monatshefte“
(mit einem
Bezieherkreis
von 16.500
zahlenden
Abonnenten)
und die
Edition des
Bundeskalenders,
später
„Sudetendeutschen
Volkskalenders“
heraus.
Diese
Tätigkeiten
stellte
Pleyer unter
dem Eindruck
der NS-
Zensur nach
und nach
ein.
1945
gelangte er
auf einer
dramatischen
Flucht,
deren nähere
Umstände er
in dem
Erlebnisbericht
„Aber wir
grüßen den
Morgen“
niedergelegt
hat, nach
Söcking in
Bayern, dem
Domizil bis
zu seinem
Tode. Zwei
Jahre nach
der Flucht
wird er von
den
amerikanischen
Besatzern in
die
Tschechoslowakei
ausgeliefert
und unter
dem Verdacht
der
Kollaboration
mit dem
NS-Regime
acht Monate
bei
Zwangsarbeit
festgehalten.
Pleyers
Werk, das
seit 1921
bis zu
seinem Tod
kontinuierlich
anwuchs,
umfaßt alle
drei
Hauptgattungen,
wobei er als
Lyriker
sowohl
humoristische
Saiten
angeschlagen
als auch
einen
eigenen
natur-lyrischen
Ton gefunden
hat, der
gleichberechtigt
neben
Lehmann oder
Loerke
bestehen
kann. Das
glossierende
Zeitgedicht
im Stil des
„Simplicissimus“
und das
religiöse
Gedicht
zeichnen die
Spannweite
des
stilistischen
Spektrums
vor, über
das er
verfügte.
Seine
eigene, die
Egerländer
Mundart, ist
nur selten
Medium
seiner
Gedichte
geworden –
und dann
Ausdrucksform
für die
tiefen
Lebensarkana,
nicht für
leichte
Sujets. Aus
dem
Schatzhaus
der Mundart
hat er in
gekonnten
Übersetzungen
in die
Hochsprache
wesentliche
Zeugnisse
zutage
gefördert.
Prägend für
sein
episches
Werk bleiben
die
Kindheits-
und
Jugenderfahrungen.
Den Stoff
der eigenen
frühen Jahre
nimmt Pleyer
auch nach
den großen
weltpolitischen
Brüchen von
1933 und
1945 wieder
auf. Als
Schatten auf
dem
Kindheitsglück
beschreibt
er in vielen
Reminiszenzen
an seine
Grunderlebnisse
die
Transformation
eines
deutschen
Dorfes in
eine
tschechische
Gemeinde
durch Zuzug,
bedingt
durch
verfehlte
landrechtliche
und
politische
Weichenstellungen
innerhalb
des
Habsburgerreiches.
Dies zeigt
sich in der
Trilogie
„Till
Scheerauer“,
dem „Puchner“-Roman
und dem
umfänglichen
Romanwerk
„Die Brüder
Tommahans“.
Pleyer
bevorzugte
die
Ich-Form,
seine
Erzähltexte
zeichnet
eine Neigung
zu
Bekenntnis
und
Introspektion
aus. In
„Till
Scheerauer“
entwirft er
einen
Protagonisten,
der seinen
Lebensweg
unbeirrt
durch Glück
und Leid
geht; ein
Hoheslied
der
Gewissenstreue
und, wie
viele andere
Pleyer-Werke
auch, der
authentischen
Erfahrung
der Liebe.
Das Bild
einer
glücklichen,
integren
Kindheit auf
dem Land,
der Gestus
der
Dankbarkeit
vor allem
gegenüber
der Mutter
durchstimmen
seine Texte,
antithetisch
zu den
naturalistischen
Darstellungen
der
zerstörten
Kindheit in
der
beginnenden
Industriegesellschaft
im
Naturalismus.
Pleyer hat
sich bewußt
aus der
Tradition
und dem
Kontinuum
zwischen den
Generationen
heraus
verstanden;
die
Erfahrung
des
Grenzlandes
ist in alle
seine Texte
eingegangen.
Rechtsempfinden
und
Gesittung
des
einzelnen,
bei
Ablehnung
von
chauvinistischer
Ranküne, und
eine
tiefgehende
Skepsis
gegenüber
der
Staatsmacht
durchziehen
seine Texte.
Die
Tradition
des Jugend-
und
Bildungsromans
schreibt er
in den
Spiegelungen
der eigenen
Internatszeit,
der
aufkommenden
Zweifel und
erotischen
Verunsicherungen
mit
eigenständigen
Akzenten
fort. Pleyer
ist ein
sensitiver
Erzähler der
Landschaft,
jener der
eigenen
Heimat und
anderer
Landstriche,
er verläßt
jedoch auch
immer wieder
den engeren
Lebenskreis.
In dem
Novellen-Zyklus
„Lob der
Frauen“
erweist er
sich als
urbaner
Erzähler, in
der Novelle
„Bismarck
durchreitet
die Nacht“
als
virtuoser
Zeichner
historischer
Situationen
und
Charaktere.
Nach dem
Zweiten
Weltkrieg
deutet sich
in seinem
Œuvre eine
Zäsur an: es
ist die
unmittelbare
Nachkriegszeit,
die ihn in
mehreren
Arbeiten
beschäftigt.
Der
Zeitroman
„Spieler in
Gottes Hand“
variiert
deren Sujets
ebenso wie
die
Erzählungssammlung
„So tief ist
keine Nacht“
und das
Schauspiel
„Die Nacht
der Sieger“,
das die
Nacht zum 9.
Mai 1945 als
eine Urszene
der
folgenden
Krisiserfahrung
freilegt.
Das
Erinnerungsbuch
„Aber wir
grüßen den
Morgen“ ragt
aus diesen
Texten
hervor. Es
ist, wie
Pleyers
Freund
Walther
Jantzen zu
Recht
notiert hat,
eine „magna
charta der
Selbstüberwindung“
und der
Überwindung
des Geistes
der Rache
vor einem
abendländischen,
aber niemals
dezidiert
christlichen
Horizont.
Dabei
verfolgt es
die klare
Tendenz, das
Zeitalter
der Tortur
und Folter
um des
Menschen
willen
hinter sich
zu lassen
und deshalb
zur
Versöhnung
zu finden.
Auch als
Herausgeber
hat Pleyer
sich
bleibende
Verdienste
erworben. Zu
denken ist
nur an das
bedeutende
politische
Lesebuch
über das
Sudetenland:
„Europas
unbekannte
Mitte“. Eine
andere Seite
der eigenen
landsmannschaftlichen
Herkunft
berühren
seine
Schwank- und
Anekdotensammlungen
(„Hirschau
und
Hockewanzel“).
Der eigenen
Kulturlandschaft
selbst setzt
er mit dem
Sammelband
„Wir
Sudetendeutschen“
schon 1949
ein Denkmal
gegen das
Vergessen im
geteilten
Europa.
Als
politischer
Essayist,
Journalist
und
Zeitungsmann
war Pleyer
der Polemik
und
Entschiedenheit
fähig. Er
votierte mit
spitzer
Feder gegen
„die
gelenkte
Bekämpfung
jeder Regung
deutschen
Volksbewußtseins“
durch die
Gleichsetzung
mit dem
Nazismus.
Dies belegen
seine
gesammelten
Reden und
Aufsätze
„Jahrzehnte“.
Pleyer
schrieb
nicht ohne
Bitterkeit
gegen die
„Verzichtspolitik“
der
Regierung
Brandt an,
doch sah er
das
tieferliegende
Problem in
einem
parteipolitischen
Mißbrauch
der
Landsmannschaften.
Als
Hauptvertreter
jener
Politik
machte er
den
Bundesminister
Seebohm und
Wenzel
Jacksch
namhaft. Der
Bruch mit
der
Sudetendeutschen
Landsmannschaft
wurde 1965
besiegelt,
als weitere
Veranstaltungen
mit Pleyer
von deren
Seite
untersagt
wurden. In
der Folge
sah er sich
einem
gelenkten
Boykott
ausgesetzt,
der ihn
finanziell
und
persönlich
tief traf.
Seine
eigenen
Werke und
die Bücher
von Freunden
(enge
Beziehungen
bestanden zu
Hans Grimm,
Kolbenheyer,
Will Vesper
aber auch zu
dem
bedeutenden
wahlbayerischen
Erzähler
Hans Watzlik)
verbreitete
er durch
einen
eigenen
Buchvertrieb.
Pleyer ist
ein
elementarer,
unzeitgemäßer
Erzähler,
der keinen
Moden
folgte,
dessen
Gestus aber
eher
Tolstois
späten
Bauerngeschichten
oder Knut
Hamsun als
einer
literarischen
Epoche des
20.
Jahrhunderts
verpflichtet
ist. Sein
Werk wurde
folgerichtig
von der an
der
ästhetischen
Moderne
orientierten
Literaturkritik
ignoriert,
so
verbreitet
und beliebt
es bei den
Lesern auch
geblieben
ist. Zu
Recht hat
Kurt Port
einmal
notiert: „Es
ist
merkwürdig:
den meisten
Dichtern
glaubt man
menschlich –
nicht mit
Unrecht –
kein Wort;
Wilhelm
Pleyer
glaubt man
jedes.“
Das Resümee
aus Pleyers
Lebenswerk,
das
wiederzuentdecken
lohnen
könnte, ist
doppeldeutig:
der Epiker
berichtet
aus einem
vergessenen
Land und von
integren,
unverbildeten
affektiven
Grundregungen
– ohne jede
religiöse
oder
ideologische
Tendenz. Der
scharfzüngige
politische
Essayist
regt zu
Widerspruch
an und
bleibt auch,
wo er irrt,
in seiner
buchstäblichen
Gewissenhaftigkeit
eindrucksvoll.
Lit.:
Wilhelm
Pleyer.
Freundesgabe
des
Arbeitskreises
für deutsche
Dichtung zum
60.
Geburtstag,
Kronberg/Taunus
1961. –
Viktor
Karell:
Wilhelm
Pleyer.
1962.
Werke:
Wilhelm
Pleyer.
Jahrzehnte.
München 1971
(mit einer
bibliographischen
Übersicht
über das bis
dahin
erschienene,
nur in
Einzelausgaben
vorliegende
Werk).
Bild:
Archiv der
Stiftung
Ostdeutscher
Kulturrat
Harald
Seubert