Schon vor
dem
politischen
Umbruch in
Rumänien war
Annemarie
Podlipny-Hehn
eine
bekannte
Publizistin
besonders im
Bereich der
Kunstkritik.
Sie
veröffentlichte
Grundlegendes
über die
banatschwäbischen
Maler und
bildenden
Künstler
Stefan
Jäger, Franz
Ferch,
Julius
Podlipny,
Hildegard
Kremper-Fackner,
Oskar
Szuhanek.
Dabei kam
ihr zugute,
dass sie
auch selber
malte – sie
hatte
Einzelausstellungen
und
beteiligte
sich an
Gruppenausstellungen
in ihrer
Heimatstadt
Temeswar und
in Bukarest
– und dass
sie ihr
Maltalent
seit 1964 an
der
Kunstabteilung
des Banater
Museums in
Temeswar zur
Geltung
bringen
konnte.
Ihre große
und zugleich
schwerste
Stunde
sollte
indessen
nach dem
Massenexodus
der
Rumäniendeutschen
kommen, der
dem Sturz
Ceausescus
1989 folgte:
Mit den
Spätausgesiedelten
waren auch
die meisten
deutschsprachigen
Autoren
mitgezogen,
so dass die
ehemals viel
beachtete
fünfte
deutsche
Literatur zu
verwaisen
drohte.
Annemarie
Podlipny-Hehn
ist
gewissermaßen
die Rettung
des
deutschsprachigen
literarischen
Nachwuchses
des Banats,
vielleicht
sogar ganz
Rumäniens zu
verdanken.
Ebenso wie
die
deutschsprachigen
Gymnasiumsabteilungen
in Bukarest,
Temeswar,
Arad,
Sathmar/Satu
Mare,
Klausenburg/
Cluj-Napoca,
Bistritz/Bistrita,
Hermannstadt/Sibiu,
Mediasch/
Medias,
Schäßburg/Sighisoara
und
Kronstadt/Brasov
weitergeführt
werden
konnten, da
manchmal bis
zu 90 %
muttersprachliche
Rumänen oder
Ungarn dies
Angebot
einer
kompletten
deutschsprachigen
Gymnasialausbildung
nutzten,
musste es
doch möglich
sein, auch
die
Tradition
des
deutschsprachigen
Literaturkreises
des Banats,
der früher
nach dem
bekannten
Banater und
Wiener Autor
Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis
hieß, nicht
untergehen
zu lassen.
Annemarie
Podlipny-Hehn
wurde so
1992 eine
der
Hauptmitbegründerinnen
des
Temeswarer
Literaturkreises
mit dem
symbolträchtigen
Namen Die
Stafette.
Hier
vereinte
sie, die
drei Jahre
lang als
Deutschlehrerin
tätig
gewesen und
auch als
Autorin von
Essays
hervorgetreten
war, ihre
diesbezüglichen
Erfahrungen
mit ihrer
einmaligen
Einfühlsamkeit
für das
literarische
Schaffen von
Schülern und
Studenten,
hauptsächlich
Autoren aus
dem
Reservoir
der
deutschsprachigen
Abteilung
des
Nikolaus-Lenau-Gymnasiums
und der
Germanistikabteilung
der
West-Universität/Universitatea
de Vest aus
Temeswar.
Ihr Wirken
spiegelt
sich wieder
in den von
ihr
herausgegebenen
zwölf
Anthologien
des
Stafette-Kreises.
Dort
begegnet man
jungen und
jüngsten
Autoren mit
ihren ersten
Schritten
auf
literarischem
Gefilde
ebenso wie
den
gestandenen
Autoren
Erika
Scharf, Hans
Kehrer,
Ignaz
Bernhard
Fischer oder
Edith
Guip-Cobilanschi.
Literarische
Rezensionen
finden sich
neben
Berichten
von den
Auslandsreisen
dieser sehr
rührigen
literarischen
Vereinigung.
Diese
führten nach
Ungarn, wo
man einen
regen
Austausch
mit den
ungarndeutschen
Autoren in
Budapest und
Fünfkirchen/Pecs
pflegte, und
in die
Bundesrepublik
Deutschland,
wo man
wiederholt
in
Baden-Württemberg,
unter
anderem im
Donauschwäbischen
Museum in
Ulm, aber
auch in
Berlin las.
In Sachsen
nahm man
Kontakt zur
sorbischen
Minderheit
auf.
Als
Herausgeberin
der
Debütbände
ihrer
Schützlinge
war
Annemarie
Podlipny-Hehn
besonders
erfolgreich.
Der Band der
Schwestern
Lorette und
Henrike
Bradicescu-Persem
Augenblicke
erhielt
2001 den
Debütpreis
der Filiale
Temeswar des
rumänischen
Schriftstellerverbandes,
nachdem der
Band von
Lucian
Varsandan
Als das Wort
zu Ende war
den
Debütpreis
des
Schriftstellerverbandes
im Jahr
zuvor
erhalten
hatte. Im
Jahre 2002
erhielt
Petra
Curescu für
ihren Lyrik-
und
Prosaband
Regenbogen
der Nacht
den
Debütpreis
Nikolaus
Berwanger
und wurde
bei dessen
Verleihung
von dem
bekannten
Literaturkritiker
Prof. Dr.
Cornel
Ungureanu
gewürdigt.
Aus der vom
Wegbrechen
eines
Großteils
der Gemeinde
der
Rumäniendeutschen
verursachten,
trostlos
erscheinenden
Situation
heraus ist
es
hauptsächlich
dank
Annemarie
Podlipny-Hehns
rastlosem
Mühen
gelungen,
eine neue
deutschsprachige
Literaturszene
in Temeswar
zu
etablieren,
einer Stadt,
die man in
den Zeiten
der k.u.k.
Monarchie
wegen ihrer
kulturellen
Vielfalt und
Regsamkeit
Klein
Wien
genannt
hatte.
Zur neuen
Literaturszene
gehören auch
der bekannte
Journalist
und Kritiker
Michael
Fernbach,
die
Literaturhistorikerin
Eleonore
Pascu vom
Germanistiklehrstuhl
der
Temeswarer
West-Universität,
der
katholische
Theologe und
Humorist
Ignaz
Bernhard-Fischer,
die
Historikerin
Else von
Schuster,
die deutsch
schreibende
Journalistin
und
Kritikerin
Stefana Oana
Neamtiu und
einige mehr,
so dass
durchaus
Grund zu der
vorsichtigen
Hoffnung
gegeben ist,
dass die
rumäniendeutsche
Literatur
mit einem
ernstzunehmenden
Nachwuchs in
das dritte
Jahrtausend
startet.
Von allen
ihren
zahlreichen
Tätigkeiten
als
Vorsitzende
des
Arbeitskreises
Banat des
Kulturverbandes
der
Deutschen
aus dem
Banat, als
Vorstandsmitglied
der
Temeswarer
Filiale des
Schriftstellerverbandes,
als
Vorstandsmitglied
und
Vorsitzende
des
Demokratischen
Forums der
Deutschen in
Temeswar
sowie als
Kulturreferentin
im
Weltdachverband
der
Donauschwaben
(aus
Rumänien,
Ungarn,
Jugoslawien,
aus Übersee
in Kanada,
USA und
Brasilien)
bleibt doch
das
unentwegte
Engagement
für den
Literaturkreis
Stafette
wohl das
bleibendste
Verdienst
von
Annemarie
Podlipny-Hehn,
zumal sie es
versteht,
alle ihre
sonstigen
Ämter und
Würden in
den Dienst
ihrer
Schützlinge
zu stellen,
die auch zu
ihren
Gefährten
und Partnern
geworden
sind.
Von
Annemarie
Podlipny-Hehns
letzten drei
Büchern
umfasst
Werte aller
Zeiten,
erschienen
1998 im
Kriterion
Verlag
Bukarest,
kunstgeschichtliche
Studien und
literaturkritische
Beiträge,
welche die
große
Spannweite
ihres
Interesses
an bildender
Kunst von
West nach
Ost und vom
Mittelalter
bis zur
Moderne
zeigt, wobei
sie ihre
Landsleute –
schwäbische
wie
rumänische
Maler –
nicht aus
den Augen
verliert.
Die von ihr
verfasste
Monographie
über die
rumänische
Königin und
Dichterin
Carmen Sylva
(Elisabeth
Paulina
Othilia
Luise zu
Wied), 2001
im
Temeswarer
Solness
Verlag
erschienen,
würdigt die
Bemühungen
dieser
sensiblen
und
hochgebildeten
Frau,
rumänische
Literatur
ins Deutsche
zu
übersetzen
und sie
somit auch
in
Westeuropa
bekannt zu
machen.
Besonders
die
Übersetzung
der Perle
der
rumänischen
Volksdichtung
Miorita
(Das
Lämmchen
Miorita),
die in
extenso
zitiert
wird, ist
beachtlich
und gehört
zu den
ersten
Versuchen,
diese
atmosphärisch
so dichte
und
spezifisch
rumänische
Ballade zu
übertragen.
Auch eine
andere
Volksballade,
die vom
Meister
Manole,
versuchte
sie zu
popularisieren,
indem sie
sie
dramatisierte.
Die guten
Beziehungen
von Carmen
Sylva zu dem
großen
rumänischen
Dichter
Vasile
Alecsandri
und
Rumäniens
größtem
Musiker
(Pianisten)
und
Tondichter
George
Enescu
werden von
Annemarie
Podlipny-Hehn
hervorgehoben.
Allerdings
vermisst man
hier doch
eine
Erörterung
der sehr
kritischen
Haltung, die
der größte
rumänische
Dramatiker,
Ion Luca
Caragiale,
gegenüber
dem
ausländischen
Königshaus
einnahm.
Carol I.
(von
Hohenzollern-Sigmaringen)
war nach der
erzwungenen
Abdankung
des
rumänischen
Fürsten
Alexander
Ion Cuza
(1866) ins
Land
gekommen,
ein
Herrscher,
der viele
liberale
Reformen
einleitete
und viel
soziales
Engagement
bewies,
weshalb ihn
auch die
konservativ,
zum Teil
noch feudal
gesinnten
rumänischen
Großgrundbesitzer,
die Bojaren,
schließlich
vertreiben
sollten.
Die
kritische
Haltung von
Caragiale
teilten
viele andere
rumänische
Dichter und
Intellektuelle
wie etwa
Alexandru
Vlahuta. Vor
und nach dem
Zweiten
Weltkrieg
auch wurde
sie auch von
Zaharia
Stancu
vertreten,
der in den
sechziger
Jahren den
rumänischen
Schriftstellerverband
als
Vorsitzender
leitete; in
seinem Roman
„Barfuß“
schilderte
er das
feudale
Elend der
rumänischen
Bauern, das
1907 zu
einem großen
Aufstand
führte, der
in Blut
erstickt und
damit zum
Trauma
vieler
Autoren
wurde. Liviu
Rebreanu,
der
vielleicht
größte
rumänische
Epiker im
20.
Jahrhundert,
widmete ihm
sogar einen
umfangreichen
Roman Der
Aufstand.
Annemarie
Podlipny-Hehn
nimmt
indessen auf
diese bis
heute nicht
vergessene
Tragödie
keinen
Bezug, was
deshalb so
bedauerlich
ist, weil
sie in ihrem
Buch über
Oscar Walter
Cisek
Eine
tragende
Melodie der
sichtbaren
Wirklichkeit
(1999 im
Solness
Verlag
Temeswar
auch mit der
Unterstützung
des
Generalkonsulats
der
Bundesrepublik
Deutschland
erschienen)
sich
durchaus als
bewandert in
der
rumänischen
Bauernfrage
zu erkennen
gibt.
Nachdem sie
Oscar Walter
Ciseks Prosa
vor dem
Zweiten
Weltkrieg
analysiert
(wie die
Meistererzählung
Die
Tatarin,
wofür er in
die Auslese
der Autoren
für den
Kleist-Preis
1929 rückte)
und die
beiden
großen
Siedlungsromane
Der Strom
ohne Ende
und Vor
den Toren
präsentiert,
muss sie bei
den Werken
der Zeit
nach dem
Zweiten
Weltkrieg
einen
schwierigen
Spagat
meistern.
Cisek, der
im
Außenministerium
bis 1948 –
bis zur
erzwungenen
Abdankung
des Königs –
gearbeitet
hatte, fiel
unter den
Kommunisten
zunächst in
Ungnade und
geriet von
1952 bis
1956 in Haft
– nach einer
Privatfeier
von Goethes
Geburtstag,
die wie so
viele andere
Intellektuellentreffen
jener Zeit
als
Verschwörung
eingestuft
wurde.
Nach seiner
Entlassung
begab sich
Cisek auf
literarisches
Neuland. In
dem groß
angelegten
epischen
Werk
Reisigfeuer
versuchte
er, den
Bauernaufstand
der
siebenbürgischen
Rumänen von
1784 in zwei
Bänden (nach
den
Bauernführern
„Crisan“ und
„Horia“
betitelt) zu
schildern,
wobei
diesmal
nicht die
Natur und
ihre
erdverbundenen
Bewohner im
Mittelpunkt
stehen,
sondern die
sozial
unterdrückte
Masse der
Leibeigenen,
die an einen
guten Kaiser
– es ist der
Reformkaiser
Josef II.,
der Sohn von
Maria
Theresia –
glauben.
Cisek macht
„natürlich“
einige
Konzessionen
gegenüber
dem Dogma
des
Sozialistischen
Realismus,
aber sein
großes
Talent lässt
viel
Zeitkolorit
an Sitten,
Bräuchen und
auch Sprache
ins
Geschehen
einfließen,
wie
Annemarie
Podlipny-Hehn
zum großen
Teil
anschaulich
herausarbeitet.
Hier hätte
man sich
allerdings
einen
Hinweis auf
die durchaus
tragische
Beziehung
der Rumänen
zu
Österreich-Ungarn
gewünscht:
1784 ließ
der Kaiser
Josef II.
die
rumänischen
Bauern nicht
nur im
Stich,
sondern,
nachdem der
Aufstand
brutal
niedergeworfen
worden war,
auch ihre
Anführer
aufs Rad
flechten.
1848, als
die Rumänen
sich in der
bürgerlich-demokratischen
Revolution
auf ihrer
großen
Volksversammlung
in
Blasendorf/Blaj
gegen eine
Trennung von
Österreich
und Ungarn
aussprachen,
honorierten
die
Habsburger
dies nicht.
Als 1867
nach der
Niederlage
Habsburgs im
Deutschen
Krieg von
1866 die
k.u.k.
Monarchie
gegründet
wurde,
richtete
sich der
ganze Zorn
der von
Budapest mit
der
Magyarisierungspolitk
drangsalierten
Völkerschaften
– Rumänen,
Slowaken,
Kroaten und
andere – nun
auf einmal
gegen Wien,
das
seinerseits
für die
damalige
Zeit in
seiner
österreichischen
Hälfte ein
beachtliches
Rechtsstaatsniveau
erreicht
hatte und
seine
Völkerschaften
– Tschechen,
Polen,
Slowenen und
andere –
viel
liberaler
behandelte
als
Budapest.
Als im
Ersten
Weltkrieg
1916
Rumänien auf
Seiten
Frankreichs
und Englands
gegen die
Mittelmächte
Deutschland
und
Österreich-Ungarn
kämpfte,
gerieten die
Siebenbürger
Rumänen in
die
verzweifelte
Lage, gegen
ihre Brüder
im
Königreich
Rumänien
kämpfen zu
müssen. Ein
Konflikt,
den der
schon
erwähnte
Liviu
Rebreanu in
der eigenen
Familie
erlebte.
Sein Bruder
Emil wollte
aus der
k.u.k. Armee
zu den
Rumänen
desertieren,
wurde
gefasst und
aufgehängt.
Dies
verarbeitete
Rebreanu
dann in
seinem Roman
Der Wald
der
Gehenkten.
Diese Wunden
aus der
Vergangenheit
im
zukünftigen
Europa
endlich
vernarben zu
lassen, dazu
hilft auch
die
Beschäftigung
mit Ciseks
Reisigfeuer,
und es ist
Annemarie
Podlipny-Hehn
zu danken,
mit ihrem
Essay wieder
darauf
hinzuweisen.
1993 wurde
sie mit dem
Ehrendiplom
der
Temeswarer
Filiale des
Schriftstellerverbandes
und der
Zeitschrift
Orizont
ausgezeichnet
und 1997 mit
dem
Sonderpreis
des
Temeswarer
Schriftstellerverbandes.
Inzwischen
hat sie
erneut
Auszeichnungswürdiges
vorgelegt.
Bild:
Privatarchiv
des Autors.
Ingmar
Brantsch