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Am 26. Mai 1525 findet sich in einem Brief Martin Luthers an Herzog
Albrecht von Preußen folgender Satz: „Den prediger, so E.f.g. begerd,
hab ich bestellen helfen; er soll bald hynach komen ...“ Es wird zu
Recht angenommen, daß es sich bei dem genannten Geistlichen um Johannes
Poliander handelt, dem Albrecht in seiner Residenz Königsberg die Pfarre
der Altstadt zugedacht hatte.
Johannes Graumann oder Poliander, wie er sich nach der Gräzisierung
seines Namens nannte, entstammte einer im Maingebiet beheimateten
Handwerkerfamilie. Als „Poliander“ erscheint Graumann erstmals im Album
der Leipziger Universität, wo er seit 1503 studierte, 1507 Baccalaureus
und 1516 Magister der Philosophie wurde. Es folgte seine Tätigkeit als
Kantor, Lehrer, später als Rektor der in enger Verbindung zur
Universität stehenden Leipziger Thomasschule; das Jahr seines dortigen
Amtsantritts ist nicht bekannt, doch verbreitete sich bald der Ruf
seiner überragenden pädagogischen Fähigkeiten. An der „Leipziger
Disputation“ zwischen Johann Eck, Luther und Karlstadt über die
päpstliche Gewalt (1519) nahm Poliander als Protokollant Ecks teil.
Luthers theologisch begründete Stellungnahme beeindruckte ihn so
nachhaltig, daß er begann, sich mit kirchlichen Fragen
auseinanderzusetzen. 1520 erlangte er das theologische Baccalaureat.
Unter dem Eindruck der Lehren Luthers verließ er 1522 Leipzig, um sich
für ein Jahr in Wittenberg in der Umgebung des Reformators aufzuhalten.
Mitschriften und Abschriften der Predigten Luthers stellte er in einem
Band zusammen, der in den Beständen der Stadtbibliothek Königsberg erst
Ende des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde. 1523 ging Poliander,
wohl auf Rat der Wittenberger, als Domprediger nach Würzburg; 1525
lehrte er als Pfarrer in Nürnberg „die Nonnen bei St. Claren" die
Heilige Schrift bereits nach reformatorischem
Verständnis.
In dieser Zeit vollzog sich in Preußen die politische und konfessionelle
Wende: Mit dem Vertrag von Krakau (8. April 1525) empfing der
Hochmeister des Deutschen Ordens, Albrecht von Brandenburg-Ansbach, das
preußische Ordensland als erbliches Herzogtum aus der Hand König
Sigismunds I. von Polen zu Lehen. Die Reformation wurde durch
bischöfliche und herzogliche Verlautbarungen offiziell in Preußen
eingeführt, und der Ausbau des Fürstentums konnte beginnen. Das geschah
nach kursächsischem Vorbild und in engem Kontakt mit den Wittenberger
Reformatoren. Aus dem Schülerkreis Luthers Theologen für Preußen zu
gewinnen, betrachtete der Herzog als Voraussetzung für eine zügige
Verbreitung und Festigung der neuen Lehre in seinem Land. Sein Schreiben
an Georg Spalatin, „Herzog Friederichs von Sachsen löblicher gedechtnus
caplan Spalatinum“, vom April 1525 ist in diesem Zusammenhang zu sehen,
und ebenso Luthers Brief vom 26. Mai.
Poliander und seine Frau trafen im Herbst 1525 in Königsberg ein. Er
fand in Johannes Briesmann und Paul Speratus gleichgesinnte, vom
reformatorischen Schriftverständnis geprägte Männer, die sich auch in
persönlicher Freundschaft verbunden fühlten. Briesmann war der
theologische Berater des Bischofs von Samland, Georg von Polentz und
übernahm 1531 nach seiner Rückkehr von einem vierjährigen Aufenthalt in
Riga die Pfarrstelle am Königsberger Dom; Speratus, der in Würzburg
Polianders Vorgänger gewesen war, war durch Luthers Vermittlung 1524
nach Königsberg gekommen, wurde Schloßprediger und 1529 zum Bischof von
Pomesanien berufen. Poliander übernahm das Pfarramt der Altstadt als
Nachfolger von Johannes Amandus, einem Eiferer für die neue Lehre, der
Gutes bewirken wollte, jedoch Unruhen und Streit hervorrief und
schließlich Königsberg verlassen mußte.
Poliander stellte seine Fähigkeiten als Prediger und Lehrer, als
Organisator und Kirchenliederdichter ganz in den Dienst der Reformation
im Herzogtum Preußen. Er trat furchtlos für die Reinheit und Lauterkeit
der Lehre in Wort und Schrift ein und machte auch den Einwänden seines
Fürsten gegenüber keine Zugeständnisse. Deutlich erscheint Polianders
Persönlichkeit im Schriftwechsel Herzog Albrechts und Luthers während
der dreißiger Jahre, als der Herzog geneigt war, den theologischen
Sonderweg der Sakramentierer anzuerkennen, um die Siedler in seinem Land
zu behalten. Unerschrocken ergriff Poliander während des Rastenburger
Religionsgesprächs das Wort für Luthers Schriftverständnis und wandte
sich gegen alle schwärmerischen Abweichungen.
Einem Dankesbrief an Luther fügte Herzog Albrecht die Worte an, daß in
seinem Herzogtum keine Gefahr für die Reinheit der Lehre („Zweifel“ oder
„Irrtum“) vorhanden sei, da seine Prediger, „bevorab Poliander, durch
Hülf Gottes die Sachen also treiben“ (6. April 1532), und ein Jahr
später heißt es in einem Schreiben Albrechts an Luther beruhigend: „So
dank ich Gott, der sein Wort so reichlich hier im Land gehen lost, und
sunderlich mein geliebter Gevatter Doctor Prisman (Briesmann) und Her
Poleander ihr Ampt mit Warnen und Lehren so tapfer treiben, dardurch
gänzlich zu Gott verhoffend, der Teufel nit schaden werde..." (11. Juni
1533).
Obwohl Poliander im Herzogtum Preußen niemals ein höheres kirchliches
Amt erlangte, hat er neben Paul Speratus und Johannes Briesmann „im
Dreigestirn der großen theologischen Reformatoren Preußens“ seinen Platz
eingenommen. Wir treffen seinen Namen auf theologischen Gutachten, im
Zusammenhang mit Schriften zur Kirchenorganisation; er wird als Berater
seines Freundes Paul Speratus genannt und erscheint schließlich als
Gesprächspartner und geistlicher Vertrauter Herzog Albrechts, mit dem
ihn auch die Liebe zum gedruckten Worte, zu Büchern und Bibliotheken
verband. Als sich Herzog Albrecht mit dem Gedanken trug, in seiner
Residenz eine Universität zu gründen, fertigte Poliander 1540 ein
Gutachten über das Partikular an, das als vorbereitende Schule
eingerichtet werden sollte.
Poliander muß ein fröhlicher Mensch gewesen sein. Sein Choral Nun lob
mein Seel den Herren gehört zu den bekanntesten Liedern im
Evamgelischen Kirchengesangbuch; möglicherweise ist er auch der
Verfasser des Liedes Fröhlich muß ich singen. Aus den
Texten sprechen Zuversicht und Glaubensgewißheit. Im Frühjahr 1539 wurde
ihm seine Frau durch den Tod entrissen, aber trotzdem tröstete er Paul
Speratus und ermunterte ihn, es in Preußen auszuhalten, als dieser unter
der Bürde seines Amtes zu verzagen drohte. 1540 erlitt Poliander einen
schweren Schlaganfall, der ihn zur Untätigkeit verdammte. „Mit dem
guthen frommen herren Poliandro stehet es noch (Des wir dann ein
Christliches gnedigs mitleiden mit ihm tragen) Im alten wesen … so
seindt wir noch der trostlichen hoffnung und zuvorsicht, der almechtig
werde sich über Inen und uns also erbarmen und Ime, diesem armen Landt
zu trost, zu seiner gesuntheit gnediglichen widerumb verhelffen …“
schrieb Herzog Albrecht nach Wittenberg an Luther (21. November 1540).
Nach langem Siechtum starb Johannes Poliander am 29. April 1541. Auf
seinem Krankenbett hatte er bestimmt, daß seine Büchersammlung der
Altstadt Königsberg zufallen und als „gemeine Liberei“ der allgemeinen
Benutzung dienen sollte. Es waren nahezu tausend teils gebundene, teils
ungebundene Bände, eine erstaunliche Anzahl für eine private
Gelehrtenbibliothek im 16. Jahrhundert. Sie bildeten den Grundstock der
Königsberger Stadtbibliothek, für deren Einrichtung, zunächst in einem
Raum der Altstädtischen Kirche, Polianders langjähriger Wirkungsstätte,
sein Freund und Testamentsvollstrecker Paul Speratus sorgte.
Lit.:
Geschichte der Stadtbibliothek zu Königsberg. Mit einem Anhang: Katalog
der Bibliothek des M. Johannes Poliander 1560. Hrsg. von Christian
Krollmann. Königsberg 1929. – Walther Hubatsch: Geschichte der
Evangelischen Kirche Ostpreußens. Bd. 1. Göttingen 1968. – Zitate aus
den Briefen Herzog Albrechts an Luther und Luthers an Herzog Albrecht
wurden der Weimarer Ausgabe von Luthers Werken entnommen.
Iselin Gundermann
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