|
„Sein
Ideal war ein der Gemeinschaft verpflichteter, aber nicht der Masse
verfallener Mensch.“ So schrieb über den einstigen Lehrer einer seiner
Schüler, und er hat damit die ganze Breite und Tiefe einer
Persönlichkeit umschrieben, die über viele Jahrzehnte hinweg im
schlesischen Grenzland für Jugend und Volkstum beispielgebend tätig war:
Richard Poppe, nach dem Ersten Weltkrieg erster Bezirksjugendpfleger in
Breslau und Gründer des Jugendhofes Hassitz auf der Höhe vor Glatz.
Richard
Poppe stammte zwar aus Halle an der Saale, wo er am 2. August 1884
geboren wurde, ging aber schon 1910 nach Schlesien, als junger
Oberlehrer der deutschen Sprache und des Lateins. Sein Streben war hier
über die Schule hinaus darauf gerichtet, die Jugend zu Natur und Kultur,
zum Wandern, zu echtem Volksgesang und Volkstanz, zu Volkssprache und
Volksbrauch zu führen. Dank seiner Tatkraft entsteht im Bezirk Breslau
das Jugendherbergswerk. Seine großartigste Leistung freilich ist der
„Jugendhof Hassitz“, wo ein ehemaliges Pflanzgut zu einer im wörtlichen
wie übertragenen Sinne fruchtbaren Pflanzstätte ausgebaut wurde, aus der
nach dem Willen Poppes ein neues Menschentum entstehen sollte. Als
Symbol hierfür galt die Orgel „Ver sacrum“ („Heiliger Frühling“) in der
Festhalle, die einmal eine Scheune war. Der Geist des Jugendhofes wurde
in erster Linie von dem „neuen Singen“ bestimmt, das aus den Singwochen
Walther Hensels hervorgegangen war. Richard Poppe hatte im Jahr 1923 die
„Ursingwoche“ in Finkenstein in Nordmähren und dort eben jenen aus
Mährisch-Trübau stammenden Walther Hensel (1887-1956) als eine
mitreißende geistige Macht erlebt. Schon bald danach, im August 1923,
wagt Poppe die erste Singwoche im Deutschen Reich, und zwar in
Gnadenfrei, einem Ort der Brüdergemeinde im Kreise Reichenbach. Von hier
gingen mit den 70 Teilnehmern die Begeisterung und der Mut zu einem
neuen Lebensgefühl weit in die Lande hinaus, vor allem in die
studentischen Gemeinschaften, und hier vornehmlich in die akademischen
Sängerschaften, denen Poppe schon seit seinem Studium in Halle und
Tübingen angehörte. Die Singbewegung dehnt sich unter seinem Drängen und
Werben von Schlesien in das ganze deutsche Sprachgebiet aus, weiter auf
die Schweiz, auf Holland und bis nach Finnland hinauf.
Grenzlandsingwochen in Oberschlesien und im Sudetenland, auch in
Ostpreußen, geben immer neue Anregungen und Begegnungen. Dem rastlos
umherreisenden Rufer und Mahner verursacht ein schwerer Autounfall im
Dienste seiner Idee zwar Schmerzen und Behinderungen, aber auch nach
Krieg und Vertreibung versucht er, jetzt von Creglingen an der Tauber
aus, wo er eine Zuflucht gefunden hat, und in Tübingen, wo er die jungen
Studenten erneut um sich schart, seine alten Ideale weiter zu predigen.
Mit der Herausgabe von Rundbriefen, die das Zeichen des „Ver sacrum“,
den knorrigen Baum mit den sich verzweigenden Ästen, tragen, hält er die
Verbindung zu den „Finkensteinern“ von einst, bis ihn nach schweren
Operationen am 27. Dezember 1960 in Creglingen der Tod erlöst.
Ein
großer Kreis der alten Freunde aus Schlesien, Hessen, Schwaben und
Bayern gab dem Toten am 30. Dezember das letzte Geleit. Wilhelm Menzel
(1898-1980), der schlesische Liedersänger und Mundartsprecher, der ihn
einen „getreuen Eckart der schlesischen Jugend“ nannte, sagte in seinem
Nachruf: „Sein Werk lebt, Tausende und Abertausende verkörpern es und
danken ihm tief für seine heute so seltene Freundesliebe.“
Heinz
Rudolf Fritsche
nach oben
|