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In die Reihe jener Männer des 19. Jahrhunderts,
die die Kirchenmusik von dem Irrweg der Opernimitation wegzuführen
strebten, gehörte Carl Proske. Einen beachteten Markstein in dieser
Richtung hatte der vielseitige E.Th.A. Hoffmann mit dem Aufsatz
Alte und
neue Kirchenmusik 1814 gesetzt,
den er in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung, Leipzig, publizierte.
Hoffmann war vom Wirken der Berliner Singakademie von K. Fasch und K. F.
Zelter und von ihren frühromantischen
Idealen beeinflußt. Die Reformbestrebungen begründeten C. Ett in
München, B. Klein in Köln/später Berlin, F. Commer in Berlin und C.
Proske in Regensburg. Rund ein halbes Jahrhundert später erhielten sie
im „Allgemeinen Cäcilienverein für die Länder deutscher Sprache" 1868
ein organisatorisches Fundament, das neben den Neuschöpfungen J.
Rheinbergers, A. Bruckners, J. Brahms', M. Regers u.a. die
Kirchenmusikpflege bis zum ersten Weltkrieg prägte.
Als
sechstes von acht Kindern wurde Carl Proske als Sohn des Gutsbesitzers
und Erbrichters Joseph Proske in Oberschlesien geboren. Der Vater
betrieb Schafzucht und handelte mit Wolle. Da die beiden jüngeren Brüder
als Kleinkinder starben, bestimmte Vater Proske Carl zum Hoferben. Er
ließ den lerneifrigen Knaben das Gymnasium in Leobschütz absolvieren, wo
dieser unter anderem gediegene musikalische Kenntnisse erwarb, zu denen
- wohl von einem Privatlehrer vermittelt - Fertigkeiten im Klavierspiel
kamen. Nach dem Abitur 1810 widersetzte sich der Vater indessen dem
Wunsch des Sohnes, Priester zu werden. So wählte dieser das Studium der
Medizin.
Proske studierte von 1810 bis 1813, wie sein Landsmann Joseph von
Eichendorff, an der Wiener Universität. In Wien besuchte er auch
Theateraufführungen und Konzerte. Um sein Taschengeld aufzubessern,
erteilte er Klavierunterricht - ein Beleg dafür, daß er das Klavierspiel
gründlich beherrscht haben dürfte. Die Befreiungskriege vom
Napoleonischen Joch, speziell der Aufruf, „alle Medizin und Chirurgie
Studierenden sollten sich der Armee anschließen", veranlaßte Proske,
sich im Oktober 1813 im Hauptquartier des preußischen Generals G. L. von
Blücher zu melden. Als Schwadron-, später Regiments-Arzt eines
schlesischen Kavallerie-Regiments nahm er an den Feldzügen teil. Den
Aufenthalt in Paris nützte er, um Museen und Bibliotheken zu besuchen
und das dortige Musikleben zu studieren. Im September 1815 kehrte er
gesund in den Heimatort zurück und erholte sich bis zum Jahresende im
Kreis der Familie. 1816 vollendete er in Halle Studium und Promotion zum
Doctor medicinae und legte in Berlin das Staatsexamen ab In Ober-Glogau,
das seinem Heimatort benachbart ist, danach in Oppeln praktizierte
Proske ab 1817 als Arzt. Das Problem des Hoferbes hatte sich (nach dem
Tod der Mutter 1809) durch eine zweite Heirat des Vaters mit einer Witwe
gelöst, die sechs Kinder in die Ehe brachte. Bei der Regierung in Oppeln
war der junge Arzt, der den Medizinalrat vertrat, als tüchtige Kraft
aufgefallen. So übertrug ihm das Ministerium - vorerst interimistisch -
die Stelle des Kreisarztes in Pless. Neben seinem Dienst las der
geschätzte Medicus theologische Literatur, unter anderem Werke von dem
Ingolstädter Professor Johann Michael Sailer, der 1822 Weihbischof von
Regensburg geworden war. An Sailer wandte sich Proske brieflich mit
seinem Anliegen, Priester zu werden. Dieser empfahl, sich weiter zu
prüfen und abzuwarten.
Proske beantragte und erhielt indessen zum l. September 1823 die
Entlassung aus dem preußischen Staatsdienst, reiste nach Regensburg und
stellte sich Sailer vor. Ein Zufall kam ihm zu Hilfe. Bischof Sailer
erkrankte, während der Hausarzt verreist war. Dr. med. Proske betreute
den Kranken und erreichte eine rasche Heilung. Dadurch hatte er das
Vertrauen des Bischofs und seines Kreises gewonnen.
Proske blieb in Regensburg, studierte Theologie und empfing am 11. April
1826 die Priesterweihe. Danach erhielt er ein Chorvikariat bei der
sogenannten „Alten Kapelle" in der Bischofsstadt. Als Sailer 1829
Diözesanbischof von Regensburg geworden war, konnte er Proske 1830 für
ein Kanonikat bei der Alten Kapelle vorschlagen; die Berufung erfolgte
durch königliche Ernennung. Daneben betätigte sich Proske seelsorglich
als Präses und Prediger der Marianischen Männerkongregation.
Der
Zustand der Kirchenmusik, der in Regensburg damals nicht besser war als
in anderen deutschen Städten, hatte Proske mit Sorge erfüllt. Auf Wunsch
Sailers verfaßte er 1829 und 1830 Denkschriften über Die Verbesserung
der Dom-Kirchenmusik. König Ludwig I. von Bayern wünschte daraufhin, daß
Proske die Reform als Domkapellmeister durchführe. Proske, ein mehr
wissenschaftlicher Menschentyp, lehnte ab und widmete sich dem
Beschaffen kirchlicher Vokalmusik des 16. und 17. Jahrhunderts. 1831
richtete der Kanonikus nach dem Vorbild von A.F. J. Thibauts
Heidelberger „Sinkkränzchen" Singabende ein. Dabei wurden entsprechende
Kompositionen erarbeitet. Dazwischen gab Proske Proben seines gewandten
Klavierspiels.
Zum
Beschaffen altitalienischer Vokalkompositionen unternahm Proske drei
Forschungs- und Studienreisen nach Italien: 1834 bis 1836 nach Rom,
Neapel, Assisi, 1837 nach Bologna, Florenz, Pistoia, 1838 nach Salzburg,
Padua, Venedig. Aus Manuskripten und Drucken gewann er mit der
Zielsetzung, Musik für den Gottesdienst bereitzustellen, eine große Zahl
von Werken und fertigte selbst über 3000 Partituren an. Diese Werke gab
er in sechs umfangreichen Bänden heraus (1853-61). Die Sammlung der
Manuskripte und Drucke ging in den Besitz des Bischöflichen Stuhles
Regensburg über. 1857 konnte Proske erleben, daß die mehrstimmige
Kirchenmusik im Dom fortan als reine Vokalmusik eingerichtet wurde.
Lit.: D. Mettenleiter: C. Proske, Regensburg 1868. -F.X. Haberl: Zum
100. Geburtstag von C.R, Kirchenmus. Jahrbuch 1894. - W. Bäumker:
C. Proske, Allgem. Deutsche Biographie 26, Berlin 1888. - A. Scharnagl:
C. Proske. In: Musik in Geschichte und Gegenwart, Bd. 10, Kassel (u.a.)
1962, und die dort verzeichnete Literatur.
Rudolf Walter
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