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Als Lyriker wie auch als
Dichtungstheoretiker nimmt der nur knapp 29 Jahre alt gewordene, heute
nur noch Kennern der deutschen Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts
geläufige Immanuel Jakob Pyra eine nicht zu übersehende Position
innerhalb der heftigen und folgenreichen Literaturfehde zwischen Leipzig
(Gottsched) und Zürich (Bodmer/Breitinger) sowie im Vorfeld von
Klopstocks Erneuerungsbestrebungen der deutschen Literatur ein. Im
konkreten Einzelfall stoßen jedoch die Recherchen zu Leben und Werk
Pyras immer noch auf dunkle Stellen und vor allem auf viel Ungedrucktes
(im Gleimhaus in Halberstadt). Pyra, Sohn eines preußischen
Amtsadvokaten, dem eine Anwaltsreform seine Stellung raubte, hatte
zeitlebens gegen Mittellosigkeit und Krankheit anzukämpfen. Von seiner
Schulzeit wissen wir nur, daß er im Frühjahr 1730 das Gymnasium in
Bautzen bezog. Am 29. Dezember 1734 immatrikulierte er sich an der
Universität Halle, dem damaligen Zentrum des Pietismus. Vom Sommer 1735
bis Ende 1738 studierte er hier Theologie. Wie Anton Reiser in Karl
Philipp Moritz' gleichnamigem Roman lebte der über keinerlei Mittel
verfügende Student von Zuwendungen anderer. Unterwürfig war er offenbar
trotzdem nicht. Von der Ende 1736 angetretenen Stelle eines
Informatoren am Hallischen Waisenhaus wurde er schon ein Dreivierteljahr
später wieder entfernt.
In Halle machte Pyra zu
Beginn seines Studiums auch die Bekanntschaft des Lyrikers und von
Lessing heftig attakkierten Horaz-Übersetzers Samuel Gotthold Lange
(1711 - 1781). Diese wohl wichtigste menschliche Beziehung Pyras wirkte
nicht nur inspirierend auf sein lyrisches Werk; das Freundespaar Pyra/Lange
ist auch von exemplarischer Bedeutung für das Verständnis des
Freundschaftskultes in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Gelegentlich der Einführung Langes als Prediger in Laublingen (bei
Halle) Anfang 1737 verfaßte Pyra sein Lehrgedicht in reimlosen Versen
Der Tempel der wahren Dichtkunst. Das Pfarrhaus in Laublingen wurde
rasch zum Mittelpunkt eines literarischen Freundeskreises, zu dem Gleim,
Hagedorn und Ewald von Kleist zählten. Der Glanz des Kreises rührte
jedoch vom Freundschaftsbund zwischen Pyra und Lange her. Wiederholt
wohnte Pyra auch bei Lange in Laublingen. Nach Abschluß des Studiums
versuchte er sich mit wenig Glück auf zwei Hofmeisterstellen. Ende 1742
gelangte er an das Cöllnische Gymnasium in Berlin, wo er schnell die
freiwerdende Stelle eines Konrektors bekam. Doch starb er bald
darauf nach kurzer Krankheit.
Das (bislang
veröffentlichte) Werk Pyras ist schmal. Hervorzuheben ist vor allem das
dem Freund Lange gewidmete Kleinepos von 1737 Der Tempel der wahren
Dichtkunst, dessen Eingangsverse Konzeption und Ziel dieses
reimlosen Lehrgedichts offenlegen:
Ihr, die ihr nur allein
den Reim zu loben wißt,
Ihr mögt mein Lied und mich nur immerhin verachten.
Solch Tadeln bringt mir Ruhm, wann sonst nur nichts gebricht.
Ja weicht! ihr solt mich auch nicht hören oder loben.
Du aber hörst mir doch, mein Freund! mein Lange! zu?
Ich weiß es, du entziehst dein Ohr den Hochzeitliedern,
Und gönnst es deinem Freund. So komm, ich will mit dir
Durch jenen schweren Weg zur Dichtkunst Tempel steigen.
(Vers 10-l 6)
Die Beschwerlichkeit des
Weges ins Heiligtum der wahren, religiös verstandenen Poesie beleuchtet
nicht zum wenigsten das Spannungsfeld, das speziell in Halle zwischen
Pietismus und schöner Literatur entstanden war. Pyra, der bei Joachim
Lange (dem Wortführer des Hallischen Pietismus und Vater seines
Freundes) Theologie hörte, verstand sein Epos denn auch als eine Art
ancilla
theologiae.
Vor der Antike als Vorbild wird gewarnt,
desgleichen vor der weltlichen, als falsch deklarierten Poesie, in deren
Gefolge sich Wollust, Ehrsucht und Geiz fänden. Als am Schluß die
heilige Poesie alle Poeten vor ihren Thron ruft, erscheinen unter
anderem Moses, David und Salomo, Luther, Milton, Vida, Sedulius,
Prudentius, Opitz, Fleming, Gerhardt und Gryphius. Alle werden zu
heiligem Gesang aufgerufen. Freund Lange empfängt die Weihe zum Dichter.
Schon das wiederholt im
Tempel der wahren Dichtkunst thematisierte ästhetische Phänomen
der Reimlosigkeit lenkt den Blick auf Ansätze eines neuen Kunstbegriffs,
der in Pyras erster Dichtung keimt. Der solcherart sich abzeichnende
Widerstand gegen die Fesseln der zeitbeherrschenden Regelpoetik der
Gottsched-Schule scheint zwar im Epos selbst nur vereinzelt auf, gewinnt
aber in den folgenden Jahren rasch an Kontur. In seiner aus der Vielzahl
von Publikationen zur Literaturfehde zwischen Leipzig und Zürich
herausragenden Streitschrift von 1743, Erweis, dass die
Gottschedianische Sekte den Geschmack verderbe (1744 erschien eine
Fortsetzung), ergriff Pyra unmißverständlich die Partei Bodmers und
Breitingers. Indem er hier mit Nachdruck Freiraum für die dichterische
Phantasie forderte, setzte Pyra auf ein Poesieverständnis, das im
Verlauf des 18. Jahrhunderts zur Autonomie der Kunst führte. Wie weit
diese Neuansätze reichen, zeigen Thirsis und Dämons freundschaftliche
Lieder, die Bodmer ein Jahr nach Pyras Tod herausgab. In diesem
Wechselgesang des Thirsis (Pyra) mit Dämon (Lange) und Doris (Langes
Gattin) wird anschaulich - und das macht den Stellenwert dieses Textes
innerhalb der deutschen Literatur jener Übergangsjahrzehnte zwischen
1730 und 1750 aus -, in welcher Weise das Zusammenspiel von
Kunsttheorie, dichterischer Praxis und persönlichem Erlebnis allmählich
die Literatur der Empfindsamkeit, der die Zukunft gehören sollte,
entstehen ließ. Nicht unterschätzt werden darf in diesem Zusammenhang
die Bedeutung Alexander Gottlieb Baumgartens, dessen Privatvorlesungen
über Ästhetik und Metaphysik Pyra in Halle besuchte, was ihm prompt
Ärger mit der Theologischen Fakultät eintrug. Letzterer Umstand läßt
auch die Schwierigkeiten erahnen, in die Pyra unweigerlich geraten wäre,
wenn er den eingeschlagenen Weg hätte weitergehen können.
Lit.:
Gustav Waniek: Immanuel
Pyra und sein Einfluß auf die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts.
Mit Benutzung ungedruckter Quellen. Leipzig 1882. - Garsten Zelle
(Hrsg.): Immanuel Pyra: Über das
Erhabene. Mit einer Einleitung und einem Anhang mit Briefen Bodmers,
Langes und Pyras. Frankfurt/Main, Bern, New York, Paris 1991 (=
Trouvaillen. Editionen zur Literatur- und Kulturgeschichte, Bd. 10).
Bild:
Ein Bildnis Pyras ist
bislang nicht bekannt. Die Abbildung stellt das Titelblatt des „Tempels
der wahren Dichtkunst“ dar.
Walter Dimter
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