Dr. päd.
Rudolf Raasch kommt aus Pommern, aus dem Kreis Kolberg, der
„Gneisenau-Stadt“. Dort waren seine Vorfahren seit dem 17.
Jahrhundert als Bauern ansässig. Im Anschluß an die Volksschule
besuchte er die Lehrerbildungsanstalten in Treptow/Rega und in
Gartz/Oder. Geprägt von dem Gedanken der „Nationalerziehung“,
wie ihn Scharnhorst und Gneisenau in der preußischen Reformzeit
nach 1806 vertraten, wurde er – wie
viele seiner Generation – Berufsoffizier. Das Heerespersonalamt wies ihn
der 24. ostpreußischen Panzerdivision zu. Als neunzehnjähriger
Fahnenjunker und Leutnant der Panzertruppe kämpfte er am Schluß
des Zweiten Weltkrieges gegen Russen und Amerikaner, erhielt das
Panzersturm- und das Verwundetenabzeichen.
Nach
kurzer amerikanischer Gefangenschaft traf er seine aus Pommern
vertriebene Familie in Bitterfeld wieder. Im benachbarten Halle
nahm er an einem einjährigen Neulehrer-Ausbildungslehrgang teil
und unterrichtete dann ein Jahr im Schuldienst des Landes
Sachsen-Anhalt. Danach gelang es ihm, zum Studium der Pädagogik,
der Psychologie und Geschichte an der Humboldt-Universität in
Berlin (Ost) zugelassen zu werden. 1953 legte er das
Staatsexamen ab und wurde Wissenschaftlicher Assistent am
Lehrstuhl für Didaktik und Methodik des Geschichtsunterrichts
bei Prof. Dr. Walter Strauß an der neu errichteten Pädagogischen
Fakultät der Humboldt-Universität. Raaschs Dissertation galt dem
Thema „Didaktische und methodische Strömungen im deutschen
Geschichtsunterricht seit 1945“. Seine Doktorväter, die
Professoren Dr. Walter Strauß und Dr. Hartke, kamen übrigens aus
Königsberg. Raasch promovierte 1956 mit dem damals seltenen
Prädikat „mit Auszeichnung“. Nach dem Willen des
Staatssekretariats für Hochschulwesen der DDR sollte Raasch die
Leitung der Abteilung „Geschichtsmethodik“ an der Universität
Rostock übernehmen, Dazu kam es jedoch nicht. Denn zugleich
forderte der „Staatsverlag“ „Volk und Wissen“ seine Dissertation
zur Publikation an, und der Chefideologe der DDR, Kurt Hager
(SED), erhob Einspruch: Er hielt die Arbeit für
„klassenfeindlich“. Gegen Raasch ging die Volkspolizei seines
Wohnorts Rangsdorf vor, belegbar aus Berlin gesteuert. Die
Volkspolizei verfehlte ihn. Seine Frau informierte ihn
telefonisch in der Berliner Fakultät, und so flüchtete er am 2.
April 1957 nach Berlin-West. Der Münsteraner
Geschichtsdidaktiker Demantowsky schrieb 2003 in seinem Werk
„Die Geschichtsmethodik der SBZ und DDR“: Das Verhalten der
Volkspolizei zwang „ihn und seine Familie zu einer plötzlichen
und wirklichen Flucht“ (S. 217).
Nachdem
die Flucht bekannt geworden war, erschien am 9. Mai 1957 Kurt
Hager mit einer Polit-Abordnung in der Pädagogischen Fakultät
der Humboldt-Universität und forderte, die Promotionsarbeit „Mit
Auszeichnung“ auf „Ungenügend“ herabzusetzen. Dies lehnte die
Fakultät unter der Leitung ihres Dekans Prof. Dr. Heinrich
Deiters ab. Daraufhin verlangte Hager eine Zweitbeurteilung der
Dissertation. Sie unterblieb ebenfalls. Demantowsky schreibt:
„Offenbar war Ulbricht selbst auf die Vorgänge in der Fakultät
aufmerksam geworden und hatte kritisiert, daß man in der Sache
nicht vorwärts käme“ (S. 220). Eine mutige Rolle spielte hier
der Dekan Deiters, der Raasch auch mündlich geprüft hatte. Zu
Deiters sei bemerkt, daß später die Publikation seiner Memoiren
vom Verlag Volk und Wissen abgelehnt wurde. Posthum wurde er zum
„Republikflüchtling“, denn seine Memoiren mit dem Titel „Bildung
und Leben. Erinnerungen eines deutschen Pädagogen“ erschienen
1989 in einer Reihe des Deutschen Instituts für Internationale
Pädagogische Forschung beim Böhlau-Verlag in Köln. Demantowsky
betont rückblickend: „Raasch ... stand bei der Fakultätsleitung
in hohem Ansehen“ (S. 215) ... „durch Hager (wurde) Raasch
öffentlich und nachhaltig zu einer Art von revisionistischem
Vorzeige-“Verräter“ (nicht nur der Geschichtsmethodik)
stilisiert“ (S. 221f.) ... „Besondere Schärfe gewann diese
Stilisierung dadurch, daß just im Dezember 1957 „Staatsverrat“
durch eine Novelle des Strafgesetzbuches von der Volkskammer
explizit zum Verbrechen erklärt worden war“ (S. 222).
Kurioserweise bemühte sich die Staatssicherheit der DDR später
um die Rückkehr von Raasch. Hager war noch im Amt, Ulbricht
nicht mehr.
In der
Bundesrepublik wurde Raasch 1957 von Prof. Dr. Georg
Eckert aufgefangen, dem
Direktor des Internationalen Schulbuchinstistuts an der
Pädagogischen Hochschule in Braunschweig. Dort hatte er vor –
seiner Flucht – den westdeutschen Teil seiner Dissertation
erforscht. 1958 ging Raasch als Wissenschaftlicher Mitarbeiter
an das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische
Forschung (DIPF) nach Frankfurt am Main und wirkte dort bis zum
Eintritt in den Ruhestand 1990. Der Gründer und langjährige
Vorsitzende des Vorstands des DIPF, Kultusminister und
Bundesverfassungsrichter a.D. Prof. Dr. Erwin Stein (1903-1992)
sowie die Institutsdirektoren und Leiter der Abteilung
Allgemeine und Vergleichende Pädagogik, Prof. Dr. Walter
Schultze (1903-1984) und Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Mitter
sicherten Raaschs Forschungsfreiheit. In den 1960er Jahren war
Raasch zeitweilig Mitglied des Forschungskollegiums, der
Institutsleitung. Im DIPF entwickelte er seine pädagogische
Konzeption. Sie ist vornehmlich anthropologisch-psychologisch
bestimmt durch Sinnstrebungen des Menschen. Diese sind nicht nur
gerichtet auf Daseinserhaltung und Daseinssicherung, auf
Nützlichkeit, Macht und Geltung. Der bekannte Psychologe Prof.
Dr. Philipp Lersch betonte: „Vielmehr wird der Mensch in den
Sinnstrebungen recht eigentlich gerufen“ (in: Aufbau der Person,
München 1956). Raaschs Konzeption ist eng mit dem Deutschen
Idealismus verbunden. Politisch war seine Pädagogik auf die
Überwindung der deutschen Teilung, auf die deutsche
Wiedervereinigung gerichtet. Das Politische in seiner Pädagogik
korrespondiert mit dem Anthropologisch-Psychologischen insofern,
als Patriotismus und Nationalbewußtsein zu den Sinnstrebungen
zählen. Darum trat er für eine Erziehung zum Patriotismus und
zum Nationalbewußtsein ein. So ist es kein Zufall, daß seine
erste empirische Studie nach der Flucht diesem Thema gewidmet
ist. Rund 6.000 Schüler höherer Schulen in Hessen und
Niedersachsen wurden in die Untersuchung einbezogen. Im Vorwort
des 1964 beim Luchterhand-Verlag veröffentlichten Werkes
„Zeitgeschichte und Nationalbewußtsein“ heißt es: „Unsere
Untersuchungsergebnisse sind aufregend. Sie machen die moralisch
angelegte ,Bewältigung der Vergangenheit‘ ebenso fragwürdig wie
eine einseitige weltbürgerliche Erziehung. Es ist, als
orientiere sich die westdeutsche Erziehung im Hinblick auf eine
,Welt von morgen‘ ohne den historischen Zusammenhang hinreichend
zu wahren ... Was auch in den meisten Schülern der
Bundesrepublik lebt, ist die Liebe zu ihrem nationalen
Gruppenverband, der Wunsch, stolz auf seine geschichtlichen
Leistungen sein zu können. Diese Liebe scheint jedoch bei uns
nicht gesellschaftsfähig zu sein. Hier liegt das Problem.“
Raaschs Arbeit machte deutlich, daß die Reduktion der deutschen
Geschichte auf Vergangenheitsbewältigung zu einem schiefen
Geschichtsbild führen muß und eine Identifikation der Schüler
mit Deutschland und seiner Geschichte verhindert. Wahrlich ein
bis heute aktuelles Thema!
Die
Untersuchungsergebnisse waren in der Tat „aufregend“ und führten
zu einer öffentlichen Diskussion über Vergangenheitsbewältigung
und Nationalbewußtsein. Die großen Parteien begrüßten das Buch,
Carlo Schmid (SPD) und Eugen Gerstenmaier (CDU) äußerten sich
positiv zum Nationalbewußtsein. Zeitungen wie die Frankfurter
Allgemeine, die Frankfurter Rundschau, Welt und Welt am Sonntag,
der Spiegel, die Illustrierte „Kristall“, die Deutsche
Universitätszeitung brachten Besprechungen, auch die meisten
Sender. Entschiedener Widerstand gruppierte sich um das
Frankfurter Institut für Sozialforschung und das dortige
Studienbüro für politische Bildung: Theodor W. Adorno und
Friedrich Minssen befürchteten eine „Renationalisierung“ und
setzten Gegenstudien in Gang. Wohl von ihnen inspiriert, sendete
der Westdeutsche Rundfunk eine Kampfansage. Als Autor firmierte
Heinz Keetmann, der seinen Bericht wie folgt schloß: „Herr
Raasch nennt sich Forscher. Aber er ist nicht neugierig. Er
weiß, was er will. Er will ein Süppchen kochen, für das man
schon einen Namen wüßte. Die Kultusminister sollten aufpassen,
daß ihre Lehrer und Schüler nicht vergiftet werden.“
(Sendemanuskript „Einfälle und Ausfälle“ vom 7. Dezember 1964).
Eine Nachfrage beim WDR ergab, daß ein Autor namens Heinz
Keetmann nicht existierte und als Pseudonym juristisch nicht zu
belangen war.
1968
veröffentlichte Raasch Untersuchungsergebnisse zur
philosophischen Bildung höherer Schüler unter dem Titel
„Schulphilosophie und Weltanschauung“ beim Beltz-Verlag.
Demantowsky bewertete die beiden großen Arbeiten Raaschs 2003
wie folgt: „In den sechziger Jahren leistete Raasch durch zwei
anspruchsvolle Monographien wichtige Beiträge zum
erziehungswissenschaftlichen Diskurs in der Bundesrepublik“ (S.
217).
Es
folgte Anfang der siebziger Jahre eine Untersuchung zum
Religionsunterricht. Auftraggeber war die Evangelische Kirche in
Hessen und Nassau. Hier wurden die damals gängigen
religionspädagogischen Konzepte auf ihre Relevanz getestet. Mit
rund 30.000 Schülern allgemein- und berufsbildender Schulen war
dies die bis dahin größte empirische Studie zu einem
Unterrichtsfach überhaupt in der Bundesrepublik. Die Zeitschrift
„Der evangelische Erzieher“ urteilte wie folgt: „Das eigentlich
Überraschende an dieser Untersuchung ist die positive Bewertung
von Christentum und Kirche auf allen Schul- und Altersstufen“
(Jg. 1979 ,H. 1, S. 8). Auch der Apostolische Nuntius in
Deutschland forderte Berichtsexemplare an.
Ein
weiteres Arbeitsfeld war die Deutsche Jugendbewegung. 1991
erschien der Band „Deutsche Jugendbewegung von 1900 bis 1933 und
westdeutsche Schuljugend um 1980“, eine historische und
vergleichend empirische Studie, im Böhlau-Verlag. Westdeutsche
Schüler wurden konfrontiert mit bündischen Lebensformen sowie
patriotischen, christlichen, sozialistischen und
weltbürgerlichen Jugendbünden und ihren Zielsetzungen.
Am Ende
seiner Berufszeit wandte sich Raasch noch einmal der deutschen
Frage zu. Er untersuchte Schulgeschichtsbücher des Gymnasiums,
der Realschule und der Hauptschule. Aus der Arbeit „Die Republik
von Weimar in Schulgeschichtsbüchern“ (1989) geht hervor, daß
das Bild der Weimarer Republik der meisten deutschen
Schulgeschichtsbücher geschichtswissenschaftlich nicht bestehen
kann.
Seinen
Alterssitz nahm Rudolf Raasch in Mainfranken. Er lebt in
Stadtprozelten auf den Höhen des Spessarts, in Nachbarschaft zur
Henneburg, einst eine Veste des Deutschen Ordens, der sich um
die Christianisierung Preußens verdient gemacht hat. Raaschs
Leben spiegelt ein typisches Generationen-Schicksal im Schatten
des Zweiten Weltkrieges und der Teilung Deutschlands. Seine
empirischen pädagogischen Forschungen gründen sich auf einen
schon in seiner pommerschen Heimat ausgeprägten starken
patriotischen Impuls.
Werke:
Neben zahlreichen Aufsätzen erschienen folgende Bücher:
Zeitgeschichte und Nationalbewußtsein. Forschungsergebnisse zu
Fragen der politischen und der allgemeinen Erziehung. Ein
Forschungsbericht aus dem Deutschen Institut für Internationale
Pädagogische Forschung, Berlin u. a. 1964. – Schulphilosophie
und Weltanschauung. Ein empirischer Beitrag zu Fragen der
Philosophischen und allgemeinen Bildung, Weinheim 1968. – Jugend
zur Sache mit Gott. Franfurt/M. 1975. – Deutsche Jugendbewegung
1900-1933 und westdeutsche Schuljugend um 1980, Frankfurt/M.
1984 und Köln 1991. – Die Republik von Weimar in
Schulgeschichtsbüchern. Frankfurt/M. 1989.
Lit.:
Clemens Albrecht, Im Schatten des Nationalismus. Die politische
Pädagogik der Frankfurter Schule, in: Clemens Albrecht u. a.,
Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine
Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Frankfurt/M. 1999 und
2000. – Christoph Führ, Fünfzig Jahre Deutsches Institut für
Internationale Pädagogische Forschung, in: Lutz Eckensberger u.
a., Erinnerungen – Perspektiven. 50 Jahre DIPF, Frankfurt/M.
2002. – Marko Demantowsky, Die Geschichtsmethodik in der SBZ und
DDR. Ihre konzeptuelle, institutionelle und personelle
Konstituierung als akademische Disziplin 1945-1970, Idstein
2003.
Bild:
Privatarchiv des Autors.
Christoph Führ