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Im Abgangszeugnis des Leipziger Konservatoriums wurde Carl von Radecki
bescheinigt, daß er „beziehentlich der Reife seiner theoretischen und
musikalischen Kenntnisse, sowie wegen seiner vielseitigen musikalischen
Ausbildung überhaupt zu den vorzüglichen Schülern des Conservatoriums
der Musik“ gehöre. Diesem Zeugnis, das den Grund zu einem erfolgreichen
Wirken hätte legen können, folgte keine Erfüllung der Hoffnungen, die es
weckte. Sein Leben, über das sich immer der Schatten der Krankheit
legte, ging überraschend zu Ende, als das kompositorische Schaffen zu
reifen begann und sich neue Möglichkeiten des Wirkens in Meran
eröffneten. Seine Lebenskraft entsprach nicht seinen vielseitigen
Möglichkeiten, als Komponist, ausübender Künstler, Bearbeiter, Pädagoge,
Kritiker und im musikorganisatorischen Bereich.
Carl Friedrich Johannes von Radecki, Sohn eines Gutsbesitzers, wurde am
8. März 1842 auf dem väterlichen Gut Wohlershof in Livland geboren, wo
er auch seine Kindheit verbrachte. Früh zeigte sich musikalische
Begabung. Die Mutter Johanna (geborene Vogel) wurde ihm zur ersten
Lehrerin wie auch der ebenfalls musikalisch begabten einzigen, früh
verstorbenen Schwester. Bereits während seiner Gymnasialzeit in Riga, wo
er Schüler von Löbmann, Grosser und Herrmann war, wirkte er wiederholt
bei Konzerten mit. 1861 trat er mit einem Konzert in der Johannisgilde,
in welchem er auch eigene Kompositionen vorstellte, vor das Rigaer
Publikum. Nach dem Tod des Vaters übersiedelten Mutter und Sohn nach
Leipzig. Von 1861 bis 1864 studierte er am Leipziger Konservatorium.
Seine Lehrer waren Reinecke, Hauptmann und David. Durch seine
gesundheitlichen Schwierigkeiten sah er sich gezwungen, die musikalische
Laufbahn aufzugeben. Bis 1866 widmete er sich bei Arnstadt einer
landwirtschaftlichen Tätigkeit. Er ging dann wieder nach Leipzig zurück,
wo er als Musiklehrer – besonders gefragt war sein
Kompositionsunterricht – und als Stellvertreter Reineckes in der
Redaktion musikalischer Zeitschriften sowie als Präsident des
„Zweigvereins des Allgemeinen deutschen Musikerverbandes“ tätig war.
Sein Nerven- und Lungenleiden nötigte ihn aber schließlich, die mit
„aufregenden, journalistischen Kämpfen verbundene“ Leipziger Stellung,
wie es in einem Nachruf heißt, aufzugeben.
1869 folgte Radecki einem Ruf als Leiter der Städtischen Musikkapelle
nach Landau, jedoch wurde die Kapelle durch den Ausbruch des
Deutsch-französischen Krieges im Jahre 1870, von welchem Landau als
Festungsstadt besonders betroffen war, aufgelöst. Daraufhin wurde ihm
die Direktion der neuen Musikschule in Karlsruhe übertragen, auch
unterrichtete er am Karlsruher Hof. Aus gesundheitlichen Gründen mußte
er auch diese Position bald wieder aufgeben. 1875 siedelte er nach Davos
über, wo er dann als Musiklehrer tätig wurde. 1883 heiratete er in
Zürich die ungarische Pianistin Irma Steinacker, welche ihm auch eine
zuverlässige Begleiterin im Konzertsaal war. Häufiger ist er als Cellist
aufgetreten, auch mit eigenen Werken sowie mit seinen Transkriptionen
für Violoncello und Klavier nach Beethovenscher Klaviermusik, welche er
auch veröffentlichte. Carl von Radecki starb völlig unerwartet in der
Nacht vom 11. auf den 12. September 1885 in Davos, wo er unter großer
Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt wurde. In einem Nachruf war zu
lesen: „Haben wir doch mit ihm einen der wenigen Vertreter des Idealen
in unserem Ort verloren.“ Radeckis nicht sehr umfangreiches
kompositorisches Schaffen, dessen unveröffentlichter Teil verschollen
ist, zeigt den Autor als einen Vertreter der „norddeutschen Richtung“.
Es galt zu einem großen Teil seinem Instrument, dem Violoncello.
Besondere Beachtung verdient das Geistliche Konzert für
Violoncello und Orgel, das er einem berühmten Cellisten, seinem
Leipziger Lehrer, Friedrieh Grützmacher widmete und das in Dresden bei
Hoffarth erschien. Seiner baltischen Heimat gedenkend, entstand ein
Chor-pwerk, die Kantate auf den Johannistag. Auch
Unterrichtswerke wie die Gesang-Übungen für Schule und Haus
(Breitkopf) sind zu
nennen.
Werke:
„Kleine Liebesgeschichten“ op. 2 f. Vc. u. Pfte. (André, – „Geistliches
Konzert“ f. Org. u. Vc. op. 3 (Hoffarth). – „Vier Klavierstücke“ op. 19
(Merseburger). – „Suite sérieuse“ f. Vc. u. Pfte. (Merseburger). –
Sonate f. Pfte. u. Vc. op. 22 (Hug) – „Serenade“ f. Vc. u. Pfte., Ms. (UA
1883 Chur m. d. Kompon.). – „Kantate auf den Johannistag“ f. Chor
(Musik- Woche).
Lit.:
Rigaer Theater- und Tonkünstlerlexikon, hrsg. Moritz Rudolph, S. 191,
Repr. Hann.-Döhren 1975. – Historisch-biographischs Musikerlexikon der
Schweiz v. Edgar Refardt, 1928, Gebr. Hug & Co Leipzig-Zürich, S. 250. –
Helmut Scheunchen: Die Musikgeschichte der Deutschen in den baltischen
Landen, in: Musikgeschichte Pommerns, Westpreußens, Ostpreußens und der
baltischen Lande (W. Schwarz, F. Kessler, H. Scheunchen), S. 161, Dülmen
1990. – Mitt. v. Waldemar v. Radetzky/ Frangenberg, 1988. – Nachruf in:
ZfM. S. 426. – Div. Artikel Davoser Zeitungen, z. Vfg. gest. v. der
Dokumentationsbibliothek Davos durch Marguerite Siegrist.
Helmut Scheunchen
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