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Sigismund (Arnold Ottokar) v. Radecki (Ps. Homunculus) wurde als Sohn
des Rechtsanwaltes Ottokar v. Radecki und seiner Frau Alma, geb.
Tideböhl, geboren. In seine Familie gehört auch der Mitauer
Hofbuchdrucker Georg Radetzky (+ 1726), der wegen seines lutherischen
Bekenntnisses aus Polen nach Kurland gegangen war. Seit 1896 lebte die
Familie in Petersburg, wo Radecki die St. Annen-Mittelschule besuchte
und das Russische erlernte. Danach studierte er Bergbauwissenschaften in
Dorpat und Freiberg/Sachsen, machte seine Praktika im Ruhrgebiet und
Aachener Steinkohlenrevier. 1913 schloß er sein Studium als Dipl.-Ing.
ab. Noch als Student hatte er Reisen nach Frankreich, Skandinavien und
Italien gemacht. 1914 wurde er Bewässerungsingenieur in Turkestan. Die
Russen lehnten ihn im Ersten Weltkrieg als Freiwilligen ab. Seit 1917
lebte er in Deutschland, 1919 meldete er sich als Freiwilliger zur
Baltischen Landwehr. Nach dem Krieg arbeitete er bis 1923 als
Elektroingenieur bei Siemens-Schuckert in Berlin, wo er sich in seinem
Büro eine kleine Jazzband einrichtete. Regelmäßig besuchte er das
Romanische Cafe und lernte Else Lasker-Schüler kennen, die ein Gedicht
auf ihn machte. Von 1924-26 lebte er in Wien, wo er fast täglich mit
Karl Kraus zusammen war. Nach einer Parisreise kehrte er 1926 nach
Berlin zurück. Hier arbeitete er nun drei Jahre als Schauspieler, u.a.
bei Bert Brecht und Berthold Viertel; 1931-32 trat er in kleineren
Rollen in Nestroy-, Offenbach- und Shakespearebearbeitungen von Karl
Kraus auf. Unter dem Eindruck der Schriften von John Henry Newman
konvertierte er 1931 zum Katholizismus. 1940-42 hatte er enge Verbindung
mit Theodor Haecker in München; hier lernte er im Hause von Carl Muth
auch die Geschwister Scholl kennen. Gegen Ende des Krieges arbeitete er
als Forstaufseher auf Schloß Mellenthin (Usedom). 1946 zog er nach
Zürich, gegen Ende seines Lebens nach Gladbeck/Westfalen, wo er am 13.
März 1970 im Alter von 79 Jahren starb.
Radecki begann seine literarische Laufbahn mit Übersetzungen aus dem
Russischen. Sein eigenes Werk steht anfangs ganz unter dem Einfluß des
tief verehrten Karl Kraus, dessen Schriften er „fast auswendig wußte“.
Radeckis Glosse Der überzeitliche Sinn der Satire (Dt. Allg. Ztg.
vom 17.4.1929) könnte aus der Feder von Kraus stammen. Zeit seines
Lebens hat Radecki seinen Lehrer aufrichtig verehrt, es fehlt seiner
mehr gelassenen und heiteren Erscheinung aber das Aggressive und
Monomanische seines Vorbildes, obwohl Radecki in Auseinandersetzungen
mit der Presse scharf und hart werden konnte. Die Liebe zur deutschen
Sprache, waches Sprachbewußtsein, ein klarer Blick für Menschen und
Dinge, psychologisches Gespür, Witz, Originalität und Belesenheit
zeichnen seine Kunst aus; ein englischer Sinn für schwarzen Humor ist
ihm eigen. Im Jahre 1929 debütierte er mit einem Buch, das einige
ausgezeichnet erzählte Kurzgeschichten enthält. Seine Begabung für die
Pointe machte ihn zu einem Meister der Anekdote, und mit Recht ist sein
ABC des Lachens eines seiner populärsten Bücher geworden. Die
Radecki gemäße Ausdrucksform war der Essay, zu dessen Meistern er zählt.
Nie gleitet seine Essayistik ins Triviale ab; ein Essay über Mensch und
Mode etwa wird unter einer Hand zu einer originellen Kulturgeschichte
der Antike und Europas. Im Wort, in der Sprache drückt der Mensch sein
Wesen aus; sie ist heilig, da Christus der fleischgewordene logos ist.
Die Pflege der Sprache ist daher des Menschen höchste Pflicht. Die
Presse ist dagegen jene Institution, die die Sprache und dadurch den
Menschen korrumpiert. Radeckis Denken ist stark von philosophischen und
religiösen Fragen bestimmt; das zeigt die als Gewissensentscheidung
vollzogene Konversion, auch die Übersetzungen englischsprachiger
Autoren, die sich ausdrücklich als Katholiken verstehen, gehören
hierher. Zeit seines Lebens ist Radecki aber ein unabhängiger Geist
geblieben. Den Nationalsozialismus hat er aus seiner katholischen und
humanistischen Haltung heraus von Anfang an abgelehnt. Zu seiner
lutherischen Herkunft hat er sich stets bekannt, und nie ist er zum
blinden Apologeten der katholischen Kirche geworden. Luthers Tat hat
Radecki als die Selbstbestimmung des Menschen in absoluter Freiheit
verstanden, sie wurde zum entscheidenden Ereignis der europäischen
Geschichte. Als Geschöpf Gottes ist der Mensch aber letztlich kein
autonomes Wesen; Symbol der wahren Freiheit in der Abhängigkeit ist die
katholische Kirche. Versucht man, Radecki einer geistigen Bewegung
zuzuordnen, so dürfte es am ehesten die des renouveau catholique
sein.
Vielfach hat Radecki literarische Themen behandelt; seine Essays zur
Romantik, zur Kunst des Übersetzens, zu Hexameter und Reim, zu Schlager
und Kriminalroman, zum Lesen und zu Lieblingsbüchern, zu Nietzsche,
Kraus, Brecht, Lasker-Schüler, Belloc, Wilde, Kierkegaard, Haecker,
Cervantes und anderen sind kenntnisreiche und durchdachte Studien. Wie
viele Deutschbalten hat Radecki sich um die Vermittlung der bewunderten
russischen Literatur bemüht. Die Namen russischer Dichter tauchen in
seinem Werk immer wieder auf, seine Übersetzungen sind mit vollem Recht
als meisterhaft gerühmt worden. Für sein Werk wurde Radecki mehrfach
ausgezeichnet: Ehrengabe der Stadt Zürich (1953), Literaturpreis der
Bayerischen Akademie der schönen Künste (1957),
Willibald-Pirckheimer-Medaille (1960), Immermann-Preis der Stadt
Düsseldorf (1962), Ostdeutscher Literaturpreis (1964), Literaturpreis
des Kantons Zürich (1966).
Werke
(Auswahl): Der eiserne Schraubendampfer Hurricane, 1929 (neu 1955);
Nebenbei bemerkt, 1936 u.ö.; Die Rose und der Ziegelstein, 1938 (neu
u.d.T. Das ABC des Lachens 1953 u.ö.); Alles Mögliche, 1939; Die Welt in
der Tasche, 1939 u.ö.; Wort und Wunder, 1940 u.ö.; Wie kommt das zu
dem?, 1942; Das müssen Sie lesen!, 1943 (?); Der runde Tag, 1947; Über
die Freiheit, 1950; Was ich sagen wollte, 1952; Wie ich glaube, 1953;
Wird eingefahren!, 1954; Gesichtspunkte, 1954; Rede über die Presse,
1956; Weisheit für Anfänger, 1956; Das Schwarze sind die Buchstaben,
1957; Reise, Sterne und Propheten, 1959; Im Vorübergehen, 1959; Ein
Zimmer mit Aussicht, 1961; Gesichtspunkte, 1964; Im Gegenteil, 1966. –
Zwei dte. Auswahlbde. hg. v. R. Weilandt-Matthaeus 1980, 1981; Abeceda
smichu, Prag 1989. – Hrsg.: D. Spitzer (1946), L. Speidel (1947), C.
Schurz (1948), Eva v. Radecki (1959). – Übs.: F. Dostojewski], N. Gogol,
S. Jesenin, A. Koni, N. Leskow, A. Puschkin, A. Suchovo-kiobylin, L.
Tolstoj, A. Tschechow; Der Glockenturm. russ.
Verse u. Prosa, 1940, 21953. – M. Beerbohm, H. Belloc, W. Cather, C. St.
Lewis, O. Henry. - Fr. Villon.
Bibliographie:
Nachrichten aus dem Kösel-Verlag, F. 24 (1966), 12-15.
Lit.:
eine krit. Darstellung fehlt, biografische Angaben verstreut in den
Essays. – Kürschners Lit.kal. 1932 ff.; – Monika Miehlnickel, Feuillet.
Spr. u. Haltung bei F. Sieburg u. S.v.R., Diss. Bln. 1962; – Franz
Lennartz, Dt. Dichter u. Schriftst. uns. Zt., 101969; – Dt. balt.
biograf. Lex. 1970; Lex. dt. spr. Schriftst. II, 1974; – Ostdt. Lesebuch
II, 1984; – Inge Jens (Hg.), Hans Scholl, Sophie Scholl, 1984; Kosch,
Dt. Lit.-Lex.3, XII, 1990.
Bild:
Ruth Weilandt-Matthaeus.
Ludger Udolph
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