Der Name
Karl Gustav
Reich
markiert
einen
Höhepunkt in
der
Literaturgeschichte
der
siebenbürgisch-sächsischen
Volksgruppe,
der knapp
900 Jahre
alten
Minderheit
im
Karpatenbogen,
die aus dem
Rhein-Maas-Moselraum
zugewandert
war. Schon
die
Tatsache,
daß Reich in
der
siebenbürgisch-sächsischen
Mundart
schreibt,
eine der
letzelburgischen-luxemburgischen
erstaunlich
ähnliche
Mundart, hat
in der
deutschsprachigen
Literatur
von heute
Seltenheitswert.
Dabei war
und ist die
siebenbürgisch-sächsische
Mundart eine
lebendige
Volkssprache
auf der
Grundlage
eines
moselfränkischen
Dialektes.
Bis Anfang
des 19.
Jahrhunderts
wurde in ihr
gepredigt,
in der
Schule
unterrichtet
und
selbstverständlich
in ihr auch
publiziert
und
gedichtet.
Als eine
frühe
Lichtgestalt
der
siebenbürgisch-sächsischen
Mundartliteratur
erscheint
der schon im
Alter von 31
Jahren
verstorbene
Viktor
Kästner
(1826-1857).
Kästner und
sein Werk
waren für
Karl Gustav
Reich nicht
zuletzt
deshalb eine
besondere
Verpflichtung,
da er als
Pfarrerssohn
seine
Kindheit in
demselben
Pfarrhaus in
Kerz bei
Hermannstadt
verbrachte
wie später
Reich,
dessen Vater
ebenfalls
Pfarrer war.
So wuchs der
junge Karl
Gustav im
Mittelpunkt
des
sächsischen
Volkslebens,
dem
evangelischen
Pfarrhaus,
auf.
Denkwürdig
war die im
Kerzer
Pfarrhaus
erhaltene
Inschrift
aus einem
Gedicht
Kästners: "Wä
ich sil net
sachsesch
rieden? /
sachsesch
dinken,
sachsesch
bieden."
(Wie sollt
ich denn
nicht
sächsisch
reden, /
sächsisch
denken,
sächsisch
beten!)
Später
sollte Karl
Gustav Reich
in seinem
zweiten
Gedichtband
Sachsesch
Spaß vu
Broos bäs
Draas
(Sächsischer
Spaß von
Broos bis
Draas),
erschienen
bei Delp in
München
1982, im
Eingangsgedicht
"Mottersproch"
(Muttersprache)
dieses Credo
Kästners
bekräftigen.
"Mer wat as
Härzen uch
bewiecht /
mer wat as
Dinken uch
erriecht /
mer wat mir
säken uch
erstriewen,
/ mir
kennen't
sachsesch
nor erliewen."
(Was immer
unser Herz
auch bewegt,
/ was immer
unser Denken
auch
erreicht, /
was immer
wir auch
suchen und
erstreben, /
wir können's
sächsisch
nur
erleben.)
Reichs
Vater, Karl
Reich, hatte
selbst
sächsische
Lieder und
Szenenfolgen
für die
Dorfbühnen
geschrieben.
Zudem war er
mit den
bekannten
siebenbürgisch-sächsischen
Mundartdichtern
Otto
Piringer
(1874-1950),
dem
langjährigen
Stadtpfarrer
von Broos/Orastie,
und Ernst
Thullner
(1862-1918),
dem Pfarrer
aus Großpold/Apoldul
de sus,
sowie mit
dem
Mediascher
Gymnasialprofessor
Schuster
Dutz
(1885-1968)
befreundet
gewesen, der
in seiner
Mundartprosa
auch
durchaus
sozialkritische
Töne
anschlug,
wie
beispielsweise
in Das
Kulturpfeifen.
Neben die
reichen
Anregungen
des
Elternhauses
traten
diejenigen,
die er nach
gutem alten
siebenbürgisch-sächsischem
Brauch in
der weiten
Welt
empfing.
Reich
studierte in
Tübingen,
Berlin,
Perugia und
Bukarest
Theologie,
Germanistik,
Romanistik
und
Pädagogik.
Danach
kehrte er
heim nach
Siebenbürgen,
wo er nun am
evangelischen
Landesseminar
in
Hermannstadt/Sibiu,
an der
deutschen
pädagogischen
Schule und
Bergschule
in Schäßburg/Sighisoara,
der
Bruckenthalschule,
dem Gheorge
Lazar Lyzeum
und dem
Musiklyzeum
in
Hermannstadt
jahrelang an
der
Ausbildung
der
siebenbürgisch-sächsischen
Jugend
wirkte.
Seine in
dieser Zeit
in Mundart
verfaßten
Lustspiele,
die
bestimmte
Typen und
Verhaltensweisen
seiner
Landsleute
humorvoll-erzieherisch
aufs Korn
nahmen,
eignen sich
hervorragend
für Schul-
und
Dorfbühnen.
Damit setzte
Reich eine
uralte
Tradition
der
Siebenbürgen-Sachsen
fort, die
als eine der
ersten
europäischen
Gemeinschaften
im Zuge der
Reformation
und ihrer
Volkskirche,
die auch das
Schulwesen
übernahm,
den Besuch
der
Volksschule
für alle zur
Pflicht
machten.
Wieso Karl
Gustav Reich
als ein
Akademiker
mit
europäischem
Horizont
sich nun
ausschließlich
der
Mundartdichtung
verschreiben
konnte,
scheint nur
auf den
ersten Blick
rätselhaft.
Gerade in
der Fremde
hatte sich
ihm der Sinn
für die
heimatliche
Welt
geschärft;
dort war ihm
bewußt
geworden,
wie eng
seine
Gefühlsbindungen
zu ihr
waren.
Derart
verankert,
konnte sich
das Herz des
auch
sprachlich-familiär
beheimateten
Mundartdichters
weiten und
alle
Eigenheiten,
alle typisch
sächsischen
Besonderheiten
- mitunter
regelrechte
Seltsamkeiten
- dieser so
eng
miteinander
verkehrenden
Welt
wahrnehmen
und in einem
wohlwollenden
Humor - im
ursprünglichen
Sinn des
lateinischen
Herkunftswortes
als richtige
Mischung der
Säfte - zu
Liedern,
Gedichten,
Theaterstücken
verdichten.
Direkt aus
dem
Volksleben,
mit seiner
Umgangssprache,
der Mundart,
kommend, und
wiederum
direkt ins
Dorf- und
Gemeindegeschehen
zurückgehend,
als
gesungenes
Lied,
vorgetragenes
Gedicht, und
aufgeführtes
Dorftheaterstück,
leben die
Mundartdichtungen
Karl Gustav
Reichs von
ihrem
Kontakt zum
Publikum,
kamen sie
erst ganz
zur Geltung,
wenn Reich
als
Rezitator
seiner
eigenen
Werke
auftrat.
Sein erstes
und bis
heute bestes
Buch, der
Gedichtband
Kut, mer
lachen int!
(Kommt, laßt
uns eins
lachen!),
der im Jahre
1976 im
Bukarester
Kriterion-Verlag
in einer
Auflage von
7.200
Exemplaren
herauskam
(von
Lyrikbänden
werden in
Deutschland
in der Regel
höchstens
1.000
Exemplare
gedruckt),
war im
Rumänien
innerhalb
weniger
Monate
restlos
vergriffen.
Die ihm
eigene
souveräne
Behandlung
der
menschlichen
Sorgen und
Gebrechen in
einer
festgefügten
Gemeinschaft
und der Ton
eines
zuweilen
deftigen
bäuerlichen
Mutterwitzes,
in dem sie
sich
darbieten,
sprachen
alle an. Für
die mitunter
schonungslose
Direktheit
im
vertrauten
Umgang der
Dorfgemeinschaft
ist das
Gedicht "Schinend"
(Schonend)
ein
Beispiel, in
dem ein
dorfbekannter
Saufbruder
im Suff
hinfällt und
sich das
Genick
bricht.
Verzweifelt
versuchen
seine
Saufkumpane
es der Frau
des
Verunglückten
so schonend
wie nur
möglich
mitzuteilen.
Er liege
unten im
Graben,
meint einer
kleinlaut,
worauf die
Frau wütend
loszetert,
sie wünsche
sich bloß
noch eines,
daß ihn
eines Tages
der Teufel
hole. Darauf
versichert
ihr der Oinz
(Heinz): "Hir,
Noberän - e
huet en
schin!"
(Hören Sie,
Frau
Nachbarin -
er hat ihn
schon)
Wenn Karl
Gustav Reich
im Alter
nichts vom
bitteren
Schicksal
der
Siebenbürger-Sachsen
erspart
blieb - 1981
übersiedelte
er zu seinen
Kindern in
die
Bundesrepublik
-, wenn
heute in
Siebenbürgen
die Zahl
seiner
Landsleute
auf ein
Zehntel
geschrumpft
ist und sie
buchstäblich
um ihr
kulturelles
Überleben
kämpfen
müssen, so
dürfte es
ihn doch
trösten, daß
sie in ihrer
Mundart
weiterhin
eine
Hauptstütze
finden. Auf
ihren
Kulturveranstaltungen,
sowohl in
der alten
Heimat wie
in der neuen
"Urheimat"
an Rhein und
Mosel,
tragen sie,
wie immer
schon,
regelmäßig
seine
Mundartgedichte
vor. Und so
wird es
bleiben,
solange
diese
melodische,
wunderbar
aussagestarke
Mundart - wo
immer auch
in der Welt
- gesprochen
wird.
Ingmar
Brantsch