Karl Renner
wurde im
deutschen
Sprachgebiet
Südmährens,
unmittelbar
an der
Grenze zum
tschechischen
Sprachgebiet
geboren. Er
teilte die
Herkunft aus
dem
„Sudetenland“
mit Männern
wie Theodor
Innitzer,
der 1929/30
Minister für
soziale
Angelegenheiten
und 1932
Erzbischof
von Wien
wurde, oder
Adolf
Schärf,
seinem
übernächsten
Nachfolger
im Amt des
Bundespräsidenten.
Gemeinsam
war ihnen,
so
unterschiedlich
ihr
politisches
Profil auch
war, die
tiefe
nationale
und geistige
Verwurzelung
in der
deutschen
Kultur und
Nation über
die Brüche
der
Geschichte
Österreichs
von 1918,
1934, 1938
und 1945
hinweg.
Renner hat
wie kaum ein
anderer den
Wandel der
politisch-sozialen
Verfassung
des Landes
als
Theoretiker
der
österreichischen
Sozialdemokratie,
des
sogenannten
Austromarxismus,
reflektiert
und
politisch
mitgestaltet.
Renner war
zeitlebens
von einer
unbändigen
Arbeitskraft
erfüllt. Er
wuchs als
18. Kind in
einer
verarmten
kleinbäuerlichen
Familie auf.
Das
Gymnasium
besuchte er
in dem
seinem
Heimatort
benachbarten
Nikolsburg,
die Matura
bestand er
mit
Auszeichnung.
Nach dem
Einjährig-Freiwilligen-Jahr
in der k.u.k.
Armee in
Wien bezog
er 1890 die
Universität,
um die
Rechte zu
studieren.
Bei Franz
Brentano
hörte er
Praktische
Philosophie,
bei Alfons
Huber
österreichische
Geschichte,
bei Heinrich
Lammasch
Völkerrecht.
Seine
mittellose
Existenz
dürfte sein
Interesse an
der sozialen
Bewegung und
am
Sozialismus
geweckt
haben, den
er
undoktrinär
für die
Praxis
nutzbar
machen
wollte. Noch
vor den
Staatsprüfungen
und
Rigorosen
erhielt er
1895 eine
Anstellung
als
Aushilfskraft
an der
Bibliothek
des
österreichischen
Reichsrats.
Das Amt
befreite ihn
von der
materiellen
Not. Nun
entstanden
zahlreiche
Abhandlungen
(die er als
Parlamentsbeamter
nur unter
Pseudonym
veröffentlichen
durfte) zur
Rechtssoziologie
und zur
Verfassungsreform
des
Vielvölkerstaates.
Um die
Nationalitätenkonflikte
zu
entschärfen,
plädierte
Renner für
die
nationale
Autonomie
der Völker
der
Monarchie
sowie für
das
allgemeine,
gleiche
Wahlrecht
und das
Verhältniswahlrecht.
Josef
Stalin, der
1913 in Wien
lebte,
verfaßte auf
Anregung
Lenins hin
eine
Gegenschrift
dazu (Marxismus
und
nationale
Frage).
Seit 1905
war Renner
in der
Genossenschaftsbewegung
tätig, die
ihn in die
Parteipolitik
führte. Er
gehörte
(seit 1907)
zu den
ersten
sozialdemokratischen
Abgeordneten
im
Reichsrat.
Bis in den
Weltkrieg
hinein
versprach er
sich von
einer
verfassungsrechtlichen
Umgestaltung
der
Monarchie
den Erhalt
des
Nationalitätenstaates
(Österreichs
Erneuerung,
3 Bände,
1916-1917).
1916 wurde
er Direktor
des
staatlichen
Ernährungsamtes.
Renners
Stunde
schlug nach
Auflösung
der
österreichisch-ungarischen
Monarchie,
als er „zum
Baumeister
des Staates
der
Deutschen in
Österreich“
(Schärf)
wurde. Er
unterbreitete
der
Provisorischen
Nationalversammlung
eine
Verfassungsvorlage,
die einen
schwach
dezentralisierten
Einheitsstaat
(„Deutschösterreich“)
ohne
Länderkammer,
aber mit
berufsständischem
Oberhaus und
den Anschluß
an das
womöglich
sozialdemokratisch
regierte
Deutsche
Reich
vorsah. Auch
„Deutschböhmen“
und
„Sudetenland“
sollten in
den
Staatsverband
Deutschösterreich
eingegliedert
werden. Wie
den meisten
erschien
Renner ein
kleinstaatliches
Österreich
als
„lebensunfähig“.
Nach den
Wahlen zur
Konstituierenden
Nationalversammlung
Anfang 1919,
welche die
Sozialdemokraten
erstmals zur
stärksten
Partei
machten,
führte Karl
Renner als
Staatskanzler
drei
Koalitionsregierungen
aus
Sozialdemokraten
und
Christlichsozialen.
Bei den
Friedensvertragsverhandlungen
in Saint
Germain
mußte er
zwar auf
Druck und
mit
Rücksicht
auf das
Sicherheitsinteresse
der
Siegermächte
die
Anschlußpolitik
aufgeben,
konnte aber
die Einheit
Kärntens
retten und
das
deutschsprachige
Westungarn
(das spätere
Burgenland)
an
Österreich
bringen. Er
sicherte die
Erste
Republik
zudem gegen
die
Rätebewegung
in Bayern
und Ungarn.
Renners
nüchterne,
auf
Verständigung
mit den
Christlichsozialen
gerichtete
Politik
scheiterte
an der
doktrinär-marxistischen
Gruppierung
seiner
Partei um
Otto Bauer.
Nach
Ausscheiden
der
Sozialdemokraten
aus der
Regierung im
Jahr 1920,
in die sie
erst 1945
wieder
gelangen
sollten,
widmete sich
Renner
erneut der
gelehrten
und auch der
dichterischen
Arbeit. Der
Politik
blieb er als
Präsident
der
Arbeiterkonsumgenossenschaft
und der von
ihm
mitgegründeten
„Arbeiterbank“,
als
Parlamentarier
und zuletzt
einer der
Präsidenten
des
Nationalrates
verbunden.
Nach
Errichtung
des
autoritären
„Christlichen
Ständestaates“
durch
Dollfuß im
Februar 1934
und dem
Verbot aller
Parteien zur
Abwehr von
Nationalsozialismus
und
klassenkämpferischem
Austromarxismus
waren die
Sozialisten
in die
Untergrundarbeit
gedrängt
worden. Auch
Renner
verlor
seinen
Parlamentssitz.
Er zog sich
in sein
Landhaus
nach
Gloggnitz
zurück.
Öffentlich
meldete er
sich noch
einmal nach
der Annexion
Österreichs
durch Hitler
zu Wort, als
er
unmittelbar
vor der
Volksabstimmung
über die
Eingliederung
Österreichs
ins Dritte
Reich im
Neuen Wiener
Tagblatt
(am 3. April
1938) zu
einem
positiven
Votum
aufrief:
„Obwohl
nicht mit
jenen
Methoden, zu
denen ich
mich
bekenne,
errungen,
ist der
Anschluß
nunmehr doch
vollzogen,
ist
geschichtliche
Tatsache,
und diese
betrachte
ich als
wahrhafte
Genugtuung
für die
Demütigungen
von 1918 und
1919, für
St. Germain
und
Versailles“.
Renners
Kalkül war,
daß nach der
Niederlage
des
Nationalsozialismus,
die er über
kurz oder
lang
erwartete,
Großdeutschland
Bestand und
ein
großdeutscher,
demokratischer
Sozialismus
eine Chance
hätte. Er
unterschied
sich darin
nicht von
seinen
Parteigenossen
Otto Bauer,
Friedrich
Adler und
Oskar Pollak,
die in die
Emigration
geflüchtet
waren. Auch
Kardinal
Innitzer,
der den 1918
vergeblich
herbeigesehnten
Anschluß nun
endlich
verwirklicht
sah, rief
1938 mit
seinen
Mitbischöfen
zu einem
„Ja“ bei der
Volksabstimmung
auf. Adolf
Schärf war
sich noch
Mitte 1943
gegenüber
Wilhelm
Leuschner
unsicher, ob
der Anschluß
für alle
Zeiten
„verspielt“
sei. Renner
blieb
während der
nationalsozialistischen
Herrschaft
unbehelligt,
während
viele seiner
Parteigenossen
in KZ-Haft
kamen.
Renners
zweite große
Stunde
schlug bei
Gründung der
Zweiten
Republik.
Als
Staatskanzler
und Chef der
provisorischen
Staatsregierung
von
April bis
Dezember
1945 setzte
er die
Verfassung
der Ersten
Republik (in
der Fassung
von 1929)
wieder in
Kraft. Sein
wichtigstes
Ziel war,
die Einheit
Österreichs
zu bewahren
und dem Land
die volle
Unabhängigkeit
zurück zu
gewinnen.
Der
großdeutschen
Idee
entsagte er
nur schweren
Herzens: Es
bleibe jetzt
„nichts
übrig, als
selbst auf
den Gedanken
eines
Anschlusses
zu
verzichten“,
auch wenn
das „so
manchem hart
werden“
dürfte.
Renners
Autorität
war trotz
seiner
Anschlußbekundung
von 1938
immer noch
so groß und
seine Person
vor allem
auch von der
sowjetischen
Besatzungsmacht
akzeptiert,
daß er die
divergierenden
Interessen
innerhalb
der
Allparteienregierung
bis zu den
Wahlen Ende
1945 zu
bündeln
vermochte.
Da
Österreich
1945/46 von
383.000
Flüchtlingen
aus den
deutschen
Ostgebieten
bzw. den
Gebieten der
früheren
österreichisch-ungarischen
Monarchie
überschwemmt
und die
Lebensmittelversorgung
in Wien
zusammengebrochen
war,
verlangte
die
Provisorische
Staatsregierung
den Abschub
der 150.000
„Sudetendeutschen“,
die bis 1918
österreichische
Staatsbürger
gewesen
waren und
sich als
„Altösterreicher“
betrachteten,
in die
deutschen
Besatzungszonen.
Karl Renner
sah in den
Vertriebenen
seiner
Heimat,
deren
Anschluß an
Österreich
er 1918
gefordert
hatte, nun
tschechoslowakische
Staatsbürger,
für die
nicht
Österreich,
sondern der
deutsche
Aggressor
aufkommen
müsse. Diese
parteiübergreifende
Einstellung,
die sich
später in
der geringen
Wiederaufbauhilfe
und
Entschädigung
der
verbliebenen
Vertriebenen
ausdrückte,
hat eine mit
der
Bundesrepublik
Deutschland
vergleichbare
Integration
der
Flüchtlinge
in die
Nachkriegsgesellschaft
verhindert.
Der
Nationalrat
wählte
Renner im
Dezember
1945
einstimmig
zum
Bundespräsidenten.
Nur ungern
schied er
aus der
politischen
Tagesarbeit
aus. Für
seine
Partei, die
SPÖ, trat
der ebenso
wie er
pragmatisch
denkende
Adolf Schärf
als
Vizekanzler
in die
aufgrund des
Wahlergebnisses
vom November
1945
gebildete
große
Koalition
ein. Renner
wurde zur
Vaterfigur
der Zweiten
Republik,
der er als
Lehrer und
Erzieher
seines
Volkes
(durchaus
vergleichbar
mit Theodor
Heuss) zur
Festigung
eines
österreichischen
Staatsbewußtseins
verhalf.
Lit.:
Adolf
Schärf, in:
Neue
österreichische
Biographie
ab 1815, Bd.
IX. Zürich,
Leipzig,
Wien 1956,
S. 9-30. –
Wilhelm
Brauneder:
Karl Renners
„Entwurf
einer
provisorischen
Verfassung“:
ein
vorläufiger
Bericht. In:
Staatsrecht
in Theorie
und Praxis.
Festschrift
Robert
Walter zum
60.
Geburtstag.
Hg. v. Hans
Mayer. Wien
1991, S.
63-95. –
Walter
Rauscher:
Karl Renner.
Ein
österreichischer
Mythos. Wien
1995. –
Protokolle
des
Kabinettsrates
der
Provisorischen
Regierung
Karl Renner
1945. Hg. v.
Gertrude
Enderle-Burcel,
Rudolf
Jeřábek,
Leopold
Kammerhofer.
Bd. 1 (29.
April 1945
bis 10. Juli
1945).
Horn-Wien
1995. –
Matthias
Pape: Die
völkerrechtlichen
und
historischen
Argumente
bei der
Abgrenzung
Österreichs
von
Deutschland
nach 1945.
In: Der
Staat 37
(1998) S.
287-313. –
Ders.: Das
wiedererstandene
Österreich
und die
Anschlußfrage.
Adolf
Schärfs
Erinnerung
an die
Begegnung
mit Wilhelm
Leuschner im
Jahr 1943 –
Eine
quellenkritische
Betrachtung.
In:
Mitteilungen
des
Instituts
für
österreichische
Geschichtsforschung
106 (1998)
S. 410-425.
Bild:
Süddeutscher
Verlag
München,
Bilderdienst.