Obwohl der
Gruppe 47
viele
bedeutende
Schriftsteller
der jungen
Bundesrepublik
angehörten,
steht der
Name Hans
Werner
Richter wie
kein anderer
für diesen
Zusammenschluss
von Autoren
und
Intellektuellen,
welche die
deutsche
Nachkriegszeit
maßgeblich
mit geprägt
haben.
Schriftstellerisch
mit mäßigem
Talent
ausgestattet
und ebenso
mäßigem
Erfolg
belohnt,
gilt Richter
dennoch als
eine der
zentralen
Figuren der
literarischen
Aufbau- und
Lehrjahre
Deutschlands
nach dem
Ende des
Dritten
Reichs. Als
Initiator,
Spiritus
Rector und
Sprachrohr
der Gruppe
47 gelangte
er weltweit
zu Ruhm und
Ansehen.
Hans Werner
Richter
wurde am 12.
November
1908 auf
Usedom
geboren.
Obwohl
häufig
anders
erwähnt ist
nicht Bansin,
sondern –
wie Erich
Embacher aus
einem
Gespräch mit
Richter
berichtet –
Neu
Sallenthin
sein
Geburtsort.
Erst zwei
Jahre später
zieht die
Familie nach
Bansin. Als
fünftes Kind
eines
Fischers und
der Tochter
eines
ortansässigen
Katenbauers
entstammt
Richter
einer
traditionellen
Arbeiterfamilie.
Sein
Großvater
kam als
arbeitsloser
Weber auf
die Insel,
konnte dort
zwischenzeitlich
jedoch
wieder in
seinem Beruf
arbeiten.
Außer
Richters
jüngstem
Bruder, der
in Berlin
studierte,
nahmen alle
Kinder eine
handwerkliche
Ausbildung
auf. Richter
hingegen
wurde, nach
anfänglichen
Problemen,
Buchhändlerlehrling
und
absolvierte
von 1924 bis
1927 eine
entsprechende
Ausbildung
in
Swinemünde.
1928 erhielt
er eine
Anstellung
als
Buchhandelsgehilfe
in der
Tempelhofer
Buchhandlung
in Berlin.
Dieser
Lebensabschnitt
wurde für
Richter, wie
er später
sagte, zur
„literarischen
Goldgrube“
(zitiert
nach
Embacher).
Dort kam er
mit einer
Vielzahl an
belletristischer
und
wissenschaftlicher
Literatur in
Kontakt,
schrieb
erste eigene
Texte und –
was
bezeichnend
für sein
späteres
Leben sein
sollte – war
Teil eines
Freundkreises,
in welchem
man eigene
Werke
vortrug und
kritisierte.
Die Jahre
1930 und
1932 wurden
zu
Schlüsseljahren
im Leben
Richters:
1930 verlor
einer
einerseits,
im Zuge der
Wirtschaftskrise,
seine
Arbeitsstelle
und trat
andererseits
in die KPD
ein. Aus
dieser wurde
er
allerdings
schon 1932
wieder
ausgeschlossen,
da er sich
dem
trotzkistischen
Sozialismus
verbunden
fühlte.
Dieser
Ausschluss
mochte sich
als
Glückfall
erweisen,
bewahrte er
ihn vor
einer
Inhaftierung
während der
Nazi-Zeit.
Der
links-politische
Richter
stand den
Nationalsozialisten
von Anfang
kritisch
gegenüber,
eine
Emigration
1933 nach
Paris
scheiterte
aber an
seiner
finanziellen
Lage. 1934
kehrte er
nach Berlin
zurück. Die
meiste Zeit
arbeitslos,
war er auf
die
finanzielle
Unterstützung
von Freunden
angewiesen.
Mit
verschiedenen
kleineren
Anstellungen
konnte er
sich nur
schwer über
Wasser
halten. Auch
wenn er aus
der KPD
geschlossen
blieb, war
Richter im
politischen
Untergrund
aktiv. Da er
aber kein
offizielles
KPD-Mitglied
war, kam er
bei
verschiedenen
Verhören
durch die
Gestapo
glimpflich
davon.
Obwohl er
immer wieder
versuchte,
sich dem
Kriegsdienst
zu
entziehen,
wurde
Richter nach
der
Grundausbildung
1940 in den
Zolldienst
beordert,
den er an
verschiedenen
Stellen bis
1943 versah.
Im Sommer
desselben
Jahres kam
es zum
Kampfeinsatz.
In Italien
wurde
Richter
genau an
seinem 35.
Geburtstag
von den
Amerikanern
gefangen
genommen.
Noch während
des Krieges
hatte er
1942 in
Krakau seine
Frau Toni
geheiratet.
Seine
dreijährige
Gefangenschaft
verbrachte
er zuerst in
Camp Ellis
in Illinois
und später
in Fort
Kearney in
Rhode
Island. 1945
lernt
Richter im
Gefangenenlager
die
Zeitschrift
für deutsche
Kriegsgefangene
Der Ruf
kennen. Im
Mittelpunkt
der
Berichterstattung
stand die
Kollektivschuld
aller
Deutschen,
gegen die
sich Richter
zeitlebens
wehrte. Als
die
Redaktion
der
Zeitschrift
entlassen
wurde,
übernahm er
zusammen mit
Alfred
Andersch
diesen
Posten. Nach
Ende der
Krieggefangenschaft
erschien die
Zeitschrift
ab 1946 in
München. Als
Organ gegen
die Politik
der
Besatzungsmächte
erfreute sie
sich einer
enormen
Beliebtheit.
In den vier
Besatzungszonen
hatte Der
Ruf über
100.000
Abonnenten.
Nach immer
heftigeren
Auseinandersetzungen
mit den
Amerikanern,
ob der
linken und
prokommunistischen
Äußerungen,
verloren
Andersch und
Richter nach
nur 16
Ausgaben
1947 die
Lizenz. In
dieses Jahr
fiel eines
der
bedeutendsten
Ereignisse
der
deutschen
Literatur-
aber auch
Gesellschaftsgeschichte
des jungen
Nachkriegsdeutschlands.
Richter
versandte
erstmals
Postkarten,
auf welchen
er zum
ersten
Treffen der
Gruppe 47
einlud.
Dieser sich
regelmäßig
treffende
Zirkel von
Autoren und
später auch
Verlegern
und
Kritikern,
zu dem er
immer per
Postkarte
einlud,
wurde zum
Lebenswerk
Hans Werner
Richters.
Viele junge
Schriftsteller,
unter
anderem
Ingeborg
Bachmann
oder Günter
Grass,
wurden erst
durch die
Gruppe 47
berühmt,
andere aber
durch die
harten
Kritikerunterteile
des Kreises
schwer
zurück
geworfen –
bestes
Beispiel ist
hierfür Paul
Celan – oder
sogar
schriftstellerisch
vernichtet.
Ziel der
Gruppe war
es nicht
nur, den
literarischen
Nachwuchs in
der
Bundesrepublik
zu fördern,
sondern
ebenso
gesellschaftlich
und
politisch
Stellung zu
beziehen. Kritik an der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit sowie an der
konservativen
Adenauerregierung
stand ebenso
wie
regelmäßige
Lesungen auf
dem
Programm. Im
Zuge der
Studentenbewegungen
verlor die
Gruppe mehr
und mehr
ihren
gesellschaftlichen
Stellenwert.
1967 tagte
sie zum
vorerst
letzten Mal.
Von einer
Auflösung
kann man
allerdings
nicht
sprechen, da
Richter
schlicht und
einfach
keine
Einladungspostkarten
mehr
schrieb.
1972 kamen
einige
Mitglieder
nochmals im
kleinen
Kreis in
Berlin
zusammen, um
die gesamte
Gruppe im
September
1977 zu
ihrem
letzten
Treffen nach
Saulgau
einzuladen.
1990
erfolgte
dann das
verspätete
offizielle
Ende der
Gruppe 47.
Auch
außerhalb
der Gruppe
47 war Hans
Werner
Richter ein
politisch
äußerst
engagierter
Mensch. So
war er
Mitbegründer
des
Gründwalder
Kreises,
eine der
ersten
Bürgerinitiativen
der BRD, die
auf
faschistische
und
militärische
Tendenzen
aufmerksam
machen
wollte. Im
Zuge seiner
Aktivität in
der
Anti-Atom-Bewegung
trat Richter
1958 in die
SPD ein.
Unter seinem
vielfachen
und nimmer
endeten
gesellschaftlichen
Engagement
musste seine
literarische
Tätigkeit
zurückstehen.
Generell war
ihm die
politische
Meinungsäußerung
wichtiger
gewesen als
ein
literarisch-ästhetischer
Anspruch.
Bereits in
den
siebziger
Jahren
konstatierte
Marcel
Reich-Ranicki,
dass man
über das
schriftstellerische
Werk
geteilter
Meinung sein
kann. Man
mag ihm
Recht geben.
Mit seiner
Prosa ging
es Richter
immer darum,
Missstände
anzuprangern
und den
gesellschaftlichen
Wandel voran
zu treiben.
Seine Bücher
zeichneten
sich durch
eine
einfache und
klare
Sprache aus.
Metaphern
lagen ihm
fern. Zur
Avantgarde
seiner Zeit
konnte er
wahrlich
nicht
gezählt
werden.
Immer wieder
ordnete er
literarische
Qualität dem
politisch-aufklärerischen
Wirken
unter.
Vielfach hat
er in seine
Bücher
autobiographische
Elemente
einfließen
lassen. So
handeln die
Werke Die
Geschlagenen
(1949),
Sie fielen
in Gottes
Hand
(1951) und
Du sollst
nicht töten
(1955) von
seinen
Kriegserlebnissen.
Die Kindheit
auf Usedom
verarbeitete
er in
Spuren im
Sand
(1953), in
Blinder
Alarm.
Geschichten
aus Bansin
(1970)
setzt er
sich mit
seinem Vater
auseinander.
Richters
literarische
Zielsetzung
wurde
vielfach
schon durch
die
programmatischen
Titel
deutlich,
die er
seinen
Texten gab –
so unter
anderem
Bestandsaufnahme
– Eine
deutsche
Bilanz
(1962) oder
Plädoyer
für eine
neue
Regierung,
oder: Keine
Alternative
(1965). Die
Rezeption
seiner Werke
war nie
beste – erst
in den
achtziger
Jahren
besserte
sich der
Zustand ein
wenig. Und
dennoch hat
sich Richter
nie vom
Schreiben,
darunter als
auch
Hörspielautor,
abbringen
lassen.
Mehrere
Preise und
Ehrungen
wurden ihm
im Verlauf
seines
Lebens
verliehen,
darunter
1979 das
Große
Bundesverdienstkreuz.
Die größte
Auszeichnung,
die einem
Menschen
seines
Formats
zuteil
werden kann,
erhielt er
jedoch von
Günter
Grass.
Dieser
setzte ihm
in seiner
1979
erschienen
Erzählung
Das Treffen
in Telgte
ein
literarisches
Denkmal.
Angelehnt an
die Gruppe
47
beschreibt
Grass ein
fiktives
Treffen
historischer
Barockpoeten
zum Ende des
Dreißigjährigen
Krieges. In
vielen
Dichtern
kann man
Persönlichkeiten
der Gruppe
47 wieder
erkennen, so
in der Figur
des Simon
Dach Hans
Werner
Richter,
welchem der
Text auch
gewidmet
ist.
Richter, die
nie studiert
hat, wurden
auch
verschiedene
akademische
Ehren
angetragen.
1978 wurde
er
Ehrendoktor
der
Universität
Karlruhe,
1979
ernannte ihn
die Stadt
Berlin zum
Professor
honoris
causa.
1993 starb
Hans Werner
Richter im
Alter von
fast 85
Jahren in
München. Mit
ihm hat die
Bundesrepublik
zwar keinen
genialen
Schriftsteller,
aber einen
eifrigen
Publizisten
und stets
engagierten
Aufklärer
und Mahner
verloren,
der
maßgeblich
zum
gesellschaftlichen
Wandel und
zur
Aufarbeitung
der
NS-Geschichte
beigetragen
hat.
Werke:
Deine
Söhne Europa
– Gedichte
deutscher
Kriegsgefangener
(1947). –
Die
Geschlagenen
(1949). –
Sie fielen
aus Gottes
Hand (1951).
– Spuren im
Sand (1953).
– Du sollst
nicht töten
(1955). –
Linus Fleck
oder Der
Verlust der
Würde
(1959);
Bestandsaufnahme
– Eine
deutsche
Bilanz
(1962). –
Plädoyer für
eine neue
Regierung,
oder: Keine
Alternative
(1965). –
Menschen in
freundlicher
Umgebung,
Sechs
Satiren
(1965). –
Blinder
Alarm.
Geschichten
aus Bansin
(1970). –
Rose weiß,
Rose rot
(1971). –
Briefe an
einen jungen
Sozialisten
(1974). –
Die Flucht
nach Abanon
(1980). –
Die Stunde
der falschen
Triumphe
(1981). –
Ein Julitag
(1982). – Im
Etablissement
der
Schmetterlinge
–
Einundzwanzig
Portraits
aus der
Gruppe 47
(1986). –
Reisen durch
meine Zeit.
Lebensgeschichten
(1989);
Deutschland
deine
Pommern –
Wahrheiten,
Lügen und
schlitzohriges
Gerede
(1990).
Lit.:
Hans A.
Neunzig
(Hrsg.),
Hans Werner
Richter und
die Gruppe
47, München
1979. –
Erich
Embacher,
Hans Werner
Richter. Zum
lit. Werk
und zum
politisch-publizistischen
Wirken eines
engagierten
deutschen
Schriftstellers.
Frankfurt/M./Bern/New
York 1985. –
Artur
Nickel, Hans
Werner
Richter –
Ziehvater
der Gruppe
47. Eine
Analyse im
Spiegel
ausgewählter
Zeitungs-
und
Zeitschriftenartikel,
Stuttgart
1994. –
Barbara
König, Hans
Werner
Richter.
Notizen
einer
Freundschaft,
München/Wien
1997. –
Heinz Ludwig
Arnold
(Hrsg.), Die
Gruppe 47.
TEXT+KRITIK
Sonderband.
3. gründl.
überab.
Aufl. 2004.
– Sebastian
Mroek, Hans
Werner
Richter. Zum
Prosawerk
eines
verkannten
Schriftstellers,
Frankfurt/M./Bern/
New York
2005.
Bild:
Kulturstiftung.
Christoph
Meurer