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Manfred Freiherr von Richthofen entstammte einer preußischen Familie,
die keineswegs nur Soldaten und Diplomaten hervorgebracht hat, sondern
auch Gelehrte, wie etwa den bekannten Geographen Ferdinand Freiherr v.
Richthofen und den Ordinarius an der Berliner Universität, den Juristen
Karl Freiherr v. Richthofen. Die Richthofens stammten ursprünglich aus
der Gegend von Koblenz, sind aber im Laufe der Zeit dann in Schlesien
heimisch geworden. Sebastian Schmidt, ein Schüler Luthers, ist der
Vorfahr. Er latinisierte seinen Namen und nannte sich Faber. Dieser
hatte einen tüchtigen Freund namens Paul Schultze, der seinen Namen in
Praetorius latinisierte und kaiserlicher und kurfürstlich
brandenburgischer Rat, erzbischöflich Magdeburger und Halberstädter
Geheimer Rat und schließlich Erblehns- und Gerichtsherr auf
verschiedenen von ihm in seinem verhältnismäßig kurzen Leben erworbenen
Besitzungen wurde. Paul Praetorius hatte keine Kinder, er adoptierte den
Sohn von Sebastian, Samuel Faber. Dessen Sohn erwarb Landbesitz in
Schlesien und wurde 1661 geadelt unter dem Namen Prätorius von
Richthofen. Von diesem Johann Prätorius von Richthofen stammt die ganze
Familie Richthofen ab. 1741 wurden die Richthofens unter Friedrich II.
preußische Freiherrn. Ansässig war die Familie in den Kreisen Striegau,
Jauer, Schweidnitz und Liegnitz. Manfred Freiherr von Richthofen wurde
somit 1892 in eine Familie mit weit gefächerter Tradition hineingeboren.
Der Vater, Albrecht Freiherr von Richthofen, war aktiver Offizier und
stand im Leibkürassierregiment zu Breslau. Die Mutter stammte aus der in
Schlesien reich begüterten Familie Schickfus und Neudorff; deren Mutter
war eine geborene von Falkenhausen, entstammte mithin einer militärisch
sehr bekannten Familie, deren Ahnenherr sich aus der fränkischen Linie
des Hohenzollernhauses herleitete. Der Stammvater ist der mit einer
Schwester Friedrichs des Großen verheiratet gewesenene Markgraf Karl
Wilhelm Friedrich von Ansbach.
Manfred Freiherr von Richthofen zeigte sich bereits in seiner Kindheit
und Jugend als besonders sportlich wie charakterfest und fand schon früh
Gefallen an dem Soldatenberuf, den er ergreifen wollte. Er begann seinen
Dienst im Ulanenregiment Nr. l, Kaiser Alexander III. Hier trat er als
Fahnenjunker ein. Er war ein leidenschaftlicher Reiter und erhielt bald
das Offizierspatent. Auf Rennen und Geländeritten errang er viele
Preise. So zuletzt noch beim sogenannten Kaiserpreisritt im Jahre 1913.
Sein weiteres Ziel war, Rennen in Breslau und in Berlin zu gewinnen.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges tat er zunächst als Kavallerist
Dienst, doch wie so viele Kavalleristen trat er im Mai 1915 zur
Fliegerwaffe über. Als Aufklärer in der Kavallerie sah er nicht seine
Aufgabe. Seinem Bruder gegenüber äußerte er: „Nur Beobachter werden, das
liegt mir nicht, Flugzeugführer will ich werden, und, wenn es glückt,
der beste von allen!“
Manfred von Richthofen war Rittmeister. Er gehörte zu jenen aktiven
jungen Soldaten, die durchaus begeistert in den Krieg zogen, freilich
nur ihre eigene Aufgabe vor Augen hatten.
Von der Ostfront wurde Richthofen
schließlich an die Westfront versetzt. Wie chaotisch zum Teil die
Zustände waren, beschreibt Richthofen selber: „Mich versetzte jedenfalls
jeder Flieger in einen ganz ungeheuren Schwindel. Ob es ein deutscher
war oder ein feindlicher, konnte ich nicht sagen. Ich hatte ja nicht
einmal eine Ahnung, daß die deutschen Apparate Kreuze trugen und die
feindlichen Kreise. Folglich wurde jeder Flieger unter Feuer genommen.
Die alten Piloten erzählen heute noch immer, wie peinlich es ihnen
gewesen sei, von Freund und Feind gleichmäßig beschossen zu werden.“
Im Geschwader Boelcke wurde Richthofen schließlich als Flieger
ausgebildet. Boelcke war sein Lehrer. Später übernahm er dieses
Geschwader, als Boelcke gefallen war. Richthofen wurde nun einer der
bekanntesten Jagdflieger des Ersten Weltkriegs. In einer Laune hatte er
sein kleines Flugzeug rot angestrichen und wurde so bekannt, bei Freund
und Feind, als der „rote Baron“. In Köln war er im Frühsommer 1915
ausgebildet worden und ging noch im Spätsommer 1915 mit dem damals
bekannten Reiter und Flieger Graf Erik Holck nach Frankreich.
Die Jagdstaffel 2, in der Richthofen zunächst kämpfte, hatte in der
Schlacht an der Somme 1916 die krisenhafte Lage der Luftwaffe beseitigen
helfen. Der Angriff wurde über die feindlichen Linien vorgetragen. Am
27. Januar 1917 übernahm Richthofen die Führung der Jagdstaffel 11. Er
erhielt den Orden „Pour le Mérite“. Nach 2 Monaten hatte die Staffel 20
Gegner zum Absturz gebracht, davon Richthofen die Hälfte. In seinen
sogenannten „Grundsätzen“ sagt er: „Ein verwendbarer Kampfflieger ist
nur der, der den Feind angreift, wo er ihn sieht, der jeder Zeit bereit
und auch fähig ist, sich in einen Kampf einzulassen, und der nicht
danach fragt, ob er nicht selbst mit zerschmetterten Gliedern am Ende
des Kampfes tot auf dem Boden liegen wird.“ „Es kommt bei uns auf nichts
anderes an als auf den Abschuß. Schon der gute alte von Clausewitz hat
gesagt: Daß im Kriege nichts anderes Sinn hat als die Vernichtung des
Gegners.“
Richthofen hat über 80 Luftsiege errungen, bis er schließlich, nach
englischer Sehweise, von dem kanadischen Offizier Brown in Frankreich,
über dem Schlachtfeld an der Somme, abgeschossen wurde. Nach offizieller
deutscher Version wurde er bei der Verfolgungsjagd eines feindlichen
Flugzeugs vom Boden aus von einer Maschinengewehrsalve getroffen.
Am 21. April 1918 war Richthofen gefallen. Er wurde von den Franzosen
ehrenhaft in Fricourt bestattet. 1925 wollte ihn die Familie nach
Schlesien überführen lassen, auf den Schweidnitzer Friedhof, aber
schließlich wurde er auf Wunsch der Reichsregierung auf dem
Invalidenfriedhof zu Berlin bestattet. Der Bruder schreibt: „Dem stimmte
die Familie in der Erkenntnis zu, daß das Andenken und die Erinnerung an
Manfred nicht ihr allein, sondern dem ganzen deutschen Volke gehöre.“
Der Ruhm Richthofens als Soldat, den er sich durch seinen
bedingungslosen Einsatz im Ersten Weltkrieg, seine Tapferkeit erwarb,
wurde vollends während der 30er
Jahre zu einem nationalen Mythos. Es war insofern besonders bedeutsam,
weil Hermann Göring, selbst Flieger des Ersten Weltkrieges, das
Richthofengeschwader übernommen hatte. Schon bei der zweiten Bestattung
1925 war nicht nur Hindenburg zugegen, sondern auch zahlreiche Vertreter
der Regierung. Der Reischwehrminister Geßler sprach bei dieser
Gelegenheit die Worte: „Wenn wir Manfred von Richthofens sterbliche
Überreste der Erde zurückgeben, legen wir zugleich das Gelöbnis ab, das
wir in Glauben und Hoffen unserem Vaterlande gehören, für das er
gefallen ist.“ Manfred Freiherr von Richthofen wurde vielfach als Symbol
für Deutschlands Aufstieg genommen und von den Nationalsozialisten für
ihre Zwecke ausgenutzt. Schon 1933 erschien ein Werk von und über
Richthofen mit einem Vorwort von Hermann Göring, in dem es heißt:
„Deutschland ist erwacht, Deutschland muß und wird seine Weltgeltung
wiedergewinnen.“ Manfred Freiherr von Richthofen war ein Idol seiner
Generation. Das Fliegeras des Ersten Weltkrieges ist in seiner
jugendlichen Ritterlichkeit bis zum Zweiten Weltkrieg überaus populär
geblieben. Im Jahre 1938 erschien in Berlin zum 20. Todestage ein
weiteres Buch: Rittmeister Manfred Freiherr von Richthofen. Sein
militärisches Vermächtnis. Herausgegeben von der
kriegswissenschaftlichen Abteilung der Luftwaffe. Hier hieß es:
„Sein Leben war allein nur auf den Kampf für sein Vaterland eingestellt
bis zum Letzten. Sein Geist wird in der jungen deutschen Luftwaffe
weiterleben.“
Der Heldenmut einer Generation des Ersten Weltkrieges wurde für den
Zweiten Weltkrieg ausgebeutet. Freilich bleibt der soldatische Einsatz
und die Treue Richthofens, mit der er sich für sein Vaterland einsetzte,
seiner Pflicht nachkam, losgelöst von der zeitbedingten politischen
Nutzung vorbildlich. In diesem Sinne hat auch die Luftwaffe der
Bundeswehr Manfred Freiherr von Richthofen in ihr Traditionsverständnis
mit einbezogen.
Lit.:
E. Frhr. Praetorius v. Richthofen: Geschichte der Familie Praetorius von
Richthofen. 1884. – Manfred Frhr. v. Richthofen: Der rote Kampfflieger.
Berlin 1917. Ein erweiterter Nachdruck erschien unter dem Titel „Ein
Heldenleben“ 1920. Gesamtauflage beider Bücher 526000 Exemplare. Auflage
der neuen Ausgabe von 1938 30000. Ein weiterer Nachdruck erschien 1988
im Arndt Verlag in Kiel.) – Manfred Freiherr v. Richthofen. Eingeleitet
und ergänzt von Bolko Freiherr v. Richthoven. Mit einem Vorwort von
Reichsminister Hermann Göring. Berlin 1933. – Die Großen Deutschen.
Hrsg. v. W. Andreas und W. v. Scholz. Bd. 4. Berlin 1936.
Bild:
Richthofen am Tage seines letzten Fluges, am 21. April 1918
Hubertus Neuschäffer
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