Persönlichkeit und Werk Rilkes weisen bis heute erstaunliche Werte
auf der Skala zwischen Vergötterung und Verketzerung auf. Bereits
1927 stellte der ganz anders disponierte Robert Musil fest: „Er
gehört zu den Jahrhundertzusammenhängen der deutschen Dichtung,
nicht zu denen des Tages.“ Und der wahrlich nicht geistesverwandte
Gottfried Benn hob seine prägende Wirkung 1949 für die Überlebenden
der Weltkriegskatastrophe hervor: „Diese dürftige Gestalt und Born
großer Lyrik (...) schrieb den Vers, den meine Generation nie
vergessen wird: Wer spricht von Siegen – Überstehn ist alles!“ Die
nachhaltigsten Folgen für das Verständnis der Rilkeschen Dichtung
zeitigte jedoch Martin Heideggers Vortrag „Wozu Dichter?“, der 1946
zum Andenken an Rilkes zwanzigsten Todestag in engstem Kreis
gehalten wurde. Rilkes Hölderlinbeschäftigung und -verehrung
aufgreifend, setzte Heidegger mit Hölderlins Frage aus der Elegie
„Brod und Wein“ ein: „... und wozu Dichter in dürftiger Zeit?“ Und
Heidegger schließt mit eben der griffigen Formel vom „Dichter in
dürftiger Zeit“ im Blick auf Rilke: „Wenn Rilke ,Dichter (ist) in
dürftiger Zeit‘, dann beantwortet auch nur seine Dichtung die Frage,
wozu er Dichter, woraufzu sein Gesang unterwegs ist, wohin der
Dichter im Geschick der Weltnacht gehört.“ Es verwundert nicht, daß
eilige Interpreten die Philosophie Heideggers gleich als Pendant zur
dichterischen Weltsicht Rilkes einsetzen wollten. Die Problematik
eines solchen Unterfangens liegt auf der Hand. Sie darf aber nicht
verdunkeln, daß Heidegger in Rilkes Dichtung zentrale Begriffe
seiner eigenen Seinsdeutung vorzufinden glaubte. Daraus resultierte
die Anziehungskraft dieses Werkes für ihn.
Auf solch
außergewöhnliche Wertschätzung des am 4. Dezember 1875 in Prag
geborenen einzigen Sohnes (eine Tochter war unmittelbar nach
der Geburt gestorben) einer deutschstämmigen Familie deutete
zunächst wenig. Er wuchs als Kind aus einer unglücklichen Ehe und
unter beengten bürgerlichen Verhältnissen heran. Der Vater, der
vergeblich von einer Offizierskarriere träumte, brachte es lediglich
zum Eisenbahninspektor, was Renés Mutter, einer exzentrischen
Fabrikantentochter, ganz und gar nicht behagte. Ellen Key schilderte
Rilke am 3. April 1903 seine Kindheit so: „Die Ehe meiner Eltern war
schon welk, als ich geboren wurde. Als ich neun Jahre alt war, brach
die Zwietracht offen aus, und meine Mutter verließ ihren Mann ...
ich glaube, meine Mutter spielte mit mir wie mit einer großen Puppe.
Im übrigen war sie immer stolz, wenn man sie ,Fräulein‘ nannte. Sie
wollte für jung gelten, für leidend und für unglücklich. Und
unglücklich war sie wohl auch. Ich glaube, wir waren es alle.“
Nach der
Trennung der Eltern begann für den zehnjährigen René eine als
„Heimsuchung“ empfundene Schulzeit auf österreichischen
Militärschulen: zunächst in St. Pölten, dann in Mährisch-Weißkirchen
(wo auch der junge Robert Musil später war). Und wie bei Musil, der
den Alltag dieser Schule in seinem Erstlingsroman „Die Verwirrungen
des Zöglings Törleß“ (1906) spiegelte, liegen auch bei Rilke
hier die Wurzeln der künftigen Dichterexistenz. 1891 kann er den
Abgang wegen „Kränklichkeit“ aus der Militär-Oberrealschule
erwirken. Nach einigen Monaten auf der Handelsakademie in Linz holt
er 1895 (nach privater Vorbereitung seit 1892 in Wien) das Abitur
nach. Zwei Wesensmerkmale des späteren Dichters zeichnen sich jetzt
schon ab: das „Überstehn“, das Benn so beeindruckte, und der
wortwörtliche Eigen-Sinn! Daran ändert sich auch bei den
Studienansätzen wenig. 1895 beginnt Rilke an der Deutschen
Carl-Ferdinands-Universität in Prag (1882 war die Prager Universität
in eine Deutsche und eine Tschechische Universität geteilt worden)
ein Studium der Kunstgeschichte, der Literaturgeschichte (bei August
Sauer) und der Philosophie. Mit 20 Jahren ist Rilke deutlich älter
als der Durchschnitt der damaligen Studienanfänger. Er verkehrt auch
hauptsächlich unter Künstlern, Theaterleuten und Literaten. Im
Sommersemester 1896 wechselt er in die Rechts- und
Staatswissenschaftliche Fakultät. Schon im Herbst verläßt er Prag
und folgt seinem Freund, dem Maler und Graphiker Emil Orlik nach
München.
Im Frühjahr
1897 kommt es zur entscheidenden Begegnung, die einem
Erweckungserlebnis gleichkommt, mit der vierzehn Jahre älteren
deutschrussischen Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé. Die einstige
Freundin Nietzsches und spätere Bekannte Freuds ist maßgeblich
beteiligt an Rilkes Durchbruch zur unbedingten Dichterexistenz. Auf
zwei großen Reisen 1899 und 1900 nach Rußland (mit Besuch bei
Tolstoi) verhalf sie ihm zu einem Erlebnis dieses Landes, das von da
an für ihn zur „inneren Heimat“ wurde. Literarisches Ergebnis dieser
Erfahrungen ist „Das Stundenbuch“, das in seinen drei Teilen 1899,
1901 und 1903 entstand und 1905 im Insel Verlag Leipzig erschien.
Von diesem Zeitpunkt an blieb Rilke Autor der Insel und nicht
zuletzt Freund der Verlegersgattin Katharina Kippenberg. Sie zählt
zu jenen Frauen, die (wie Lou) unerläßlich werden für Rilkes
Dichterselbstverständnis und damit auch für die Gestalt seiner
Hauptwerke, die mit dem „Stundenbuch“ ihren Anfang nehmen.
Daher ist auch das umfangreiche Briefwerk und besonders der
Briefwechsel mit den zentralen Frauengestalten unentbehrlich für das
angemessene Verständnis seiner Werke. In der vom Rußland-Erlebnis
geprägten Einstellung nahm er anschließend die Künstlerkolonie
Worpswede und Westerwede in sich auf, wo er 1901 die Bildhauerin
Clara Westhoff heiratete. Die 1902 geborene Tochter Ruth muß
allerdings schon nach einem Jahr an die Großeltern Westhoff
übergeben werden. Der Versuch, eine herkömmliche Ehe zu führen und
in Westerwede, wo sich die Eheleute in einem Bauernhaus je nach
ihren künstlerischen Bedürfnissen eingerichtet haben, seßhaft zu
werden, ist gescheitert. Für Rilke kommt eben nur eine „Künstler“-Ehe
in Frage in des Wortes sehr ernster Bedeutung. Nur sie
gewährleistet „das alte Reiseleben“, Rilkes eigentliche Lebensweise,
in welcher er am besten das Bedürfnis der strikten Vereinzelung,
wechselnde Gastfreundschaften und unverhoffte Möglichkeiten nutzen
kann. Der Luxus der Unabhängigkeit ist für den oft mittellosen
Dichter unentbehrlich. Zu haben ist er um 1900 fast nur noch in
aristokratischen Kreisen. Und es ist eine der hervorstechenden
Signaturen der Rilkeschen Existenz, daß sie immer wieder in den
Genuß dieser splendid isolation kommen wird. So auch nach der
Auflösung des Westerweder Haushalts, als ihn Prinz Emil von
Schönaich-Carolath zum Aufenthalt auf Schloß Haseldorf in Holstein
einlädt. Hier hat er „einen ganzen Sommer gesessen, allein in der
Familienbibliothek (...), ich fühlte in allen Nerven die
unmittelbare Nähe von Schicksalen, das Sichregen und Aufstehen von
Gestalten, von denen nichts mich trennte als die alberne Unfähigkeit
ältere Zeichen zu lesen und zu deuten.“ Dieser am 3. Mai 1904 an Lou
gesandte Bericht enthält nichts weniger als die ersten Vorahnungen
zu seinem Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“,
dessen dichterische Konzeption freilich erst in Paris allmählich
Gestalt annehmen wird.
Dorthin
reiste Rilke erstmals 1902 und blieb bis Ende Juni 1903. Zum
Hauptort seiner mittleren Schaffensperiode wird Paris endgültig
durch den Aufenthalt vorn 1906 bis 1910. Über die ersten Eindrücke
schreibt er am 31. August1902 an Clara Rilke: „Mich ängstigen die
vielen Hospitäler, die hier überall sind. Ich verstehe, warum sie
bei Verlaine, bei Baudelaire und Mallarmi immerfort vorkommen (...)
Man fühlt auf einmal, daß es in dieser weiten Stadt Heere von
Kranken gibt, Armeen von Sterbenden, Völker von Toten.“ Jedem Leser
des Malte-Romans kommt sofort dessen Anfang in den Sinn: „So, also
hierher kommen die Leute, um zu leben, ich wurde eher meinen, es
stürbe sich hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitäler.
Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank. Die
Leute versammelten sich um ihn, das ersparte mir den Rest.“ Paris
der Inbegriff kollektiven und individuellen Sterbens? Das wäre keine
zukunftsweisende Perspektive. Im Brief an Lotte Hepner vom 8.
November1915, in dem Rilke deutliche Kritik an der Gegenwart übt,
sagt er auch, was seiner Meinung nach im „Malte“ steht, nämlich:
„Wie ist es möglich zu leben, wenn doch die Elemente dieses Lebens
uns völlig unfaßlich sind? Wenn wir immerfort im Lieben
unzulänglich, im Entschließen unsicher und dem Tode gegenüber
unfähig sind, wie ist es möglich dazusein? Ich bin nicht
durchgekommen, in diesem unter der tiefsten inneren Verpflichtung
geleisteten Buch, mein ganzes Staunen auszuschreiben, darüber, daß
die Menschen seit Jahrtausenden mit Leben umgehen [...] und dabei
diesen ersten unmittelbarsten, ja genau genommen einzigen Aufgaben
[...] so neulinghaft ratlos, so zwischen Schrecken und Ausrede, so
armsälig gegenüberstehen.“ Dies wird nur wahrnehmen, wer Rilkes
Aufforderung, die „Aufzeichnungen“ „gegen den Strom“ (an Artur
Hospelt am 11. Februar 1912) zu lesen, nachkommt. Dann wird Maltes
Versuch in seinen „Aufzeichnungen“ offenkundig, sich mit der
Krankheit, der Armut und dem Tod zu versöhnen. Frucht dieser
Versöhnung aber wäre die ersehnte Garantie der eigenen Identität und
Freiheit. Ein beispielloses Konzept innerhalb der Geschichte des
modernen Romans! Vielleicht bedurfte es dazu eines Romans ohne die
übliche „Geschichte“.
Die Arbeit
an seinem einzigen Roman hatte sich fast über zehn Jahre hin
erstreckt. Auch das ist charakteristisch für Rilkes Schaffensweise.
Nahezu alle bedeutenden Werke – am heftigsten die späte
Gipfelleistung der „Duineser Elegien“ – bereiten ihm langes
Kopfzerbrechen. Zwischen der Drucklegung des „Malte“ (1910) und dem
Erscheinen der „Duineser Elegien“ (1923) hat Rilke nur ein einziges
Werk veröffentlicht: „Marien-Leben“ (1913). Hemmend wirkte vor allem
das Scheitern zweier Frauenbeziehungen, die er im Blick auf die
Vollendung des Elegienzyklus aufgenommen hatte: zur Pianistin Magda
von Hattingberg, genannt „Benvenuta“, und zur Malerin Lou
Albert-Lasard. Begonnen hatte er die Dichtung im Januar 1912 auf
Schloß Duino an der Adriaküste bei Triest, wohin ihn seine
wichtigste Mäzenin, die Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe,
eingeladen hatte. Erstmals begegnet war er ihr am 13. Dezember 1909.
Die zwanzig Jahre ältere Fürstin sorgt auch für die Auflösung der
illusionären Verbindung, als Rilke mit „Benvenuta“ am Ende einer
Reise von Berlin über München nach Paris in Duino eintraf.
Nachhaltig gestört wurde die
ersehnte Ruhe für die Arbeit an den Elegien durch den Ausbruch des
Ersten Weltkriegs. Eine Einberufung zum Ausbildungsdienst in einer
Infanterie-Kaserne in Wien-Hütteldorf konnten auch die
Interventionen verschiedener Freunde nicht verhindern. Nach drei
Wochen wurde der gesundheitlich labile Vierzigjährige jedoch Ende
Januar 1916 ins Kriegsarchiv in der Stiftskaserne in Wien
abkommandiert. In dieser sechsmonatigen Militärdienstzeit in Wien
traf er auch mit Stefan Zweig zusammen, der im gleichen Archiv diese
Art zivilen Ersatzdienstes leistete. Den Krieg selbst überlebte er
zum größten Teil im wenig geliebten München, wo er auch noch das
Ende der bayerischen Räterepublik erlebte, für die er Sympathien
hegte. Als sich ihm jedoch die Gelegenheit zu einer Lesereise in die
Schweiz bietet, verläßt Rilke am 11. Juni 1919, noch mit einem Paß
der untergegangenen Donaumonarchie, München und Deutschland für
immer. Sein 51 Jahre währendes Leben hatte er sowieso nur zu Teilen
hier verbracht. Er war längst Europäer geworden mit kosmopolitischer
Ausrichtung, wenn man an seine Aufenthalte in Rußland und die noch
vor Kriegsausbruch unternommenen Reisen nach Ägypten und Algerien
denkt. Seine letzten Lebensjahre in der Schweiz sind noch einmal,
zumindest was den Wohnsitz betrifft, von einer jener glücklichen
Schickungen begünstigt, die Rilkes Dichterexistenz prägten. Sein
großbürgerlicher Mäzen aus Winterthur, Werner Reinhart, kaufte 1922
das alte Château de Muzot près Sierre und stellte es Rilke als
dauernden Wohnsitz zur Verfügung. Bei der Einrichtung leistete
Rilkes „Merline“, Baladine Klossowska, Hilfe, zusammen mit der
hilfsbereitesten Freundin seiner letzten Lebensjahre Nanny
Wunderly-Volkart. An diese schreibt er am 26. März 1923: „Ich möchte
so gern ein paar freie Athemzüge thun; Muzot ist immer mehr
eines geworden, so eindeutig ,Zelle‘, ganz nach Maaß von
Arbeit und Einsamkeit gemacht.“ Rilkes Arkadien? Er verbringt diese
letzte Lebenszeit nur zum Teil in Muzot. Das alte Reiseleben geht
auch jetzt weiter. Immer häufiger aber ist er gezwungen, die
Sanatorien in Ragaz und Val-Mont bei Montreux aufzusuchen. Ende
November diagnostizierte man hier seine Krankheit als eine seltene
Form von unheilbarer Leukämie. Am 29. Dezember 1926 stirbt Rilke und
wird am 2. Januar 1927 an der Kirche in Raron begraben, nach seinem
testamentarischen Wunsch: „... Ich zöge es vor, auf dem
hochgelegenen Kirchhof neben der alten Kirche zu Rarogue zur Erde
gebracht zu sein. Seine Einfriedung gehört zu den ersten Plätzen,
von denen aus ich Wind und Licht dieser Landschaft empfangen habe.
Die von ihm selbst gedichtete Grabschrift könnte charakteristischer
nicht sein:
Rose, oh reiner Widerspruch, Lust
Niemandes Schlaf zu sein unter
soviel
Lidern
„Niemandes
Sohn“ ist sich selber treugeblieben.
Werke:
Rainer Maria Rilke, Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden,
hrsg. von M. Engel/U. Fülleborn/H. Nalewski/A. Stahl, Frankfurt/M.,
Leipzig 1996. – Martin Heidegger, Gesamtausgabe, 1. Abteilung:
Veröffentlichte Schriften 1914-1970, Bd. 5, Holzwege, Frankfurt/M.
1977. – Rudolf Kassner, Sämtliche Werke, hrsg. von E. Zinn/KI.E.
Bohnenkamp, Bd.VII, Pfullingen 1984.
Briefausgaben,
Kataloge: Rainer Maria Rilke/Lou Andreas-Salomé, Briefwechsel,
hrsg. von Ernst Pfeiffer, Frankfurt/M. 1975. – Rainer Maria Rilke
und Stefan Zweig in Briefen und Dokumenten, hrsg. von Donald A.
Prater, Frankfurt/M. 1987. – Rainer Maria Rilke 1875-1975, Katalog
Nr. 26, Marbach a.N. 1975.
Lit.:
Stefan Schank: Rainer Maria Rilke, München 1998 (=dtv-portrait
31005). – Manfred Engel (Hrsg.), Rilke-Handbuch. Leben-Werk-Wirkung,
Stuttgart/Weimar 2004. – Gertrud Höhler, Niemandes Sohn. Zur
Poetologie Rainer Maria Rilkes, München 1979. – Käte Hamburger,
Rilke. Eine Einführung, Stuttgart 1976. – Monika Czernin, Duino,
Rilke und die Duineser Elegien, Wien 2004. – P. Demetz/J.W.
Storck/H.D. Zimmermann (Hrsg.), Rilke – ein europäischer Dichter aus
Prag, Würzburg 1998.
Bild:
Porträt von Lou Albert-Lasard, 1916 in Hofmannsthals Gartenhaus zu
Rodaun gemalt (Schiller-Nationalmuseum Marbach a.N.)
Walter Dimter