Alexander Sascha Ritter entstammte einer alten Narwaer
Kaufmannsfamilie. Nach dem Tod des Vaters übersiedelte
die Familie 1841 nach Dresden. Er war dort Violinschüler
des 2. Konzertmeisters der Hofkapelle, Fr. Schubert. Ein
Dresdner Mitschüler war Hans von Bülow, dem er
lebenslang verbunden blieb. 1849 bis 1851 studierte er
am Leipziger Konservatorium, unter anderem bei Ferdinand
David und E.F. Richter. Richard Wagner, der von seiner
Mutter Julie geborene Momma früh gefördert wurde und der
im Hause Ritter in Dresden verkehrte, brachte Alexander
Ritter der Neudeutschen Richtung um Franz Liszt nahe.
1854 wurde er 2. Konzertmeister der Weimarer Hofkapelle,
und im selben Jahr heiratete er die Schauspielerin
Franziska Wagner, eine Nichte Richard Wagners. 1856 bis
1858 war er als Kapellmeister am Stettiner Theater
engagiert. Es folgten Jahre freischaffender Tätigkeit,
Jahre von zum Teil schwerer wirtschaftlicher Not, bis
1860 in Dresden, bis 1862 in Schwerin. 1863 bis 1868
lebte er in Würzburg, wo er zeitweilig am Stadttheater
tätig war. Nach einem Aufenthalt in Paris bis 1869 war
er, unterbrochen von einer einjährigen Tätigkeit in
Chemnitz, wieder in Würzburg ansässig, wo er 1875 eine
wenig erfolgreiche Musikalienhandlung gründete, welche
er verkaufte, als ihn 1882 sein Freund Hans von Bülow in
die Meininger Hofkapelle berief.
"Das Hauptereignis des Meininger Winters war für mich
die Bekanntschaft mit Alexander Ritter, der im Orchester
an der ersten Geige mitspielte. Er lud mich in sein
Haus, in dem ich geistige Anregung fand, die den
entscheidenden Ausschlag für meine künftige Entwicklung
gab", schrieb Richard Strauss in seinen Betrachtungen
und Erinnerungen. "Ihm verdanke ich, meinen
dramatischen Beruf entdeckt zu haben. Ohne seinen
Ansporn und seine Mitarbeit wäre ich, in meinem
heillosen Respekt vor dem Riesenwerk Wagners, wohl kaum
auf die Idee gekommen, eine Oper zu schreiben". Ritter
nannte seinen jungen Freund "Mein liebes Sträusschen".
Nach Bülows Rücktritt in Meiningen ging Ritter mit
diesem und Richard Strauss als Dritter im Bunde 1886
nach München, wo er sich niederließ. Dort verkehrte er
in der Familie Strauss, auch kam er in nähere Beziehung
zur Münchner Schule und Ludwig Thuille. Die wenigen
Münchner Jahre wurden ihm zu einer Zeit erfüllten
Schaffens. Ritter war auch literarisch tätig, so hat er
zur Oper Theuerdank von Ludwig Thuille das
Textbuch verfaßt, 1890 der Tondichtung Tod und
Verklärung von Richard Strauss ein Gedicht
unterlegt. Strauss hatte ihm seine Tondichtung
Macbeth gewidmet. Einen Namen machte sich Ritter
auch als Bearbeiter von Beethoven, unter anderem einer
vierhändigen Fassung der Klavierkonzerte, sowie Haydn,
Schubert und vor allem von Richard Wagner (Ausgaben mit
Violine, Klavier und Harmonium). Sein Biograph wurde
sein Schwiegersohn Siegmund von Hausegger, welcher in
erster Ehe mit Ritters Tochter Hertha († 1913)
verheiratet war. Hertha war Sängerin; sie ist als eine
der frühen Interpretinnen von Werken Hugo Wolfs zu
nennen. Erwähnt sei,
daß S. v. Hausegger auch die Sammlung von Richard
Wagners Briefen an Julie Ritter (München 1920)
herausgab. Sein Bruder Karl Gottfried Ritter (1830-1891)
veröffentlichte mehrere Trauerspiele und eine Theorie
des deutschen Schauspiels.
Ritters kompositorisches Schaffen ist in seinem
wesentlichen Teil dem Neudeutschen Stil verpflichtet. So
steht er mit seinen sinfonischen Dichtungen zwischen
Franz Liszt und Richard Strauss. Manches zeigt auch eine
starke Abhängigkeit von Richard Wagner. Das streng
komponierte Streichquartett op. 1 steht in der
Nachfolge Beethovens. Bemerkenswert ist sein
tiefempfundenes Liedschaffen, das ihn als frühesten
deutschen Impressionisten ausweist. Erste Kompositionen
Ritters erschienen erst in den 70er Jahren;
möglicherweise hat er früher Entstandenes nicht als
gültig angesehen und nicht veröffentlicht. Besonders
gelobt wurden seine beiden Einakter Der faule Hans
(UA 1885 München) und Wem die Kron'? Beide Werke,
letzteres zur Uraufführung, brachte Richard Strauss 1890
in Weimar heraus, was den Höhepunkt in Ritters
Komponistenlaufbahn bedeutete. "Die Ritterschen Opern
gedeihen prächtig und ich freue mich wie ein Schneekönig
darauf. Ritter kommt Dienstag abend, Hurra!", schrieb
Strauss an seine Schwester Johanna aus Weimar am 24. Mai
1890, auch daß "Wem die Krone ganz wundervoll ist.
Hoffentlich gelingt es mir, Ritter einigermaßen
zufrieden zu stellen, dann wäre ich furchtbar
glücklich". Angemerkt sei, daß Der faule Hans
auch in seiner baltischen Heimat, am Rigaer Stadttheater
herauskam. Mit seinen beiden Opern-Einaktern schuf
Ritter respektable Beiträge zum deutschen Musiktheater
am Ende des 19. Jahrhunderts. Außerdem ist er über sein
kompositorisches Schaffen hinaus als idealistischer,
beredter Fürsprecher und Anreger der Neudeutschen
Richtung bemerkenswert.
Werke: - Lieder - Gesänge op. 2, Liebesnächte
op. 4, Gesänge op. 5, 3 Lieder op. 6, 3 Lieder op. 7,
Belsazar op. 8, 3 Kleine Lieder op. 9, 3 Lieder op. 10,
Drei Gedichte op. 12, Fünf Gedichte op. 16, Zwei
Gedichte op. 17, Benedictus op. 18, Primula veris op.
19, Fünf Lieder op. 20 u. op. 21, Deklamation Graf
Walther op. 24 - Kammermusik -
Streichquartett op. 1, 5 Characterstücke op. 3 für
Violine u. Klavier, 3 Fantasiestücke für Violine,
Klavier und Harmonium op. 14; Klavierquintett, Tonstück
für Viola u. Klavier - Orchester und Chorwerke -
Olaf's Hochzeitsreigen op. 22, Sursum corda, eine Sturm-
und Drang-Fantasie op. 23, Hymnen an das Licht (C.G.
Ritter) f. Soli, Chor, Orchester u. Orgel, Patriotischer
Frauenchor Den Gefallenen 1870/71, Kaiser-Hymne zum 22.
März 1884, Erotische Legende Symphonische Dichtung,
Kaiser Rudolfs Ritt zum Grabe (J. Kerner) Symphonische
Dichtung, Symphonische Trauermusik für großes Orchester,
Orchesterstücke Fronleichnam u. Charfreitag -
Opern - Der faule Hans, Oper in 1 Akt
(eigenes Textbuch n. F. Dahn); Wem die Kron?, Oper in 1
Akt (eigenes Textbuch).
Lit.: Deutschbaltisches biographisches Lexikon
1710-1960. hrsg. von Wilhelm Lenz; Köln, Wien 1970. -
Oskar Kaul in MGG. - Riemann Musik Lexikon. -
H. Scheunchen: Lexikon deutschbaltischer Komponisten, in
Vorb. - Nachruf A. Ritter in: Neue Zeitschrift für
Musik Nr. 18 Bd. 92 S. 212. - Fr. Rösch: Alexander
Ritter, in: Musikalisches Wochenblatt XIX 1898 9ff. -
S. v. Hausegger: A. Ritter, in: Die Musik, hrsg. Richard
Strauss, Bln. 1908. - H. Scheunchen: Die
Musikgeschichte der Deutschen in den baltischen Landen,
Dülmen 1990 155f. - Div. Briefausgaben von
Richard Strauss sowie dessen Betrachtungen und
Erinnerungen (Zürich 1949).
Bild: Richard Strauß und Alexander Ritter, Gemälde
von Leopold Graf Kalckreuth, Weimar 1890, in: Willi
Schuh: Richard Strauss Jugend und frühe Meisterjahre,
Zürich 1976.
Helmut Scheunchen