|
Rudolf Rittner dürfte zu
den eigenartigsten Künstlern zählen, die je auf deutschen Bühnen
Schauspielkunst dargeboten haben. Rittner entdeckte früh in sich, was
die große Masse der Schauspieler niemals entdeckt: die eigene Natur.
"Seit Josef Kainz ist mir keine stärkere Individualität auf Berliner
Bühnen entgegengetreten als er", äußerte Otto Brahm. Seine Verkörperung
des Florian Geyer in Gerhart Hauptmanns gleichnamigem Drama nannte
Alfred Polgar einen absoluten Höhepunkt schauspielerischer Möglichkeiten
und Julius Bab einen der wirklich großen Momente in der Geschichte der
Schauspielkunst.
Rudolf Rittner wurde
unweit der Stadt Jauernig in Österreichisch-Schlesien als Sohn eines
Bauern geboren. Der intelligente Junge begab sich mit zwölf Jahren nach
Wien und begann seine künstlerische Ausbildung am Konservatorium
(Violine, später Oboe). 1887 wechselte er zur dramatischen Abteilung
über, absolvierte sein Studium innerhalb eines Jahres mit
ausgezeichnetem Erfolg und debütierte am 16. September 1888 in der Rolle
des Professor Georg Ziegler in Paul von Schönthans und Gustav Kadelburgs
Lustspiel Die berühmte Frau am Residenz-Theater in Hannover. Die
seines Schauspielerlebens waren Olmütz, Karlsbad, Perßburg und Temesvár.
1891 engagierte ihn Siegmund Lautenburg, der prominente Theaterdirektor,
an das Residenz-Theater in Berlin. Es war die Zeit der literarischen
Auseinandersetzung zwischen der klassischen Tradition und dem
aufstrebenden Naturalismus, den Ibsen, Max Halbe, Hermann Sudermann und
Gerhart Hauptmann repräsentierten. Rittner begeisterte sich für die neue
Strömung und wurde von Otto Brahm an das Deutsche Theater in Berlin
verpflichtet. Dem Mimen gelang der schauspielerische Durchbruch, und
damit trug er wesentlich dazu bei, auch die literarhistorische Position
Gerhart Hauptmanns und des Naturalismus zu festigen. Er spielte
zwischendurch in Wien, Budapest und Pragi und 1904 folgte er seinem
einstigen Gönner Otto Brahm an das Berliner Lessing-Theater. Längst
erfreute er sich der Gunst Gerhart Hauptmanns sowie anderer Größen aus
Literatur und Kunst, unter ihnen Lovis Corinth. Dieser deutsche
Impressionist schuf jenes großartige Gemälde, das den Schauspieler
Rudolf Rittner in seiner Glanzrolle darstellt, nämlich als Florian
Geyer. Inzwischen hatte Rittner damit begonnen, selbst Schauspiele zu
schreiben – mit mäßigem Erfolg. 1907, auf der Höhe seiner
Schauspielerkarriere, zog er sich völlig überraschend von der Bühne
zurück und siedelte, nachdem er 1908 am Wiener Hoftheater noch einmal
den Florian Geyer gespielt hatte, auf den – dank seiner Hilfe finanziell
sanierten – väterlichen Hof in Weißbach über. Es gab viel Rätselraten um
die Gründe für Rittners plötzlichen Entschluß. Heute weiß man, daß ihn
vor allem Unzufriedenheit und Enttäuschungen, menschliche wie
künstlerische, dazu bewogen haben. In seiner Heimat wollte er geistig
genesen, mußte jedoch statt dessen weitere Enttäuschungen hinnehmen.
1912 kehrte er noch einmal für zwei Jahre nach Berlin zurück, um als
Regisseur zu wirken, und von 1922 bis 1927 trat er in einer Reihe von
Stummfilmen auf, 1930 noch in einem Tonfilm.
In Weißbach ging es ihm
in der Hauptsache darum, als Schriftsteller tätig zu sein; er versuchte
es mit Dramatik, Lyrik und Epik, ohne das angestrebte Ziel zu erreichen.
Zu seinen psychischen Problemen gesellten sich, 1934 beginnend,
gesundheitliche Schwierigkeiten, die ihn für den Rest seines Lebens in
Anspruch nahmen. Inzwischen lebte er auf einem eigenen Hof in
Ober-Weißbach. Dort starb er auch. Auf dem Dorffriedhof wurde er in
Anwesenheit zahlreicher Trauergäste beigesetzt, und das Grab hat sich
erhalten. Das Leben hatte Rittner den inneren Frieden verwehrt. Erst
nachdem er den ewigen Frieden gefunden hatte, fand der lebenslange
Zwiespalt zwischen Erfolg und Krise einen Ausgleich in der postumen
Anerkennung, Rudolf Rittner habe das Zeitliche überwunden als einer der
ganz Großen in der Geschichte des deutschen Theaters.
Rollen:
Hans Hartwig, Student - in Max Halbes „Jugend"; Ferdinand - in Schillers
„Kabale und Liebe"; Moritz Jäger - in dem Schauspiel „Die Weber" von
Gerhart Hauptmann; Schäferhans und Florian Geyer - in Gerhart Hauptmanns
„Florian Geyer"; Christoph Flamm - in Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd"
u.v.a.m. Werke: Wiederfinden (Schauspiel, 1901); Lorenzo di Medici
(Posse, 1903); Narrenglanz (Spielmannsdrama, 1906).
Lit.:
Hans-Adolf Schultze: Der Schauspieler Rudolf Rittner (1869-1943) - Ein
Wegbereiter Gerhart Hauptmanns auf dem Theater; Dissertation Berlin
1961. - Franz Kiegler: Rudolf Rittner, in: Heimatjahrbuch
Ostsudetenland, Bd. 10, S. 155ff., Inning (Ammersee) 1963. -
österreichisches Biographisches Lexikon 1815 -1950, IX. Bd., Wien 1988.
Josef Walter König
nach oben
|