|
Rosenstock-Huessy
ist in einem liberalen jüdischen Elternhaus aufgewachsen. Mit sechzehn
Jahren ließ er sich auf eigenen Entschluß evangelisch taufen. Er
studierte Rechtswissenschaft und Geschichte, promovierte 1910 und
habilitierte sich 1912. Als der Krieg ausbrach, war er Privatdozent in
Leipzig. Im gleichen Jahr heiratete er Margret Huessy, eine Schweizerin.
Die Materialschlachten des Weltkrieges von Verdun veränderten sein Leben
tief. Sein umfangreiches literarisches Werk – über 400 Titel – ist
seither ganz dem Leben entsprungen. Fast alle Arbeiten gehen auf
dialogisch bestimmte Anlässe zurück und sind bestimmten Personen
namentlich zugeschrieben. Eugen Rosenstock-Huessy nannte das „datives
Danken“. Nach dem Weltkrieg war er zunächst Redakteur der Werkzeitung
bei Daimler-Benz in Stuttgart. Zusammen mit Hans und Rudolf Ehrenberg,
Leo Weismantel, Karl Barth und Franz Rosenzweig gründete er in Würzburg
den Patmos Verlag. 1921/22 war er Leiter der Akademie der Arbeit in
Frankfurt a. M.
Von 1923 bis 1933
lehrte er in Breslau Rechtsgeschichte, bürgerliches Handels- und
Arbeitsrecht. Ein bedeutender Teil seiner stark mündlich geprägten
Wirksamkeit lag außerhalb der Universität. Er arbeitete im Hohenrodter
Bund mit und richtete Arbeitslager für Arbeiter, Bauern und Studenten
ein, in denen sich mehrere Mitglieder des später entstandenen Kreisauer
Kreises kennenlernten, wie Helmut James Graf von Moltke, Peter Graf York
von Wartenburg, Horst Einsiedel, Carl Dietrich von Trotha, Adolf
Reichwein, Hans Peters. Walter Hammer hat Eugen Rosenstock-Huessy
„Erzvater des Kreisauer Kreises“ genannt.
1933 wanderte er aus
und wurde Bürger der Vereinigten Staaten. Er hatte die Schwäche der
alten Institutionen Staat, Parteien, Kirchen und Universitäten schon
1919 erkannt und für einen der Erschütterung des Weltkrieges
entsprechenden Wandel dieser Institutionen ohne Seitenblicke auf
vordergründige und schnelle Erfolge gekämpft. Er lehrte ein Jahr lang an
der Harvard University (Kuno Francke Professur for German Art and
Culture). Auch in den Vereinigten Staaten geriet er mit der agnostischen
Universität in Konflikt. Später war er Professor am Dartmouth College in
Hanover/Vermont. 1940 berief ihn Präsident Roosevelt zur Ausbildung von
Führungskräften für das Civil Conservation Corps (CCC). Er kam 1950 und
später zu Gastvorträgen u. a. an die Universitäten Göttingen und
Münster, in der Hoffnung, mit den historischen, soziologischen und
sprachphilosophischen Ergebnissen seiner reichen und kompromißlos
wahrhaftigen Lebensarbeit Gehör zu finden. Er starb am 24. Februar 1973
in Four Wells in Vermont. Sein Lebenswerk ist gleichzeitig bekannt und
unbekannt. Viele Ergebnisse seiner Arbeiten sind noch kaum rezipiert
worden. Sein Wirken für einen weltweiten Friedensdienst könnte heute für
viele ein Zugang zu seinem Werk sein. „Aktion Sühnezeichen“ steht seinen
Gedanken nahe. Seine historischen, soziologischen und
sprachphilosophischen Arbeiten zielen auf die Einzigartigkeit und auf
den Prozeßcharakter von Sprache, Zeit und Geschichte, drei Aspekte des
gleichen Vorgangs, und auf die darin liegenden Chancen und Gefahren.
Seine Darstellung ist aufrüttelnd und fordert zu Entscheidungen heraus.
In den Niederlanden in Haarlem gibt es eine Wohn- und Lebensgemeinschaft
„Eugen Rosenstock-Huessy Huis“. In Bielefeld ist 1963 die Eugen
Rosenstock-Heussy Gesellschaft gegründet worden, deren erster Präsident
Georg Müller war. Die Gesellschaft unterhält ein Archiv in Bethel bei
Bielefeld. Der Nachlaß in den Vereinigten Staaten wird von Freya von
Moltke, Konrad von Moltke und dem Sohn Eugen Rosenstock-Huessys Hans
Huessy verwaltet.
In einem Aufsatz,
der eine Absage an das quantitative Denken Descartes enthält, hat Eugen
Rosenstock-Huessy einen Aspekt des neuen Denkens scharf herausgestellt:
„Meine Generation hat die Vorkriegs-Dekadenz, das Gemetzel in den
Weltkriegen, die Nachkriegs-Anarchie und die Revolutionen, d.h.
Bürgerkriege, überlebt. Heute haben einem jeden, bevor er in dieser eng
gewordenen Welt zu bewußtem Leben erwacht, Arbeitslosigkeit oder
Luftangriff, Klassenrevolutionen, Lebensuntüchtigkeit oder Mangel an
Oberschau sein Schicksal zugewürfelt und ihn für immer gestempelt.
Täglich entgehen wir nur durch ein Wunder dem Tod in der Gesellschaft.
Daher kümmert uns des Cartesius Metaphysik nicht mehr, die den Geist des
Menschen über den physischen Tod in der Natur hinwegsetzt. Wir tappen
nach einer sozialen Weisheit, die uns über die brutalen ,üblichen‘
Vernichtungsvorgänge der Gesellschaft und das ungeheuer Bedrohliche des
sozialen Vulkans hinausführt“ (Das Geheimnis der Universität, S.
110/111). Leben und Werk sind in ihrer Übereinstimmung eine einzigartige
Orientierungsmöglichkeit auf dem kleinen und enger gewordenen Planeten
Erde.
Werke
(in Auswahl): Herzogsgewalt und Friedensschutz, Deutsche
Provinzialversammlungen des 9.-12. Jahrhunderts, Breslau 1910; Ostfalens
Rechtsliteratur unter Friedrich II. Texte und Untersuchungen, Weimar
1912; Königshaus und Stämme in Deutschland zwischen 911 und 1250,
Leipzig 1914, Aalen 1965; Die Hochzeit des Kriegs und der Revolution,
Der Bücher vom Kreuzweg Erste Folge, Würzburg 1920;
Werkstattaussiedlung, Untersuchungen über den Lebensraum des
Industriearbeiters, Berlin 1922; Das Alter der Kirche, 3 Bände, Berlin
1927; Die europäischen Revolutionen, Volkscharaktere und Staatenbildung,
Jena 1931, Moers 41987; Judentum und Christentum, zusammen
mit Franz Rosenzweig. In: Franz Rosenzweig. Briefe. Unter Mitwirkung von
Ernst Simon, ausgewählt und herausgegeben von Edith Rosenzweig, Berlin
1935, S. 637-720. Auch: Judaism despite Christianity. The „Letters on
Christianity und Judaism“ between Eugen Rosenstock-Huessy und Franz
Rosenzweig, New York 1969; Out of Revolution, Autobiography of Western
Man, London 1939; Norwich/Vt 1969; Der Atem des Geistes, Frankfurt a. M.
1951; Heilkraft und Wahrheit, Konkordanz der politischen und der
kosmischen Zeit, Stuttgart 1952; Der unbezahlbare Mensch, Berlin 1955;
Des Christen Zukunft, Oder: Wir überholen die Moderne, München 1955,
Moers 21985; Frankreich-Deutschland, Mythos oder Anrede,
Berlin 1957; Soziologie, 2 Bände, Band 1: Die Übermacht der Räume,
Stuttgart 21956, Band 2: Die Vollzahl der Zeiten, Stuttgart
1958; Das Geheimnis der Universität, Stuttgart 1958; Die Sprache des
Menschengeschlechts, 2 Bände, Heidelberg 1963/ 1964; Dienst auf dem
Planeten, Kurzweil und Langeweile im Dritten Jahrtausend, mit
Dokumenten, Stuttgart 1965; Ja und Nein, Autobiographische Fragmente,
Heidelberg 1968; I am an impure Thinker, Introduction by W. H. Auden,
Norwich/Vt 1970; Speech and Reality, Norwich/Vt 1970; The Origin of
Speech, Norwich/Vt 1981.
Lit.:
Jung, Ulrich: Eugen Rosenstocks Beitrag zur deutschen Erwachsenenbildung
der Weimarer Zeit, Wiesbaden 1970; Rohrbach, Wilfried: Das Sprachdenken
Rosenstock-Huessys, Stuttgart 1973. stimmstein. Jahrbuch der Eugen
Rosenstock-Huessy Gesellschaft 1. Moers 1987.
Andreas Möckel
(1988)
nach oben
|