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„... Nichts hatte ich
der Welt zu künden
die unversöhnt in Blut und Tränen
stand
mir selber suchte ich ein Lied zu
finden
im tauben Land ...
ich tats auf deutsch wieso gekommen
die fremde Sprache mir ich weiß es
nicht...“
(Aus: Einstimmung zu
einem mir entwendeten Manuskript, in: Im Untergang. Ein
Jahrhundertbuch (I), 1986)
Ein toter Soldat im
Kriegswinter 1918, auf dem elterlichen Bauernhof aufgefunden, und das
unerwartete Ende des Vaters bewogen den etwa 14jährigen Rosenkranz
unvermittelt, sein jahrelanges Stummsein zu beenden. Er begann damals,
lange Zeit nur für sich allein, in deutscher Sprache zu dichten. Warum
er das tat und weshalb in dieser Sprache, wußte der Mann auch später
nicht genau zu sagen. Im Typoskript seiner Erinnerungen an die Jugend
ist nachzulesen, daß der Knabe hoffte, im Aufzeichnen seiner Erfahrungen
und Erkenntnisse einen Weg aus Verwirrung, Schrecken und Einsamkeit zu
finden. Ob der Kriegs- und Verschleppungserfahrung des Kindes, der
vielen Laute und Idiome wegen, die er um sich herum hörte? Die
Entscheidung wirkte jedenfalls als eine Heilung,
worauf in mehreren Gedichten des
späteren Rosenkranz angespielt ist: „Wie ängstigte als es aus mir
gebrochen/ das Wort an dem es mir gebrach ...“ (Das Wort, in: Im
Untergang II. Ein Jahrhundertbuch, S. 68). Diese Übung und die
Fähigkeit, die eigenen Gedichte zu memorieren, dürften ihm auch im
späteren Leben Rettung geboten haben.
Rosenkranz gehört zu
jener Gruppe deutschsprachiger Bukowiner Autoren, die in den letzten
Jahren wieder stärker in den Gesichtskreis der Gegenwartsliteratur und
der Rezeptionsforschung gerückt ist. Ein Teil seines Werks galt, wie
auch bei vielen anderen Bukowinern der Gruppe, als verschollen; es ist
jedoch durch einige Publikationen in den achtziger Jahren und durch das
Freiwerden des Zugangs zu Archiven in Rumänien wieder greifbar geworden.
Deportation, Flucht, Auswanderung, Vertreibung - am kollektiven
Schicksal der Bukowiner Autoren um die Mitte dieses Jahrhunderts hatten
deren Texte ebenfalls Anteil, wenn sie auch nur selektiv überlebten.
Ein Kind des
mehrsprachigen Nordbukowiner Dorfes, das aus kulturell und religiös
heterogenen, nicht auf einen Blick durchschaubaren Elementen und harten
Lebensgeboten geformt worden war, ist Rosenkranz eine der
eigenwilligsten dichterischen Begabungen aus dieser Region. Zugleich
erscheint er als atypisch. Sein Lebensweg unterscheidet sich deutlich
von dem der meisten seiner gleichaltrigen oder etwas jüngeren Kollegen,
die fast alle aus städtischem und (klein-)bürgerlichem Milieu kamen; er
stand im wesentlichen - und wohl gewollt - außerhalb der möglichen
Gruppenbezüge. Rosenkranz trat mit sechs Bänden Lyrik hervor, die
zwischen 1930 und 1988 erschienen. Nur die beiden letzten stellte er
selber zusammen. Seine Lyrik bildet den einsehbaren, festen Bestandteil
eines viel umfangreicheren Werkes. Nach seinen Übersetzungen aus dem und
ins Rumänische, nach seinen Anthologien müßte in Rumänien geforscht
werden. Rosenkranz ist Autor heute als verschollen geltender Dramen und
Prosatexte - Römerdramen, Christuslegenden, Romane (Die Leiden der
Eltern, Der Hund), die nicht zur Veröffentlichung gelangt sind. Als
sechstes von neun Kindern eines ostjüdischen Bauern aus dem Grenzland
zwischen der habsburgischen Bukowina und dem Zarenreich erfuhr der
Heranwachsende durch das bäuerlich-ländliche Milieu, den
österreichischen Patriotismus des Vaters, das mehrsprachige kulturelle
Umfeld und die Zeitereignisse in seiner engeren Heimat eine bleibende
Prägung. Im Elternhaus galten vier Sprachen: Ruthenisch (Ukrainisch),
das im Dorf auch Schulsprache war, Polnisch, wie es die Mutter im
Unterricht gelernt hatte, Judendeutsch und „gebildetes Daitsch“, das die
nach Höherem strebenden Schwestern einbrachten. Edmund, wie Rosenkranz
eigentlich hieß, besuchte das deutsche Untergymnasium in Bielitz und
dann in Prag, wo er 1916 in einem Internat für Flüchtlingskinder wohnte;
damals beharrte er angesichts von Handgreiflichkeiten eines Lehrers
gegen einen jüdischen Mitschüler auf der Änderung seines Vornamens in
Moses. 1918 kehrte er in die Bukowina zurück, um in Czernowitz noch im
dritten Gymnasialjahr die Schule endgültig zu verlassen. Es folgten
Wanderjahre durch Österreich und Frankreich; er war Gelegenheitsarbeiter
und, wieder in Rumänien, Soldat. 1930 zog er nach Bukarest um, wo er
unter anderem als Übersetzer und Sekretär des Großgrundbesitzers und
Schriftstellers Ion Pillat arbeitete. Unter der Militärdiktatur
Antonescus war er in dem Arbeitslager Bentu interniert, wo sich auch
Paul Antschel (Celan) befand. 1945/1946 war er im Auftrag des
Internationalen Roten Kreuzes in Bukarest karitativ tätig. In dieser
Stellung wurde er von der Straße weg verschleppt und des Widerstands
gegen den Kommunismus angeklagt. Sein Weg führte von Bukarest bis
Norilsk auf Taymir: So befand sich Rosenkranz seit 1947 über ein
Jahrzehnt lang in sowjetischen Arbeitslagern und Gefängnissen.
Schließlich konnte er 1961 Rumänien verlassen. Er lebt heute im Süden
Deutschlands.
„Entdeckt“ worden war
Rosenkranz in Czernowitz von Alfred Margul-Sperber, dem in der
Bukowinametropole bekannten Literaten und Kritiker. Zunächst von Alfred
Margul-Sperber, Oscar Walter Cisek und Ion Pillat gefördert, publizierte
er drei schmale Gedichtbände Leben in Versen (Czernowitz 1930),
Gemalte Fensterscheiben (Czernowitz 1936), Die Tafeln
(Czernowitz 1940). 1947, als er schon im Gulag war, veröffentlichten
Immanuel Weissglas und Herman Roth in Bukarest seinen Band Gedichte
unter dem Pseudonym Martin Brant. In den späten 80er Jahren
erschienen zwei weitere Gedichtbände: Im Untergang (München 1986)
und Im Untergang II (Innsbruck 1988), beide mit dem Untertitel
Ein Jahrhundertbuch. Einzelne frühe Gedichte wurden, geringfügig
bearbeitet, wieder aufgenommen. Motive der frühen Bände - Natur, Liebe,
Bauernleben, das naturvernichtende Vordringen der Stadt, Todessehnsucht,
Trauer - verdichten sich in den beiden letzten Lyrikbüchern und münden
in die Darstellung des Schreckens des Krieges und der Völkervernichtung.
Im Untergang II thematisiert er zurückweisend in Vorzeit und
Antike, die Zerstörung der Erde durch den Menschen und erhebt Anklage
gegen die sich heute anbahnende totale Vernichtung der Natur im Gefolge
von Wissenschaft und Technik. Der siebenbürgische Literat Herman Roth
bezeichnete die Gedichte von Rosenkranz als „großartige Bekundungen
östlicher Kraft“, der Bukowiner Alfred Margul-Sperber chakterisiert
deren Sprache als „so unverbraucht, so neu,... ein jedes Wort organisch
gewachsen an seiner Stelle ..., erstmalig, unverwechselbar,
unverrückbar.“ Sehnsucht nach Erlösung und die Hoffnung auf das
Überdauern der Natur - die Blüte einer Blume in Angesicht des
Untergangs (Im Untergang. Ein Jahrhundertbuch II, S.94) - das sind
weitere Themen aus dem Alterswerk von Rosenkranz. Die wiederkehrenden
Baummetaphern wie „Es hält der am sich / mit den Wurzeln fest / am
dichten Boden / den er nicht läßt./ Indem er diese / in die Tiefe taucht
/ reicht ihm der feuchte / Boden was er braucht.“ (Der Gesetzte,
ebenda, S. 53) tragen spruchweisheitartig diese Botschaft.
Lit:
D(ieter) K(essler):
Gedichte. In: Südostdt. Vjsbl. Mchn 34 (1985) 2, 92f. – Joh. Adam Stupp:
„Die Blutfuge“ und „Todesfuge“. In: Ebd. 34 (1985) 4, 287f. - Cornelius
R. Zach; Gedanken zu einem Jahrhundertbuch. In: Ebd. 35 (1986) 4, 266ff.
- Die Bukowina. Studien z. einer versunkenen Literaturlandschaft, hgg.
v. Dietmar Goltschnnigg und Anton Schwob. Tübingen 1990, Ed. Orpheus. 3.
- Fäden ins Nichts gespannt, hgg. von Klaus Werner. Leipzig 1991. Einige
Gedichtbeiträge und Briefe von M.R. an Alfred Margul-Sperber wurden in
der Bukarester Zeitschrift „Neue Literatur“ veröffentlicht, u.a. in Heft
1/1971 27 Gedichte ausgewählt und mit einem Vorwort versehen von Paul
Schuster, Heft 6/1974 des „Neuen Literaten“ enthält drei Rezensionen von
Alfred Margul-Sperber (2) und Alfred Kittnes (1) zu Gedichtbänden von
Moses Rosenkranz.
Bild:
Moses Rosenkranz am 1.
Juli 1993; Photo von Doris Demant, Baden-Baden.
Krista Zach
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