|
Nur gerade ein Viertel seiner 85. Lebensjahre hat Hans Rothfels, der aus
der Mitte Deutschlands kam, in dessen östlicher Hälfte gewirkt; dennoch
wird seiner mit vollem Recht in diesem Jahrbuch gedacht. Wenn sich der
Osten darin vom Westen unterschied, daß hier sozusagen nichts nur
naturwüchsig war, alles auf Entscheidung und Bekenntnis ankam – von
Grenzziehung und Besiedlung über die nationale Zugehörigkeit zur Politik
–, dann war das meiste von dem, was er bei seinen Forschungen zur
neueren deutschen Geschichte erkannt und an seine Studenten, Hörer und
Leser weiterzugeben versucht hat, „östlich“, dem Westen und Süden
zunächst fremd. Auch sein Leben und Wirken war sehr bewußt auf
Entscheidung und Bekenntnis gestellt, wie ihn denn die
„Prinzipienfragen“ und die sittlichen Entscheidungen in der Geschichte
vor allem beschäftigt haben. Seine Wirksamkeit war groß. Die ganz
unprätentiöse Autorität und der Charme seiner Persönlichkeit waren so
stark, daß er überall der Mittelpunkt war; wie die Menschen fielen ihm
auch die Ämter und Ehren ungesucht zu; er nahm beides als
selbstverständlich hin, ohne darüber ein Wort zu verlieren. Als
akademischer Lehrer verkörperte er eine Universität, die ihre Studenten
und deren wesentliche Fragen – die meist auch die wesentlichen Fragen
der Zeit sind – ernst und in strenger fachlicher Arbeit in die Pflicht
nahm, wenig von Bildung redete, aber intensiv bildete. Er war kein Mann
der dicken Bücher oder rhetorischen Brillanz, sondern des knappen,
eindringlichen, aber inhaltsreichen Vertrags oder Aufsatzes, der
Pointierung, nicht der Breite. Als Forscher wirkte er durch
eigenständige Frage- und Problemstellungen wie als Anreger und
Organisator; gerade hier hat er bis ins hohe Alter die Mühsal täglicher
Pflichterfüllung und treuer Kleinarbeit nicht gescheut.
Der Sohn einer alteingesessenen jüdischen Familie Kassels besuchte dort
das humanistische Gymnasium. Sein Studium in Freiburg, München, Berlin
und wieder Freiburg (1909-1914) führte ihn bald zur Geschichte und zu
Friedrich Meinecke, dem Meister der geistesgeschichtlichen Analyse, der
sein eigentlicher Lehrer und Mentor wurde. So bewußt wie seine
Entscheidung für diese Art der Geschichte war die gleichzeitig
getroffene für den evangelischen Glauben. Im Weltkrieg als
Artillerieoffizier schwer verwundet – nach Amputation eines
Oberschenkels lag er zweieinhalb Jahre im Lazarett – wurde er 1918 von
Hermann Oncken in Heidelberg mit einer ideengeschichtlichen Studie
über Carl von Clausewitz – Politik und Krieg promoviert, dem ersten
seiner großen Themen. Nach vier Jahren als Archivrat am Reichsarchiv in
Potsdam (1920-1924) habilitierte ihn Meinecke in Berlin mit einer Arbeit
über Bismarcks Bündnispolitik, die er ein Jahr später durch eine
klassisch gewordene Auswahl von Dokumenten zu Bismarcks Verhältnis zum
Staat abrundete. Auch dieses Thema hat ihn sein Leben lang beschäftigt.
Wenig später lernte er es ganz neu sehen und behandeln. Denn in der Welt
des östlichen Mitteleuropa, in die er mit seiner Berufung an die
Universität Königsberg eintrat, stimmte vieles von dem nicht mehr, was
im Westen als selbstverständlich galt. Die äußeren Anstöße zu dieser
neuen Erkenntnis kamen wohl von der Politik, von „Versailles“ und seinen
in Ostpreußen ganz besonders spürbaren Auswirkungen auf die Völker.
Seine Positionen hatten jedoch nichts zu tun mit dem engstirnigen
Nationalismus der „nationalen Rechten“ jener Jahre, sein Kampf gegen
Versailles wurde nicht um andere Grenzen, sondern um andere Gesinnungen
geführt. Mit seinen Studenten, denen er auch sein kinderreiches Haus
öffnete, lernte er Ostpreußen, die baltischen Staaten, Polen kennen; die
Frucht dieser Erfahrungen war eine neue, „östliche“ Sicht Bismarcks, der
vom Staat, nicht von der Nation her gedacht und gehandelt und föderative
Ordnungen zu verwirklichen versucht habe, die keinem zumuteten, wegen
seiner Zugehörigkeit zu einer durch Sprache und Literatur bestimmten
„Kulturnation“ in Konfllikt mit einer „Staatsnation“ zu leben.
Entsprechende Regelungen der Schulgesetzgebung jener Jahre oder der
estländischen Kulturautonomie galten ihm immer als vorbildlich.
Den Nationalsozialismus hätte ein solcher Mann auch dann bekämpft, er
ihm nicht sein Deutschtum abgesprochen und ihm Amt, Wirkungsmöglichkeit
und Heimat genommen hätte. In der Hoffnung auf die innerdeutsche
Opposition versuchte sich Rothfels in Deutschland zu halten; Mitte
August 1939 mußte er schließlich doch über England in die USA emigrieren
und sich dort eine neue Existenz in. Kurz nach Kriegsende wurde er auf
einen Lehrstuhl nach Chicago berufen. Auch hier blieb Rothfels
Deutschland eng verbunden. Aus einem öffentlichen Vortrag von 1947 ging
sein Buch über German Opposition to Hitler (1948) hervor, die
erste zusammende Würdigung vor allem des preußisch-konservativen
Widerstandes, die 1949 auf deutsch erschien und von ihm immer wieder neu
bearbeitet wurde.
Die Rückkehr ist ihm trotzdem nicht leichtgefallen, auch als er aus der
Resonanz auf seinen großen Bismarck-Vortrag auf dem ersten
Nachkriegs-Historikertag spürte, wie sehr er in Deutschland gebraucht
wurde. Von Tübingen aus entfaltete er seit 1951 nochmals eine intensive
Wirksamkeit als Forscher und Lehrer, als Organisator der jungen
Disziplin „Zeitgeschichte“ und Herausgeber der Vierteljahrshefte für
Zeitgeschichte, als Repräsentant des „Verbandes der Historiker
Deutschlands“ und der besten Traditionen der deutschen
Geschichtswissenschaft, als Interpret Bismarcks in einer Zeit, der er
zutiefst fragwürdig geworden war, als Repräsentant des alten Preußen wie
der jungen Bundesrepublik. In ihrem Bekenntnis zu den Grundwerten des
Ostens sah er eine Erfüllung des Vermächtnisses des Widerstandes; die
Teilung sah er illusionslos als Ergebnis bloßer Machtpolitik, ihre
Überwindung abhängig von einem Wandel der sowjetischen Haltung gegenüber
dem Selbstbestimmungsrecht der Völker. Den erklärten Verzieht der
Vertriebenen auf jeden Versuch, ihr Recht auf Heimat anders als durch
freie Vereinbarung mit den östlichen Nachbarn zu verwirklichen, begrüßte
er. Die Entwicklung seit 1989 hätte er als Bestätigung empfunden.
Rothfels hat bedeutende Schüler gehabt, von denen hier nur die
„Königsberger“ Theodor Schieder (1908-1984) und Werner Conze (1910-1986)
genannt seien, aber keine Schule gebildet. Vergessen ist er deshalb
nicht; sein 100. Geburtstag sollte Anlaß sein, sich erneut auf die Werte
zu besinnen, die er vertrat.
Werke:
Zeitgeschichtliche Betrachtungen. Vortrage und Aufsätze. Göttingen 1959
u.ö. –Bismarck, der Osten und das Reich. Darmstadt 1960. – Bismarck.
Vorträge und Abhandlungen. Stuttgart 1970. – Bibliographie der weiteren
Schriften in Wolfgang Benz und Hermann Graml (Hgg.):
Aspekte deutscher Außenpolitik im 20. Jahrhundert. Stuttgart 1976, S.
287-304.
Lit.:
Werner Conze (Hg.): Deutschland und Europa. Festschrift für Hans
Rothfels. Düsseldorf 195 l. – Waldemar Besson und Friedrich Frhr. Hiller
v. Gaertringen (Hgg.): Geschichte und Gegenwartsbewußtsein. Festschrift
für Hans Rothfels zum 70. Geburtstag. Göttingen 1963. –Hans Mommsen, in:
Benz und Graml, aaO., S. 9-28. – Ders. in: Hans-Ulrich Wehler (Hg.):
Deutsche Historiker. Bd. 9. Göttingen 1982, S. 127-147. –Werner Conze,
in: Historische Zeitschrift 237 (1983), S. 311-360.
Bild:
Aus W. Conze (Hg.): Deutschland und Europa (wie oben).
Bernhard
Mann
nach oben
|