Mit einem
Selbstporträt gratulierte Roth 1930 seinem Verleger Gustav
Kiepenheuer zum 50. Geburtstag: „Er ist immer jung, ich immer alt.
Er wird fünfzig, ich werde zweihundert.“ Und der Verleger wußte die
Melancholie, welche aus dieser Unterscheidung sprach, an seinem
Autor zu schätzen. Dessen Arbeit an seinem erfolgsträchtigsten
Roman, Radetzkymarsch, begleitete er mit dem Zuspruch: Roth,
Sie müssen noch trauriger werden! Als einfühlsamen Beobachter und
phantasiereichen Rollenspieler charakterisierten ihn seine Freunde,
allen voran Hermann Kesten, der in zwei Werkausgaben in der
Nachkriegszeit den Ruf des einstigen Starjournalisten aus der
Weimarer Republik und des international bekanntgewordenen Erzählers
wiederherstellte. „Ich habe viele Meilen zurücklegen müssen“, heißt
es in Roths Gratulationsbrief zu Beginn. „Zwischen dem Ort, in dem
ich geboren bin und den Städten, Dörfern, durch die ich (...) komme,
um in ihnen zu verweilen, und in denen ich nur verweile, um sie wie
zu verlassen, liegt mein Leben, eher nach räumlichen Maßen
meßbar als nach zeitlichen.“ Und
tatsächlich ist er selbst, seit dem Militärdienst im Ersten
Weltkrieg ein immer stärkerer Alkoholiker, keine fünfzig Jahre alt
geworden. Erfüllt jedoch war dieses ruhelose Leben von unentwegtem
journalistischen Engagement und der besessenen literarischen
Umsetzung seiner Eindrücke und Erlebnisse als Reporter und
Feuilletonist sowie seiner dichterischen Pläne als Romancier.
Szwaby gab er
gelegentlich als seinen Geburtsort an, wobei er die Bezeichnung
aufgriff, welche die Straßenzüge einstiger deutscher Kolonisten in
dem „winzigen Nest in Wolhynien“ von der Bevölkerung erhalten
hatten. Den jüdischen Vater, der aufgrund einer Geisteskrankheit
schon vor der Geburt des einzigen Sohns die Familie verlassen hatte,
dichtete Roth in einen österreichischen Schlawiner um, und mit der
Charakterisierung seiner Mutter vervollständigte er das Panorama der
ethnischen Vielfalt, die seine Jugend in der Kleinstadt an der
Grenze zwischen der K. u. K.-Monarchie und dem Zarenreich bestimmte.
Eine „Jüdin von kräftiger, erdnaher, slawischer Struktur“ sei sie
gewesen und habe „oft ukrainische Lieder“ gesungen. Was ihm sein
Andenken in der Sowjetunion sicherte, zu der Brody nach dem Zweiten
Weltkrieg gehörte, war Roths unnachgiebige publizistische
Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Und so ist er als
Antifaschist und Schriftsteller bis heute unter den Köpfen der
berühmten Söhne der Stadt auf einem Denkmal verewigt, das gegenüber
dem einstigen Kronprinz-Rudolf-Gymnasium errichtet wurde, von dem
sich die Träume und Wünsche des Abiturienten und Deutschprimus auf
die Metropolen und Kulturzentren im Westen richteten.
Das Jahr 1914, in
dem er sein Germanistikstudium in Wien aufnahm, markiert mit dem
Beginn des Ersten Weltkriegs den nie verkrafteten Lebens-Einschnitt
von Roths Generation, der „Verlorenen“, wie sie im Rückblick der
zwanziger Jahre sich selbst nannte, viele von ihr unter den
Nachbildern des Grauens nicht mehr zur Formalität des bürgerlichen
Lebens zurückfanden. Der entlassene und stellungslose Offizier
bildet die Hauptfigur von Roths erstem Romanversuch, des Fragments
Das Spinnennetz (1923); mit dem orientierungslosen Heimkehrer
und dem deklassierten Kriegskrüppel beschäftigen sich die
Romane Hotel Savoy und Die Rebellion (beide: 1924);
Die Flucht ohne Ende (1927), auf der von Osten nach Westen, von
der Russischen Revolution bis zur kapitalistischen Konjunktur der
goldenen zwanziger Jahre satirisch die jeweiligen Wertvorstellungen
gemustert werden, beschließt Roth mit der klassischen Formel für den
geschilderten Generationsvertreter: „Er hatte keinen Beruf, keine
Liebe, keine Lust, keine Hoffnung, keinen Ehrgeiz und nicht einmal
Egoismus. So überflüssig wie er war niemand in der Welt“.
Das Studium in Wien
hatte Roth nach dem Krieg nicht mehr fortgesetzt, vielmehr baute er
seine auch während des Militärdienst weiterlaufenden publizistischen
Versuche aus und wurde 1915 Mitarbeiter der neugegründeten Wiener
Tageszeitung Der Neu Tag. Ihr Redaktionskollegium, zu dem
unter anderen Alfred Polgar zählte, wurde seine feuilletonistische
Schule, mit deren Rüstzeug sich Roth nach der Einstellung des
Blattes im Jahr danach auf die publizistische Szene Berlins wagte.
Und Jahr für Jahr gewann er als sozialkritisch der linksbürgerlichen
Intelligenz verpflichteter Autor an beruflicher Geltung, war 1921
Mitarbeiter am Berliner Börsen-Courier, veröffentlichte 1922
erstmalig im Vorwärts und brachte 1923 sein erstes Feuilleton
in der Frankfurter Zeitung unter, die ihn zwei Jahre später
zu ihrem Korrespondenten in Paris ernannte.
In Fortsetzungen der
Tageszeitungen, für die er seine Reisberichte, Essays, Reportagen,
Rezensionen und Glossen schrieb, erschienen gleichzeitig Romane und
Erzählungen, dominiert wie die journalistischen Texte von dem
zweiten großen Thema jener Zeit der Wandlung einer
Ständegesellschaft in die moderne Massengesellschaft. Wie die
kleinen Leute darauf reagierten, wie sie bis in den Tod um ihren
Status kämpften, was Franz Werfel in seinem Tod des
Kleinbürgers grell veranschaulichte, das erregte die poetische
Teilnahme Roths und schlug sich gleichzeitig in
ironisch-distanzierter Beschreibung nieder: als bilderreicher
epochaler Kleinbürger-Roman bleibt Zipper und sein Vater
(1928) ebenso literarisch wie filmisch noch zu entdecken. Die
Hinwendung zu einer doppelgesichtigen K. u. K.-Nostalgie, die das
populäre Bild von Joseph Roth heute prägt, ist dem ungeahnten Erfolg
faschistischer Politik und der Ohnmacht zuzuschreiben, mit der die
sozialistischen Bewegungen ihr gegenüber standen. Das Italien
Mussolinis, das er bereiste, erschien für Roth Begriffe von
Menschenwürde ebenso barbarisch wie die Sowjetunion Stalins, ganz zu
schweigen von Hitlers Deutschland, gegen dessen Heraufdämmern er die
Erinnerung an den Vielvölkerstaat mobilisierte, eine labile und
schließlich gescheiterte Staatenordnung gewiß, aber im Bestand ihrer
Lebensweite unendlich vorzuziehen der Hölle ideologisch
gleichgerichteter Diktaturen, die dem 20. Jahrhundert Der
Antichrist (1934) beschert haben mußte. Die dichterische
Abwendung jedoch von Zeitgeschichte und Zeitroman, die mit der
Ausarbeitung heimatgeschichtlicher und historischer Sujets in den
Romanen Hiob (1930) und Radetzkymarsch (1932) den
Erzähler Roth zum internationalen Erfolgsautor machte, war
keineswegs mit politischer Resignation und Verstummen in der
Tagespublizistik verbunden. Entschieden trennte er sich nach der
Machtübernahme von seinen deutschen Arbeitgebern und wurde sich auch
dadurch seines Status als Österreicher und Jude schärfer bewußt als
zuvor. Mit der französischen Exilgruppe der österreichischen
Legitimisten zu sympathisieren und Anhänger des jungen Otto von
Habsburg zu werden, war weder ein Akt von politischem
Obskurantismus, wie es die einstigen Freunde von der Linken
beurteilten, noch ein Zeichen von alkoholisiertem Emigrantentum, wie
Thomas Mann glaubte, es Roth abmerken zu müssen.
Roths Leben und
Schreiben in Paris, die Mitarbeit an der Pariser Tageszeitung
der deutschen Emigranten und der Österreichischen Post der
Legitimisten sicherte ein österreichischer Paß ebenso wie die Reisen
zu den Amsterdamer Verlagen, die ab 1933 seine Bücher druckten:
Tarabas, ein Gast auf dieser Erde (1934) und Die hundert Tage
(1935) – beide die Hybris und den Fall von Militärdiktatoren
umkreisend, einmal in der Person eines polnischen
Garnisonskommandanten, das andere Mal in der Person Napoleons, der
die Wiedereroberung der Macht versucht. Erkennbar auch der Zeitbezug
in dem Agentenroman Beichte eines Mörders, er-, zählt in einer
Nacht (1936), der im russischen Emigrantenmilieu nach dem Ersten
Weltkrieg spielt, während die letzten Stoffe des Erzählwerks
aus der Geschichte oder der Gegenwart Österreichs gewählt sind und
das Untergangsthema variieren: Das falsche Gewicht (1937) den
Identitätsverlust und schäbigen Tod eines Beamten fern an der Grenze
der Monarchie, Die Kapuzinergruft (1938) die Illusionen und
das Ende der Ersten Republik und Die Geschichte von der 1002.
Nacht (1939) im kaiserlichen Wien ein Netz sozialer
Verstrickungen, in dem Gedankenlosigkeit und Begierden, Gutmütigkeit
und Gewinnsucht die Personen wechselweise zu Tätern wie zu Opfern
transformieren.
Den ärmlichen
Umständen, denen der von Stefan Zweig unterstützte, einst
hochdotierte Publizist nach der Abschnürung vom deutschen Buch- und
Zeitungsmarkt überantwortet war, hat Roth literarisch ein Denkmal
gesetzt, in dem er sich ironisch selbst porträtierte: im Bild des
Clochards seiner Erzählung Die Legende vom heiligen Trinker
(1939). Nach Österreichs Anschluß war er bei aller materiellen
Misere auch politisch ein Heimatloser geworden. Sein Leben endete im
Frühling des nächsten Jahres im Pariser Hospital Necker, und sein
Grab liegt auf dem Friedhof Thiais bei Paris.
Lit.:
Joseph Roth: Werke.
Bd. I - VI, Köln und Amsterdam 1989 - 1991. - Joseph Roth: Briefe
1911-1939. Köln und Berlin 1970. - Joseph Roth: Aber das Leben
marschiert weiter und nimmt uns mit. Der Briefwechsel zwischen
Joseph Roth und dem Verlag De Gemeenschap 1936 - 1939. Köln 1991. -
David Bronsen: Joseph Roth. Eine Biographie. Gekürzte Fassung, Köln
1993 (mit aktualisierter Auswahlbibliographie).
Fritz Hackert