Stephan
Ludwig Roth
gehört zu
den
bedeutendsten
und
bekanntesten
Gestalten
der
Siebenbürger
Sachsen.
Über keine
andere
Persönlichkeit
gibt es ein
so
umfangreiches
Schrifttum
(bisher über
700 Titel)
einschließlich
dichterischer
Gestaltung
seines
tragischen
Schicksals.
Roths
Schriften
und Briefe
liegen in
einer
siebenbändigen
Ausgabe auf,
die zugleich
die größte
und
vollständigste
Edition ist,
die jemals
einem
siebenbürgisch-sächsischen
Schriftsteller
gewidmet
wurde.
Roth
verbrachte
seine
Kindheit als
Pfarrerssohn
in Nimesch
und
Kleinschelken.
Er besuchte
das
Gymnasium in
Mediasch und
Hermannstadt
und begab
sich dann
zum Studium
der
Theologie
nach
Tübingen
(1817). Sein
Interesse
für die
Schule
führte ihn
zu dem
Schweizer
Pädagogen
Pestalozzi
nach Iferten
(Yverdon am
Neuenburger
See), der
ihn als
Lehrer
anstellte
und ihm
sogar den
Auftrag
erteilte,
einen
Leitfaden
über den
Sprachunterricht
auszuarbeiten.
Aufgrund
dieser
Arbeit und
seiner
späteren
pädagogischen
Tätigkeit
wurde Roth
zum
bedeutendsten
Pestalozzianer
Südosteuropas.
Mit einer
Dissertation
über Das
Wesen des
Staates als
eine
Erziehungsanstalt
für die
Bestimmung
des Menschen
wurde Roth
1820 in
Tübingen zum
Dr. phil und
Magister der
freien
Künste
promoviert.
Nach
Siebenbürgen
heimgekehrt,
veröffentlichte
der
angehende
Lehrer und
Pfarrer 1822
eine
Schrift, in
der er nach
dem Vorbild
Pestalozzis
für die
Gründung
einer
Anstalt zur
Ausbildung
von Lehrern
für
Armenschulen
auf dem
Lande warb.
Dem Plan war
kein Erfolg
beschieden,
nicht
zuletzt
darum, weil
er den
Möglichkeiten
und
Erfordernissen
zu wenig
Rechnung
trug. Roth
hatte aber
ein
Hauptanliegen
seines
Lebenswerkes
angekündigt:
den Kampf
gegen Armut
und soziale
Not durch
höhere
Bildung. Von
1821 bis
1834 wirkte
Roth als
Lehrer,
Konrektor
und Rektor
am Gymnasium
von Mediasch.
Er bemühte
sich auf der
Grundlage
Pestalozzischer
Prinzipien
um die
Verbesserung
des
Unterrichts,
traf
Maßnahmen zu
einer
praxisnahen
Ausbildung
der
zukünftigen
Handwerker
und
Kaufleute in
der
Bürgerschule
und der am
Gymnasium
lernenden
angehenden
Dorfschulmeister.
Er versuchte
als einer
der ersten
in der
österreichischen
Monarchie,
zu der
damals
Siebenbürgen
gehörte,
Turnunterricht
einzuführen.
Als Rektor
geriet er
mit den
kirchlichen
und
weltlichen
Stadtobern
in Konflikt,
als er
daranging,
gegenüber
ihnen und
ihren
Eingriffen
die
Unabhängigkeit
der
materiell
schlechtgestellten
Lehrer und
der Schule
zu festigen.
Gegen seinen
Willen wurde
er 1834 ins
Stadtpredigeramt
abgeschoben.
1837 wählte
ihn Nimesch
und 1847
deren
größere
Nachbargemeinde
Meschen zum
Pfarrer.
Als
Dorfpfarrer
hat sich
Roth
zunächst der
Nöte des
Bauernstandes
angenommen.
Er wurde zum
Vorkämpfer
einer
modernen
Landwirtschaft
in
Siebenbürgen.
In
zahlreichen
Zeitungsartikeln
und
Schriften
wie
Untersuchungen
und
Wohlmeinungen
über
Ackerbau und
Nomadenwesen
(1842),
Wünsche und
Ratschläge,
eine
Bittschrift
fürs
Landvolk
(1843)
plädierte er
für die
Beseitigung
der seit dem
Mittelalter
praktizierten
Dreifelderwirtschaft,
für die
Kommassation
(Flurbereinigung)
der
zerstückelten
Äcker, den
verstärkten
Anbau neuer
Kulturpflanzen
wie
Kartoffeln
und Klee,
die Zucht
besserer
Rebensorten,
für
Obstveredlung,
für die
Einführung
des
Eisenpfluges
und der
Stallfütterung
des Viehs.
Durch
musterhafte
Bewirtschaftung
seines
Pfarrgrundes
gab er den
Bauern ein
Beispiel. Da
aber
"Michael
Vorurteil"
und "Hans
Schlendrian",
wie sich
Roth
plastisch
ausdrückte,
nicht so
leicht von
der neuen
landwirtschaftlichen
Anbauart zu
überzeugen
waren, begab
er sich im
Jahre 1845
nach
Württemberg,
um von dort
deutsche
Landwirte
als
"Musterbauern"
nach
Siebenbürgen
zu rufen.
Seiner
Werbung
folgten mehr
als erwartet
- etwa
1800
Personen. Da
sich unter
den
angesiedelten
Schwaben
jedoch kaum
Bauern
befanden und
ihre
Unterbringung
Schwierigkeiten
bereitete,
mißlang das
Kolonisationswerk
und brachte
ihrem
Initiator
viele
Unannehmlichkeiten,
da die
Magyaren und
zum Teil
auch die
Rumänen eine
Stärkung des
siebenbürgischen
Deutschtums
zu ihrem
Nachteil
befürchteten.
Roth hat
sich auch
für die
Belebung des
Handwerks
und der
Zünfte durch
höhere
Berufsausbildung
(siehe seine
Schrift
Die Zünfte.
Eine
Schutzschrift,
1841), für
die
Errichtung
von
Industrieunternehmen,
die
Verbesserung
der
Landstraßen
und den Bau
von
Eisenbahnlinien
eingesetzt.
In den
Jahren des
Vormärz und
während der
Revolution
von 1848/49
verfolgte
Roth mit
großer
Anteilnahme
die
politischen
und
gesellschaftlichen
Auseinandersetzungen
und nahm
dazu in der
Presse
Stellung.
Seine
bedeutendste
politische
Schrift ist
Der
Sprachkampf
in
Siebenbürgen
(1842). In
ihr und
vielen
anderen
publizistischen
Äußerungen
bezog er
gegen die
von
führenden
ungarischen
Kreisen
Siebenbürgens
geplante
Magyarisierung
der
nichtmagyarischen
Völkerschaften
Stellung und
forderte
statt dessen
gleiches
Recht für
alle im
Lande
lebenden
Nationen -
Magyaren,
Rumänen und
Sachsen.
Während der
Revolution
von 1848/49
stand er als
Siebenbürger
Sachse im
österreichisch-kaiserlichen
Lager und
wurde als
Kommissar
und
stellvertretender
Verwalter im
Kokler
Komitat
eingesetzt.
Das nutzten
seine
ungarischen
Gegner, um
ihm als
"Vaterlandsverräter"
den Prozeß
zu machen.
Er wurde im
Frühjahr
1849
gefangengenommen
und in
Klausenburg
standrechtlich
hingerichtet
(11. Mai
1849).
Hinter
diesem
Justizmord
standen jene
Kreise, die
ihn als
Gegner der
Magyarisierung,
der einen
großen
Widerhall
gefunden
hatte, zum
Schweigen
bringen
wollten.
Roths
tragischer
Tod hat die
Siebenbürger
Sachsen sehr
erschüttert,
und er hat
seinem Leben
und Werk
einen
besonderen
Nimbus
verliehen.
Seine
überragende
Bedeutung
liegt darin,
daß er auf
schulischem,
wirtschaftlichem
und
völkisch-politischem
Gebiet
zukunftsweisende
Perspektiven
eröffnet und
als
Nationalitätenpolitiker
ein Konzept
für ein
friedliches
Zusammenleben
verschiedensprachiger
Völker in
demselben
Staatsgebilde
ausgearbeitet
hat. Vor
allem
beschäftigte
ihn die
Zukunft der
Siebenbürger
Sachsen, die
sich in
ihrer
Existenz als
nationale
Minderheit
bedroht
fühlten. Er
erkannte
richtig, daß
sich für sie
nach dem
Verlust
ihres
bisherigen
privilegierten
Standes
künftig in
Kirche und
Schule neue
volkserhaltende
Bastionen
ergaben,
wobei er
darauf
hinwies, daß
von seinen
Landsleuten
Loyalität
gegenüber
dem
Vaterland
nur dann zu
erwarten
sei, wenn
ihnen ihr
Bekenntnis
zum
Deutschtum
und die
geistige
Verbindung
zum
deutschen
Mutterland
garantiert
würden.
Damit hat
Roth für gut
100 Jahre
die
Grundprinzipien
der
Überlebensstrategie
der
Siebenbürger
Sachsen als
nationale
Minderheit
umrissen.
Werke:
St.L. Roth:
Gesammelte
Schriften
und Briefe.
Hrsg. Otto
Folberth.
Bd. 1-7, 1.
Aufl.
Hermannstadt,
Kronstadt,
Berlin
1927-1964;
Reprint
Berlin,
1970.
Lit.:
Otto
Folberth:
Der Prozeß
Stephan
Ludwig Roth.
Ein Kapitel
Nationalitätengeschichte
Südosteuropas
im 19.
Jahrhundert.
Graz-Köln
1959. -
Ders.: St.L.
Roth.
Bibliographie.
In:
Siebenbürgisches
Archiv, III
Folge, Bd.
10,
Köln-Wien,
1974 (führt
das gesamte
bis dahin
erschienene
Schrifttum
auf).
-
Michael
Kroner: St.L.
Roth. Ein
Leben für
Fortschritt
und
Völkerverständigung.
Klausenburg
1977. -
Martin
Wellmann:
Kirche und
Pfarramt bei
St.L. Roth
im
Spannungsfeld
von Politik
und
Sozialpädagogik.
Köln-Wien
1970.
Michael
Kroner