Ernst Rülke
wurde in
Leipzig
geboren,
kehrte aber
in die
Heimatstadt
seines
Vaters, nach
Hirschberg
zurück. Vor
dem Ersten
Weltkrieg
begann er
eine
Ausbildung
als
Holzbildhauer
an der 1902
eröffneten
Holzschnitzschule
vor den
Toren von
Hirschberg,
in Bad
Warmbrunn,
und setzte
sie nach dem
Kriege fort.
1926 legte
er die
Meisterprüfung
ab und
eröffnete in
Hirschberg
eine eigene
Werkstatt.
1931 nahm er
ein Studium
für das
künstlerische
Lehrfach an
der
Gewerbe-Akademie
in Berlin
auf und
schloß es
1933 mit dem
Staatsexamen
ab, das er
mit
Auszeichnung
bestand.
1933 bis
1935 war er
Gewerbeoberlehrer
in
Hirschberg,
1935 wurde
er als
Fachlehrer
für
Bildhauerei
an die
Warmbrunner
Holzschnitzschule
berufen.
Als der
Leiter
dieser
Schule,
Professor
dell'
Antonio, die
Altersgrenze
erreichte
und eine
öffentliche
Ausschreibung
der Stelle
erfolgte,
wurde Ernst
Rülke
aufgrund der
fachlichen
und
pädagogischen
Eignung vom
zuständigen
Ministerium
in Berlin
als Direktor
bestimmt,
jedoch vom
NS-Kreisleiter
abgelehnt,
der einen
anderen
durchsetzte.
Rülke bot
man die
Direktorenstelle
der
Fachschule
in Hallein
an, die er
jedoch
ablehnte. Er
blieb in Bad
Warmbrunn.
Dem aus
Oberammergau
als Direktor
berufenen
Bildhauer
Kurt
Aschauer
stand er
jedoch loyal
zur Seite
und
unterstützte
dessen
pädagogische
Bemühungen
und dessen
Bestrebungen,
Kriegsverletzte,
die ihren
erlernten
Beruf nicht
mehr
ausführen
konnten, zu
Holzschnitzern
und
Bildhauern
umzuschulen.
Als Kurt
Aschauer,
der an einer
unheilbaren
Krankheit
litt, seinen
Dienst nicht
mehr
versehen
konnte,
übernahm
Ernst Rülke
von
September
1942 an die
Vertretung
und wurde
nach der
vorzeitigen
Pensionierung
Aschauers am
1. April
1944
Direktor der
Warmbrunner
Holzschnitzschule.
Er rettete
die Schule
über den
Zusammenbruch
Deutschlands
hinweg und
leitete sie
unter
russischer
Besatzung
und ab 16.
Juni 1945 im
Auftrag der
polnischen
Verwaltungsbehörde
weiter. Am
1. März 1946
jedoch mußte
Ernst Rülke
das
Schulgebäude
einem
polnischen
Beamten
übergeben.
Ihm wurde
vom
zuständigen
Warschauer
Ministerium
befohlen, im
neugegründeten
"Polnischen
Tischler-
und
Bildhauergymnasium"
die
Ausbildung
polnischer
Bildhauerlehrer
zu
übernehmen.
Aber noch
ehe der
Unterricht
wieder
aufgenommen
werden
konnte,
wurde im
Juni 1946
auch der
letzte noch
in Schlesien
verbliebene
deutsche
Schüler
ausgewiesen,
und im
November
1946 wurde
Ernst Rülke
mit seiner
Frau und
seiner
betagten
Mutter
vertrieben.
Es verschlug
ihn nach
Bayern, und
es gelang
ihm, in
Weiden in
der
Oberpfalz
eine kleine
Werkstatt zu
eröffnen.
Aber ihm lag
daran, im
Westen
Deutschlands
eine
Nachfolgeinstitution
der in
seiner
Konzeption
und
Ausrichtung
einzigartigen
Holzschnitzschule
von Bad
Warmbrunn,
deren
Aufbau,
Blüte und
Ende er so
hautnah
verfolgt
hatte, zu
errichten.
Nach
schwierigen
Verhandlungen
und vielem
Antichambrieren
erhielt er
eine
Anstellung
als
Gewerbeoberlehrer
an der
gewerblichen
Berufsschule
in Stuttgart
mit der
Möglichkeit,
eine
Kunsthandwerksklasse
aufzubauen.
Er fand
Unterstützung
durch den
Leiter der
Berufsschule,
Dr. Bölz,
und Dr.
Kümmerle im
Stuttgarter
Oberschulamt,
so daß Fritz
Hampel, der
1917 bis
1921 Schüler
der Bad
Warmbrunner
Holzschnitzschule
gewesen war,
als
Gewerbelehrer
nach
Stuttgart
berufen
wurde. Seit
1954 führte
die
Bildhauerklasse
als
"Meisterschule
für
Holzbildhauer"
die
Tradition
der
Warmbrunner
Holzschnitzschule
fort.
Doch anders
als in Bad
Warmbrunn,
am Fuße des
Riesengebirges
und nicht
weit
entfernt vom
waldreichen
Isergebirge
gelegen,
hatte die
Bildhauerschule
in Stuttgart
kein
natürliches
Einzugsgebiet.
Sie brachte
es selten
auf eine
Zahl von
über 16
Schülern.
Das waren
zuwenig im
Vergleich
zur
Stuttgarter
Meisterschule
für Maler
mit bis zu
200 Schülern
und selbst
zur
Meisterschule
für
Schreiner
mit bis zu
100
Schülern. Es
gab
Tendenzen,
die Schule
zu schließen
oder zu
verlegen, es
gab
Differenzen
mit dem
Bundesinnungsmeister
über die
Ausrichtung
der Schule.
Mitten in
diesen
Turbulenzen
starb Ernst
Rülke
plötzlich.
Die
Bildhauerschule
wurde nach
Freiburg im
Breisgau
verlegt.
1977 aber
führte
Professor
K.-H. Türk,
selbst
Holzbildhauer
und in
Hirschberg
geboren, das
Werk Ernst
Rülkes mit
der Gründung
der Freien
Kunstschule
in Nürtingen
fort
zusammen mit
dem
Ernst-Rülke-Kreis,
der
regelmäßig
zu
Bildhauersymposien
einlädt und
von der
Holzbildhauerin
Elsbeth
Siebenbürger,
die
Schülerin
von Ernst
Rülke ist,
geleitet
wird.
Ernst Rülke
war aber
nicht nur
engagierter
Pädagoge und
Schuldirektor,
sondern
zugleich
profilierter
Künstler. Es
gab für ihn
keinen
Unterschied
zwischen
Kunst und
Kunstgewerbe.
Eine
dekorative
Aufgabe
mußte mit
der gleichen
Ernsthaftigkeit
und
künstlerischen
Qualität
gelöst
werden wie
eine freie
Arbeit.
Schon 1921
schuf er
eine
gegenstandslose
Plastik, die
nur die
Strukturen
des Holzes
aufnimmt.
Einen
Höhepunkt
erreichte
diese
Richtung
aber erst in
den 50er
Jahren, als
Mond über
Eßlingen
oder Mit
Durchbruch
entstanden.
Sollte
Gegenständliches
dargestellt
werden, etwa
der hl.
Franziskus,
so besticht
nicht nur
die
Komposition,
sondern auch
die
Sensibilität
des
Ausdrucks
oder, bei
einer
Statuette zu
Gerhart
Hauptmanns
Schluck
und Jau,
das Groteske
der Haltung
und
Bewegung,
die Gestik
und die
Ausarbeitung
des Gesichts
und der
Haare.
Als Ernst
Rülke 1934
den Auftrag
bekam, die
Schnitzarbeiten
für das von
Max Latzke
renovierte
Rathaus von
Hirschberg
zu schaffen,
widmete er
sich der
Aufgabe mit
Hingabe und
nutzte sie
zugleich als
Aufgabe für
seine
Schüler. Es
entstanden
die
Ehrentafel
für die im
Ersten
Weltkrieg
gefallenen
Mitglieder
der
Stadtverwaltung
Hirschberg,
das
Treppengeländer
zum 2.
Stockwerk,
das Motive
der
Rübezahl-Sage
zeigte und,
als
Hauptwerk,
26 schmale,
hohe
Relieftafeln,
die die
holzverkleideten
Stützpfeiler
des
Ratssaals
schmückten,
von denen
allerdings
bis zum
Kriegsende
und der
Vertreibung
erst 13
fertiggestellt
werden
konnten.
Ernst Rülke
fertigte
kaum
handtellergroße
Skizzen,
schickte
dann die
Studenten in
die Archive
und Museen
in
Hirschberg,
Breslau,
Berlin und
Wien, bis
eine
verläßliche
Stadtgeschichte
Hirschbergs
von der
Besiedlung
bis zur
Gegenwart in
allen
Details der
Kleidung,
der Waffen
und Geräte
erarbeitet
war. Die
Bildtafeln
wurden im
Maßstab 1:1
in Ton
geformt und
dann im
gleichen
Format 75 x
35 in
Eichenholz
geschnitzt.
Rülke war
bestrebt,
bei äußerst
zuverlässiger
Wiedergabe
der
historischen
Ereignisse
jeder Tafel
einen
eigenen
Charakter zu
verleihen,
so daß, wie
er es
bezeichnete,
die
Geschichte
in
"Sinnbildern"
sichtbar
würde.
Als am 6.
Juni 1946
Gerhart
Hauptmann in
Agnetendorf
starb war,
rief man
Ernst Rülke.
Im
Pferdewagen,
denn
Deutsche
durften
keine Autos
benützen,
und mit der
weißen
Armbinde,
die jeder
Deutsche
tragen mußte,
kam er im
Haus
Wiesenstein
an. Er
zeichnete
den
berühmten
schlesischen
Dichter und
Nobelpreisträger
auf dem
Totenbett
und nahm am
nächsten Tag
die
Totenmaske
und die Form
der Hände
ab. Die
Zeichnung
wurde zum
Ausgangspunkt
der
bekannten
Medaille von
Gerhart
Hauptmann.
Im Nachlaß
des Toten
gelangte
eine Kiste
mit
Entwürfen
und Fotos
von Arbeiten
Ernst Rülkes,
besonders
der
Schnitzereien
für den
Hirschberger
Ratssaal, in
den Westen
und wird
heute im
Ernst-Rülke-Archiv
in Esslingen
gehütet.
Lit.:
G.
Grundmann:
Die
Warmbrunner
Holzschnitzschule
im
Riesengebirge,
München
1968. -
Elsbeth
Siebenbürger:
Eine
schlesische
Stadtgeschichte
in Holz
geschnitzt,
in:
Schlesien
II, 1980 S.
113 ff. -
Elsbeth
Siebenbürger:
Gedenken an
Ernst Rülke,
Schlesien
IV, 1984 S.
233 ff.
Das
Manuskript
zu einer
Monographie
über Ernst
Rülke von
Elsbeth
Siebenbürger
liegt
druckfertig
vor.
Idis B.
Hartmann