Balthasar
Rüssow, der
evangelische
Pastor der
Revaler
Heiliggeist-Gemeinde,
starb als
angesehener
Mann.
Aufgrund
seiner
dritten Ehe
mit Anna
Bade, einer
Tochter aus
einer
begüterten
Kaufmannsfamilie
und Nichte
des Revaler
Bürgermeisters
Heinrich von
Lohn, war er
in die
Oberschicht
der Stadt
aufgestiegen.
Seinen Ruhm
indessen
verdankt er
der
Tatsache,
daß er
seiner „leuen
Landstadt“
mit einer
umfangreichen
Chronik ein
Denkmal
gesetzt hat:
Rüssows
Chronica der
Prouintz
Lyfflandt
wurde zu
einem
„Bestseller
ihrer Zeit“
(A. v.
Taube). Ihre
1578 bei
Anton Ferber
in Rostock
erschienene
Erstauflage,
die
livländische
Geschichte
von der
vorchristlichen
„grüwliken
düsternisse
der
affgöderye“
bis zum Jahr
1577
erzählt, war
rasch
vergriffen
und ließ
eine
Neuauflage
gewinnbringend
erscheinen.
Vermutlich
ohne
Autorisierung
Rüssows
erschien
noch im
selben Jahr
bei Ferber
eine nur
geringfügig
veränderte
Nye
Lyfflendische
Chronica,
die
ebenfalls
schnell
ausverkauft
war. Erst in
der dritten
Auflage aus
dem Jahre
1584, die
von Rüssow
bereits im
Titel als
zweite
eigene
Ausgabe
ausdrücklich
autorisiert
wurde,
findet sich
eine
umfangreiche
Ergänzung,
in der über
die
Geschicke
Revals von
1577 bis
1583
berichtet
wird. Somit
umfaßt die
Chronica
die gesamte
Zeit des
Livländischen
Kriegs
(1558-1582/83)
und ist von
erheblichem
Wert als
landesgeschichtliche
Quelle. Sie
stellt die
älteste
überlieferte
Revaler
Stadtchronik
dar und
bietet eine
detaillierte
Schilderung
des
Schicksals
der Stadt
während der
25
Kriegsjahre,
deren
Augenzeuge
der Pastor
war. Sein
Werk
besticht des
weiteren
durch seine
lebendige,
zuweilen
deftige
Schilderung
des
livländischen
Alltags im
16.
Jahrhundert,
in einer
Sprache, der
man den
erfahrenen
Prediger
anmerkt.
Neben
Rüssows
herausragender
Position in
der
städtischen
Hierarchie
galt sein
meisterhaftes
Mittelniederdeutsch
der älteren
Forschung
als sicheres
Indiz für
die deutsche
Herkunft des
Pastoren.
Theodor
Schiemann
erklärte ihn
1890 in der
Allgemeinen
Deutschen
Biographie
denn auch
kurzerhand
zum
Kaufmannssohn.
Allerdings
hielten
bereits
zeitgenössische
adlige
Kritiker,
denen die in
der
Chronica
deutlich
werdende
Sympathie
ihres
Verfassers
für die
estnischen
Bauern nicht
behagte,
letzterem
vor, er
stamme ja
selbst von
Esten ab.
Diesen
Spuren ging
erst der
Hamburger
Mediävist
Paul
Johansen
nach, der
tatsächlich
archivarische
Hinweise auf
Rüssows
estnischen
Vater
ermitteln
konnte.
Damit wäre
der soziale
Aufstieg des
Pastoren vom
Fuhrmannssohn
in die
städtische
Oberschicht
wohl ein
seltener
Fall von
vertikaler
Mobilität im
frühneuzeitlichen
Reval, für
den freilich
eine
weitgehende
Assimilation
in die
deutsche
Kultur
Voraussetzung
war.
Letztlich
wird es sich
trotz
Johansens
beeindruckender
Indizienkette
nicht mehr
mit
absoluter
Sicherheit
beweisen
lassen, daß
Rüssow
tatsächlich
Sohn des um
1530 nach
Reval
gezogenen
Fuhrmanns
Simon Rissa
(Ritze)
gewesen ist;
über seine
Mutter
konnte auch
Johansen
nichts in
Erfahrung
bringen.
Begreiflicherweise
machte die
These von
der
estnischen
Abkunft des
Chronisten
vor allem in
Estland
selbst
Furore, wo
Rüssow in
den
siebziger
Jahren sogar
zu
literarischen
Ehren kam:
Der bekannte
estnische
Schriftsteller
Jaan Kross
machte ihn
zum Helden
eines
umfangreichen
historischen
Romans, in
dem der
soziale
Balanceakt
der
Assimilation
in eine
fremde
Kultur unter
Bewahrung
der eigenen
Wurzeln
meisterhaft
geschildert
wird.
Das genaue
Geburtsdatum
Rüssows ist
nicht
überliefert.
In seiner
Chronica
gibt der
Pastor an,
die
Zeitläufe
seiner
Heimatstadt
seit der
Zeit des
Ordensmeisters
Hasenkamp
(1535-1549)
erlebt zu
haben. Da
auch
Historiker
sich in
solch einem
Fall auf
ihre
Phantasie
und
Intuition
verlassen
müssen, mag
man es mit
Jaan Kross
halten, der
sich aus
naheliegenden
Gründen für
ein genaues
Geburtsdatum
entscheiden
mußte. Kross
zufolge ist
Rüssow 1535
oder 1536
geboren;
diese Wahl
findet ihre
Bestätigung
in der
neueren
Forschung (H.v.z.
Mühlen),
bleibt aber
Spekulation.
Auch über
Rüssows
Schulzeit in
Reval ist
nichts
bekannt.
Über
gesicherte
Angaben
verfügen wir
erst in
bezug auf
sein Studium
am Stettiner
Pädagogium.
Dorthin
hatte ihn
Bartholomäus
Frölinck,
Konrektor
der Revaler
Stadtschule
– damit
möglicherweise
ein Lehrer
Rüssows –
und späterer
Pastor der
St.
Olai-Gemeinde,
vermittelt.
Frölinck war
mit dem
Rektor des
1543/44
gegründeten
fürstlichen
Pädagogiums
zu Stettin,
Magister
Matthäus
Wolff,
bekannt. Im
Pädagogium
studierte
Rüssow von
Weihnachten
1558 bis
Januar 1562
klassische
Sprachen und
Theologie.
Da
offensichtlich
aufgrund des
ausgebrochenen
Livländischen
Kriegs das
Lehrgeld aus
Reval das
Pädagogium
nicht
erreichte,
mußte er zu
Beginn des
Jahres 1562
Stettin
verlassen,
worüber
Wolff in
einem Brief
nach Reval
berichtete.
Über
Wittenberg
und Bremen
gelangte
Rüssow 1563
wieder in
seine
Heimatstadt,
wo
inzwischen
sein Vater
gestorben
war. Hier
wurde er,
trotz des
nicht
abgeschlossenen
Studiums, im
März oder im
November
1563 zum
Pastor an
der St.
Olaikirche
ordiniert.
Nach dem Tod
Frölincks
1559
amtierte in
der
Olai-Gemeinde
der
Stadtsuperintendent
Johannes
Robertus von
Geldern,
dessen
Protektion
Rüssow wohl
seine
Berufung zum
Hilfsprediger
an der
Heiliggeist-Kirche
zu verdanken
hatte. Im
März 1566
finden wir
Rüssow
erstmals als
Mitglied der
Stadtpriesterschaft
erwähnt. Von
1567 bis zu
seinem Tode
war Rüssow
dann
schließlich
Hauptpastor
der
Heiliggeist-Gemeinde.
Vor dem
Hintergrund
seiner
vermutlich
estnischen
Herkunft
verdient es
Erwähnung,
daß die
Heiliggeistkirche
Zentrum der
städtischen
Esten war,
die als
Angehörige
des
Transportgewerbes
für die
Kaufmannsstadt
von
wesentlicher
Bedeutung
waren.
Trotzdem
verblieb
Rüssow dem
Rang und dem
Gehalt nach
stets unter
den Pastoren
der
deutschen
Gemeinden.
Er konnte
zwar
durchaus
Senior der
Priesterschaft
werden,
nicht aber
Superintendent.
Auf der
anderen
Seite war
das
Heiliggeist-Pastorat
ein frühes
Zentrum
estnischer
Schriftkultur,
da nach der
Reformation
von hier aus
Bemühungen
ausgingen,
geistliche
Schriften zu
übersetzen,
um sie den
Esten
zugänglich
zu machen.
Aus dem
darin zutage
tretenden
Verantwortungsgefühl
eines
Pastors der
städtischen
Esten heraus
mag sich bei
Rüssow auch
die Idee
entwickelt
haben, eine
livländische
Chronik zu
schreiben,
in der nicht
so sehr
Könige und
Bischöfe,
sondern
vielmehr die
persönlichen
Schicksale
von Bauern
und
Stadtbewohnern
im
Mittelpunkt
des
Interesses
stehen. In
der dritten
Auflage
seiner
Chronica
offenbarte
er in
Reaktion auf
seine
Kritiker,
die ihn
offensichtlich
ermahnt
hatten, er
als
Geistlicher
solle sich
nicht um
weltliche
Angelegenheiten
kümmern,
etwas von
seinem
Selbstverständnis
als Pastor.
Seiner
Ansicht nach
bestehe die
Aufgabe
eines
Predigers
darin, „de
Wunderdaden,
Straffe vnde
Gnade Gades“
nicht nur
mündlich,
sondern auch
schriftlich
„manck dem
Volcke
thouorkündigen.“
Und bei
allem Lob,
das heutige
Historiker
dem
Chronisten
aufgrund
seiner
faktischen
Verläßlichkeit
vor allem
für die Zeit
des
Livländischen
Kriegs
zuteilen
mögen, darf
dies
Selbstverständnis
des
lutherischen
Geistlichen
nicht
übersehen
werden. In
seinem
Weltbild war
alle
Geschichte
Ausdruck
göttlichen
Willens, so
daß die
Katastrophe
des
Livländischen
Kriegs als
Strafgericht
gesehen
wird, das
die Menschen
zu Einkehr
und Buße
bekehren
soll. Somit
relativiert
sich auch
die oft
geäußerte
Meinung,
Rüssow habe
ein
abschreckendes
Rußlandbild
vermitteln
wollen,
indem er die
Kriegsgreuel
„dem
Muscowiter“
angelastet
habe.
Ethnisch
motivierte
Feindbilder
sucht man in
der
Chronica
jedoch
vergebens.
Auch Ivan
IV. Groznyj
(der
„Schreckliche“)
ist für
Rüssow ein
„Werkzeug
Gottes“ wie
jeder andere
Sterbliche.
Und unter
dem Krieg
litten vor
allem die
einfachen
Leute, die
sich gegen
Verschleppung,
Plünderung
oder die
Einberufung
zu den
Waffen nicht
wehren
konnten.
Eine
Lebensführung
nach den
christlichen
Geboten sei
immer noch
die beste
Garantie
gegen Krieg
und Unheil.
Rüssows
moralische
Kritik
konzentriert
sich daher
auf die, wie
er meint,
unchristliche
Lebensweise
des Adels
vor dem
Krieg, der
es versäumt
habe, seine
Vorbildfunktion
dem
einfachen
Volk
gegenüber zu
erfüllen.
Und damit,
so ist zu
ergänzen,
habe gerade
der Adel
nicht nur
den
göttlichen
Zorn über
Livland
gebracht,
sondern auch
die Aufgabe
der Pastoren
sehr
erschwert.
Dieser
Mahnung zur
Einkehr und
Buße
verdanken
wir die
hinreißend
geschilderten
Szenen
adliger
Ausschweifung
und
bäuerlichen
Aberglaubens,
welche die
Chronica
noch heute
zu einer
reizvollen
Lektüre
machen.
Werke:
Chronica Der
Prouintz
Lyfflandt
[...],
Rostock
1578. – Nye
Lyfflendische
Chronica
[...],
Rostock
1578. –
Chronica der
Prouintz
Lyfflandt
[...], Bart
1584;
Neuedition
in:
Sciptores
rerum
Livonicarum,
Bd. 2, Riga,
Leipzig
1848, S.
1-194;
Fotomech.
Nachdr.,
Hannover-Döhren
1967.
Lit.:
Allgemeine
Deutsche
Biographie,
Bd. 30
(Theodor
Schiemann).
– William
Urban: The
Nationality
of Balthasar
Russow, in:
Journal of
Baltic
Studies 12
(1981), S.
160-172. –
Arved v.
Taube: „Der
Untergang
der
livländischen
Selbständigkeit“:
Die
livländische
Chronistik
des 16.
Jahrhunderts,
in:
Geschichte
der
deutschbaltischen
Geschichtsschreibung,
hrsg. v.
Georg v.
Rauch, Köln,
Wien 1986,
S. 21-41. –
Paul
Johansen:
Balthasar
Rüssow als
Humanist und
Geschichtsschreiber.
Aus dem
Nachlaß
ergänzt und
hrsg. v.
Heinz von
zur Mühlen,
Köln,
Weimar, Wien
1996. –
Karsten
Brüggemann:
Russen in
Livland:
Überlegungen
zum ‚Rußlandbild‘
Balthasar
Rüssows
anhand
seiner „Chronica
der Prouintz
Lyfflandt“
(1584), in:
Zwischen
Lübeck und
Novgorod.
Wirtschaft,
Politik und
Kultur im
Ostseeraum
vom frühen
Mittelalter
bis ins 20.
Jahrhundert,
hrsg. v.
Ortwin Pelc,
Gertrud
Pickhan,
Lüneburg
1996, S.
249-268.
Roman:
Jaan Kross,
Kolme katku
vahel
(Zwischen
drei
Pestseuchen),
Bd. 1-4,
Tallinn
1969-1980;
dt.: Das
Leben des
Balthasar
Rüssow.
Historischer
Roman, Bd.
1-3, Berlin
1986;
München
1995.