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Im Jahr 1909 setzte die Freie Evangelische Gemeinde Königsbergs vor dem
Haus Pauperhausplatz 5 einen Gedenkstein mit dem bronzenen Porträt des
Pfarrers Julius Rupp, das von dessen Enkelin Käthe Kollwitz geschaffen
worden war. Damit wurde die Erinnerung an einen Mann neu befestigt, von
dem gesagt werden konnte: „In der Bewunderung des Menschen sind seine
Gegner mit seinen Anhängern einig.“ Rupp wurde am 13. Aug. 1809 in
Königsberg geboren, besuchte dort das Altstädtische Gymnasium und
studierte anschließend ebenfalls in Königsberg Theologie. Auf dem
Wittenberger Predigerseminar trat er in enge Beziehungen zu Richard
Rothe, dem originellsten der sogenannten Vermittlungstheologen. Als
Privatdozent an der Philosophischen Fakultät der Königsberger
Universität lehrte Rupp Philosophie, Literaturgeschichte und Geschichte
überhaupt. Aufsehen erregte seine Auseinandersetzung mit dem
Königsberger Theologieprofessor Hermann Olshausen, auf dessen
erwecklichen Predigtkonferenzen es mehrfach zu seelischen
Zusammenbrüchen unter den Teilnehmern gekommen war.
1834 veröffentlichte Rupp die Abhandlung „Gregor's des Bischofs von
Nyssa Leben und Meinungen“, in der er erstmals klar die Auffassung
vertrat, daß die Verehrung Gottes unabhängig von der inhaltlichen
Füllung des Gottesbegriffs sei. 1842 wurde Rupp Divisionspfarrer und
ordiniert. Seine Predigten in der Königsberger Schloßkirche hatten
großen Zulauf und erschienen 1843 und 1845 im Druck. Zum Geburtstag des
Königs am 15. Okt. 1842 hielt Rupp eine Festrede „Der christliche Staat“
(Königsberg 1842, 21892), die als Angriff auf die königliche
Kirchenpolitik verstanden wurde, verwarf sie doch in kirchlichen
Angelegenheiten den Einsatz staatlicher Zwangsmittel mit aller
Entschiedenheit. Heftige Konflikte des Verfassers mit dem Konsistorium
und später auch den weltlichen Behörden folgten darauf. In der
Streitschrift „Der Symbolzwang und die protestantische Lehr- und
Gewissensfreiheit“ (Königsberg 1843) baute Rupp seine kritische Position
weiter aus und verkündete: „Alle Symbole sowohl der alten Kirche als die
des Mittelalters (das Apostolikum eingeschlossen) können in der
protestantischen Kirche nie Gesetze werden, sie sollen Zeugnisse sein.
Der Buchstäbe der Bekenntnisse und die Verpflichtung auf denselben in
der heutigen protestantischen Kirche gilt nicht, und diese Geltung
erzwingen, heißt eine Revolution bewirken.“
In der Folgezeit beteiligte sich Rupp aktiv an der Gründung des
Ostpreußischen Hauptvereins der Gustav-Adolf-Stiftung, rief eine
Kleinkinder-Bewahranstalt ins Leben und wirkte an der Herausgabe der
Zeitschrift „Christliches Volksblatt“ mit, die sich dem Gedankengut des
theologischen Liberalismus verpflichtet fühlte.
Nach heftigen Konflikten mit den kirchlichen und staatlichen Behörden
trat Rupp schließlich im Januar 1846 als Prediger an die Spitze der
Freien Evangelischen Gemeinde in Königsberg, die nach evangelischen
Grundsätzen organisiert, sich von staatlichem Zwang und aller Aufsicht
der Kirchenbehörde freihalten wollte und den Grundsatz unbedingter
Gewissensfreiheit und freier Selbstbestimmung für ihre Gemeindeglieder
vertrat. Durch die Religionsgesetzgebung von 1847 wurde diese Gemeinde
zu jenen „Religionsgesellschaften“ gezählt, „welche in ihrem Gewissen
mit dem Glauben und Bekenntnis ihrer Kirche nicht in Übereinstimmung zu
bleiben vermögen und sich demzufolge zu einer bestimmten
Religionsgemeinschaft vereinigen“. Auswärtige Gemeinden bildeten sich
trotz vieler Behinderungen in Memel, Domnau, Kreuzburg, Preußisch-Eylau,
später auch in Schneidemühl, Elbing, Danzig und Tilsit. Wahrscheinlich
hat die Gemeinschaft aber niemals mehr als 1200 Mitglieder umfaßt.
Neben den geistlichen Aufgaben versuchte sich Rupp auch mehrfach auf
journalistischem und politischem Feld. Dauernde Erfolge sind ihm hierbei
versagt geblieben. Zunehmende Blindheit zwang ihn 1881, sein Predigtamt
in der Freien Gemeinde niederzulegen. Am 11. Juli 1884 starb Julius Rupp
in Königsberg, über den W. Hubatsch urteilte: „Persönlich untadelig,
furchtlos, idealistisch, doch starrsinnig und sich nicht schonend, nimmt
Rupp in der evangelischen Kirchengeschichte Ostpreußens eine
einzigartige Stellung ein; er war eine Persönlichkeit, die Achtung
verdient, aber in einem tragischen Irrtum gefangen blieb ... Die
freikirchlichen Gemeinschaften haben – was Rupp nicht gewollt hat –
zunehmend eine gegen das Christentum gerichtete Stellung eingenommen.“
Peter
Maser
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