Der Marquis
de Sade hat
den Sadismus
nicht
„erfunden“,
genausowenig
wie der
nicht ganz
100 Jahre
jüngere
Leopold
Ritter von
Sacher-Masoch
den
Masochismus.
Diese
Varianten
des sog.
„normalen“
Sexualverhaltens
sind so alt
wie die
Menschheit
selbst. Aber
die beiden
Zitierten
haben es
sich
gefallen
lassen
müssen (Sacher-Masoch
noch zu
Lebzeiten),
daß von
ihren Namen
die eingangs
genannten
Begriffe
abgeleitet
wurden. Die
nicht
alltägliche
Biographie
Sacher-Masochs
beginnt
bereits mit
seiner
Herkunft.
Der
Stammvater,
ein
spanischer
Reiterhauptmann
Sacher, kam
unter Karl
V. nach
Deutschland,
kämpfte 1547
in der
Schlacht bei
Mühlberg und
gründete
schließlich
in Böhmen
eine
Familie, in
die im Laufe
der Zeiten
deutsches,
italienisches,
tschechisches
und
ungarisches
Blut
gelangte.
Den 1818 in
den
erbländischen
Ritterstand
erhobenen
Großvater
verschlug es
nach 1772 in
das durch
die l.
Teilung
Polens an
Österreich
gefallene
Galizien, in
dessen
Hauptstadt
Lemberg der
Vater des
dort am
27.1.1836
geborenen
Leopold von
S.-M.
Polizeichef
war. Der
Großvater
mütterlicherseits,
Professor an
der
Lemberger
Universitätsklinik,
erwirkte
nach dem
frühen Tod
des einzigen
Sohnes die
kaiserliche
Erlaubnis,
seinen
Familiennamen
Masoch dem
des
Schwiegersohns
hinzuzufügen.
Daher gibt
es seit 1838
die Familie
Sascher-Masoc.
Erst mit 12
Jahren, seit
der
Versetzung
des Vaters
nach Prag,
erlernte der
junge
Leopold das
Deutsche.
Zuvor hatte
er, der
während so
manchen
Sommer- und
Herbstaufenthaltes
auf dem
Lande
nachhaltige
Eindrücke
vom schweren
Leben der
Bauern wie
auch vom
ursprünglichen
Wesen der
starken
jüdischen
Bevölkerung
empfing, nur
polnisch,
ukrainisch
und
französisch
gesprochen.
Seine
ukrainische
Amme brachte
ihm die
heimatliche
Märchen- und
Sagenwelt
nahe.
Nach einem
zunächst
reichlich
unsystematischen
Studium erst
in in Graz,
wohin der
Vater 1853
versetzt
worden war,
promovierte
S.-M. dort
1856 zum Dr.
jur. und
habilitierte
sich selben
Jahr zum
Privatdozenten
für
Geschichte,
der er auch
als
Verfasser
historischer
Romane
Tribut
zollte. Wo
aber seine
eigentliche
Stärke als
Schriftsteller
lag, erwies
sich schon
in senem
erzählerischen
Erstling, in
dem kleinen
Roman „Eine
galizizische
Geschichte
1846“
(1858),
Schilderungen
vom Aufstand
in der
Heimat des
Autors im
Jahre 1846,
mit
Sympathie
für die
Unterschichten,
die kleinen
Leute,
geschrieben.
Es ist
bedauerlich,
daß
S.-M., der
die
Hochschullehrerlaufbahn
zugunsten
einer
Existenz als
freier
Schriftsteller
aufgab, von
dem hier
eingeschlagenen
künstlerischen
Weg, der ihn
in die Nähe
von
Turgenjew
rückte, nur
allzu häufig
auf bequeme
Nebenpfade
ausgewichen
ist: in die
Domäne des
„pikanten“
Sittenromans,
auf das
thematisch
sich ständig
wiederholender
und daher
letztlich
langweiliger
Herrin-und-Sklave-Auspeitschgeschichten
(„Venus im
Pelz“, 1870,
u.v.a.).
Eine
Produktion,
die aus
einer
exzentrischen
sexuellen
Obsession
entstand,
aber auch
wegen einer
permanenten
wirtschaftlichen
Bedrängnis
schnell,
allzu
schnell
zustande
kam. Die
hierdurch
erlangte
fragwürdige
Berühmtheit
hat
Sacher-Masochs
Ruf als
Künstler und
Mensch
geschadet
und fast
völlig
vergessen
lassen, daß
er seine
europäische
Geltung
jenen Werken
verdankte,
in denen er
die Welt
seiner
Heimat,
Erlebtes,
Erinnertes
und
Überliefertes
aus Galizien
gestaltet
hat. Hierher
gehören etwa
die Novelle
„Don Juan
von Kolomea“
(1866), der
Band
„Galizische
Geschichten“
(1875; Neue
Folge 1881),
die
Sammlungen
„Judengeschichten“
und „Neue
Judengeschichten“
(1878; 1881)
oder
Novellen wie
„Das
Volksgericht“
und „Das
Paradies am
Dnjestr“
(beide
1882), um
nur einiges
zu nennen.
Auch in dem
geplanten,
aber nicht
vollendeten
sechsteiligen
Zyklus
„Das
Vermächtnis
Kains“
(1870/77),
dem
eigentlichen
Hauptwerk,
welches das
Menschendasein
in seinen
elementaren
Bereichen
vorführen
sollte, sind
volks- und
heimatnahe
Stoffe und
Themen
verarbeitet.
Die starke
Bindung an
die Bezirke
der Herkunft
hat S.-M.
aber nicht
gehindert,
sich über
nationale
Enge zu
erheben,
wozu er als
Sohn des
Vielvölkerstaates
Österreich-Ungarn
gute
Voraussetzungen
mitbrachte.
Er war ein
Weltbürger,
dem
Besserung
der sozialen
und
politischen
Verhältnisse
nur durch
Demokratie
möglich
erschien und
der bereits
vor 100
Jahren für
wünschenswert
und
notwendig
hielt, was
immer noch
nicht
erreicht
ist: die
Schaffung
der
Vereinigten
Staaten von
Europa.
Sacher-Masoch
hat ein
gehetztes,
unstetes
Leben
geführt, 13
Jahre in
unglückseliger
Ehe gelebt.
Seiner
zweiten
Frau, die er
1890 auf dem
noch
britischen
Helgoland
heiratete,
gelang es,
sein Leben
in ruhigere
Bahnen zu
lenken. Sie
war in
Leipzig, wo
S.-M. von
1881-85 eine
anspruchsvolle
literarische
Revue von
internationalem
Zuschnitt
leitete, als
Übersetzerin
zu ihm
gestoßen:
Hulda
Meister
(1846-1919),
die aus dem
westpreußischen
Strasburg
stammte,
mehrere
Fremdsprachen
beherrschte
und eine für
damalige
Verhältnisse
sehr
selbständige
und
emanzipierte
Frau war.
Sie erwarb
1886 in dem
oberhessischen
Dorf
Lindheim
(unweit
Büdingen)
ein
Landhaus,
das S.-M.
für die
letzten 13
Jahre seines
Lebens
Geborgenheit
bot. Daß er
hier 1893
einen u. a.
auch um
Abbau des
tief
verwurzelten
ländlichen
Antisemitismus
bemühten
Volksbildungsverein
gründete und
betreute,
hat ihm neue
Gegner, aber
auch viele
Anhänger
gebracht. In
Lindheim ist
er am 9.
März 1895
gestorben.
Werke
(Auswahl):
Der Emissär.
Eine galiz.
Gesch.,
(1863);
Kaunitz
(hist. Rom.;
1865); Aus
d. Tagebuch
eines
Weltmannes.
Causerien
aus d.
Geschichte
u. d.
Bühnenwelt
(1869); Die
geschiedene
Frau (1870);
Falscher
Hermelin.
Kl.
Geschichten
aus d.
Bühnenwelt
(1873); Die
Messalinen
Wiens
(dto.); Soz.
Schattenbilder.
Aus d.
Memoiren
eines österr.
Polizeibeamten
(dto.); Ein
weibl.
Sultan
(dto.); Über
den Wert der
Kritik
(dto.);
Russ.
Hofgeschichten
(1873/74);
Wiener
Hofgeschichten
(1873/77);
Liebesgeschichten
aus versch.
Jhdten
(1874/77);
Die Ideale
unserer Zeit
(1875); Die
Republik der
Weiberfeinde
(1878); Der
Hau (1882);
Frau von
Soldan
(1884); Poln.
Ghetto-Geschichten
(1886); Die
Messalinen
Berlins
(1887); Poln.
Geschichten
(dto.);
Souvenirs (autobiograph.
Prosa; 1887,
erstm. dt.
1985);
Choses
vécues
(ebenso;
1888, wie
vor); Die
Schlange im
Paradies
(1890); Jüd.
Leben in
Wort und
Bild (dto.);
Lustige
Geschichten
aus d. Osten
(1893); Die
Satten u. d.
Hungrigen
(1894).
Lilt.: C.F.
v.
Schlichtegroll,
S.-M. u. d.
Masochismus,
Dresden
1901; Hulda
Edle von
S.-M.,
Erinnerungen
an S.-M.,
in: Wiener
Leben, Jg.
41, Nr. 10
(17.4.1910),
S. l ff.;
auch in: L.
v. S.-M.,
Souvenirs.
Autobiograph.
Prosa,
München
1985).
M. Bransiet,
La Vie et
les Amours
Tourmentées
de S.-M.,
Paris 1910;
E. Hasper.
L. v. S.-M.
Sein
Lebenswerk
mit vorzügl.
Berücksichtigung
der
Prosadichtungen.
Leipzig
1932; M.
Amiaux, Le
Chevalier de
S.-M., Paris
1938; S.
Nacht, Le
Masochisme,
Paris 1948;
Th. Reik, Le
Masochisme
(Übers. aus
d. Dt.),
Paris 1949;
J. Cleugh,
The Marquis
and the
Chevalier,
London 1951;
R.
Federmann,
S.-M. oder
die
Selbstvernichtung,
Graz u. Wien
1961; G.
Deleuze,
S.-M. und
der
Masochismus,
in: Venus im
Pelz
(Neuausgabe),
Frankfurt/M.
1968; K.E.
Demandt, L.
v. S.-M. u.s.
Volksbildungsverein
zw.
Schwarzen,
Roten und
Antisemiten,
in: Hess.
Jb. f.
Landesgesch.
18/1968, S.
160-208
(auch als
Sonderdruck);
K. Perutz,
L. v.
S.-Masoch.
Sein Leben
u. s. Zeit,
München
1981; M.
Farin (Hg.),
L. v.
S.-Masoch.
Materialien
zu Leben und
Werk, Bonn
1985.
Harald Kohtz