"Jedes echte
poetische
Werk hebt an
dem
Ausschnitt
der
Wirklichkeit,
den es
darstellt,
eine
Eigenschaft
des Lebens
heraus, die
so vorher
nicht
gesehen
worden ist."
Wenn wir das
"so" im
Sinne von
'so
deutlich'
interpretieren
und wir es
mit dem
Echt-Poetischen
so genau
nicht
nehmen, dann
gilt diese
Feststellung
Wilhelm
Diltheys
über das
Verhältnis
von Erlebnis
und Dichtung
auch für den
von
Sacher-Masoch
in
nimmermüder
Wiederholung
beschriebenen
sexualpathologischen
Aspekt der
Liebe, den
der
Psychiater
Krafft-Ebing
aus der
Lektüre
dieses
Autors
abstrahiert
und nach ihm
im Jahre
1890
Masochismus
genannt hat.
Was es damit
auf sich
hat, lassen
wir uns am
besten von
dem
Gutsherren
Demetrius
erklären,
dem Don
Juan von
Kolomea
aus
Sacher-Masochs
gleichnamiger
Erzählung
von 1866:
"Liebe ist
Sklaverei
und man wird
Sklave, wenn
man liebt.
Man fühlt
sich vom
Weibe
mißhandelt,
man schwelgt
nur in der
Wollust
ihrer
Despotie und
Grausamkeit.
Man küßt den
Fuß, der uns
tritt."
Radikalisiert
wird diese
Lust am
Gepeinigtwerden
in der
ebenso
berühmten
wie
berüchtigten
Venus im
Pelz von
1870, jener
die Peitsche
schwingenden,
mit
pelzbesetzter
Kazabaika
(einer
mantelartigen
Jacke)
bekleideten
Schönheit,
die als eine
Art von
Warenzeichen
auch die
Briefköpfe
des Autors
schmückte.
Ein solcher
amour maudit,
ein solcher
Schmerzgenuß
als Qual
oder
Quälerei:
der Sklave
Demetrius
wandelt sich
zum weinen
machenden
herrischen
Verführer,
braucht
allerdings -
und hier
meldet sich
der
Kulturkritiker
Sacher-Masoch
zu Wort -
nicht für
alle Zeit
auf der
Menschheit
zu lasten.
"Jetzt"
freilich, so
läßt er
Severin, den
'Helden' der
Venus im
Pelz,
räsonieren,
"haben wir
nur die
Wahl, Hammer
oder Amboß
zu sein",
und "das
Weib, wie es
die Natur
geschaffen
und wie es
der Mann
gegenwärtig
heranzieht",
kann "nur
seine
Sklavin oder
seine
Despotin
sein (...),
nie aber
seine
Gefährtin.
Dies wird
sie erst
dann sein
können, wenn
sie ihm
gleich steht
an Rechten,
wenn sie ihm
ebenbürtig
ist durch
Bildung und
Arbeit".
Eine
derartige
Sozialutopie,
in welcher
der
Strindberg
vorwegnehmende
Geschlechterkampf
durch eine
harmonische
Lebens- und
Arbeitsgemeinschaft
von Mann und
Frau ersetzt
worden ist,
gestaltet
der Autor in
der
Erzählung
Marzella
oder das
Märchen vom
Glück.
Sie bildet
den Abschluß
des ersten,
Die Liebe
benannten
und 1870 im
renommierten
Cotta-Verlag
publizierten
Teiles eines
großangelegten
Novellen-Zyklus
mit dem
Gesamttitel
Das
Vermächtniß
Kains.
Er blieb
leider
unvollendet;
lediglich
1877 folgte
noch, aber
schon nicht
mehr bei
Cotta, als
zweiter Teil
Das
Eigenthum.
Geplant war,
den Zyklus
mit vier
weiteren
Teilen zu je
sechs Werken
über den
Staat, den
Krieg, die
Arbeit und
den Tod zu
komplettieren.
Dem Autor
schwebte
also eines
jener im
neunzehnten
Jahrhundert
so beliebten
Mammutunternehmen
in der Art
von Balzacs
Comédie
humaine
oder des
Rougon-Macquart-Zyklus
Emile Zolas
vor.
In dem mit
zwölf recht
umfangreichen
Erzählungen
immer noch
respektablen
Torso gab
der Autor
sein Bestes.
Die bepelzte
femme fatale
präsentierte
sich hier
noch als
eine
lebensvolle
und
glaubhafte
Variante der
vielgestaltigen
Liebesgöttin,
war noch
nicht durch
ihre
papiernen,
wie eine
Serie von
Sacher-Masochs
Kazabaikadamen-Briefbögen
zu
überblätternden
Kopien
ersetzt; das
Thema Liebe
erschöpfte
sich noch
nicht in
'masochistischen'
Fieberphantasien,
und die
Eigentums-Novellen
mieden sogar
ganz das für
den Autor so
gefährliche
Venus-Terrain.
Auch die
Kolomea-Erzählung
fand, nach
ihrer
Erstveröffentlichung
im Oktober
1866 in
Westermann's
Illustrirten
Deutschen
Monatsheften,
1870
Aufnahme in
den
Vermächtniß-Zyklus.
Der
gefürchtete
Kritiker
Ferdinand
Kürnberger
bekannte
sich
enthusiastisch
zu ihr, Paul
Heyse
öffnete ihr
1876 seinen
Maßstäbe
setzenden
Deutschen
Novellenschatz,
und Mitte
der
zwanziger
Jahre
unseres
Jahrhunderts,
nach Ablauf
der
Schutzfrist,
wurde
Sacher-Masochs
Don Juan
von Kolomea
sogar
Bestandteil
der größten
und
populärsten
deutschen
Bildungsbücherei,
von Reclams
Universal-Bibliothek.
Man hatte
eine gute
Wahl
getroffen.
Die
Erzählung
bringt die
nun einmal
nicht
wegzuleugnende
masochistische
Komponente
der
menschlichen
Sexualität
in maßvoller
Dosierung;
denn ihr
Zentralthema
ist weniger
die
Versklavung
des Mannes
als vielmehr
der Übergang
einer
lediglich
naturhaften
weiblichen
Liebe vom
Gatten zu
den
gemeinsamen
Kindern,
woraufhin
sich nun
seinerseits
der
frustrierte
Ehemann an
der
restlichen
Weiblichkeit
schadlos
hält. Was
aber den
besonderen
und
unvergeßlichen
Reiz dieser
Novelle
ausmacht,
das ist die
quicklebendige,
mit allen
Ingredienzen
mündlicher
Rede
versetzte
Diktion des
donjuanesken
Gutsbesitzers,
der dem
Rahmen-Erzähler,
einem à la
Turgenjewscher
Jäger
stilisierten
Reisenden,
seine
Lebensgeschichte,
mit einigen
Gläsern
Tokaier
versüßt,
auftischt.
Angesichts
des Don
Juan und
überhaupt
der meisten
Vermächtniß-Novellen,
aber auch
des im
Galizien der
polnischen
Insurrektion
von 1848
spielenden
Emissärs
(1863)
wird eine
briefliche
Bemerkung
des
bedeutenden
österreichischen
Erzählers
Ferdinand
von Saar vom
31. August
1885
verständlich.
"Meiner
Meinung
nach", so
äußert er
sich
gegenüber
der Fürstin
Marie zu
Hohenlohe,
"ist Sacher
das
genialste
und
wirklichste
Erzählertalent
der
Gegenwart
(in
Deutschland
natürlich!)".
Ebenso
zutreffend
und die
ganze Tragik
dieser
Dichterexistenz
beleuchtend
ist aber
auch sein
Zusatz: "zu
beklagen
ist, daß er
im innersten
Mark nicht
gesund ist
und neben
den
herrlichsten
Blüten und
Früchten
auch sehr
wunderliche
Auswüchse
zutage
fördert".
Geboren
wurde
Sacher-Masoch
von einer
ruthenischen
(nach
heutigem
Sprachgebrauch
ukrainischen)
Mutter. Die
Abstammung
seines
Vaters, des
damaligen
Polizeipräsidenten
von Lemberg,
bleibt
unbestimmbar.
1848 zog die
Familie nach
Prag, 1854
nach Graz.
1856 wurde
Sacher
promoviert.
Er
habilitierte
sich noch im
selben Jahr
als
Historiker
an der
Grazer
Universität,
legte aber
1870 seine
Dozentur auf
Grund von
Streitigkeiten
mit deren
philosophischer
Fakultät
nieder. 1858
erschien
sein erstes
belletristisches
Werk:
Eine
galizische
Geschichte.
Seit 1872
datiert
seine
Beziehung zu
Angelica
Aurora
Rümelin, die
den Namen
seiner
Venus,
Wanda von
Dunajew,
annahm. Das
Paar
heiratete
ein Jahr
später und
ließ sich
nach
kürzerem
Aufenthalt
in Wien 1873
im
steiermärkischen
Bruck an der
Mur nieder.
1877 finden
wir es dann
neuerlich in
Wien und,
nach einer
Budapester
Episode im
Jahre 1880,
seit 1881 in
Leipzig, wo
Sacher-Masoch
vier Jahre
lang die
internationale
Revue Auf
der Höhe
herausgab.
Zu dem Ruin
seines
Zeitschrift-Unternehmens
gesellte
sich das
Scheitern
seiner Ehe.
Seine
vermögende
Leipziger
Redaktionssekretärin
Hulda
Meister
rettete ihn
aus
Existenznöten,
zog mit ihm
1886 nach
Lindheim in
Hessen und
heiratete
ihn 1890,
als endlich,
nach
langwierigem
juristischen
Streit, die
Scheidung
von Wanda
erfolgt war.
Seine
ruhelose
Geschäftigkeit
hielt ihn
bis zuletzt
in Atem.
Noch einmal,
1890,
versuchte
er,
allerdings
vergeblich,
in einer
größeren
Stadt, in
Mannheim,
mit
journalistischer
und
herausgeberischer
Tätigkeit
Fuß zu
fassen; und
1893
gründete er
in Lindheim
den
"Oberhessischen
Verein für
Volksbildung".
Sein zwei
Jahre später
erfolgter
Tod ersparte
ihm die
herbe
Enttäuschung,
die ihm sein
sechzigster
Geburtstag
bereitet
haben
dürfte, an
dem er hätte
erfahren
müssen, wie
gründlich
der anfangs
begeistert
Begrüßte und
später
Skandalumwitterte
vergessen
worden war.
Dieser
Vergessenheit
versucht man
indessen
seit einigen
Jahren durch
verdienstvolle
Neueditionen
und
Dokumentationen
abzuhelfen.
Werke:
Aus der
uferlosen
Produktion
werden hier
nur der
dringend
einer
Wiederveröffentlichung
bedürfende "Vermächtniß"-Zyklus
sowie
wichtige
Neueditionen
aufgeführt:
Das
Vermächtniß
Kains.
Novellen. I.
Theil: Die
Liebe. 2
Bde.
Stuttgart:
J.G. Cotta
1870. II.
Theil: Das
Eigenthum. 2
Bde. Bern:
Georg
Frobeen
1877. -
Venus im
Pelz. Mit
einer Studie
über den
Masochismus
von Gilles
Deleuze.
Frankfurt am
Main: Insel
1968. -
Souvenirs.
Autobiographische
Prosa.
München:
belleville
1985. -
Jüdisches
Leben in
Wort und
Bild.
Dortmund:
Harenberg
1985 (= Die
bibliophilen
Taschenbücher.
Nr. 463). -
Don Juan von
Kolomea.
Galizische
Geschichten.
Bonn:
Bouvier
1985. -
Seiner
Herrin
Diener.
Briefe an
Emilie
Mataja.
München:
belleville
1987. -
Diderot in
Petersburg.
Wien:
Sonderzahl
1987. - Die
geschiedene
Frau.
Nördlingen:
Greno
Taschenbuch
Verlag 1989.
- Der
Judenraphael.
Geschichten
aus
Galizien.
Wien/Köln/Graz:
Böhlau 1989
(=
Österreichische
Bibliothek
10). -
Mondnacht.
Erzählungen
aus
Galizien.
Berlin:
Rütten &
Loening 1991
(= R. & L.
Lesekabinett).
Lit.:
Leopold von
Sacher-Masoch.
Materialien
zu Leben und
Werk. Hrsg.
von Michael
Farin. Bonn:
Bouvier
1987. -
Albrecht
Koschorke:
Leopold von
Sacher-Masoch.
Die
Inszenierung
einer
Perversion.
München/Zürich:
Piper 1988
(= Serie
Piper, Bd.
928).
Bild:
Holzschnitt-Frontispiz
aus:
Sacher-Masoch.
Das
Eigenthum.
Novellen.
Erster Band.
Bern: Georg
Frobeen &
Cie. 1877.
Burkhard
Bittrich