Im Arbeitslager
Solikamsk, einem der zahlreichen stalinistischen Konzentrationslager
für politische Gefangene, endete das Leben des rußlanddeutschen
Schriftstellers Gerhard Sawatzky. Sein Leben und sein Werk sind wie
das kaum eines anderen deutschstämmigen Autors der Sowjetunion vor
dem Zweiten Weltkrieg, ja das eines Minderheitenschriftstellers dort
überhaupt, typisch für die Entwicklung des Stalinismus mit allen
seinen furchtbaren Folgen.
Gerhard Sawatzky
entstammte einer schwarzmeerdeutschen Bauernfamilie aus der
Südukraine, dem historischen Neurußland, das von Katharina der
Großen den Türken entrissen und mit deutschen Bauern neu besiedelt
worden war. Die Schwarzmeerdeutschen mit etwa 400000 Seelen bildeten
mit den Wolgadeutschen, ungefähr gleich groß, die beiden größten
Bevölkerungsgruppen der über fast das gesamte Riesengebiet der
Sowjetunion siedelnden Deutschen. Seine Kindheit verbrachte Gerhard
Sawatzky im Altai, in Westsibirien, wo im Zuge der Binnenwanderung
sich neue deutsche Siedlungen, sogenannte Kolonien, gebildet hatten
und wo heute nach dem demokratischen Umbruch wieder ein deutscher
Bezirk mit dem Zentrum Halbstadt eingerichtet wurde. Einen zweiten,
Assowo, gibt es inzwischen in Westsibirien, in der Nähe von Omsk.
Sawatzky besuchte die Hochschule „Herzen“ in Leningrad, in der Nähe
des Baltikums, wo der traditionelle Einfluß der Kultur der
Baltendeutschen bis heute noch spürbar ist. Er wurde dann Lehrer an
der Wolga, in der Wolgadeutschen Republik, so daß er in allen
Hauptsiedlungsgebieten seines rußlanddeutschen Volkes gelebt hat.
Sawatzky wechselte
aus dem Schuldienst in den Journalismus über – allein in der
autonomen Republik der Wolgadeutschen erschienen damals 21
deutschsprachige Zeitungen – und wurde 1934 Mitglied des
Schriftstellerverbandes der Sowjetunion, für professionelle Autoren
während der gesamten Sowjetzeit eine fast unerläßliche
Notwendigkeit, um sich behaupten zu können und gedruckt zu werden.
Gerhard Sawatzky faßte aber seine Mitgliedschaft im
Schriftstellerverband ideeller auf als viele andere, die nur auf
persönliche, materielle Privilegien aus waren. Er versuchte mit
anderen jungen rußlanddeutschen Autoren, eine eigenständige,
selbstbewußte sowjetdeutsche Literatur zu schaffen. Er war
Delegierter bei der l. Unionskonferenz sowjetdeutscher
Schriftsteller und auch Mitglied des l. Unionskongresses der
Sowjetschriftsteller, in dem sich die harte Linie des alten
(inzwischen auch geistig vergreisten) Maxim Gorki durchsetzte und
das dogmatische Prinzip des „sozialistischen Realismus“ zur Pflicht
eines jeden Schreibenden der Sowjetunion erklärt wurde. Damit wurde
die in den 20er Jahren noch blühende Vielfalt der Stile und
Richtungen von einer Neuromantik, den Serapionsbrüdern, bis zu den
Sprachexperimenten des ehemaligen Futuristen und dann revolutionär
dichtenden Majakowski brutal beseitigt. Auch im
geistig-künstlerischen Bereich setzte sich die nivellierende Gewalt
der stalinistischen Gleichschaltung durch, nachdem sie 1928/29 die
Zwangsindustrialisierung und 1930 die Zwangskollektivierung der
Landwirtschaft durchgepeitscht hatte. Majakowski, der „größte
Dichter der Sowjetepoche“, hatte schon 1930 resigniert Selbstmord
begangen, andere Autoren, wie Boris Pasternak, gingen gewissermaßen
in die innere Emigration. Die Rußlanddeutschen hatten allerdings
zunächst als hauptsächlich traditionelle Landbevölkerung mit einer
realistisch direkten, mitunter auch vordergründigen Schreibweise
anfänglich weniger unter der Verfolgung des „Formalismus“, der
Niederhaltung der künstlerischen
Vielfalt und Experimentierfreude zu leiden, da sie diese kaum
kannten. Auch Sawatzky verstand sich von Haus aus als Realist, als
Schilderer des Lebens der Rußlanddeutschen und vor allem als
Chronist der Veränderungen dieses Lebens in der neuen Zeit, die vom
Geist der sozialen Utopie eines mitunter schon fast naiven
brüderlichen Zusammenlebens der Werktätigen aller Nationen geprägt
war. Seine Lyrik, gesammelt in dem Band mit dem bezeichneten Titel
Rote Knospen, feiert jubilierend die neuen Errungenschaften
der Arbeiterklasse und des ganzen „werktätigen Volkes“, wobei er
sich sogar so weit versteigt zu behaupten, jetzt gäbe es endlich
Feiertage auch für die Rußlanddeutschen, was besonders seltsam
klingt, da deren Frömmigkeit und kirchliche Feiertagskultur
sprichwörtlich war. In dem Poem Die Dürre gelingen Sawatzky
aber neben dem oberflächlichen Optimismus einer sozialistischen
Bewässerungseuphorie auch Verse von fesselnder Anschaulichkeit über
die unendliche Weite und herbe Schönheit seines riesigen Landes. In
der Erzählung Unter weißen Mördern schildert er packend
Greueltaten der antibolschewistischen Armee des Admirals Koltschak
in der Zeit des Bürgerkrieges, was durchaus realistisch ist. „Weiße“
und „Rote“ vergaben sich nichts, Gefangene wurden nicht gemacht, und
bei Verdächtigen galt das umgekehrte Rechtsprinzip: im Zweifelsfalle
immer gegen den Angeklagten. Dabei gab es neben den „Weißen“ und den
„Roten“ auch noch die Grüne Anarchie des Bandenführers Machno sowie
die traditionell schwarze Fahne der Anarchie. Mit Vertretern all
dieser Richtungen sollte dann der durchaus loyale Sawatzky im
stalinistischen Gulag verschwinden. Er nahm selbstverständlich, wie
gewünscht, Partei, auch in den Erzählungen Das Partisanengrab
und Der Sowjetstern.
Auch den
Internationalismus faßte Sawatzky ideell und gleichzeitig auch
tatkräftig auf, wurde Mitarbeiter der von Johannes Robert Becher,
dem späteren Kulturminister der DDR, herausgegebenen deutschen
Exilzeitschrift und war bestrebt, von den deutschen Emigranten zu
lernen, besonders was die sprachlich-künstlerische Gestaltung
anbelangte. Sein Hauptwerk ist der Roman Wir selbst, das er
1937 vollendet hatte und das schon 1938 gesetzt war, aber nicht mehr
gedruckt werden durfte, weil sein Verfasser 1938 verhaftet und in
den Archipel Gulag, in Stalins Zwangsarbeitslager, geschickt worden
war.
Was war geschehen?
Ein totaler Umbruch! Von der Politik der
„Korenisazija“,
der Verwurzelung der über 150 Völker der Sowjetunion in dem neuen
Bundesstaat, über die Herausbildung nationaler Führungskräfte, war
nun Stalin im „entwickelten Stalinismus“ dazu übergegangen, die
Führungskräfte der Nationalitäten zu liquidieren. Die
Rußlanddeutschen waren zuerst und am nachhaltigsten davon betroffen,
da der Nationalsozialismus in Deutschland ein willkommener Anlaß
war, undifferenziert mit den Rußlanddeutschen abzurechnen, sie
pauschal zu verurteilen. Gerhard Sawatzky wurde im Zuge dieser
generellen Repressionspolitik schon 1938, drei Jahre vor der
Auflösung der Wolgadeutschen Republik und der Verbannung sämtlicher
Rußlanddeutscher nach Sibirien und Kasachstan, verhaftet, in einem
Schauprozeß unschuldig verurteilt und ins Arbeitskonzentrationslager
gesteckt, in dem er mit vielen anderen politischen Häftlingen elend
zugrunde ging – dreieinhalb Wochen vor seinem 43. Geburtstag, nach
sechs Jahren schlimmer Haft.
Gerade mit seinem
Roman Wir selbst, dessen Manuskript wie durch ein Wunder von
seiner Lebensgefährtin unter Lebensgefahr gerettet wurde, hat sich
Sawatzky für eine selbstbewußte, tatkräftige, autonome und mit den
anderen Völkern gleichberechtigte rußlanddeutsche Nationalität
eingesetzt, was gerade damals am wenigsten genehm war. Falls es
überhaupt eine Möglichkeit gibt, seine Vorstellungen zu
verwirklichen, so erst nach dem demokratischen Umbruch, in dessen
Verlauf bisher immerhin zwei deutsche Bezirke in Westsibirien
entstanden sind. Als Opfer seiner eigenen Utopie, des Verrats dieser
Utopie durch den Stalinismus und den Totalitarismus und nicht
zuletzt auch infolge fehlender Solidarität der deutschen Emigranten,
Johannes R. Bechers, Walter Ulbrichts, Alfred Kurellas und anderer,
die zur selben Zeit, als die deutsche Wolgarepublik vernichtet
wurde, von Stalin hofiert wurden, weil er sie für seinen späteren
Endsieg in Ost- und Ostmitteleuropa brauchte, mußte Gerhard Sawatzky
sterben. Ein Beispiel mehr für die Gewalttätigkeit des
menschenverachtenden Totalitarismus.
Ingmar Brantsch