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Gerhard von Scharnhorst, ein Bauernsohn aus Bordenau/Hannover, empfing
in seiner Jugend entscheidende Eindrücke
auf der Militärschule des Grafen Wilhelm von Schaumburg-Lippe, der
Festung Wilhelmstein im Steinhuder Meer. 1778 trat Scharnhorst in ein
Dragonerregiment der Armee Hannovers ein, die er im Range eines
Oberstleutnants im Jahre 1801 wieder verließ. 1783 wechselte er zur
Artillerie über und lehrte in diesem Fach an der Artillerieschule in
Hannover. Daneben entfaltete Scharnhorst eine umfangreiche Tätigkeit als
Militärschriftsteller und erwarb sich bald weithin große Anerkennung. Im
ersten Koalitionskrieg zeichnete er sich als Stabskapitän bei der
Verteidigung von Menin 1794 aus, wurde daraufhin zum Major befördert und
in den Generalquartiermeisterstab versetzt. Da er nach seiner
Beförderung zum Oberstleutnant in Hannover wegen seiner nichtadeligen
Herkunft kaum noch Aufstiegschancen besaß, ließ er sich für den Dienst
beim Feldartilleriekorps der preußischen Armee gewinnen. 1802 erfolgte
seine Erhebung in den Adelsstand. Im Gefolge der Neugestaltung des
Generalstabes wurde Scharnhorst 1804 zum Generalquartiermeisterleutnant
ernannt und an die Spitze der dritten Brigade des Quartiermeisterstabes
gestellt, die den westlichen Kriegsschauplatz bearbeitete. 1804 wurde er
zum Oberst befördert und nahm am Krieg von 1806/07 gegen Frankreich
zunächst als Generalquartiermeister des Herzogs von Braunschweig an der
Schlacht von Auerstedt teil und
zog sich anschließend mit
Blüchers Truppen nach Lübeck zurück. Während der Kämpfe in Ostpreußen
war Scharnhorst dem Korps des greisen Generals v. L‘Estocq zugeteilt,
und der Erfolg der preußisch-russischen Armee in der Schlacht von
Preußisch-Eylau im Februar 1807 war im wesentlichen sein Verdienst. Am
17.7.1807 wurde Scharnhorst zum Generalmajor und kurz darauf zum
Vorsitzenden der Militärreorganisationskommission ernannt, die in
Königsberg wirkte, wohin sich der preußische Hof zeitweilig nach dem
Frieden von Tilsit gerettet hatte. Nach Schaffung des Kriegsministeriums
war er bis zum 7.6.1810 Chef des Allgemeinen Kriegsdepartements und
zeitweilig außerdem Chef des Ingenieur- und Pionierkorps,
Generalinspekteur der Festungen und Chef des Generalstabs. Nachdem er
durch französischen Druck einen Teil seiner Aufgaben verloren hatte,
behielt er dennoch eine längere Zeit geheimen Einfluß auf die Leitung
der Militärangelegenheiten. In dieser Zeit verwandten ihn König
Friedrich Wilhelm III. und der Staatskanzler Freiherr von Hardenberg zu
politischen Missionen in Petersburg und Wien. Erst 1813 trat Scharnhorst
wiederum offen als Generalquartiermeister hervor. Er starb als
Generalleutnant an den Folgen einer nicht ausgeheilten Verwundung, die
er sich in der Schlacht bei Großgörschen am 2.5.1813 zugezogen hatte, am
28. Juni 1813 in Prag.
Versucht man Scharnhorsts Rolle für
Preußen zu beschreiben, so rangiert der Soldat gleichauf mit dem
militärischen Denker und dem Politiker Scharnhorst. Soldat sein
bedeutete bei ihm nicht nur die Befähigung zum Truppendienst, sondern
auch die Fähigkeit, praktische Kriegserfahrung und eigene Beobachtung
mittels gedanklicher Erfassung, Durchdringung und Konzeption auch für
andere nutzbar zu machen. Dabei bewahrte er stets Augenmaß für das
Machbare, verlor niemals den Bezug zur Realität. Er war wohl der erste
deutsche Offizier, der die Rolle und die Kräfte der Kolonialmilizen der
amerikanischen Siedler bei ihrem Sieg über die britischen Söldnertruppen
erkannte. Sein Aufsatz von 1797 über die Erfolge der Franzosen im
Revolutionskrieg und den Feldzügen von 1794 vermittelt bereits eine
kleine Theorie des Krieges. Sein erstmalig 1804 erschienenes „Handbuch
der Artillerie“ ist auch heute noch hinsichtlich der Methodik der
Erkenntnisgewinnung vorbildlich. Es handelt sich hier um ein klassisches
Dokument einer von tiefer Kenntnis der Strukturen ausgehenden und diese
systematisch auswertenden Militärtheorie.
Clausewitz bezeichnete ihn als seinen „geistigen Vater“, dem er
auffallend in der Ausgewogenheit von Theorie und Praxis gleicht.
Der
Staatsmann Scharnhorst wurde schließlich
zeitweilig zum Schwerpunkt des politischen Widerstandes gegen
Frankreich. Seine Konzeption zur Bewältigung der Niederlage von 1806
entfaltete sich im Bündnis von Regierung und Nation. Auch seine
militärischen Reformen wurden aus dieser Idee gespeist. Das Heer war für
ihn keine maschinell funktionierende Organisation, sondern Teil einer
politischen Gesamtverfassung. Scharnhorst starb, ohne sein Werk zu
vollenden, doch blieb der Armee einiges von seinen Reformen erhalten:
die allgemeine Wehrpflicht, die Grundsätze über die Auswahl des
Offizierskorps, die Arbeitsweise des Generalstabs, die Erziehung und
Schulung des Nachwuchses. Der Grundgedanke der Reform jedoch, die
Übereinstimmung zwischen politischer und militärischer Ordnung, ging
verloren.
Werke: Heinz Stübig, Scharnhorsts
Briefe. Privatbriefe, hrg. von Karl Linnebach. Mit einem Kommentar und
einem Anhang zum Nachdruck, München 1981; Gerhard von Scharnhorst,
Ausgewählte Schriften. Hrg. von Ursula von Gersdorff, Biblio-Verlag,
Osnabrück 1983.
Lit.: Reinhard Höhn, Scharnhorst,
Soldat, Staatsmann, Erzieher. 3. Auflage, Bernard & Graefe Verlag,
München 1981; U. Lehmann, Scharnhorst und die preußische Heeresreform.
Berlin 1935 (Kriegsgeschichtliche Bücherei, Bd. 8); Hans Meier-Welcker,
Gerhard von Scharnhorst 1755-1813
(Große Soldaten der europäischen Geschichte, Frankfurt/Main 1961).
Romedio Graf v.
Thun-Hohenstein
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