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Altersgenosse Hugo von Hofmannsthals, dem er 1924 zum 50. Geburtstag
huldigte, und Karl Kraus', den er 1933 mit dem Versuch eines
geistigen Bildnisses würdigte, wuchs der 1918 von Kaiser Karl wegen
seiner Verdienste um Österreich geadelte mährische Kaufmannssohn Richard
Schaukai in seiner innig geliebten, in späteren Jahren jedoch von ihm
als seelenlos gewordene Industrie-Agglomeration geschmähten und
gemiedenen Heimatstadt Brünn heran, wo er 1892 maturierte, just als der
sechs Jahre jüngere Robert Musil dort die Realschule besuchte. Genuin
gegensätzliche Naturen: dem nachmaligen, von Mathematik und
Naturwissenschaften faszinierten Ingenieur Musil, dem kühlen Kritiker ‚Kakaniens',
steht der technikfeindliche, leidenschaftlich kaisertreue k.k.
Staatsbeamte Schaukai gegenüber, haben sie doch eine bedeutsame Trias
gemeinsam: das prägende Kindheits- und Jugenderlebnis Mähren, den
entsagungsvoll strengen Dienst an der Literatur und das Sterben in fast
völliger Vergessenheit innerhalb des gleichen Kriegsjahres 1942.
Während aber Musil mittlerweile zu den herausragendsten
deutschsprachigen Autoren unseres Jahrhunderts gerechnet wird, nimmt man
Schaukai bestenfalls als einen der zahlreichen Vertreter des
literarischen Jungen Wiens summarisch zur Kenntnis. Sein eigenständiges
lyrisches Spätwerk und seine exquisiten Übertragungen aus dem Englischen
(Shakespeares Sturm) und Französischen (Novellen von Mérimée,
Lyrik der Symbolisten Mallarmé und Verlaine und des Parnassiens Hérédia
sowie Prosa seines Zeitgenossen Georges Duhamel) harren noch der
Wiederentdeckung. Nur seine produktive Auseinandersetzung mit dem
heutzutage abermals modischen Typus des Dandys führte zu Neuauflagen
seiner Übersetzung von Barbey d'Aurevillys Du dandysme et de G.
Brummell und seines eigenen Beitrags zu diesem so überaus
erfolgreichen englischen „Exportartikel“, der Skizzen- und
Aphorismen-Sammlung Leben und Meinungen des Herrn Andreas von
Balthesser, eines Dandy und Dilettanten. Sie erschien erstmals 1907
in dem jungen, nicht zuletzt wegen seiner ambitiösen Buchausstattung
hochgeschätzten und auch von Schaukal bevorzugten Georg Müller-Verlag in
München. Der Balthesser wurde mit sieben Auftagen zu Lebzeiten
des Autors sein größter Erfolg – ein Bestsellerproduzent war er nie,
konnte und wollte es auch nicht sein. Als der monokelbewehrte Schöngeist
Andreas von B. in 830 in der Presse numerierten Exemplaren in die Welt
trat, war sein Schöpfer bereits nach einem Jurastudium und
Beamtentätigkeiten in Brünn und Mährisch-Weißkirchen seit vier Jahren
als Verwaltungsjurist im Wiener Ministerratspräsidium beschäftigt. 1909
wurde er Präsidialchef im Ministerium für öffentliche Angelegenheiten.
Gleich E. T. A. Hoffmann, den er edierte und über den er 1904 und 1923
Studien veröffentlichte, vereinigte er in sich einen Künstler und
Juristen, und so war es nur natürlich und folgerecht, daß er sich als
Kreisler redivivus fühlen mochte. Die Epistelsammlung Kapellmeister
Kreisler. Dreizehn Vigilien aus einem Künstlerdasein (1906) bezeugt
diese Wahlverwandtschaft mit der bedeutendsten Kunstfigur des Berliner
Kammergerichtsrates.
Zu Marie von Ebner-Eschenbach und Ferdinand von Saar, den
renommiertesten österreichischen Schriftstellern der vorangegangenen
Generation, suchte er persönlichen Kontakt. Von den um 1800 Geborenen
hat er Adalbert Stifter mehrfach essayistisch, einmal auch poetisch
(1915 mit einem Sonett) seine Reverenz erwiesen. Noch höher als
Grillparzer schätzte er eigenartigerweise, vielleicht aus
neuromantischer Hinneigung zum Phantastischen, den liebenswerten Meister
des Alt-Wiener Zaubermärchens, Ferdinand Raimund.
Nach dem Untergang der Monarchie zog sich R. v. Schaukal ganz in den
Kreis seiner Familie und in sich selbst zurück. Auf eigenen Wunsch
quittierte er Ende 1918 den Staatsdienst und wurde mit dem Titel eines
Sektionschefs pensioniert. Eine ,brave new world', wie sie Miranda in
Shakespeares von ihm so geliebten Tempest vorschwebte, vermochte
er in dem amputierten Nachkriegs-Österreich nicht zu erblicken. Trost
fand er in naturnahem Leben und in seiner immer mehr erstarkenden
Religiosität. Gedichte zu schreiben hörte er nicht auf. Eines davon, aus
der Sammlung Herbsthöhe (1933), Worte eines karg und wesentlich
Gewordenen, stehe am Ende unserer Schattenbeschwörung:
SEPTEMBER
Herbstnebel hüllt die Höhen
und geistert um den Wald.
Vereinsamt starren Föhren.
Die Luft geht regenkalt.
Was sind im Wiesendunkel
für fahle Blumen erwacht?
Der Sommer ist versunken.
Es wird Nacht.
Werke:
Werke in Einzelausgaben. 6 Bde. München/Wien 1965-67. – Leben und
Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser. Cotta's Bibliothek der
Moderne. Bd. 46. Stuttgart 1986. – Jules Amédée Barbey d'Aurevilly: Vom
Dandytum und von G. Brummell. Ins Deutsche übertragen und eingeleitet
von Richard von Schaukal. Greno 10/20. Nördlingen 1987.
Lit.:
Nagl/Zeidler/Castle: Deutsch-österreichische Literaturgeschichte. Bd. 4.
Wien 1937, S. 1827-33 (Beitrag von J. Cerny). – Ernst Alker: Geschichte
der deutschen Literatur von Goethes Tod bis zur Gegenwart. Bd. 2.
Stuttgart 1950, S. 380f., 444f. Dritte, veränd. u. verb. Aufl. unt. d.
Tit.: Die deutsche Literatur im 19. Jahrhundert (1832-1914). Kröners
Taschenausgabe. Bd. 399. Stuttgart 1969, S. 827f., 887.
Bild:
Holzschnitt von Paul Renner. Aus dem Katalog des Georg Müller-Verlags
1903-1908.
Burkhard Bittrich
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