Man kann von
Franz Xaver
Scharwenka
kaum allein
sprechen,
ohne auch
seines
Bruders
Philipp
(1847-1917)
zu gedenken,
ja in
Anlehnung an
die Gebrüder
Grimm muß
man bei den
Scharwenkas
auch von
Gebrüdern
sprechen, da
ihr Leben,
Schaffen und
Wirken eine
„Grimmsche“
Gleichartigkeit
aufweist. Es
entstand bei
beiden ein
einander
verwandtes
kompositorisches
Werk, ihr
Wirken als
Pianisten
und als
gesuchte
Pädagogen
entsprach
auch
gemeinsamer
Tätigkeit,
auch der
Lebensgang
und die Orte
ihres
Wirkens
gingen
zusammen.
Grundsätzlich
wäre zu
sagen, daß
Xaver, der
ja ein
weltberühmter
Pianist war,
der
Bestimmendere
und Philipp
der
Zurückhaltendere
war, der
etwas im
Schatten des
Bruders
stand. Ihr
Werk ist
verwandt.
Xaver war
der
Musikantischere,
bei
Einhaltung
strengerer
Formprinzipien.
Philipp, der
Verhaltenere,
komponierte
freier. Ihr
Schaffen
steht in der
Umgebung von
Liszt und
Brahms, in
Philipps
Werk, das
auch mehr
der
Orchestermusik
galt, sind
Einflüsse
Wagners zu
erkennen.
Chopin und
Schumann
sind von
besonderer
Bedeutung
gewesen, und
es ist
anzumerken,
daß Xaver
sowohl
Chopins als
auch
Schumanns
sämtliche
Klavierwerke
herausgegeben
hat, (jene
bei Augener
in London
und diese
bei Pohle in
Hamburg);
vielleicht
kann man
sagen, daß
er damit
auch seinen
Vorbildern
huldigte.
Vater
Scharwenka
war
Architekt.
Nach der
Kinderzeit
der Brüder
in Samter
zog die
Familie 1859
nach Posen,
wo sie das
Gymnasium
besuchten.
1865 kam die
Übersiedlung
nach Berlin
und die
Ausbildung
an der
Kullakschen
Akademie der
Tonkunst. Es
sei
angemerkt,
daß die
Brüder
Kullak
(Theodor
1818
Krotoschin –
1882 Berlin
und Adolph
1823
Meseritz –
1862 Berlin)
ebenfalls
aus dem
Posener Raum
stammten und
eine
Generation
früher eine
ähnliche
Bedeutung
für das
Berliner
Musikleben
hatten, wie
sie später
die
Scharwenkas
erlangen
sollten.
Nach
dreijähriger
Ausbildung
bei Theodor
Kullak
(Klavier)
und Richard
Würst
(Komposition)
sowie bei
Heinrich
Dorn
(Partiturspiel)
wurde Xaver
1868 selbst
Lehrer an
der
Kullakschen
Akademie.
1869
debütierte
er als
Pianist
erfolgreich
in Berlin in
der
Singakademie,
machte sich
bald über
Berlin
hinaus einen
Namen und
konnte 1870
auch in
Posen in
einem
Konzert mit
Orchester
zeigen, was
er in Berlin
gelernt
hatte. Er
konzertierte
immer wieder
in Posen und
zog sich
über
Jahrzehnte
regelmäßig
zur Erholung
und zur
Vorbereitung
von
Konzertreisen
auf die in
den
Warthe-Wäldern
bei Samter
gelegene
Ruxmühle
zurück, die
in
Familienbesitz
war.
Mit seiner
ersten
Sammlung
Polnische
Nationaltänze
op. 3,
welche er
„Frau Gräfin
Anna v.
Kalckreuth
in Weimar“
widmete, ist
Xaver
Scharwenka
als
Komponist
berühmt und
populär
geworden und
zwar mit dem
ersten Tanz
in es-moll.
Der sich
nach erstem
Hören sofort
einprägende
Tanz
beeindruckte
auch Franz
Liszt, der
den jungen
Komponisten
daraufhin
sofort
kennenlernen
wollte,
woraus sich
ein
herzliches
Verhältnis
mit
zahlreichen
Begegnungen
entwickelte.
Dieser Tanz,
welcher in
riesiger
Auflage
erschien,
hat dem
Verlag
Breitkopf &
Härtel viel
Geld
eingebracht,
aber
besonders
den
schwarzen
Nachdruckern
in den USA.
Mit der
Familie von
Kalckreuth,
die ja im
Posener Land
umfänglich
begütert
war, stand
Xaver
Scharwenka
in näherer
Verbindung,
so wohnte er
1870
anläßlich
der
„Tonkünstlerversammlung
des
Allgemeinen
Deutschen
Musikvereins“
in Weimar im
Haus des
Landschaftsmalers
und
Direktors
der Weimarer
Kunstschule,
Eduard
Stanislaus
von
Kalckreuth
(über diesen
siehe OGT
1994, S.
186-188).
1872 machte
Scharwenka
mit der
Sängerin
Franziska
Wuerst eine
Konzertreise,
die ihn nach
Bromberg,
Thorn,
Marienburg,
Danzig und
Königsberg
führte. 1873
folgte er
einer
Einladung
der Fürstin
Elisabeth
von
Carolath-Beuthen
und
verbrachte
sechs Wochen
konzertierend
und
komponierend
auf dem auf
einem
Hochufer der
Oder
gelegenen
Schloß
Carolath in
Schlesien.
Nach dem
Militärdienst
1874 gab er
seine Stelle
als Pädagoge
auf und
bereiste als
anerkannter
Virtuose
fast alle
europäischen
Länder. In
Warschau
oder Krakau
scheint er
jedoch nie
konzertiert
zu haben.
Bei der
Sommerfrische
1876 auf
Rügen lernte
er Johannes
Brahms
kennen.
Heitere
Stunden,
aber auch
Einblicke
des Meisters
in
Scharwenkas
kompositorisches
Schaffen
erhielten
die Tage in
bleibender
Erinnerung.
Seine
Klavierstücke
Romanzero
op. 33,
die in
Saßnitz
entstanden
waren, bat
er, Brahms
widmen zu
dürfen.
Dieser
antwortete:
„Liegt das
Notenheft
erst vor
mir, soll es
keinen
dankbareren
und
aufmerksameren
Zuhörer
geben
können“.
1877
heiratete
Scharwenka
Zenaide
Gouseff,
eine in
Berlin
lebende
Russin, die
seine
Schülerin
gewesen war.
Die Ehe, der
fünf Kinder
entsprossen,
soll sehr
glücklich
gewesen
sein.
Sein 1.
Klavierkonzert
op. 32
widmete
Scharwenka
Liszt.
Dieser
führte es
1877 auf,
und den
ersten Satz
spielte im
selben Jahr
übrigens
Gustav
Mahler in
Wien bei
seinem
einzigen
nachweisbaren
Auftritt als
Solist in
einem
Klavierkonzert.
Das Werk
wurde zu
einem großen
Erfolg. 1878
ging Xaver
erstmals
nach
England.
Seitdem
konzertierte
er immer
wieder dort,
auch fand er
in dem
Londoner
Verleger
Augener
einen
bedeutenden
Freund und
Förderer.
Unter den
über 40
Musikinstituten
in Berlin
wurde das
von Xaver
1881
gegründete
Scharwenka-Konservatorium,
an welchem
auch Bruder
Philipp
unterrichtete
und
mitbeteiligt
war, bald zu
einer der
gefragtesten
Lehranstalten.
Das
Scharwenka-Konservatorium
sollte noch
bis 1960,
bis zum Tod
von Walter
Scharwenka,
einem Sohn
Philipps,
bestehen. Es
gab Zeiten,
in denen 62
Lehrer 1000
Studenten
unterrichteten.
1882 schrieb
Scharwenka
seine
Sinfonie
c-moll op.
60, die
1883
in
Kopenhagen
unter seiner
Leitung
erfolgreich
uraufgeführt
wurde. 1884
bereiste er
Rußland und
die
baltischen
Lande.
Nach
einer
USA-Reise
1890 ging
Xaver 1891
für sieben
Jahre in die
USA, wo er
in New York
ein nach ihm
benanntes
Konservatorium
gründete,
während
Philipp ihn
in Berlin
vertrat, ihm
aber auch in
New York
zwei Jahre
beistand,
jedoch dann
aus Heimweh
nach Berlin
zurückging.
Seine Oper
Mataswintha
(nach Felix
Dahn: Ein
Kampf um Rom),
die 1896 in
Weimar zur
Uraufführung
gelangte,
kam auch an
der Met in
New York
heraus. 1898
kehrte auch
er aus
Heimweh nach
Berlin
zurück und
wurde wieder
in der
Leitung des
Berliner
Instituts
tätig. 1908
komponierte
Xaver sein
4.
Klavierkonzert
op. 82,
welches er
der Königin
Elisabeth
von
Rumänien,
einer
geborenen
Prinzessin
zu Wied,
widmete,
jener unter
dem Namen
Carmen Sylva
eher
bekannten
Dichterin.
Daraufhin
erfolgte
eine
Einladung
nach
Bukarest.
Über seine
dort
empfangenen
Eindrücke
hatte er in
fröhlicher
Stimmung an
einen Freund
nach Berlin
geschrieben,
und er
wunderte
sich, als er
auf der
Rückreise
seinen
Bericht im
Berliner
Lokalanzeiger
lesen
konnte, den
er auf dem
Lemberger
Bahnhof
gekauft
hatte. Es
folgten
wieder
Konzertreisen
nach den USA
und Kanada,
insgesamt
hat er 28
mal den
Ozean
überquert,
so 1910, als
er zweimal
unter Gustav
Mahlers
Leitung in
New York
auftrat,
auch mit
seinem 4.
Klavierkonzert.
Er war in
den USA so
bekannt, daß
sogar ein
Schwindler
unter seinem
Namen
auftreten
konnte.
Scharwenka
stellte
seine
organisatorischen
Fähigkeiten
auch
dem
„Deutschen
Musikpädagogischen
Verband“
(1900) und
dem
„Verband der
Konzertierenden
Künstler
Deutschlands“
(1912) zur
Verfügung.
1900 wurde
er Mitglied
der
Königlichen
Akademie der
Künste in
Berlin.
Xaver
Scharwenka
verstarb
völlig
unerwartet
74jährig an
Komplikationen
einer
Blinddarmoperation
in Berlin.
Er war bis
in die
letzten Tage
seines
Lebens von
einer
seltenen
Rüstigkeit
des Geistes
und des
Körpers
gewesen, und
noch wenige
Monate vor
seinem Tod
hatte er
eine
längere,
arbeitsreiche
Amerika-Reise
absolviert
und war nach
Berlin
zurückgekehrt,
um hier
wieder seine
täglichen,
vielfältigen
Aufgaben als
Lehrer,
Solist,
Komponist zu
verrichten.
Der
Schwerpunkt
des
kompositorischen
Schaffens
von Xaver
Scharwenka
liegt in der
Klaviermusik,
wobei seine
vier
Klavierkonzerte
besonders zu
nennen
wären, und
in der
Kammermusik.
Eine
besondere
Betrachtung
im einzelnen
wäre
notwendig,
jenseits
summarischer
Erwähnung,
um der
Qualität
seiner Werke
gerecht zu
werden.
Einflüsse
auf
nachfolgende
Komponisten
wären
vielfältig
auszumachen;
allerdings
wurde die
von ihm
verfolgte
Richtung der
Musik längst
nicht mehr
rezipiert.
Ein Hinweis
sei gegeben:
Bereits in
seinem 1.
Klavierkonzert
fand
Scharwenka
zu jenem
„Understatement“,
das später
bei
Rachmaninow
besonders
auffällt und
beispielsweise
zu Beginn in
dessen 4.
Klavierkonzert
geradezu
eklatant
vorgeführt
wird.
„Großzügige
Virtuosität,
der Glanz
und das
Feuer seines
Spiels, die
sein
Publikum
allerorten
hinrissen.
Auch
Erscheinung
und
persönliches
Wesen...
warben
unwiderstehlich
für ihn.
Kavalier vom
Scheitel bis
zur Sohle,
ein Urbild
männlicher
Schönheit
slawischen
Typs,
knickte er
Herzen mit
Leichtigkeit,
bezauberte
er durch
Frohsinn,
die
Liebenswürdigkeit
und die
Vornehmheit
seines
Wesens“. Mit
diesen
Worten
beschrieb im
Nachruf Hugo
Leichtentritt
seine
Erscheinung
im
Konzertsaal
und fand für
sein
kompositorisches
Schaffen
diese Worte:
„Stilistisch
nehmen seine
Werke eine
Mittelstellung
zwischen
Liszt und
Brahms ein.
Von beiden,
denen er
auch
persönlich
nahestand,
hat
Scharwenka
viel
gelernt.
...Formvollendet
ist seine
Musik immer,
gewinnender
Klang,
melodischer
Reiz,
rhythmischer
Schwung sind
ihr eigen...
Zum Umsturz
und zur
Gewaltsamkeit
im Gebrauch
der Mittel
fühlte er
sich nie
veranlaßt“.
Der zuletzt
zitierte
Satz trifft
auch heute
noch den
Punkt seines
Unbekanntseins
in
Deutschland,
jener Punkt,
der die noch
verbreitete
Borniertheit
der
deutschen
Musik- und
Kunstwissenschaft
gegenüber
den
wilhelminischen
Zeiten
speist. Hier
sind andere
Länder ihren
entsprechenden
Epochen und
auch der
Wilhelminischen
gegenüber
sinnenfreudiger
und
aufgeschlossener,
und dies muß
man sein, um
die
„vollmundige“
Musik Xaver
Scharwenkas
verstehen
und genießen
zu können.
Vielleicht
tragen die
alten
Beziehungen
noch, sind
doch
heutzutage
die
angelsächsischen
Länder,
besonders
England, zu
einer
Pflegestätte
der Werke
Xaver
Scharwenkas
geworden; im
Konzert und
durch CDs,
aber auch im
Musikverlagswesen
hat sich
dort noch
manches
gehalten,
was in
Deutschland
nicht mehr
zu bekommen
ist. „Wenn
einmal in
späteren
Zeiten das
19.
Jahrhundert
einer
ähnlich
leidenschaftslosen,
unparteiischen
Sichtung
wird
unterworfen
werden, wie
sie
gegenwärtig
die
Musikforschung
mit dem 18.
Jahrhundert
anstellt,
dann wird
auch Xaver
Scharwenka
die
zutreffende
Würdigung
finden, die
ihm zur Zeit
versagt ist“
(Leichtentritt).
Leider sind
wir heute
auch in
dieser
Beziehung
noch nicht
weitergekommen.
Aber, das
CD-Angebot
wächst, und
bald wird
die
Pianistin
Seta Tanyel
das gesamte
Klavierwerk
bei Collins
eingespielt
haben. Die
Klavierkonzerte
und einige
Kammermusik
sind zum
Teil schon
mehrfach
erhältlich,
und so
beginnt die
Musik
Scharwenkas,
die im
ausgehenden
19. und
beginnenden
20.
Jahrhundert
so überaus
erfolgreich
war, bei
aller
Ignoranz der
Musikphilister
langsam
wieder ihren
Weg zu
machen, und
sie wird
mancher
heutigen und
zukünftigen
Seele sehr
gut tun.
Dazu möchte
auch dieses
Gedenkblatt
beitragen.
Vielleicht
wird auch
eine
Entdeckung
bei den
polnischen
Musikfreunden
erfolgen,
wenngleich
sich der
evangelische
Xaver mit
seiner
polnischen
Mutter und
den
Polnischen
Tänzen immer
als
Deutscher
bezeichnete.
Werke:
Zahlreiche
Klavierstücke,
Polnische
Tänze op. 3,
9, 29, 34,
40, 47, 58,
66, zwei
Klaviersonaten,
vier
Klavierkonzerte,
Kammermusik
mit Klavier,
Lieder,
Symphonie
c-moll op.
60, Oper
Mataswintha,
(n. Felix
Dahn Ein
Kampf um
Rom),
Studienwerke
für Klavier.
Lit.:
Div.
Musiklexika
– Xaver
Scharwenka:
Klänge aus
meinem
Leben.
Erinnerungen
eines
Musikers,
Leipzig
1922. – Hugo
Leichtentritt:
Xaver
Scharwenka
(Nachruf),
in: Die
Musik XVII.
Jg. H. 5 Februar
1925. – Ders.:
Das
Konservatorium
Klindworth-Scharwenka,
Berlin
1931 – Div.
CD-Beihefte.
– Unser
„Opus I“.
Autobiographisches
aus
der Feder
bekannter
Componisten.
IV. Xaver
Scharwenka,
in:
Harmonie-Kalender
1903, Jg.
III Berlin.
Bild:
Die Musik
XVII. Jg. H.
5 Februar
1925.