Auf mehr als
50 Jahre
ihrer
Geschichte
können die
Landsmannschaften
der aus der
Heimat
Vertriebenen
– die
zentral die
Vertriebenen
zusammenfassenden
Organisationen
des ZvD
(Zentralverband
der
vertriebenen
Deutschen)
und des VdL
(Verband der
Landsmannschaften),
schließlich
zusammengefaßt
im Bund der
Vertriebenen
(BdV) –
zurückblicken.
Aber es
fehlt bis
heute an der
geschichtlichen
Aufarbeitung,
und das hat
zur Folge,
daß die
Namen der
Gründer und
Wortführer
der ersten
Jahrzehnte
kaum noch
bekannt
sind, weil
die
Aktualität
obsiegt und
die für das
Gestern
Verantwortlichen
nicht mehr
genannt
werden und
vergessen
sind.
Zu Recht
wird immer
wieder die
Charta der
deutschen
Heimatvertriebenen
vom 5.
August 1950
gerühmt,
aber wer
fragt nach
den Namen
derjenigen,
die den Text
und Inhalt
dieser
Charta in
politisches
Handeln
umgesetzt
haben. Es
hat nach der
Währungsreform
(1948) und
nach der
Gründung der
Bundesrepublik
Deutschland
(1949) nicht
nur ein
Wirtschaftswunder
gegeben,
sondern auch
das Wunder
der
Eingliederung
von
Millionen
Flüchtlingen
und
Vertriebenen,
ohne daß
dies von
Exzessen
begleitet
gewesen
wäre. Auf
die
vorbildlich
Handelnden
ist es
angekommen.
In der
großen
Politik
nennt man
dann gerne
die Trias
Theodor
Heuss,
Konrad
Adenauer und
Kurt
Schumacher.
Unter den
deutschen
Vertriebenen
sind hier
zwei Männer
ob ihrer
besonderen
Leistungen
herauszustellen,
zwei Männer,
die
einerseits
ein
Ministeramt
innehatten
und zum
anderen
Sprecher
ihrer
Landsmannschaften
gewesen
sind. Ihre
Namen sind
Hans-Christoph
Seebohm,
Bundesverkehrsminister
unter
Bundeskanzler
Konrad
Adenauer und
Wortführer
der
Sudetendeutschen,
und Erich
Schellhaus,
unter den
niedersächsischen
Ministerpräsidenten
Hinrich-Wilhelm
Kopf und
Heinrich
Hellwege
Minister für
Vertriebene,
Flüchtlinge
und
Kriegsgeschädigte
und außerdem
auch
Bundesvorsitzender
der
Landsmannschaft
Schlesien.
Sicherlich
wären auch
noch andere
Namen von
Männern und
Frauen der
ersten
Jahrzehnte
zu nennen,
aber die
beiden,
Seebohm und
Schellhaus,
haben sich
vor allem
dadurch
ausgezeichnet,
daß sie
sowohl in
amtlicher
Tätigkeit
als auch in
ihrer
Eigenschaft
als Sprecher
der
Vertriebenen,
der
Betroffenen,
für die zu
wirken sie
in ihre
Ämter
berufen
worden
waren, also
in doppelter
Funktion
Leitfiguren
gewesen
sind.
Als ein
Niemand hat
Erich
Schellhaus
nach dem
Ende des
Zweiten
Weltkrieges
begonnen.
Sein
Lebenslauf
begann am 4.
November
1901 in
Bösdorf, im
oberschlesischen
Kreise Neiße
als Sohn
eines
Posthalters.
Nach dem
Abitur am
heimischen
Realgymnasium
und einigen
Studiensemestern
an der
Handelshochschule
in Berlin
schlossen
sich
Lehrjahre im
Bankfach an,
doch
wechselte er
dann zur
Beamtenfachschule
nach Breslau
und wurde
Kommunalpolitiker.
Die erste
Station lag
in
Hinterpommern,
wo er seit
1931 in
Fiddichow im
Kreise
Greifenhagen
als
Bürgermeister
tätig wurde.
1935 folgte
dann das
Bürgermeisteramt
in der
gerade neu
gebildeten
Gemeinde Bad
Salzbrunn,
dem
Geburtsort
von Gerhart
Hauptmann;
dann der
Zweite
Weltkrieg,
in dem er
vom Beginn
an bis zu
seinem Ende
im
Soldatendienst
stand, zum
Schluß als
Hauptmann
der Reserve.
Aber in die
Heimat
zurückzukehren,
war dem
Schlesier
verwehrt.
In
Niedersachsen,
am Rande der
Lüneburger
Heide, fand
er eine neue
Bleibe und
verdingte
sich als
Wald- und
Moorarbeiter.
Gleichzeitig
wirkte er
für seine
Schicksalsgefährten
und gehörte
zu den
Mitbegründern
einer neuen
Partei, des
BHE, des
Blocks der
Heimatvertriebenen
und
Entrechteten.
Jetzt schlug
die Stunde
des aktiven
Politikers.
Als der
Sozialdemokrat
Hinrich-Wilhelm
Kopf 1951
seine
Regierung
bildete,
mußte er
sich des BHE
als
Koalitionspartners
versichern,
und Erich
Schellhaus
wurde als
ministrabel
vorgeschlagen.
Von 1951 bis
1963 übte
er, mit
kurzen
Unterbrechungen
zwischen
1957 und
1959, das
Amt des
Vertriebenenministers
im Lande
Niedersachsen
aus.
Niedersachsen
war übrigens
das Land in
der
Bundesrepublik
Deutschland,
in dem
800.000
Schlesier
ein neues
Zuhause
gefunden
hatten. Zu
den ersten
Akzenten,
die nicht
ohne
Mitwirkung
von Erich
Schellhaus
gesetzt
worden sind,
noch unter
seinem
Amtsvorgänger
Pastor
Heinrich
Albertz,
gehörte die
Patenschaft
des Landes
Niedersachsen
über die
Schlesier
und deren
Landsmannschaft.
Als die
Landsmannschaft
Schlesien –
Nieder- und
Oberschlesien
– 1955 einen
neuen
Bundesvorsitzenden
zu wählen
hatte, wurde
Erich
Schellhaus
gewählt, und
dieses Amt
hatte er 13
Jahre bis
1968, bis zu
seinem
selbstgewählten
Rücktritt,
inne,
während
seine drei
Vorgänger
nur
kurzfristig
der
Landsmannschaft
Schlesien
vorgestanden
hatten.
Die großen,
alle zwei
Jahre
stattfindenden
Deutschlandtreffen
der
Schlesier in
Hannover,
Köln und
München
wurden von
ihm, dem
großartigen
Redner,
geprägt, und
die
führenden
Köpfe der
Politik
erhielten
das Wort,
und das
waren Konrad
Adenauer,
Ludwig
Erhard,
Erich Mende
und Willy
Brandt,
damals als
Kanzlerkandidat.
Es war stets
eine Zeit
heftiger
Auseinandersetzungen.
Es sei nur
an die
Ausführungen
des
französischen
Staatspräsidenten
Charles de
Gaulle in
der
oberschlesischen
Stadt
Hindenburg
erinnert, an
die
Errichtung
der Mauer in
Berlin, an
deutsche
Erklärungen
zur Aufgabe
eines
friedensvertraglichen
Vorbehalts,
an
Filmproduktionen,
die zum
heftigen
Widerspruch
herausforderten,
oder an die
Denkschrift
der
Evangelischen
Kirche in
Deutschland
des Jahres
1965.
Man muß sich
in diese
fast zwei
Jahrzehnte
hineinversetzen,
um Wort und
Tat von
Erich
Schellhaus
angemessen
beurteilen
zu können.
Zu
Hunderttausenden
waren die
vertriebenen
Schlesier
zusammengekommen,
vielfach in
nicht
unbegründeter
Opposition
zu den
Ereignissen
in
unmittelbarer
Umgebung und
angesichts
der
zunehmenden
Neigung,
Rechtspositionen
aufzugeben.
Erich
Schellhaus
putschte
nicht auf,
redete nicht
gefällig
irgendwelchen
Heißspornen
nach dem
Munde,
sondern trug
all die
Argumente,
die für das
Selbstbestimmungsrecht
des
deutschen
Volkes und
die
Wahrnehmung
der
nationalen
Interessen
in Anspruch
zu nehmen
waren,
ebenso
maßvoll wie
engagiert
vor. Die
Vertriebenen
sahen in ihm
ihren
Dolmetsch
und Anwalt.
Selbstverständlich
wurde eine
harte
Auseinandersetzung
mit all
denen
geführt, die
das
verlogene
Schlagwort
des
Revanchismus
im Munde
führten,
auch die
Auseinandersetzung
mit dem
Kommunismus
und seinem
sowjetischen
Imperium
jenseits von
Elbe, Werra
und Fulda
wurde
offensiv
geführt.
Nationalismus
oder
nationale
Überheblichkeit
konnte ihm
niemand, die
professionellen
Mitläufer
des
Kommunismus
ausgenommen,
vorwerfen.
Es mag
pathetisch
klingen,
wenn die
Teilnehmer
einer der
großen
Kundgebungen
mit den
Worten
angeredet
wurden:
„Meine
lieben
schlesischen
Landsleute,
meine
Mitkämpfer!“,
aber es
folgten
Sätze der
ruhigen
Bedachtsamkeit
und der
geschichtlichen
Verantwortung
aus der
Vergangenheit:
„Wir
übersehen
keineswegs,
daß wir
gutzumachen
haben, was
im Namen
Deutschlands
an Unrecht
geschah. Wir
müssen der
Welt
deutlich
machen, daß
ihr jetzt
ein anderes,
ein durch
Schuld und
Leiden
geläutertes
Deutschland
gegenübersteht;
ein
Deutschland,
das nichts
anderes
will, als in
einer sich
nach
Frieden,
Freiheit und
menschlichem
Fortschritt
sehnenden
Welt den
Platz
einzunehmen,
der ihm
trotz des
Unrechts,
das es
anderen
zufügte,
aufgrund
seiner
kulturellen
und
zivilisatorischen
Leistungen
und seiner
Größe
gebührt.“
Das gut
begründet
und
überzeugend
vorgetragene
Nein galt
dem
gegenwärtigen
Zustand der
Teilung des
Vaterlandes
und
jeglichem
Verzicht auf
das Recht
des
deutschen
Volkes auf
einen
Friedensvertrag
der
Gerechtigkeit
bezüglich
der
endgültigen
Entscheidung
über
Schlesien.
Zum
deutsch-polnischen
Verhältnis
fielen dann
die Worte:
„Auf der
Grundlage
der
Verständigung
zweier
Völker,
unter
Verzicht auf
Gewalt,
wollen wir
den Zustand
erreichen,
der dem
Recht und
der
Gerechtigkeit
entspricht.“
Hier wurde,
ohne es
besonders zu
betonen, der
Gedankengang
und das
Postulat der
Charta der
deutschen
Heimatvertriebenen
aufgegriffen
und
bestätigt.
Gelegentlich
nannte er
Kurt
Schumacher,
den
Sozialdemokraten
der ersten
Stunde nach
dem Ende des
Krieges, als
sein Vorbild
ob seiner
patriotischen
Haltung,
freiheitlichen
Gesinnung
und
gleichzeitigen
Standpunktfestigkeit,
„im Ringen
um die
deutsche
Wiedervereinigung
wird sein
Name
unvergessen
bleiben.“
Gern
zitierte er
das Wort des
berühmten
Juristen
Rudolf von
Ihering:
„Das Ziel
des Rechtes
ist der
Friede. Das
Mittel dazu
ist der
Kampf. Alles
Recht in der
Welt –
sowohl das
Recht des
Volkes, wie
auch des
Einzelnen –
setzt die
stete
Bereitschaft
zu seiner
Behauptung
voraus.“
Aber er
wußte auch
Johann
Wolfgang von
Goethe in
der rechten
Weise zu
zitieren:
„Feiger
Gedanken /
bängliches
Schwanken, /
weibisches
Zagen, /
ängstliches
Klagen, /
macht dich
nicht frei.
/ Allen
Gewalten zum
Trutz / sich
erhalten,
nimmer /
sich beugen,
kräftig sich
zeigen /
rufet die
Arme der /
Götter
herbei.“
In vier
Postulaten,
denen
jeweils
ergänzende
Sätze
folgten,
faßte er
1961 sowohl
sein eigenes
Handeln als
auch die
Aufgaben der
Landsmannschaft
Schlesien
zusammen:
„1. Wir
müssen die
Kraft, die
Gewalt
kennen, die
uns
entgegensteht,
die die
Würde des
Menschen
verachtet
und seine
Freiheit mit
Füßen tritt.
2. Wir
müssen uns
in einem
gesunden
Nationalgefühl
begegnen.
Ich glaube
nicht, daß
wir zuviel
davon
besitzen.
Aber es ist
die
wesentliche
Voraussetzung
für ein
gesamtdeutsches
Bewußtsein,
daß unser
Volk sich
als Nation
empfindet.
3. Wir
müssen
wissen, wie
die Lage
beurteilt
werden muß,
in der sich
Deutschland
in seinen
Teilen heute
befindet und
zwar unter
dem
Gesichtspunkt
des
Völkerrechts
oder
zwischenstaatlicher Abmachungen. Wir haben eine gute Rechtsposition, und das ist das
einzige, was
wir den
vollendeten
Tatsachen im
Osten
unseres
deutschen
Vaterlandes
entgegenhalten
können.
Unrecht
bleibt
Unrecht, und
Zeit und
Macht können
kein Recht
daraus
machen. 4.
Wir müssen
unseren
Standort im
Gefüge der
europäischen
Völkergemeinschaft
kennen und
uns um
Partnerschaft
bemühen,
nicht nur
nach Westen
sondern auch
nach Osten.“
Widerspruch
und heftige
Attacken in
den Medien
erregte 1962
die
Forderung
von Erich
Schellhaus,
daß
strafrechtlich
angeklagt
und verfolgt
werden
müsse, wer
in der
Öffentlichkeit
dem
Wiedervereinigungsgebot
aus der
Präambel des
Grundgesetzes
und der
Forderung
nach einem
Friedensvertrag
der
Gerechtigkeit
auch für das
deutsche
Volk
widerspräche
und
Widerstand
signalisiere.
Die
Entlassung
aus dem
Ministeramt
der
niedersächsischen
Regierung
wurde
gefordert.
Man sah
darin eine
Aufkündigung
der
Meinungsfreiheit,
indem mit
Strafparagraphen
gedroht
werde,
andererseits
bestätigt
man Erich
Schellhaus,
daß er
seinerseits
das Recht
auf
Meinungsfreiheit
in Anspruch
genommen
habe und es
jedermann
freistünde,
ihm zu
widersprechen.
Als
Staatsminister
für die
Probleme der
Vertriebenen
gehörte er
bestimmt
nicht zu den
auf radikale
und schnelle
Lösungen der
gesellschaftlichen
Fragen
revolutionär
Drängenden,
wohl aber zu
denen, die
alles
angesichts
der
gegebenen
Verhältnisse
zum Besten
der
Betroffenen
mit fester
Hand
vorantreiben
und regeln
wollten.
Wiederholt
wurde er
darum auch
zum Sprecher
der
zuständigen
Ressortminister
innerhalb
der
Bundesrepublik
Deutschland
bestimmt und
in lenkende
Positionen
berufen.
In dem 1958
neu
gegründeten
Bund der
Vertriebenen,
ein
Zusammenschluß
der beiden
großen
Verbände ZvD/BvD
und VdL,
wurde Erich
Schellhaus
zum
Vizepräsidenten
gewählt.
Dies hatte
einmal
seinen Grund
in der Größe
der
Landsmannschaft
Schlesien
als der
größten auf
das Deutsche
Reich
bezogenen
Landsmannschaft,
zum anderen
aber in
seinem
energischen
Mitwirken an
der Einheit
der bislang
konkurrierenden
Organisationen
der
Vertriebenen.
Der ZvD/BvD
war
vornehmlich
auf die
norddeutschen
Bundesländer
bezogen, der
VdL hingegen
auf
Süddeutschland.
Durch sein
konziliantes
Wesen, seine
gern bemühte
Bereitschaft,
Widersprüche
aufzulösen,
Trennendes
zusammenzuführen,
Gegensätzliches
durch
Toleranz zu
überwinden,
zeichnete er
sich aus. Es
ist auch
eine
Bestätigung
seines auf
Ausgleich
bedachten
Wesens, daß
ihm sowohl
vom
Sozialdemokraten
Hinrich-Wilhelm
Kopf als
auch von dem
Konservativen
Heinrich
Hellwege ein
Ministeramt
in den
unterschiedlich
zusammengesetzten
Kabinetten
übertragen
worden ist.
Er war kein
Mann mit
Ecken und
Kanten,
sondern ein
Politiker,
der in der
verantwortungsvollen
Mitarbeit
und
Zusammenarbeit
in der noch
so jungen
Bundesrepublik
Deutschland
seine
Aufgabe sah.
Als er in
seiner
Partei, die
sich
inzwischen
zur
Gesamtdeutschen
Partei/BHE
gewandelt
hatte, keine
überzeugenden
Zukunftsperspektiven
und eine
Verengung
ihres
Aufgabenfeldes
sah, verließ
der
Mitbegründer
des BHE
seine Partei
und wurde
1964
Mitglied der
CDU in
Niedersachsen.
Als ein Mann
der ersten
Stunde, und
dies wird
als
Anerkennung
für das
engagierte
Handeln nach
1945
verstanden,
darf Erich
Schellhaus
bezeichnet
werden.
Einen
Patrioten
und
Demokraten
darf man ihn
nennen. Daß
das nur zu
berechtigte
Aufbegehren
gegen das
Unrecht der
Vertreibung
friedlich
verlaufen
ist, frei
von
jeglichem
Nationalismus
und
irgendwelchen
Rachegefühlen,
daß die
Integration
der
vertriebenen
Deutschen in
Staat und
Gesellschaft
gelungen
ist, sollte
mit als
Verdienst
von Erich
Schellhaus
rühmend
bestätigt
werden.
Die
Bundesrepublik
Deutschland
zeichnete
ihn 1961 mit
der höchsten
Klasse des
Bundesverdienstordens,
mit dem
Großen
Bundesverdienstkreuz
mit Stern
und
Schulterband
aus, die
Landsmannschaft
Schlesien
verlieh ihm
1971 deren
höchste
Auszeichnung,
den
Schlesierschild.
Am 19.
Februar 1983
ist Erich
Schellhaus
in Hannover
gestorben
Bild:
Landsmannschaft
Schlesien.
Herbert
Hupka