Der Herausgeber des 1962 erschienenen Buches „Leben in
Schlesien – Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten“ schreibt
in seinem Vorwort: „Besonders dankbar ist der
Herausgeber dafür, daß seiner Bitte um Mitarbeit zwei
Männer entsprochen haben, die bereits ein Jahrzwölft vor
der Vertreibung ihrer schlesischen Landsleute durch
Hitler und seinen Rassenwahn aus ihrer schlesischen
Heimat vertrieben wurden und in die Emigration gehen
mußten. Beide, Professor Dr. Ernst Cohn, heute in
London, und Professor Dr. Ernst Scheyer, heute in
Detroit, sind ihrer Herkunft aus Schlesien treu
geblieben. Auch sie zeugen durch ihr Mitwirken an diesem
Erinnerungsband für das unsterbliche Schlesien“. Den
beiden eben Genannten ist überdies eigen, daß der eine
die ersten 33 Jahre, der andere 29 Jahre in Breslau
gelebt haben, bei Ernst Scheyer wurden es dann fünf
Jahrzehnte in den USA.
Für seinen Beitrag wählte Ernst Scheyer den Titel
„Bildung in Breslau“ und beginnt mit den Sätzen:
„Bildung ist ein tiefgründiger Begriff, den nur die
deutsche Sprache kennt. Vieldeutig zielt er auf
Geistiges, meint den Prozeß und schließlich das Produkt.
Breslau hat mich gebildet, sein Charakter als Stadt im
Osten Deutschlands ebenso wie seine Bildungsstätten. So
betrachte ich mich als typisches Bildungsprodukt der
Stadt, der mein Leben im Jahr der Zentenarwende bis zum
Katastrophenjahr 1933 im wesentlichen angehörte mit
Unterbrechungen der Dekade (1920-1930), meiner Wander-
und Studienjahre. Aber auch während dieser in Freiburg,
Wien, Dresden, Heidelberg und Köln verbrachten Zeit
blieb ich Breslauer. Breslau spannte mich immer wieder
ein in das dichte, tragende Netz von
Bildungsbeziehungen“.
Zweimal hat Ernst Scheyer seine jeweils kurz bemessene
Studienzeit mit einer Promotion abgeschlossen, in
Freiburg als Nationalökonom, in Köln nach einem Studium
der Kunstgeschichte, Soziologie und Ethnologie. Da sein
Vater in Breslau ein Großkaufmann im Holzhandel war,
wollte er den Sohn für diesen Beruf wissenschaftlich
vorbereiten, doch bereits während der ersten beiden
Semester in Breslau belegte der Student Kunstgeschichte.
Schließlich obsiegte die Kunstgeschichte. Der
promovierte Kunsthistoriker fand von 1926 bis 1929 in
Köln als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter eine Tätigkeit
am Kunstgewerbe Museum. Das Ziel war Breslau, und seit
dem Herbst 1929 arbeitete er in den Sammlungen der
Stadt. Er publizierte über die Kunstdenkmäler der Stadt,
hielt Vorträge in der Staatlichen Kunstakademie und
erhielt den Auftrag, an der repräsentativen
Gerhart-Hauptmann-Ausstellung aus Anlaß von dessen 70.
Geburtstag konzeptionell mitzuarbeiten.
Diese Ausstellung, am 3. September 1932 in Breslau
eröffnet, zum 70. Geburtstag von Gerhart Hauptmann am
15. November in Berlin, wenn auch im geminderten Umfang
gezeigt, war, wie allgemein berichtet wird, ein
sensationeller Erfolg. In seinem zweiten Beitrag für die
seit 1956 erscheinende Kulturzeitschrift „Schlesien“ hat
Ernst Scheyer geradezu im Stakkato das Konzept der
Ausstellung vorgestellt, entsprechend dem Zitat aus
einem an Gerhart Hauptmann gerichteten fremden Brief:
„In Ihrem Werk stellt sich Schlesien selbst dar und
wächst aus der gebundenen Enge in die Weite der Welt“.
Das sei auch der „Leitgedanke der Breslauer Ausstellung“
im Schlesischen Museum für Kunstgewerbe und Altertümer
gewesen. „Nicht nur Bücher, Manuskripte, Porträts und
Photographien sowie andere ‚Souvenirs‘ waren da zu
sehen, wie das so Langweilig-übliche in
Literatur-Gedächtnis-Ausstellungen ist, sondern
Schlesiens Kunst, Kunsthandwerk ..., die Wirtschaft des
Landsmannes und des Webers, all das Schlesische, was als
‚Stoff‘ den Dichter angeregt hatte, war da ausgebreitet
...“ Gerhart Hauptmann ist über die Jahrzehnte ein
Leitstern geblieben. Als Ernst Scheyer bereits nach
Holland emigriert war, lud ihn Gerhart Hauptmann zum
Jahreswechsel 1934/35 nach Agnetendorf in das Haus
Wiesenstein ein und nannte ihm Freunde als helfende
Kontaktadressen später in England.
Mit Gerhart Hauptmann beschäftigte sich der
Kunsthistoriker Ernst Scheyer 1963 in einem
ausführlichen Essay in der Zeitschrift „Schlesien“ unter
dem Titel „Gerhart Hauptmann und die bildende Kunst“.
Die Namen der hier in Zusammenhang mit Hauptmann
Genannten reichen von Lovis Corinth und Max Liebermann
bis zu Leo von König und Joseph Thorak. Gleichzeitig
verweist er auf Gerhart Hauptmanns Selbstbekenntnis:
„Ich habe nämlich mein höheres Wesen als Bildhauer
angefangen“ und der Essayist sagt zum Dramatiker:
„Gerhart Hauptmanns Gestalten sind nicht flüchtig, sie
haben festen Stand“, sich selbst zitierend aus einem vor
30 Jahren verfaßten Aufsatz (Neue Rundschau 1932)
„Hauptmann der Plastiker“: „Kern seines Schaffens,
Hauptmanns dichterische Phantasie wurzelt in den
ruhenden Visionen eines Bildhauers. Ausgangspunkt ist
ihm immer die körperliche Gestalt“.
Um sich wieder unter seinen schlesischen Landsleuten
vorzustellen, veröffentlichte Ernst Scheyer gleich im
zweiten Band der Zeitschrift „Schlesien“ (1957) seine
Rede zum 100. Todestag von Joseph von Eichendorff,
gehalten im „Deutschen Kulturkreis“ 1957 in Detroit. Er
verlangte von den Zuhörern, Eichendorff nicht nur als
„Sänger des deutschen Waldes“ zu verstehen, und preist
gleich das Großartige in des Dichters Sprache: „Was kann
uns, die wir nun eine andere Sprache sprechen,
Eichendorff noch sein? Eben, einer der vornehmsten Hüter
unserer Muttersprache, die er so einfach und doch so
tiefbedeutend, so klangvoll und melodisch zu handhaben
wußte, daß seine Gedichte Lied und Melodie waren, noch
bevor ein Schumann und Mendelssohn, ein Hugo Wolf und
ein Richard Strauss sie als Texte für ihre Musik
wählten“.
Ein Emigrant, das spricht sich so leicht aus, fern aller
schicksalhaften Tragödie. Nicht anders erging es dann
auch den deutschen Heimatvertriebenen. Im „Jahrbuch der
Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität“ 1960 heißt
es im ersten Absatz des Aufsatzes von Ernst Scheyer über
das „Geistige Leben in der Emigration“: „Wie sehr saugt
das Wort Emigration das Leben ein, fälscht es und tut
ihm Unrecht. Denn hinter dem Wort stehen die traurigen
und bösen Tatsachen des Hasses, der Bedrohung, der
Flucht, des Verlustes von Heimat, Familie und Freunden.
Emigration ist zunächst gleichbedeutend mit dem Aufgeben
der Sprache, der Tradition, der Geschichte, des ganzen
Komplexes der kulturellen Verwurzelung“. Der schon
genannte Aufsatz „Bildung in Breslau“ schließt mit den
Sätzen: „Es kam im Mai 1933 für mich nicht unerwartet
und nach dem Schrecken und den Spannungen der letzten
Monate fast begrüßt. Die Gerhart-Hauptmann-Plakette, die
der Oberbürgermeister Dr. Wagner den um die
Gerhart-Hauptmann-Ausstellung (1932) verdienten Männern
und Frauen überreichen ließ, kam kurz bevor mich der
amtierende Nazi-Bürgermeister Schönfelder meines Amtes
am Kunstgewerbemuseum enthob. Und dann begann die ‚Vita
Nuova‘ in Holland, England und den Vereinigten Staaten.
Doch es ist und bleibt Breslau, die zweimal verlorene
Heimat, die den Grund gelegt hat für meine ‚Bildung‘“.
Erschwerend war auf diesem Weg in die Emigration, daß im
Gegensatz etwa zu Thomas Mann oder Franz Werfel der
Dreiunddreißigjährige kein abgeschlossenes Werk
internationalen Charakters vorweisen konnte. Als ein
hervorragender Kenner der Kunstgeschichte Schlesiens,
als Gestalter der Gerhart-Hauptmann-Ausstellung ging er
in die Fremde und in dieser waren Schlesien, seine Kunst
und sein weltberühmter Dichter Gerhart Hauptmann,
realpolitisch betrachtet, weit entfernt.
Es sind kunsthistorische Gelegenheitsaufträge und
Tätigkeiten im Kunsthandel, die ihm das Leben in Holland
ermöglichten. Ein Buchprojekt wurde in Angriff genommen,
das sich mit dem Mitschöpfer des Jugendstils, dem
Engländer William Morris beschäftigen sollte, Artikel
für die von Klaus Mann redigierte deutsche
Emigrantenzeitschrift „Die Sammlung“ konnte er in
Amsterdam veröffentlichen, darunter auch Nachrufe auf
Max Liebermann und den Kunsthistoriker Julius
Meier-Graefe, worüber er rückblickend schreibt: „Ein
wenig kam ich mir vor wie ein journalistischer
Totengräber“. Ein halbes Jahr hielt er sich 1935 als
Emigrant in England auf, stand hier in Verbindung mit
Stefan Zweig, der ihm nicht gerade Mut zusprechen
konnte, in London sich niederzulassen. Aber die Zeit
wurde genutzt, Kenntnisse im Englischen nachzuholen,
denn über all zu viele verfügte er nicht, der als
Abiturient des Breslauer Elisabeth-Gymnasiums die ihm
zufallende Abschlußrede in Latein gehalten hatte.
In Holland hatte Ernst Scheyer die Konzertpianistin
Evelyne Rodrigues Pereira kennen gelernt, geheiratet
wurde in London, zwei Monate vor der Überfahrt nach New
York. Sehr hilfreich waren die Verbindungen zur Frau und
Stieftochter von Albert Einstein. Bereits im Januar 1936
erhielt er eine Stellung als „Research Fellow am Detroit
Institute of Arts“; von 1938 ab bis zur Emeritierung
lehrte er als Professor der Kunstgeschichte und
Vergleichenden Kulturgeschichte an der staatlichen
„Wayne University“ in Detroit.
Als der Zweite Weltkrieg sein Ende fand, öffnete sich
ihm der so lange versperrte Weg in die deutsche Sprache,
in das geteilte Deutschland, zu Freunden und Kennern der
Kunstgeschichte Schlesiens, zu seinen schlesischen
Landsleuten. Allerdings eine erwünschte Heimkehr nach
Breslau und Schlesien wurde dem ein zweites Mal
vertriebenen Schlesier versagt. Aber nachdem er 1950 zum
ersten Mal wieder in Deutschland gewesen war, wurde es
bald zur lieb gewordenen Gewohnheit, jedes Jahr
Aufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland zu nehmen.
Leicht und schnell wurde bekannt, daß Ernst Scheyer der
beste Kenner der Kunstgeschichte Schlesiens im 19. und
in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war. Für
den Fremden aus der Ferne und angesichts des
schlesischen Urgrunds eröffnete sich jedoch keine
Professur und auch seine jetzt wohltuend reichlich
strömenden Publikationen fanden keinen der großen
Verlage und keinen Zugang zu den herausragenden
überregionalen Zeitschriften. Um so willkommener wurde
ihm die Kulturzeitschrift „Schlesien“ und die
Unterstützung durch den Göttinger Arbeitskreis der aus
der Heimat Vertriebenen.
In einer Besprechung über das 1961 erschienen Buch „Die
Kunstakademie Breslau und Oskar Moll“: „Es ist ein
Geschenk, das Professor Dr. Dr. Ernst Scheyer aus
Detroit, Michigan, den Schlesiern mit seinem Buch
gemacht hat“. Anderenorts war zu lesen: „Ernst Scheyer
hat sein Buch über die Breslauer Akademie, die 1932 im
Zuge der Sparpolitik unter Reichskanzler Heinrich
Brüning hat schließen müssen, nicht nur als
kenntnisreicher Kunsthistoriker, sondern auch als
unmittelbarer Augenzeuge und Zeitgenosse der letzten
Jahre der Akademie, als persönlicher Freund von Oskar
Moll und von manchem berühmt gewordenen Mitglied der
Akademie, als Liebender und Verliebter geschrieben“. Das
Buch zeichnete sich auch dadurch aus, daß es ohne wohl
vor allem in Breslau anzuzapfende Quellen im fernen
Detroit so gründlich verfaßt worden ist.
Wiederholt hat sich Ernst Scheyer zur Person und zum
Werk von Otto Mueller in kompetenten Aufsätzen geäußert.
Der Artikel über Otto Mueller in dem Buch „Große
Deutsche aus Schlesien“, 1969 erschienen, fängt mit den
stolzen Sätzen an: „Seltsam und doch wie befriedigend,
daß gerade derjenige schlesische Künstler, der am
allerwenigsten für Anerkennung lebte, der einer der
‚Stillen‘ im Lande war, den größten Ruhm geerntet hat,
schon zu Lebzeiten und noch mehr nach seinem Tode. Heute
ist Otto Mueller auch in die internationale
Kunstgeschichte als einer der großen europäischen
Künstler eingegangen“. Und immer auf einen unmittelbaren
Gegenwartsbezug in der Kunstgeschichte eingehend, wird
als Eleve der Kunst Otto Muellers Alexander Camaro
genannt, „heute Professor an der Kunstakademie in
West-Berlin, in seiner Erscheinung fast ein Otto Mueller
redivivus“.
Herkunft aus Schlesien war für Erst Scheyer immer Grund,
nachzuforschen und dann auch zu publizieren,
vorausgesetzt, es handelt sich um Meisterliches. Die
beiden preußischen Jahrhunderte waren ihm näher als die
habsburgisch bestimmten des Barock. Er entdeckte als
Kunsthistoriker die „Schlesische Malerei der
Biedermeierzeit“, so der Titel seines Buches, mit dem
überragenden Maler Carl Friedrich Lessing, den dann der
Weg von Breslau über Düsseldorf nach Karlsruhe führte.
Das Buch offenbart zugleich Sozialgeschichte der
Jahrzehnte zwischen 1815 und 1848, und man spürt, daß
der werdende Kunsthistoriker auch Soziologie als Student
an den Universitäten belegt hatte. 1982 veröffentlichte
Ernst Scheyer einen ausführlichen Aufsatz über den
„Landschaftsmaler Johann Gottlieb Samuel Rössel aus
Breslau (1768-1853)“. „Wer war er?“ hatte Theodor
Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark
Brandenburg“ gefragt, als er vor dessen Grab in
Bornstädt bei Potsdam gestanden hatte. Gründlich
forschend breitete dann Ernst Scheyer den Lebensweg und
das künstlerische Werk aus, dabei aber keineswegs
unkritisch und huldigend.
Geradezu leidenschaftlich engagiert schrieb er über die
zeitgenössische Kunst. Hier wären Arbeiten über Ludwig
Meidner und Paul Heinrich Ebell zu nennen. In der
Zeitschrift „Schlesien“ 1964 heißt es: „Meidners
Bedeutung liegt in seiner historischen Sendung und
Position in der Entwicklung des deutschen
Expressionismus ... Meidner paßt auch so schön in die
Reihe der expressionistischen Doppelbegabungen, die ein
Kennzeichen des ‚totalen‘ Expressionismus sind und zu
denen neben ihm Franz Marc, Wassili Kandinsky, Ernst
Barlach, Oskar Kokoschka gehören“. 1980 veröffentlichte
er einen Aufsatz in der Zeitschrift „Schlesien“ über
Paul Heinrich Ebell. „Insgesamt hat Ebell 14 farbige
Glasfenster ‚am Bau‘ geschaffen. 1956, das ist auch das
Jahr, in dem der in Schlesien aufgewachsene und an der
Breslauer Kunstakademie zum Maler und Zeichner
ausgebildete Kunsterzieher durch seine Entwürfe ... den
Schritt machte von der Staffelei zum Bau, vom Weltlichen
zum Kirchlichen“.
Der größte publizistische Erfolg in der breiten
Öffentlichkeit war der Bild- und Textband „Breslau – so
wie es war“. Sein Kollege aus der Zeit in Breslau,
Professor Günther Grundmann, bis 1945 schlesischer
Kunstkonservator, schrieb das Vorwort. Es darf auch
angenommen werden, daß auf dessen Hinweis hin der
Auftrag des Droste Verlages in Düsseldorf an den
hervorragenden Kenner der Stadt Breslau nach Detroit
ging, die Stadt nicht nur als schlesische Metropole,
sondern auch als eine Stadt der Kultur und des Geistes
zu schildern. Das Buch erreichte, 1969 erschienen, viele
Auflagen. In einem Brief aus Detroit heißt es: „Mein
‚Breslau – so wie es war‘ hatte den freundlichsten
Widerhall in der Presse, und die ‚fan letter‘ dankbarer
Breslauer treffen immer noch ein. Bis jetzt nichts aus
Polen!“ Kritik gab es lediglich von Breslauer Emigranten
in New York, das geistige Profil der Heimatstadt Breslau
werde zu bescheiden und zurückhaltend wiedergegeben. Als
bekennendes Geleitwort wählte der Sohn seiner
Geburtsstadt Breslau, jetzt seit über bereits drei
Jahrzehnten Bürger von Detroit, als Vertriebener und
Emigrant über seine Heimatstadt berichtend ein Wort von
Carl Zuckmeyer, „aus dem Buch meiner Generation und
meines Schicksals: Als wär’s ein Stück von mir – Horen
der Freundschaft“: „Geburtsheimat ist keine
Gefühlsfiktion, kein Gedankenschema. Sie ist ein Gesetz.
Sie bedeutet Bestimmung und Vorbestimmung. Sie prägt
Wachstum und Sprache, Blick und Gehör. Sie beseelt die
Sinne und öffnet sie dem Wehen des Geistes wie einem
keimträchtigen Wind“. Und der Text des Bildbandes über
Breslau schließt mit einem Zitat aus dem Gedicht von
Joseph von Eichendorff, an den Bruder gerichtet, „Die
Heimat“: „Erreichen wird Dich das geheime Singen ... /
Ach, dieses Bannes zauberischen Ringen / Entfliehen
nimmer mehr, ich und Du“.
Als die Festschrift zum 70. Geburtstag von Ernst Scheyer
1970 in Detroit erschien, waren in der Bibliographie
über 60 Silesiaca, Bücher und Aufsätze über Schlesier
und zu Schlesien angeführt. Die Landsmannschaft
Schlesien ehrte Ernst Scheyer mit der höchsten
Auszeichnung, dem Schlesierschild. Aus Detroit kam mit
der Bekundung des Dankes die gar nicht hoch genug
einzuschätzende Erklärung: „Ich werde weiterhin
versuchen, mich der mir erwiesenen Anerkennung durch
meine Tätigkeit für die Schlesische Kultur in Wort und
Schrift in Amerika würdig zu erweisen“.
Um nicht nur das Schlesische im Werk des
Kunsthistorikers Ernst Scheyer zu nennen, sei auf die
1964 erschienen Darstellung „Lyonel Feiniger; caricature
and fantasy“ aus der Wayne State University Press
Detroit verwiesen. Der zu Recht gerühmte Maler Feiniger,
in den USA geboren, den ersten Jahren in USA folgten
Jahrzehnte in Deutschland und wieder Jahre in den USA.
Daß der Karikaturist und Illustrator zu den besten
seiner Zeit gehörte und daß dieser Zweig seines
Schaffens zu Unrecht vergessen ist, ist Inhalt dieser
Arbeit.
In einer Würdigung des Kunsthistorikers Günther
Grundmann, seines jahrzehntelangen Weggefährten (mit
Ausnahme des Jahrzwölfts unter Hitler) schrieb Ernst
Scheyer, und das gilt in gleichem Maße auch für ihn:
„Selbst kenntnisreiche ‚Heimatforschung‘ ist nur dann
wertvoll, wenn sich diese in größere kulturelle
Zusammenhänge von vornherein einordnet und auf dieser
Basis informiert wird ... Keine Phase der Geschichte
läßt sich völlig auslöschen, als wäre sie nie gewesen.
Wir heute Lebenden und die danach kommenden Generationen
sind lebende Geschichte. Wir tragen sie in uns, wir
tragen sie weiter“.
Ein Botschafter der Kultur Schlesiens in den USA, so
wurde Ernst Scheyer anerkennend und rühmend genannt.
Bild: Wita von Websky, Bildnisse und
Begegnungen, hrsg. von der Künstlergilde Eßlingen in
Verbindung mit dem Kulturwerk Schlesien, München 1975,
Abb. 19.
Herbert
Hupka