Das
Herzogtum
Teschen lag
geographisch
stets an der
Peripherie
Schlesiens.
Nach den
preußischen
Eroberungskriegen
Mitte des
18.
Jahrhunderts
wurde es
sogar vom
schlesischen
Kernland
abgeschnitten
und bildete
von nun an
mit Troppau
und
Jägerndorf
ein
verstümmeltes,
durch den
mährischen
Keil
getrenntes
österreichisches
Kronland
Schlesien.
Trotz
historischer
Besonderheiten
ist das
Herzogtum
Teschen
jedoch als
Teil
Oberschlesiens
zu
betrachten.
In der
Kulturgeschichte
Oberschlesiens
spielte es
bereits vom
Mittelalter
an eine
herausragende
Rolle, und
Teschen
selbst
gehört zu
den mit
Abstand
ältesten
oberschlesischen
Städtegründungen.
So ist es
auch eher
eine
Selbstverständlichkeit,
daß der
Teschener
Raum eine
Reihe
bedeutender
Persönlichkeiten
hervorbrachte,
deren
Ausstrahlung
weit über
die Grenzen
Schlesiens
reicht,
denkt man
z.B. an den
hl. Johannes
Sarkander
aus
Skotschau
(1576
- 1620) oder
in unserem
Jahrhundert
an den
renommierten
Staatsrechtler
Hermann
Heller (1891
- 1933) und
nicht
zuletzt an
den
Jesuitenpater,
Historiker
und
Pädagogen
Leopold
Johann
Scherschnik.
Scherschnik
entstammte
einer
alteingesessenen
Skotschauer
Familie.
Sein Vater,
Johann
Anton,
siedelte von
Skotschau
nach Teschen
über und war
seit 1745 in
der
Hauptstadt
des
Herzogtums
als hoher
Beamter
tätig.
Scherschniks
Mutter,
Johanna
Aloisia geb.
Polzer,
stammte aus
einer
wissenschaftlich
und
künstlerisch
hochgebildeten
sowie
kommunalpolitisch
verdienten
Familie. Der
Vater
erteilte dem
jungen
Leopold
Johann den
ersten
Unterricht
im Lesen,
Schreiben
und Rechnen,
um ihn dann
auf das
Teschener
Jesuitengymnasium
zu schicken.
1762 folgte
ein Studium
der
Philosophie
und
Theologie an
der
Jesuitenuniversität
in Olmütz.
Nach
zweijähriger
Studienzeit
schloß
Scherschnik
mit großem
Erfolg als
”Primus
magister
philosophiae”
ab und trat
dem
Jesuitenorden
bei. Die
weiteren
Stationen
seiner
Laufbahn als
angehender
Geistlicher
und Lehrer
waren zwei
Jahre
Noviziat in
Brünn und
anschließend
ein
ebenfalls
zweijähriges
Studium am
Jesuitenkolleg
Březnitz in
Böhmen. Im
Jahre 1768
wechselte
Scherschnik
an das
Höhere
Jesuitenkolleg
in Prag, um
dort
Griechisch
und
Geschichte
zu
studieren.
Seine erste
Lehrerstelle
am
Jesuitenkolleg
in Eger trat
Scherschnik
im Jahre
1770 an.
Gleichzeitig
begann er
mit seinen
Geschichtsforschungen.
Nach zwei
Jahren
kehrte er
aber nach
Prag zurück
und setzte
sein
Theologiestudium
fort.
Intensiv
beschäftigte
er sich auch
mit Latein,
Griechisch,
Hebräisch
und
Geschichte.
Bereits
während
seiner
Prager
Studienzeit
nahm
Scherschnik
an einem
Wettbewerb
der
Leipziger
Gesellschaft
”Societas
Jablonovianae”
über die
Geschichte
der Slawen
teil. Für
seine in
lateinischer
Sprache
abgefaßte
Arbeit über
die
Geschichte
der
südslawischen
Völker
(erschienen
1772 in den
Acta
Societas
Jablonovianae)
erhielt er
eine
Goldmedaille
und einen
Geldpreis.
Ein tiefer
Einschnitt
in
Scherschniks
Leben war
die
Auflösung
des
Jesuitenordens
durch Papst
Clemens XIV.
im Jahre
1773. Zwar
gelang es
ihm, noch
ein Jahr
später das
Theologiestudium
zu
absolvieren
und die
Priesterweihe
zu
empfangen,
er mußte
danach aber
Prag
verlassen
und hielt
sich einige
Monate in
Königgrätz
auf.
Schließlich
folgte
Scherschnik
dem Wunsch
seines
Vaters, der
sich für ihn
um eine
Lehrerstelle
in Teschen
bemühte, und
kehrte im
Jahre 1775
in seine
Heimatstadt
zurück.
Ende 1776
wurde
Scherschnik
Professor
für Rhetorik
und Poesie
am Teschener
Gymnasium,
einer von
ehemaligen
Jesuiten
geprägten
Bildungsanstalt.
Neben der
reinen
Lehrtätigkeit
widmete sich
Scherschnik
auch
erzieherischen
Aufgaben. Er
war zuerst
Vorsteher
des
Gräflich-Tenczin'schen
Konvikts,
danach
Präfekt des
Gymnasiums
und zuletzt
Vorsteher
des Konvikts
des
Freiherrn
von Cselesta.
Im Geiste
der
Aufklärung
lehnte
Scherschnik
entschieden
mechanisches
Auswendiglernen
abstrakter
Lehrstoffe
ab und
plädierte
für einen
praxisorientierten
Unterricht
sowie einen
höheren
Stellenwert
neuer
Sprachen,
naturwissenschaftlicher
und
technischer
Fächer. Sein
Interesse
galt auch
den beiden
slawischen
Sprachen,
die im
Herzogtum
Teschen
gesprochen
wurden und
die
Scherschnik
selbst neben
Deutsch und
Latein
beherrschte.
Ohne Erfolg
blieben
seine
Bemühungen,
Unterrichtsbücher
in
polnisch-schlesischer
Mundart zu
verfassen.
Noch viel
weniger
konnte er
sich bei den
österreichischen
Behörden mit
seinem
Streben nach
einer
tiefgreifenden
Schulreform
durchsetzen,
obwohl er
selbst hohes
Ansehen
genoß und in
späteren
Jahren sogar
die
Funktionen
des
Oberaufsehers
aller
katholischen
Schulen im
Herzogtum
Teschen und
des
Schulreferenten
beim
Teschener
Generalvikariat
innehatte.
Bereits nach
fünfjähriger
pädagogischer
Tätigkeit in
Teschen trat
Scherschnik
als Autor
und
Herausgeber
von
Schulbüchern
hervor.
Zwischen
1781 und
1814
erschienen
fünf
Unterrichtswerke
aus seiner
Feder (für
Mathematik,
Latein und
Stilistik).
Scherschnik
identifizierte
sich stets
mit seiner
Teschener
Heimat und
besaß ein
stark
ausgeprägtes
Regionalbewußtsein,
das bei ihm
keinesfalls
im
Widerspruch
zur
Loyalität
gegenüber
der
Habsburgermonarchie
stand.
Deshalb
setzte er
sich nach
Kräften
neben seiner
Lehrtätigkeit
für
städtische
Belange ein.
So
engagierte
er sich für
die
Renovierung
und
Erweiterung
der
Gymnasialkirche
Hl. Kreuz.
Nach seinen
Plänen und
mit seiner
finanziellen
Unterstützung
entstand der
Neubau des
Gymnasiums.
Nach dem
Großbrand
der Stadt im
Jahre 1789
sorgte
Scherschnik
als
städtischer
Bauinspektor
für den
schnellen
Wiederaufbau,
den Bau
einer neuen
Wasserleitung
und einiger
öffentlicher
Gebäude.
Eine
Zeitlang
bekleidete
er auch das
Amt des
städtischen
Schatzmeisters.
Trotz
mehrerer
zeitaufwendiger
Verpflichtungen
im
schulischen
und
kommunalen
Bereich ging
Scherschnik
weiterhin
seinem
Interesse
für
historische
Forschungen
nach,
beschränkte
sie jedoch
nach seiner
Rückkehr in
die
Heimatstadt
auf die
Geschichte
des
Herzogtums
Teschen.
Seine
besondere
Aufmerksamkeit
galt dem
Sammeln und
Erfassen von
Quellen zur
Teschener
Heimatgeschichte.
Zum
1000jährigen
Jubiläum der
Stadt
Teschen im
Jahre 1810
brachte
Scherschnik
sein
wichtigstes
historisches
Werk heraus,
Nachrichten
von
Schriftstellern
und
Künstlern
aus dem
Teschener
Fürstenthum
(Teschen
1810), seit
fast zwei
Jahrhunderten
ein
Standardwerk
für die
Erforschung
der
Teschener
Regionalgeschichte.
Das Buch
enthält
insgesamt
108
Biographien
verdienter
Vertreter
von
Literatur,
Kunst und
Wissenschaft.
Es ist das
erste
biographische
Lexikon aus
dem
Teschener
Raum, das
bis heute an
seiner
Bedeutung
für die
Geschichtsforschung
nichts
eingebüßt
hat. Neben
diesem
Hauptwerk
hinterließ
Scherschnik
eine
Vielzahl
wissenschaftlicher
Aufsätze. Er
hatte als
Historiker
ehrgeizige
Pläne, die
dem Vorwort
zu seinen
Nachrichten
zu entnehmen
sind. So
strebte er
die
Herausgabe
einer Reihe
von
Quelleneditionen
unter der
Überschrift
Scriptoribus
historicis
Teschinensibus
an und
wollte eine
Gesamtdarstellung
der
Geschichte
des
Herzogtums
Teschen
schreiben.
Von beiden
Vorhaben
blieben
leider nur
handschriftliche
Notizen
übrig.
Bereits im
Jahre 1800
erschien in
Wien
Scherschniks
dichterisches
Werk mit dem
Titel
Epigramma in
Turrim
curiae
Teschinensis
cui 1.
Septembr.
1800
imposita est
solemniter
corona.
Zu einem
bleibenden
Erbe
Scherschniks
wurde seine
Bücher- und
Museumssammlung.
Bereits in
Prag
verfügte er
über eine
wertvolle
Privatbibliothek
mit einigen
Handschriften.
Nach der
Auflösung
des
Jesuitenordens
erwarb er
mehrere
Bände aus
den
Beständen
der
Jesuitenbüchereien.
In Teschen
gelang es
ihm zwar
nicht, eine
Gymnasialbibliothek
zu
errichten;
im mühsamen
Alleingang
baute er
aber eine
ansehnliche
öffentliche
Bücherei
auf, die er
1802 in dem
von ihm
speziell für
diese Zwecke
erworbenen
und
renovierten
Gebäude des
alten
Gymnasiums
unterbringen
konnte. Von
nun an waren
die Bestände
allen
Interessierten
zugänglich.
Die bis
heute
bestehende
Scherschnik-Sammlung
umfaßt nicht
nur Bücher,
sondern auch
zahlreiche
Museumsexponate,
wie etwa
Mineralien,
Fossilien,
diverses
Anschauungsmaterial
für den
Unterricht
(wie etwa
getrocknete
Pflanzen,
ausgestopfte
Vögel,
Amphibien
und Fische,
Muscheln,
Insekten),
Kunstwerke,
Waffen,
Medaillen
und Münzen,
Modelle von
Geräten,
Maschinen
und Bauten.
Allein die
Mineraliensammlung
umfaßte zu
Scherschniks
Zeiten mehr
als 4.000
Exponate.
Bereits im
Jahre 1807
zählte die
Scherschnik-Bibliothek
etwa 12.000
Bücher, die
nach
Sachgebieten
gegliedert
und in einem
Handkatalog
erfaßt
waren. Die
Systematik
wurde bis
heute
beibehalten.
Besonders
wertvoll für
die
Geschichtsforschung
sind die
zahlreichen
Handschriften
und älteren
Drucke, von
denen 36 aus
der Zeit vor
1500
stammen. Den
Schwerpunkt
der
Bibliothek
bilden
verständlicherweise
Bücher aus
Scherschniks
Lebzeiten.
Die meisten
Werke sind
in Deutsch
und Latein
geschrieben;
daneben aber
finden sich
auch Bücher
in
französischer,
tschechischer
und
polnischer
Sprache.
Im
Klostergarten
der
Franziskaner
baute
Scherschnik
ein
öffentliches
Freilichtmuseum
auf, in dem
unter
anderem
Grabsteine
und
Gedenktafeln
vom früheren
Friedhof der
Dreifaltigkeitskirche
ausgestellt
wurden.
In seinem
Testament
verfügte
Scherschnik
die Gründung
eines
Stiftungsfonds
für die
Erhaltung
seiner
Bibliotheks-
und
Museumssammlungen,
die als
Ganzes der
Öffentlichkeit
zugänglich
sein
sollten. Für
diesen Zweck
stellte er
12.000
Gulden zur
Verfügung.
Seine letzte
Ruhestätte
fand er an
der
Dreifaltigkeitskirche.
Die
Museumsexponate
aus seinen
wertvollen
Sammlungen
sind
heutzutage
im Teschener
Museum und
die
Bücherbestände
samt
Handschriften
in der vor
kurzem
neugegründeten
Landesbibliothek
(Książnica
Cieszyńska)
untergebracht.
Lit.:
J.J.H.
Czikann,
Leopold
Johann
Scherschnik's
Ehrengedächtnis,
Brünn 1815.
– A.
Heinrich,
Leopold
Johann
Scherschnik,
in: Neues
Archiv für
Geschichte,
Staatenkunde,
Literatur
und Kunst
2/21, Wien
1830, Nr. 58
und 59, S.
453-455 und
465-468. –
V. Karger,
Unbekannte
Scherschnik-Erinnerungen,
in:
Zeitschrift
für
Geschichte
und
Kulturgeschichte
Schlesiens
16, Troppau
1921, S.
126-133. –
J. Król,
Szersznik,
in: Śląski
słownik
biograficzny
3, Katowice
1981, S.
323-326. –
M. Kudelka,
L.J. Šeršnik
(1747-1814),
život a dilo,
Ostrava
1957. – J.
Spyra,
Leopold
Johann
Scherschnik,
in:
Oberschlesisches
Jahrbuch 7,
Berlin 1991,
S. 91-110. –
J. Wytrzens,
Życiorys
proboszcza
L. Jana
Szersznika,
in: Zaranie
Śląskie 6,
Cieszyn
1930, S.
131-138 und
186-194.
Bild:
Leopold
Johann
Scherschnik,
Ölgemälde
von Franz
Kaspar
Fahrenschön
(1774),
Museum in
Teschen
(Abdruck mit
freundlicher
Genehmigung
der
Museumsleitung).
Peter
Chmiel