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Kein anderer deutscher Künstler nach Dürer hat so tiefgreifend und so
nachhaltig auf seine Zeit und seine Umgebung gewirkt wie Schinkel. So
kann man für Preußen von der Schinkel-Zeit sprechen, wie man von einer
Goethe-Zeit spricht. Die Ursache für seine Bedeutung liegt in der
einzigartigen Universalität seiner Begabung und dem reformerischen
Willen, der über das Ästhetische hinaus ins Moralische und Politische
zielte, hier freilich nach 1815 auf dem Boden der Restauration.
Grundlage war eine klare Anschauung vom Zusammenhang von Natur und
Kultur sowie ihrer Geschichte. Das Preußische fand in Schinkels Werk
seine edelste Ausprägung. Geboren wurde er am 13. März 1781 als Sohn
eines Archidiakonus und Inspektors der Kirchen und Schulen in Neu-Ruppin,
der 1787 nach dem Brand der Stadt an den Folgen einer Krankheit starb,
die er sich bei den Löscharbeiten zugezogen hatte. Die Witwe zog mit den
Kindern nach Berlin. Hier geriet der junge Schinkel 1797 in den Bann des
genialen Friedrich Gilly, der ihm den Weg zum Künstlerberuf wies. Für
Malerei und Architektur nahezu gleich begabt, legte Schinkel nun das
Gewicht auf die Ausbildung zum Architekten und studierte an der Berliner
Bauakademie. Nach Gillys frühem Tod 1800 vollendete er dessen Bauten und
trat seitdem auch mit eigenen hervor. 1803 reiste er nach Italien, wo
das Erlebnis von Landschaft und Kultur seine zeichnerischen Fähigkeiten
entwickelte und seinen Horizont weitete. Nach seiner Rückkehr über Paris
1805 gestatteten die politischen Verhältnisse kaum eine Betätigung als
Baumeister. Stattdessen schuf er seit 1807 Ölgemälde und Dioramen, große
Darstellungen von Landschaften und Bauwerken, um damit ein breites
Publikum kunstgeschichtlich zu bilden. Erst mit dem Ende der
Freiheitskriege ergab sich die Möglichkeit, in ausgedehnterem Maß als
Architekt zu wirken, und er hat seitdem vor allem Berlin ein neues
Gesicht gegeben, indem er überall, wo sich Gelegenheit dazu bot, aus der
Stadt einen mit Sinn erfüllten Raum zu machen suchte. Mit dem
Schauspielhaus auf dem Gendarmenmarkt entstand 1818-1821 das erste
Hauptwerk, in dem Schinkel seine Vorstellung vom Theater formulierte. In
diese Zeit fällt auch der Höhepunkt seiner von 1815 bis 1828 reichenden
Tätigkeit als Entwerfer von Bühnenbildern. Das Museum am Lustgarten
(1824-1830) war sein zweiter der Kunst gewidmeter Großbau, mit dem er
seine Bildungsideale an ausgezeichneter Stelle gegenüber vom Schloß und
neben dem Dom demonstrierte. Mit der 1831-1835 errichteten Bauakademie,
die einer typisch preußischen Backsteinarchitektur den Weg wies, setzte
er einen dritten gewichtigen Akzent in der Innenstadt. Große romantische
Projekte auf dem Gebiet des Kirchenbaues wurden nicht verwirklicht, zur
Ausführung kamen in Berlin nur die neugotische Friedrich-Werdersche
Kirche (1824-1830) und vier Vorstadtkirchen. Die 1830-1837 gebaute
Nikolaikirche in Potsdam ist sein größter Kirchenbau. Die Kuppel
entstand erst 1843-1849 auf Veranlassung Friedrich Wilhelms IV., der
bestrebt war, Planungen Schinkels zu Ende zu führen und der als
Kronprinz dessen Projekte gefördert hatte. Zahlreiche kleinere
Kirchenbauten führte Schinkel in den Provinzen aus. Vor allem durch sie
verbreitete er seine Stilgesinnung bis in die entlegensten Orte des
Landes.
Auch im Schloßbau blieben die großartigsten Entwürfe unausgeführt und
waren in der Spätzeit auch nicht mehr für die Realisierung bestimmt, so
die Pläne für die Bebauung der Akropolis in Athen (1834), für eine
fürstliche Residenz (1835) und für das Schloß Orianda auf der Krim
(1838). In der vielleicht glücklichsten Phase seines Schaffens, der
ersten Hälfte der zwanziger Jahre, entstanden die kleinen Schloßbauten
Tegel (1820-1824), Charlottenhof im Park von Sanssouci (1826), Glienicke
(1824-1828) sowie der Schinkel-Pavillon beim Schloß Charlottenburg
(1825). Zu diesen klassizistischen Bauten gesellten sich später die
neugotischen Schlösser Babelsberg (1834-1835) und Kamenz (1838). Hinzu
kamen Wohnhäuser und Palais, insbesondere für die Prinzen. Interieurs,
Außenbau und Einordnung des Baues in die Umgebung, sei es das städtische
Ambiente oder die Landschaft, zeigen bei Schinkel eine vollkommene
Harmonie, die den Einklang des Bewohners mit seiner Welt herstellen und
spiegeln soll. Das bedeutete, daß Schinkel auch alle Details der
Inneneinrichtung bis zu den Möbeln, Wanddekorationen, Gardinen und
Beleuchtungskörpern gestaltete und hierbei sich in die Person des
Auftraggebers einfühlte. Sein Gespür für die Angemessenheit des
Ornamentes, seine Erfindungsgabe auf diesem Gebiet, schließlich aber
auch die Schnelligkeit beim Arbeiten sowie die Bereitschaft, sich
restlos für die Gestaltung seiner Umwelt einzusetzen, führte dazu, daß
ihm vielerlei Aufgaben übertragen wurden und er die Rolle einer obersten
Instanz in Geschmacksfragen übernahm. So entwarf er Denkmäler,
Grabmäler, Sockel für Statuen, Bilderrahmen, Porzellane und andere
kunstgewerbliche Gegenstände, Denkmünzen, Festdekorationen bis hin zu
lebenden Bildern. Auf all diesen Gebieten war er bestrebt, Muster für
eine allgemeine Verbesserung des Geschmacks zu schaffen. Die rastlose
Tätigkeit erschöpfte mit der Zeit seine Gesundheit. 1824 trat er eine
zweite Reise nach Italien an, um sich zu erholen. Eine Reise über Paris
nach England 1826 vermittelte ihm in diesem am weitesten
industrialisierten Land wichtige Einsichten über die Zukunft Preußens
und Berlins, beendete aber auch die Phase des heitersten Klassizismus.
In den dreißiger Jahren mehrten sich die Zeichen einer durch
Überarbeitung verursachten Kränklichkeit. 1840 erfolgte ein physischer
und geistiger Zusammenbruch, aus dem ihn der Tod am 9. Oktober 1841
erlöste.
Schinkels Kunst war, wie auch seine 1819-1840 erschienene Sammlung
Architektonischer Entwürfe zeigen, auf Lehrbarkeit hin angelegt, und
so wirkte er in zahlreichen Schülern über seinen Tod hinaus weiter, vor
allem in der Baukunst. Erst seit der Gründerzeit galt sein nobler
Klassizismus als zu ärmlich für ein starkes Preußen, jedoch blieb die
Größe seiner historischen Leistung stets unbestritten. In unserem
Jahrhundert erlebte er eine neue Wertschätzung bei den Architekten in
der Bewegung des Neuen Bauens. Das „Dritte Reich“ mit seinem megalomanen
Klassizismus vereinnahmte ihn, mißverstand ihn jedoch ebenso, wie eine
affektierte Postmoderne es heute tut. Auch im Großartigsten, was
Schinkel entworfen hat, ist Demut und Bescheidenheit als innerster
menschlicher Kern zu spüren.
Lit.:
Karl Friedrich Schinkel, Lebenswerk, Berlin, München 1931 ff. – Alfred
von Wolzogen (Hrsg.): Aus Schinkels Nachlaß, 4 Bde, Berlin 1862-1864. –
Karl Friedrich Schinkel. Architektur, Malerei, Kunstgewerbe.
Ausstellungskatalog Schloß Charlottenbürg 1981. – Karl Friedrich
Schinkel 1781 -1841. Ausstellungskatalog Staatliche Museen zu Berlin
1981. – Paul Ortwin Rave: Schinkel-Schrifttum (Schrifttum der deutschen
Kunst, Beiheft). Berlin 1935.
Bild:
Carl Begas, 1826. Staatliche Schlösser und Gärten Berlin, Schloß
Charlottenburg.
Helmut Börsch-Supan
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