Wer
war Oskar
Schindler?
Zumindest
seit dem
Erscheinen
des
Kinofilms
Schindlers
Liste
1993/94 ist
dieser Name
in unserer
Gesellschaft
nicht mehr
so fremd,
wie es
jahrzehntelang
der Fall
war.
Bedauerlicherweise
wusste bis
dahin nur
ein sehr
begrenzter
Personenkreis
Genaueres
über seinen
Träger.
Bemüht man
sich heute
um eine
Antwort auf
die Frage,
stößt man
immerhin auf
viele
Publikationen.
Dies zeigt
das
gestiegene
Interesse an
Oskar
Schindlers
Leben.
Deutlich
wird aber
auch, dass
es sich bei
ihm um eine
äußerst
schwer zu
fassende,
weil sehr
widersprüchliche
Persönlichkeit
handelt, die
meist
zwischen
extremen
Polen
changierte.
Ausnehmend
gute
Charakterisierungen
liefern uns
Gernot
Facius in
der
Schindler-Dokumentation
von Walter
Haupt sowie
Mietek
Pemper und
Dieter
Trautwein in
ihren
Büchern über
den
Porträtierten.
David Crowe
stellt ihn
und sein
Umfeld bis
dato am
ausführlichsten
und
fundiertesten
vor.
Oskar
Schindler
wurde am 28.
April 1908
in der
mährischen
Stadt
Zwittau
geboren. Als
Sohn des
Versicherungsagenten
und
Landmaschinenvertreters
Johann
(Hans)
Schindler
und dessen
Ehefrau
Franziska
geb. Luser,
einer
Tagelöhnerin,
wuchs er mit
einer
Schwester in
einfachen
Verhältnissen
auf. Nach
Volksschulzeit
und
abgebrochener
weiterführender
Schulbildung
arbeitete er
zusammen mit
dem Vater im
kaufmännischen
Bereich.
Danach war
er im
mährischen
Raum
Vertreter in
der Elektro-
und
Versicherungsbranche,
zeitweise
auch
Fahrlehrer.
Schon früh
hatte er –
sowohl
herkunftsbedingt
als auch
wegen seines
unorthodoxen
Lebensstils
– einen
recht
zweifelhaften,
eher
schlechten
Ruf unter
seinen
Landsleuten.
Schnelle
Motorräder
und noble
Autos,
Beziehungen
zu Frauen
und dubiosen
Zeitgenossen,
charmant-mondänes
Auftreten,
Genusssucht
und Alkohol
– das war
seine Welt.
Abenteuerlust
gekoppelt
mit
opportunem
Pragmatismus,
aber auch
Toleranz,
Großherzigkeit
und nicht
zuletzt
Warmherzigkeit
mit Gespür
für Recht
und Unrecht
kennzeichnete
sein
Handeln,
insbesondere
in seiner
„Hochzeit“.
1928/30 war
Schindler
beim
tschechischen
Militär.
Danach litt
auch er
unter den
Folgen der
Wirtschaftskrise,
die das
Sudetenland
besonders
stark
betraf.
Zeitweilige
Arbeitslosigkeit
und
wechselnde
Gelegenheitsjobs
prägten sein
Leben jener
Jahre.
Damals kam
er in
Kontakt mit
Angehörigen
des
reichsdeutschen
Geheimdienstes.
Die
Aussichten
auf schnelle
und gute
Verdienstmöglichkeiten
ließen ihn
dort zum
Mitarbeiter
werden. So
war er ab
1935/36 für
die „Abwehr“
tätig.
Prädestiniert
durch seine
bisherigen
Geschäftsreisen,
seine
Kontaktfreudigkeit
und die
Beheimatung
im
Grenzgebiet
dreier
Länder,
führte er in
den
Folgejahren
teils
riskante
Aufträge für
das Deutsche
Reich und
damit gegen
sein
Heimatland
Tschechoslowakei,
aber auch
gegen Polen
aus. Große
Unterstützung
fand er
schon damals
bei seiner
Frau Emilie
geb. Pelzl
aus
Alt-Moletein,
mit der er
seit März
1928
verheiratet
war. Im Juli
1938 von den
tschechischen
Behörden
enttarnt und
zu einer
empfindlichen
Gefängnisstrafe
verurteilt,
wurde er im
Vorfeld der
Okkupation
des
Sudetenlands
durch
Nazideutschland
im Oktober
1938
amnestiert.
Danach
konnte er
unbehelligt
weiterarbeiten.
Von jeher
gab sich
Schindler
als
deutschfreundlicher
Patriot, nie
aber als
parteipolitisch
aktiver
Mensch.
Trotzdem
trat er, der
Tendenz in
seiner
Heimat
folgend und
der
NS-Propaganda
vertrauend,
zwischen
1935 und
1938 der
sudetendeutschen
Partei (SdP)
und 1939 der
NSDAP bei.
Nach dem
Einmarsch
der
Wehrmacht in
Polen wollte
er im
Generalgouvernement
als
Geschäftsmann
Karriere
machen,
vorrangig,
um schnell
Geld zu
verdienen,
aber auch,
um dem
Kriegsdienst
in der
deutschen
Armee zu
entgehen.
Zunächst
übernahm er
als Pächter,
ab 1942 dann
als
Eigentümer
einen in
Konkurs
gegangenen
Kleinbetrieb
in Krakau.
Unter dem
neuen Namen
Deutsche
Emailwarenfabrik
expandierte
dieses
Unternehmen
rasch.
Schindler
stieg damit
in eine
kriegswichtig
werdende
Branche ein.
Mit Hilfe
eines der
ehemaligen
jüdischen
(!)
Eigentümer
betrieb der
Jungunternehmer
schon bald
sehr
lukrative
Geschäfte,
insbesondere
auf dem
polnischen
Schwarzmarkt.
Zusätzlich
verhalfen
ihm seine
guten
Kontakte aus
der Zeit als
Agent und
Vertreter zu
Aufträgen,
insbesondere
vom Militär.
Neben
Geschirr
produzierte
er später
auch
Munitionsteile.
In kürzester
Zeit
gelangte er
zu
ansehnlichem
Wohlstand,
was seinem
bisherigen
Lebenswandel
sehr
entgegenkam,
ihn aber
auch für
andere
interessant
machte.
Bedingt
durch seine
wirtschaftlichen
Ambitionen,
stand
Schindler
zwangsläufig
bald in
stetem
Kontakt mit
Vertretern
des
Naziregimes.
Als er
dadurch auch
immer
tieferen
Einblick
erhielt,
etwa in die
grausamen
Abgründe der
NS-Machtpolitik,
und deren
Facetten
hautnah
erlebte,
speziell
beim Umgang
mit Juden
und
Zwangsarbeitern,
setzte in
ihm ein
allmählicher
Umdenkprozess
ein. So
bemühte er
sich bei der
Räumung des
Krakauer
Ghettos 1943
erfolgreich
um jeden
seiner
Fabrikarbeiter;
ihnen allen
drohte ein
schlimmes
Schicksal
als Häftling
im neu
errichteten
KZ Płaszów.
Auch jetzt
nutzte
Schindler
seine guten
Beziehungen
zu hohen
Funktionsträgern
in
Verwaltung,
SS, Militär
und Partei.
Durch
äußerst
raffiniertes,
umsichtiges
Taktieren,
insbesondere
aber dank
einer
außergewöhnlichen
Zivilcourage
gelang es
ihm, seinen
Untergebenen
Unterkunft
auf
firmeneigenem
Terrain zu
verschaffen.
Damit
bewahrte er
diese
Menschen vor
den
alltäglichen,
meist
willkürlichen
Gewaltakten
brutaler
NS-Funktionäre.
Für ihn z.T.
höchst
riskante
Bestechungs-
und
Täuschungsmanöver
waren bei
diesen
Rettungsmaßnahmen
nicht
selten. Auch
in der
Folgezeit
konnte
Schindler
dadurch
Übergriffe
auf „seine
Leute“
verhindern.
Als sich
Ende 1944
die
Kriegslage
für
Deutschland
rapide
verschlechterte,
wurde das KZ
Płaszów
aufgelöst
und die
mittlerweile
als
siegentscheidend
eingestufte
Fabrik in
Teilen in
den
sichereren
Westen
Deutschlands
verlegt.
Damals
entstand die
berühmt
gewordene
Liste. Auf
ihr standen
diejenigen
Menschen,
die
„mitgenommen“
und damit
vor der
Vernichtung
gerettet
wurden.
Erneut
schaffte es
der
Unternehmer,
gegen
vielfachen,
teils
heftigen
Widerstand,
diese Aktion
ganz nach
seinen
Plänen
durchzuführen.
Ohne
Verluste an
Menschenleben
verlagerte
er sein Werk
in die
mährische
Kleinstadt
Brünnlitz.
Der neue
Standort bot
darüber
hinaus im
Januar 1945
noch einmal
fast 100
weiteren
Häftlingen
aus anderen
Arbeitslagern
das Refugium
zum
Überleben.
Schindlers
kompromissloser,
veränderter
Einstellung
und
Handlungsweise,
aber auch
dem
selbstlosen
Einsatz
seiner
Ehefrau
Emilie
(1907-2001),
verdankten
gut 1.200,
meist
jüdische
Menschen ihr
Überleben.
Insbesondere
sie kümmerte
sich damals
rührend und
nicht minder
mutig um
Versorgung
und Schutz
der
Entrechteten.
Noch bis
Kriegsende
konnten die
Schindlers
den Behörden
einen
funktionsfähigen
Rüstungsbetrieb
vorgaukeln.
Gerade in
der Endphase
des Krieges
verschonte
jene Taktik
sie alle vor
unkalkulierbaren
Eingriffen
des Regimes.
Für die
Rettungsmaßnahmen
setzten die
Eheleute
letztendlich
ihr gesamtes
Vermögen
ein.
Vor der
Sowjetarmee
flüchteten
sie am 9.
Mai 1945
fast
mittellos
nach Bayern.
Über
Konstanz
gelangten
Oskar und
Emilie
Schindler
zunächst
nach
Regensburg,
wo sie etwa
vier Jahre
lang
wohnten.
Mehrfach
bemühte er
sich um die
Wiederaufnahme
der
seriöseren
Tätigkeiten
seiner
Vorkriegslaufbahn
– jedoch
immer wieder
vergeblich.
Enttäuscht
verließen
schließlich
beide
Eheleute im
September
1949 Europa.
In der
Auswanderung
nach
Argentinien
sahen sie
bessere
Chancen zum
Aufbau einer
neuen
Existenz.
Tatkräftige
Unterstützung,
d.h. stetige
und
wohlwollend
gewährte
finanzielle
wie
logistische
Hilfe,
erfuhren sie
nun durch
jüdische
Privatleute
und
Organisationen.
Sie halfen
ihnen z.B.
beim Aufbau
einer
Pelztier-
und
Geflügelfarm
in San
Vicente.
Doch erneut
scheiterten
die
Schindler’schen
Projekte.
Nachdem sich
das Paar
zwischenzeitlich
immer mehr
auseinandergelebt
hatte,
kehrte Oskar
im Juli 1957
alleine nach
Deutschland
zurück, um
dort u.a.
seinem
Lastenausgleichsverfahren
nachzugehen.
Er wurde in
Frankfurt am
Main
sesshaft –
ohne seine
Frau. Erneut
versuchte er
sich während
der nächsten
Jahre als
Unternehmer,
blieb aber
immer
erfolglos.
Tragischerweise
scheiterten
alle seine
Projekte
schnell,
nicht
zuletzt
deshalb,
weil er
stets
hochfliegende
Pläne
verfolgte,
aber nicht
angemessen
wirtschaften
konnte. Das
Lastenausgleichsverfahren
zog sich
lange hin.
Auch daraus
erwuchs ihm
kein Geld
für weitere
Investitionen.
Nicht nur
aus
monetären
Gründen
hielt er in
dieser Zeit
ständig
Kontakt zu
jüdischen
Organisationen.
Auf Grund
seiner
Vergangenheit
sah er sich
zunehmend
als idealen
Brückenbauer
für den
Staat
Israel.
Gleichzeitig
setzte eine
Legendenbildung
um seine
Person ein.
Mit großem
Engagement
beteiligte
er sich an
jüdischen
Projekten.
Im Gegenzug
bemühten
sich die
einst von
ihm
Geretteten
immer wieder
nach Kräften
um sein
materielles
Wohlergehen.
Außerdem
ehrten sie
ihren
ehemaligen
Beschützer
für sein Tun
in der
NS-Zeit, so
1962 mit dem
hohen Titel
Gerechter
unter den
Völkern.
Gerade dies
war in
Deutschland
auffallend
lange nicht
und später
nur sehr
zögerlich,
nie aber
nachhaltig
der Fall.
Auszeichnungen
wie das
Bundesverdienstkreuz
1966 und der
katholische
Silvesterorden
1968
verschafften
Schindler
zwar
kurzfristig
bescheidenen
Ruhm und
würdigten
sein mutiges
Engagement
im Dritten
Reich noch
zu
Lebzeiten.
Eine
dauerhaft
tragfähige,
insbesondere
finanzielle
Unterstützung
blieb ihm
aber, der
bald in zwei
Welten
lebte,
ebenso
versagt, wie
eine
existenzsichernde
Popularität.
Erst ab 1967
erhielt er
regelmäßige
Ehrenbezüge
von Stadt,
Land und
Bund.
Dennoch
schaffte er
es selbst
nie, sich
aus seiner
wirtschaftlichen
Misere zu
befreien.
Zwei
lukrativ
erscheinende
Filmprojekte
über sein
Leben
scheiterten.
Nur wenige
Personen
kümmerten
sich in den
letzten
Lebensjahren
wirklich um
ihn. Oskar
Schindler
starb am 9.
Oktober 1974
in
Hildesheim,
enttäuscht,
verarmt,
krank,
zurückgezogen
und
insbesondere
von seinen
Landsleuten
fast
vergessen.
Ein „Held
ohne
Heiligenschein“
verschwand,
ohne länger
im
Rampenlicht
gestanden zu
haben. Seine
Außergewöhnlichkeit
kam nur in
außergewöhnlichen
Zeiten zum
Tragen, die
„Normalität“
ließ in
scheitern.
Begraben ist
er auf dem
katholischen
Friedhof in
Jerusalem.
Lit.:
Ackermann-Gemeinde
Hessen
(Hrsg.)/Erhard
Knechtel
(Zusammenstellung),
Zur
Erinnerung
an Oskar
Schindler
dem (sic!)
unvergeßlichen
Lebensretter
1200
verfolgter
Juden.
Dokumentation
der
Gedenkstunde
zum 10.
Todestag am
14. Oktober
1984 in
Frankfurt am
Main,
Frankfurt/M.
1985. –
Elinor J.
Brecher, Ich
stand auf
Schindlers
Liste,
Bergisch-Gladbach
1995. –
David M.
Crowe, Oskar
Schindler.
Die
Biographie,
Frankfurt/M.
2005. –
Radoslav
Fikejz,
Oskar
Schindler
(1908-1974),
Svitavy
1998. –
Radoslav
Fikejz,
Městské
muzeum a
galerie ve
Svitavách
(Hrsg.), Aus
dem Leben
Oskar
Schindlers,
Svitavy
2001. –
Leopold
Grünwald,
Sudetendeutscher
Widerstand
gegen den
Nationalsozialismus.
Für Frieden,
Freiheit,
Recht,
Benediktbeuern
1986 (=
Veröffentlichung
des
Sudetendeutschen
Archivs in
München Band
23), S.
202ff. –
Walter Haupt
(Hrsg.),
Oskar
Schindler –
der Mensch
und sein
Werk. Eine
Biographie
mit
dokumentarischem
Anhang und
Bildern,
Alsfeld
1999. –
Jitka
Gruntová,
Oskar
Schindler.
Legenda a
Fakta, Brno
1997. –
Thomas
Keneally,
Schindlers
Liste
(Roman),
München
1983. – Hans
Komar, Der
unvergeßliche
Lebensretter
1200
verfolgter
Juden. Vor
10 Jahren
starb der
Zwittauer
Oskar
Schindler,
in:
Schönhengster
Heimat,
November
1994, S. 4
und 38 und
Dezember
1984, S.
23f. –
Stella
Müller-Madej,
Das Mädchen
von der
Schindler-Liste.
Aufzeichnungen
einer
KZ-Überlebenden,
Augsburg
³1994. –
Mieczysław (Mietek)
Pemper, Der
rettende
Weg.
Schindlers
Liste – die
wahre
Geschichte,
Hamburg
2005. –
Erika
Rosenberg
(Hrsg.),
Ich, Oskar
Schindler.
Die
persönlichen
Aufzeichnungen,
Briefe und
Dokumente,
München
2000. –
Erika
Rosenberg
(Hrsg.),
Ich, Emilie
Schindler.
Erinnerungen
einer
Unbeugsamen,
München
2001. –
Emilie
Schindler
mit Erika
Rosenberg,
In
Schindlers
Schatten.
Köln, 51999.
–
Sudetendeutsche
Landsmannschaft,
Bundesverband
e.V.
(Hrsg.)/Eva
Habel und
Ernst Höntze
(Zusammenstellung
und Texte),
„… dass
meine
Geschichte
wahrheitsgemäß
erzählt wird
…“. Über das
Leben und
Wirken von
Emilie
Schindler (=
Mitteilungsblatt
8/2002 der
Sudetendeutschen
Landsmannschaft,
Kulturbrief),
München
2002. –
Bruce
Thompson,
Oskar
Schindler,
San Diego
2002. –
Dieter
Trautwein,
Oskar
Schindler,
... immer
neue
Geschichten.
Begegnungen
mit dem
Retter von
mehr als
1200 Juden,
Frankfurt/M.
2000.
Bild:
Gedenktafel
am Haus
Oskar
Schindlers
in
Frankfurt/Main
Ernst Höntze