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„Politik aber ist die
Arbeit an dem Gedeihen des Raumes, in dem man lebt“, schrieb Schiemann
zu einem Zeitpunkt, als ihn nicht nur Krankheit daran hinderte, die
Politik seines Heimatlandes mitzugestalten. Denn im Jahre 1937 gab es in
Lettland kein Parlament mehr, vor dessen Forum er als „Leader“ der
deutschbaltischen Saeimafraktion seine großen politischen Leistungen
erzielt hatte. Den lettischen Nationalismus aber übertraf noch der
deutsche, der in diesen Jahren in die deutsche und europäische
Volksgruppenbewegung hineinwirkte. Seit 1935 war Schiemann auch das
internationale Forum verschlossen, so daß ihm nur der letzte
verzweifelte Versuch einer „Gegengründung“ blieb. Ende der 30er Jahre
geriet der aufrechte Demokrat dann vollends zwischen die Fronten: Für
jemanden, der als Politiker und als Publizist engagiert gegen
Bolschewismus und Nationalsozialismus gekämpft hatte, gab es keinerlei
Wirkungsmöglichkeiten mehr. Schiemann nahm nach der Auslieferung der
baltischen Staaten an die sowjetische Interessensphäre in den Abkommen
zwischen Hitler und Stalin 1939 nicht teil an der „diktierten Option“
der Umsiedlung der Deutschbalten in das soeben dem
nationalsozialistischen Machtbereich einverleibte Posen bzw.
Westpreußen. Er durchlitt zwei weitere Okkupationen, bevor er
1944 - isoliert von den deutschen Machthabern - in Riga einer
hartnäckigen Krankheit erlag.
Der Sohn eines
Rechtsanwalts war bereits in seiner Jugend politischem Druck
ausgewichen: dem der Russifizierung der deutschen Schulen, als er nach
der in Mitau begonnenen Gymnasiastenzeit in Elberfeld sein Abitur
bestand. Nach dem Studium an deutschen Universitäten wurde er 1902 in
Greifswald zum Dr. jur. promoviert und im folgenden Jahr Schriftleiter
an der Revalschen Zeitung. Bereits in diesen frühen estländischen
Jahren entwickelte er jene Doppelbegabung, die seiner späteren Tätigkeit
jene unverwechselbare Prägung geben sollte: In der modernen Literatur
seiner Zeit ebenso engagiert wie in der Politik, war der kenntnisreiche
Theaterkritiker und Journalist als Mitbegründer der Estländischen
Konstitutionellen Partei und des Deutschen Vereins auch politisch tätig.
1907 wechselte er als Redakteur an die Rigasche Rundschau, erfuhr
1914 als „tragisches Geschick einer Minderheit“ die Notwendigkeit, seine
Staatstreue als Offizier der russischen Armee beweisen zu müssen, und
konnte sich am Ende des Krieges der Verhaftung durch die Bolschewiki nur
durch die Flucht nach Deutschland entziehen. Dort aber wurde ihm wegen
seiner Politik, die die Selbständigkeitsbestrebungen der baltischen
Völker unterstützte und damit im Gegensatz zu jener der bislang
führenden Ritterschaften stand, jede politische und publizistische
Tätigkeit unmöglich gemacht.
1918/19 verfaßte
Schiemann als Theaterkritiker und Feuilletonist in Berlin mehrere
Schriften gegen die Gefahr des Bolschewismus, bis er im Sommer 1919 nach
Riga zurückkehrte, wo er mit der Wiederbegründung der Deutschbaltischen
Demokratischen Partei und der Übernahme der Hauptschriftleitung der
Rigaschen Rundschau die beiden ausschlaggebenden Tätigkeitsfelder
der nächsten Jahre en sollte: als Rigaer Stadtverordneter und in den
folgenden Jahren als Mitglied aller lettländischen Parlamente - des
Volksrats, der Konstituante sowie aller vier Saeimas. Seit 1922 führte
er die deutsche Parlamentsfraktion, ab 1925 vertrat er die deutschen
Minderheiten Europas im Vorstand der meist in Genf jährlich tagenden
europäischen Nationalitätenkongresse. Das Jahr 1933 brachte aufgrund der
auch im lettischen Deutschtum wirksam werdenden nationalsozialistischen
Einflüsse sein Ausscheiden aus den wichtigsten Arbeitsfeldern - am 30.
Juni wurde er aus der Redaktion der Rigaschen Rundschau
verdrängt, und am 20. Oktober schied er aus der parlamentarischen Arbeit
aus, nachdem er bereits während der
vorangegangenen Saeima zeitweilig
sein Mandat krankheitshalber hatte niederlegen müssen.
Die Bedeutung des
Politikers Schiemann liegt zweifellos in der auch von seinen Gegnern
anerkannten Fähigkeit der Sammlung fast aller deutschbaltischen Kräfte
unter dem von ihm geprägten Motto der „nationalen und sozialen
Solidarität“. Das frühe Bekenntnis zur Selbständigkeit der baltischen
Staaten und zu deren parlamentarisch-demokratischen Grundlagen
erleichterte ihm die Zusammenarbeit mit den verschiedenen politischen
Richtungen. Was ihm mit der Zusammenfassung der Abgeordneten der
deutschbaltischen Parteien zur geschlossen auftretenden Fraktion gelang,
versuchte er auch mit der Bildung eines Minoritätenblocks in der Saeima.
In seiner baltischen Heimat wie besonders auf der europäischen Ebene der
Genfer Kongresse wurden seine Vorstöße in Richtung einer konsequenten
Trennung national-kultureller Belange von den allgemein-staatlichen in
seiner Theorie vom „anationalen Staat“ nicht von allen Betroffenen
anerkannt; sie bestimmten aber die Theorie-Diskussionen dieser Jahre. Da
er die Zugehörigkeit zum Volkstum als eine Angelegenheit des Individuums
betrachtete, forderte er konsequent die Anwendung des
Personalitätsprinzips bei der Organisation der Volksgruppen. Zusammen
mit seinen beiden estländischen Landsleuten, dem Generalsekretär der
Europäischen Nationalitätenkongresse, Ewald Ammende, und Werner
Hasselblatt, dem Abgeordneten-Kollegen aus Reval und geistigen Vater der
estländischen Kulturautonomie, gehörte Schiemann zu den führenden
Nationalitätenpolitikern seiner Zeit. Bereits von Zeitgenossen wurde
betont: „Reiche journalistische, politische wie schriftstellerische
Erfahrungen mischen sich bei ihm mit staatsmännischem Blick und
praktischer Kenntnis der Politik der Nachbarn Lettlands“ (Wertheimer).
Über die Mehrschichtigkeit seiner Persönlichkeit ist später gesagt
worden: „Überzeugter Demokrat aus alter Familie ... Freigeist mit
starken landsmannschaftlichen Bindungen, nationaler Patriot mit
vornehmem Solidaritätsempfinden, scharfer und konsequenter Gegner des
Nationalsozialismus, moderner Ideenpolitiker und zugleich Erbe einer
sehr alten landständischen und landespolitischen Tradition, gehörte
Schiemann zu den interessantesten Gestalten des im Massenzeitalter rasch
sich wandelnden alten Europa“ (R. Wittram). Als Schiemann noch unter
deutscher Okkupation in Riga starb, durfte am Grabe sein politisches
Lebenswerk nicht gewürdigt werden. Zeitweilig hatten Nationalismus und
Totalitarismus gesiegt gegenüber einer Minderheitenpolitik, die
verankert war im Boden des Rechtes und der gegenseitigen Anerkennung
unterschiedlicher Kultur- und Lebensformen. Ihre theoretische Begründung
und die Ansätze zu ihrer praktischen Gestaltung in den ersten baltischen
Republiken wurden auch in den folgenden Jahrzehnten, nun von den
sowjetischen Machthabern, verleumdet oder verdrängt. Erst mit der neuen
Unabhängigkeit kann nach fünf Jahrzehnten wieder angeknüpft werden an
Lösungsversuche der Minderheitenfrage, die einst erfolgreich unternommen
wurden. Das politische Werk Paul Schiemanns gehört zum geistigen Erbe
deutschbaltischer Tätigkeit in den baltischen Staaten, das genutzt
werden sollte beim Aufbau neuer Demokratien in Ostmitteleuropa.
Werke:
Die Arbeiten des
Estländischen Provinzialrats. Reval, Leipzig 1907. - Auf dem Wege zum
neuen Drama. Reval 1912. - Die Kultur. Aufgaben der d-b Presse, Riga
1928. - Ein europäisches Problem. Unabhängige Betrachtungen zur
Minderheitenfrage. Wien, Leipzig 1937. - Begegnungen vor dem Ersten
Weltkrieg. Hg. von H. v. Rimscha. In: Balt. Hefte l (1954/55), H. l, S.
10- 17; H. 2, S. 18 -22. - Zwischen zwei Zeitaltern. Erinnerungen 1903 -
1919. Bearb. von H. Kause (Schr. der Carl-Schirren-Ges. 3). Lüneburg
1979. - Die Umsiedlung 1939 und die europ. Minderheitenpolitik. Bearb.
von D. A. Loeber. ,In: Jb. d. balt. Deutschtums 21:1974 (1973), S. 99
-106. -Leitartikel. Reden. Aufsätze. 2 Bde. in 7 Heften, Pers. -, Orts-
und Sachreg. Hg. von H. Donath. Frankfurt/M. 1980 - 1987.
Lit:
Deutschbalt. Biogr.
Lexikon. Hg. von W. Lenz. Köln, Wien 1970, S. 676. - F.
Wertheimer:
Von deutschen Parteien und Parteiführern im Ausland. Berlin 7/1930. - W.
Wachtsmuth: Von deu. Arbeit in Lettland 1918 - 1934, Bd. l - 3,
Köln 1951
- 53; bes. Bd. 3: Das polit. Gesicht d. deu. Volksgruppe in Lettland in
d.
parlamentar. Periode 1918 - 1934. - Ders.: Paul Schiemann - „Recht geht
vor Macht“, in: Balt. Köpfe. Bovenden 1953, S. 153 - 165. - H. v.
Rimscha: Paul Schiemann. In: Jahrb.. f. Gesch. Osteur. 2 (1954), S.
475-478. - W. v. Rüdiger: Aus dem letzten Kapitel d-b. Gesch. in Lettl.
1919 - 1939. 2. Teil. Hannover-Wülfel 1955. - H. v. Rimscha: Paul
Schiemann als Minderheitenpolitiker. In: Vierteljahrsh. f. Zeitgesch. 4
(1956), S. 43-61. - Ders.: Die Politik Paul Schiemanns während der
Begründung der Balt. Staaten im Herbst 1918. In: Zeitschr. f. Ostforschg.
5 (1956), S. 68 - 82. - M. Dörr: Paul Schiemanns Theorie vom „Anationalen
Staat“. In: Gesch. in Wissensch. u. Unter. 8 (1957),
S. 407 - 421. - D. A. Loeber: Paul Schiemann damals und heute. In: Jahrb.
des : Deutschtums 21:1974 (1973), S. 107 -114. - H. Kause: Paul
Schiemann, die Balten und ihre Zeitgesch. In: Jb. d. balt. Deu-tums
23:1976 (1975), S. 32 - 39. - M. Garleff: Deutsch-balt. Politik zw. den
Weltkriegen (Quellen u. Studien z. balt. Gesch. 2),
Bonn-Bad
Godesberg 1976. - Ders.: Paul Schiemanns Minderheitentheorie als Beitrag
zur Lösung der Nationalitätenfrage. In: Zeitschr. f. Ostforschg.
25(1976), S. 632 -660. - Ders.: Nationalitätenpolitik zw.
liberalem und völkischem Anspruch. Gleichklang und Spannung bei Paul
Schiemann und Werner Hasselblatt. In: Reval und die baltischen Länder
(FS H. Weiss). Marburg/Lahn 1980, S. 113 - 132. - H. Kause: „Es
ist eine
Lust zu leben!“ Einige Beobachtungen zur Stellung Paul Schiemanns i. d.
d-b Öffentlichkeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Ebd., S. 105 -
112. - H. Kause: Die Einstellung Paul Schiemanns zur d-b Politik vor
1914. In: Die balt. Provinzen Rußlands zw. den Revolutionen von 1905 und
1917 (Quellen u. Studien z. balt. Gesch. 4). Köln, Wien 1982, S. 155 -
172. - M. O. Balling: Von Reval bis Bukarest. 2 Bde. Kopenhagen 1991.
Michael Garleff
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