Der
gebürtige
Kurländer
Theodor
Schiemann
ist im
Wilhelminischen
Deutschland
nicht nur
als erster
professioneller
Osteuropahistoriker,
sondern vor
allem auch
als
engagierter
politischer
Publizist
bekannt
geworden. Er
entstammte
einer Mitte
des 18.
Jahrhunderts
aus
Ostpreußen
eingewanderten
Akademikerfamilie,
einer
Schicht
also, deren
Angehörige
im Baltikum
als
”Literaten”
bezeichnet
wurden. Er
erblickte
als zweiter
Sohn des
Stadtsekretärs
von Grobin,
Theodor
Schiemann,
das Licht
der Welt.
Nach dem
frühen Tod
des Vaters
im Jahre
1853 erzog
die Mutter
Nadine, geb.
Rodde, die
beiden
Jungen zu
einer
deutschbaltischen
Gesinnung,
die sich
durch
konservativ-nationales
Denken und
den
christlich-protestantischen
Glauben
auszeichnete.
In der Folge
erlangte der
ältere
Bruder
Julius (1845
-1911) die
Stellung
eines in
Kurland
angesehenen
Rechtsanwalts.
Weniger
linear
verlief
dagegen die
Entwicklung
von Theodor
Schiemann.
Sein Leben
war durch
die Zäsur
seiner 1887
erfolgten
Übersiedlung
ins Deutsche
Reich
geprägt.
Sowohl die
Erfahrung
der
zaristischen
Russifizierungspolitik
im Baltikum
als auch das
Schicksal
eines
entwurzelten
Emigranten
bildeten
wichtige
Eckdaten für
die
Ausformung
seiner
weltanschaulichen
Positionen.
Zunächst
deutete noch
alles darauf
hin, daß
seine
wissenschaftliche
Karriere in
den Bahnen
eines
Provinzgelehrten
verlaufen
würde. Nach
dem Abschluß
des
Gouvernementsgymnasiums
in Mitau
studierte er
von 1867 bis
1872 an der
Universität
Dorpat
Geschichte,
zu einer
Zeit, als
sich der
Historiker
Karl
Schirren mit
dem
slavophilen
Russen Jurij
Samarin eine
Polemik um
die
kulturelle
Identität
des
Baltikums
lieferte.
Unmittelbaren
Profit
konnte
Schiemann
aus seinem
Studium
nicht
ziehen.
Zuerst trat
er im
livländischen
Jensel eine
Hauslehrerstelle
an und
übernahm
anschließend
Arbeiten am
Herzoglichen
Archiv in
Mitau und im
Ratsarchiv
in Danzig.
Danach
entschied
sich
Schiemann
für die
Fortsetzung
seines
Studiums.
1874
promovierte
er bei Georg
Waitz in
Göttingen
über
Salomon
Hennings
Livländisch-Kurländische
Chronik.
Es handelte
sich um eine
Quellenuntersuchung,
die in eine
nicht mehr
ausgeführte
Geschichte
Herzog
Gotthard
Kettlers von
Kurland
einmünden
sollte. Eine
Wende für
Schiemanns
Pläne
bildete die
1875
geschlossene
Ehe mit
Caroline von
Mulert, aus
der fünf
Kinder, ein
Sohn und
vier
Töchter,
hervorgehen
sollten.
Schiemann
war
gezwungen,
sich eine
feste
Anstellung
zu suchen,
die er
zunächst von
1875 bis
1883 als
Oberlehrer
der
Geschichte
am
Landesgymnasium
in Fellin
und dann von
1883 bis
1887 als
Stadtarchivar
in Reval
fand.
Wie sehr
sich
Schiemann
als
Historiker
seiner
Heimat
verbunden
fühlte, ist
daran zu
erkennen,
daß bis 1887
Themen aus
der älteren
baltischen
Geschichte
den
Schwerpunkt
seiner
wissenschaftlichen
Publikationen
bildeten. Im
Hinblick auf
seine
spätere
Tätigkeit
dürfen aber
auch seine
Kenntnisse
der
russischen
Sprache und
Kultur nicht
unterschätzt
werden.
Beispielsweise
veröffentlichte
er 1877 eine
deutsche
Übersetzung
der
russischen
Geschichte
des St.
Petersburger
Historikers
Konstantin
Bestužev-Rjumin.
Eigene
wissenschaftliche
Lorbeeren
verdiente
sich
Schiemann in
den Jahren
1886/87 mit
den beiden
Bänden
Rußland,
Polen und
Livland bis
ins 17.
Jahrhundert,
ein Werk,
mit dem nach
Einschätzung
des Nestors
der
bundesdeutschen
Baltikumforschung,
Reinhard
Wittram, die
erste
moderne
Geamtdarstellung
der
Geschichte
Altlivlands
vorgelegt
wurde.
Nachdem die
Russifizierungspolitik
unter Zar
Alexander
III. ihren
Zenit
erreicht
hatte,
verließ
Schiemann
mit seiner
Familie 1887
das Baltikum
und ging in
der
Reichshauptstadt
Berlin einer
unsicheren
Zukunft
entgegen.
Allerdings
fand er in
Heinrich von
Treitschke,
der ein Jahr
zuvor zum
offiziellen
Historiographen
des
preußischen
Staates
avanciert
war, einen
Mentor, der
seine
konservative
Grundhaltung
noch im
machtstaatlichen
Sinne
beeinflußte.
Nach der
noch im
Jahre 1887
erfolgten
Habilitation
wurde
Schiemann an
der Berliner
Friedrich-Wilhelms-Universität
Privatdozent
für mittlere
und neuere
Geschichte.
Um seinen
Lebensunterhalt
zu sichern,
trat er in
den beiden
folgenden
Jahren noch
Stellen als
Geschichtslehrer
an der
Preußischen
Kriegsakademie
und als
Archivar des
dem Berliner
Geheimen
Staatsarchiv
angeschlossenen
Staatsarchivs
in Hannover
an. Bei der
Einrichtung
einer ersten
außerordentlichen
Professur
für
osteuropäische
Geschichte
an der
Universität
Berlin, auf
die
Schiemann
1892 berufen
wurde, haben
politische
Gründe – die
Verschlechterung
der
deutsch-russischen
Beziehungen
in den 80er
Jahren und
der Bedarf
an
gesicherten
Informationen
über die
Nachbarn im
Osten – eine
nicht
unwesentliche
Rolle
gespielt.
Sie haben
dafür
gesorgt, daß
die
wissenschaftliche
Kunde von
Rußland den
anderen
historischen
Teildisziplinen
gleichgestellt
wurde. Im
Leben
Schiemanns
bildete die
Berufung
zwar einen
Wendepunkt,
doch gab er
sich mit der
außerordentlichen
Professur
nicht
zufrieden.
Im Jahre
1900 legte
er die
Denkschrift
Einige
Gedanken
über die
Notwendigkeit
für eine
Erweiterung
unserer
Kunde von
Rußland
Sorge zu
tragen
vor, in der
er für das
Fach
osteuropäische
Geschichte
die
Einrichtung
eines
Ordinariats
in Berlin
und von
Extraordinariaten
in Breslau
und
Königsberg
anregte.
Schiemanns
Hauptargument
lautete, daß
die Kenntnis
von Sprache
und
Institutionen
anderer
Völker im
internationalen
Wettbewerb
eine
unabdingbare
Voraussetzung
sei. Und in
diesem
Zusammenhang
prognostizierte
er, daß das
Russische
neben dem
Englischen
und dem
Französischen
zu den
Weltsprachen
der Zukunft
gehören
werde.
Schiemanns
Initiative
ist die 1902
erfolgte
Gründung des
Berliner
”Seminars
für
osteuropäische
Geschichte
und
Landeskunde”
zu
verdanken.
Damit war
der
Grundstein
für die
Institutionalisierung
der
deutschen
Osteuropaforschung
gelegt.
Schiemann
wurde am 27.
Januar 1906,
am
Geburtstag
des Kaisers,
zum
ordentlichen
Professor
berufen. Ab
1910 zählte
er zu den
Herausgebern
der
Zeitschrift
für
osteuropäische
Geschichte.
Seine
Mitarbeit in
der
”Deutschen
Gesellschaft
zum Studium
Rußlands”,
deren
Mitglieder
seinen
politischen
Überzeugungen
eher
skeptisch
gegenüberstanden,
beschränkte
sich dagegen
auf die
Jahre
1913/14.
1916 ließ
sich
Schiemann,
um mit
ganzer Kraft
für die
besetzten
baltischen
Provinzen
wirken zu
können, von
seinen
dienstlichen
Pflichten an
der
Universität
entbinden;
er war aber
bis zu
seiner
endgültigen
Emeritierung
im Jahre
1920
weiterhin am
Seminar
tätig.
Nach seiner
Übersiedlung
nach
Deutschland
im Jahre
1887 hatten
sich
Schiemanns
wissenschaftliche
Interessen
immer mehr
auf die
neuere
russische
Geschichte
verschoben.
Sein
Lebenswerk,
die
Geschichte
Rußlands
unter
Nikolai I.,
erschien in
vier Bänden
von 1904 bis
1919. Es
handelte
sich um eine
personenbezogene
Darstellung,
bei der die
Diplomatiegeschichte
im
Vordergrund
stand.
Zahlreiche
Archivreisen
nach Rußland,
Frankreich
und England
erlaubten es
Schiemann,
tatsachenorientiert
zu schreiben
und dabei
neue
Erkenntnisse
vorzulegen.
Nicht
zuletzt
dadurch, daß
es ihm
methodisch
darum ging,
die
Intentionen
seiner
Protagonisten
intuitiv zu
verstehen,
muß sein
Werk als
Musterbeispiel
für die
Geschichtsauffassung
des
Historismus
bezeichnet
werden.
Neben seiner
Forschungsarbeit
ging es
Schiemann
darum, die
russische
Geschichte
zu
popularisieren.
Auf diesem
Gebiet ist
die in den
Jahren 1893
bis 1895
erfolgte
Herausgabe
einer
siebenbändigen
Bibliothek
russischer
Denkwürdigkeiten
mit
Erinnerungen
und
Korrespondenzen
von
Vertretern
des
russischen
öffentlichen
Lebens sowie
das 1916
erschienene
Buch
Russische
Köpfe
mit Porträts
von Peter
dem Großen
bis Nikolaus
II. zu
nennen.
Darüber
hinaus
machte sich
Schiemann
als
politischer
Publizist
einen Namen.
Als Berliner
Korrespondent
der
Münchener
Allgemeinen
Zeitung
in den
Jahren 1887
bis 1893 und
als
Verfasser
der
politischen
Wochenschau
der Neuen
Preußischen
Zeitung
(Kreuzzeitung)
in den
Jahren 1892
bis 1914
vertrat er
eine Politik
der Stärke
und eine
außenpolitische
Konzeption,
die das
”Miteinander”
Deutschlands
und Englands
und das
”Nebeneinander”
Deutschlands
und Rußlands
zum Inhalt
hatte (Klaus
Meyer).
Seine in der
Kreuzzeitung
erschienenen
Artikel
veröffentlichte
er seit 1902
in den
Jahrbüchern
Deutschland
und die
große
Politik.
Über seine
Artikel
geriet
Schiemann in
unmittelbaren
Kontakt zu
einflußreichen
Persönlichkeiten
der
Wilhelminischen
Ära sowie
zum
Auswärtigen
Amt. Im
Jahre 1904
machte er
die
Bekanntschaft
des Kaisers.
Nach
zahlreichen
weiteren
Begegnungen
und der
Teilnahme an
kaiserlichen
Jagden und
Reisen
entwickelte
sich sogar
so etwas wie
eine
Freundschaft
mit dem
Monarchen.
Unmittelbaren
Einfluß auf
die deutsche
Vorkriegspolitik
hat Theodor
Schiemann
aber nicht
gehabt.
Nach dem
Ausbruch des
I.
Weltkrieges
widmete
Schiemann
seine ganze
Kraft den
baltischen
Provinzen.
Dabei geriet
er wegen der
Anprangerung
der
”russischen
Gefahr” und
aufgrund
seines
vehementen
Eintretens
für eine
annexionistische
Politik
immer mehr
in die
Isolation.
Als Medium
konnte er
den
”Baltischen
Vertrauensrat”,
den
”Baltenverband”
und die
”Deutschbaltische
Gesellschaft”
nutzen. In
seiner
Denkschrift
Die
deutschen
Ostseeprovinzen
Rußlands
vertrat er
im April
1915 die
These, Est-,
Liv- und
Kurland
bildeten
eine
geographische
und
kulturelle
Einheit und
seien für
das Reich
nicht nur
wegen ihres
deutschen
Charakters,
sondern auch
wegen ihrer
handelspolitischen
Bedeutung
von
Interesse.
Als
Schiemann
1918 zum
Kurator der
eroberten
deutschen
Universität
Dorpat
ernannt
wurde,
sprach er in
seiner
Eröffnungsrede
von der
”Befreiung
Alt-Livlands
vom Zwang
russischer
Tyrannei und
vom Druck
russischen
Größenwahns”.
Bei den
Zeitgenossen
galt Theodor
Schiemann
als der
Rußlandkenner
der Epoche.
Er erblickte
im
Zarenreich
ein morbides
Staatswesen,
das
lediglich
durch die
Klammer der
Autokratie
zusammengehalten
werde. Nicht
frei von
Vorurteilen
war sein
Bild des
russischen
Volkes, dem
er wegen
seiner
angeblichen
orientalischen
Orientierung
politische
Unmündigkeit
attestierte.
Schiemanns
bleibendes
Verdienst
ist es, die
Grundlagen
für die
wissenschaftliche
Erforschung
Rußlands
gelegt zu
haben.
Lit.:
Deutsches
Biographisches
Jahrbuch.
Bd. III. Das
Jahr 1921.
Berlin/Leipzig
1927, S.
216-222
(Oskar
Stavenhagen).
–
Deutschbaltisches
Lexikon
1710-1960.
Hrsg. v.
Wilhelm
Lenz.
Köln/Wien
1970, S.
676/677. –
Klaus Meyer:
Theodor
Schiemann
als
politischer
Publizist.
Frankfurt am
Main/Hamburg
1956. – Ders.:
Theodor
Schiemann
und die
russische
Geschichte.
In:
Zeitschrift
für
Ostforschung
28 (1979),
S. 588-601.
– Gabriele
Camphausen:
Die
wissenschaftliche
historische
Rußlandforschung
in
Deutschland
1892-1933.
In:
Forschungen
zur
osteuropäischen
Geschichte
42 (1989),
S. 7-108. –
Gerd Voigt:
Rußland in
der
deutschen
Geschichtsschreibung
1843-1945.
Berlin 1994.
Thomas M.
Bohn