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Schlau

Wilfried

Soziologe und Sozialhistoriker

* 27.4.1917, Welikij-Ustjug (Rußland)

+ 1.4.2010, Friedrichsdorf, Taunus
                                                             

 

Diese Berufsbezeichnung trifft das geistig-wissenschaftliche Schaffen und berufliche Werk des emeritierten Mainzer Universitätsprofessors Dr. Wilfried Schlau nur zum Teil. Am 27. April 1917 im nordrussischen Welikij-Ustjug im Gouvernement Wologda, wohin es die Eltern während der Ersten Weltkrieges verschlagen hatte, geboren, verlebte Wilfried Schlau seine Jugendjahre in Mitau, der alten Hauptstadt Kurlands. Hier war sein Vater Direktor des staatlichen deutschen Gymnasiums, das auch Schlau besuchte und an dem er 1934 sein Abitur ablegte. Geprägt von einem in bester humanistischer Bildungstradition bestimmten Elternhaus und dem Gedankengut der deutschen Jugendbewegung, lernte er frühzeitig die Probleme, die sich aus dem Zusammenleben verschiedener Völker in einem Raum ergeben, kennen. Diese Erfahrungen der Militärzeit in der lettländischen Armee, die für ihn ganz sicher harte Lehrjahre waren, finden sich immer wieder in seinen Schriften und Vorträgen. Nach dem Abitur ging Schlau für ein Jahr an die Heimvolkshochschule Jablonken im Kreis Ortelsburg in Ostpreußen. An dieser nach dänischem Vorbild eingerichteten Bildungsstätte begegnete er dem Gedankengut Grundtvigs, das für entscheidende Abschnitte seines weiteren Lebens richtungsweisend sein sollte. Grundtvigs Auffassung, daß das dänische Volk nach der Niederlage an den Düppeler Schanzen durch Volksbildung im Inneren wiedergewinnen müsse, was nach außen verlorengegangen war, wurde Leitmotiv für Wilfried Schlau nach der Niederlage des Reiches im Zweiten Weltkrieg und seiner Zerschlagung durch die Sieger. Auf die Zeit in Jablonken ist wohl auch seine Entscheidung zurückzuführen, sich dem Studium der Agrarwissenschaften zuzuwenden. Nach praktischen Lehrjahren in Kurland, der Mark Brandenburg und Westfalen begann er 1939 das Hochschulstudium an der lettländischen Universität/Landwirtschaftliche Akademie in seiner Heimatstadt Mitau. Sehr bald danach griff jedoch die weltpolitische Entwicklung entscheidend in sein Leben ein. Die im Hitler-Stalin-Pakt beschlossene Umsiedlung der Deutschen aus dem Baltikum traf auch ihn und seine Familie. Während die Eltern im Poenschen ein neues Zuhause fanden, meldete Schlau sich im Jahr 1940 freiwillig zur Deutschen Wehrmacht. Das Ende des Kriges erlebte er als Oberleutnant und Bataillonsführer. Nach Kriegsgefangenschaft bei Engländern, Amerikanern und Sowjets setzte er seine Studien an der Hochschule in Hohenheim bei Stuttgart fort, um sie 1949 mit dem Diplom abzuschließen. 1950 begann er seine Lehrtätigkeit an der Hessischen Landvolkshochschule, einer Stätte allgemeiner und politischer Bildung, vor allem hauptberuflich in der Landwirtschaft tätiger junger Erwachsener, deren Leitung er von 1952 an für 16 Jahre innehatte. Hier verwirklichte Schlau Grundtvigs Gedanken in der der Zeit angemessenen Form. Mehr als 4000 jungen Erwachsenen aus vielen Berufsgruppen war Schlau in diesen Jahren Erzieher und Wissensvermittler zugleich. Heute noch beherrschen die Erinnerungen an die oft bis in die spät in die Nacht währenden Gespräche mit „ihrem Doktor Schlau“ die Erzählungen der ehemaligen Schüler, denen er Orientierung und Lebenshilfe gab. Junge Menschen zum Blick über die Grenzen zu gewinneen, sie neugierig und aufgeschlossen zu machen für das Anderssein anderer Völker, war ihm besonderes Anliegen. Dänen und Finnen, Schweden, Franzosen, Niederländer, Flamen, aber vor aber auch Südtiroler und Österreicher gewann Schlau für diese Bildungsarbeit und führte seine Schüler in die Nachbarländer. Bei ei seinen Studienreisen in die meisten europäischen Länder, nach USA und Kanada fand er immer wieder neue Anregungen. Neben der praktisch-pädagogischen Tätigkeit widmete er sich weiter den Problemen der Sozial- und Erziehungswissenschaften. Ergebnis war sein Hauptwerk „Politik und Bewußtsein“. Nach seiner Habilitation 1969 an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Hohenheim erhielt er die venia legendi für das Fachgebiet politische Soziologie und neuere Sozialgeschichte. Nach einjähriger Tätigkeit als Dozent für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Stabsakademie der Bundeswehr in Hamburg erhielt er 1971 einen Ruf als ordentlicher Professor für Soziologie zunächst an die Erziehungswissenschaftliche Hochschule Rheinland-Pfalz und 1979 an die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Auch hier reicht sein Wirken über die Lehrverpflichtungen weit hinaus. Aus dem von ihm 1965 gegründeten Studentenbildungswerk entwickelte sich das sogenannte „Mainzer Modell“, eine Bildungseinrichtung für Studenten unterschiedlicher Fachrichtungen zum Erlernen der polnischen Sprache und dem Kennenlernen der Geschichte des polnischen Volkes. Sein Rat ist von den Kollegen der eigenen und benachbarten Wissensbereiche gefragt, was sich in der Mitgliedschaft Schlaus in zahlreichen wissenschaftlichen Gesellschaften niederschlägt.

Werke (Auswahl): Heimatvertriebenes ostdeutsches Landvolk, 1955; Politik und Bewußtsein, 1971; Lehrer in Rheinland-Pfalz (mit Gerhard Schadwill, 1984; Bedingungslose Heimkehr (Hrsg.), 1979; Das Mainzer Modell (Hrsg.), 1983; Die bäuerliche Führungsschicht in Hessen im 19. und 20. Jahrhundert, in: G. Franz (Hrsg.), Bauernschaft und Bauernstand 1500-1970, 1975; Die blockierte Mobilität, in: Die deutsche Neurose, 1980; Deutsche draußen und drinnen in der Welt von heute, in: VDA-Gesellschaft für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland e. V. (Hrsg.), Wege und Wandlungen, 1981; Entwurzelung und Verwurzelung von Flüchtlingen als soziologisches Problem, in : F. H. Riedl, (Hrsg.), Menschenrechte-Volksgruppen-Regionalismus, 1982; Nation und Volk in soziologischer Sicht, in: Nation und Selbstbestimmung in Politik und Recht, 1984; Die gesellschaftliche Eingliederung der Vertriebenen in der Bundesrepublik Deutschland, in: AWR-Bulletin Nr. 4/1981; Menschen unterwegs, die deutschen Aussiedler als Beispiel, in: AWR-Bulletin Nr. 2-3/1983.

Wolfgang Egerter (1987)

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