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Vor achtzig Jahren wurde
Roderich Schmidt im vorpommerschen Demmin geboren. Nach einer glücklichen
Kindheit und Jugend, deren letzten Jahre freilich vom Zweiten Weltkrieg und dem
Dienst im Landesschützen-Bataillon 251 in Greifswald, von dem er amüsant zu
erzählen weiß, überschattet waren – Schmidt war zum Glück „nur“
„garnisonsverwendungsfähig Heimat“ gewesen – blieb er seiner Heimat
zunächst treu. Schon als Soldat, der sich zuvor dem Wehrertüchtigungslager
verweigert hatte und deshalb aus der Hitlerjugend ausgeschlossen worden war,
hatte er in Greifswald sein Studium der Geschichte, Germanistik, Theologie und
Philosophie aufnehmen können. Er setzte es nach kurzer Kriegsgefangenschaft 1946
fort und schloß es 1951 mit dem Staatsexamen und der Promotion mit der
Dissertation „Studien über Eike von Repkow und den Sachsenspiegel“ bei dem
bekannten Mediaevisten Adolf Hofmeister (1883-1956) erfolgreich ab. Der
bescheinigte ihm damals in seinem Gutachten für die „reife und durchaus
selbständige Arbeit“ nebst großer Arbeitskraft eine „nicht gewöhnliche
wissenschaftliche Begabung“. Den so Gelobten seinerseits bestach die
„unbedingte Sachlichkeit, das Streben nach objektiver Erkenntnis, gegründet auf
genauer Kenntnis der Quellen“ seines Lehrers und dessen „profundes Wissen und
die abwägende Art seiner Geschichtsdarstellung und -interpretation“.
Mit dem Abschluß des
Promotionsverfahrens begann für Roderich Schmidt ein letztlich sehr erfolg- und
ertragreiches Gelehrtenleben, das aber zunächst keineswegs geradlinig verlief.
War er zunächst Hilfskraft am Institut für Vor- und Frühgeschichte gewesen, das
damals kommissarisch von Hofmeister geleitet wurde, so folgte zum 1. Dezember
1951 trotz „mangelnder gesellschaftlicher Betätigung“ die Anstellung als
Assistent am Historischen Institut. Schon 1946 hatte er in einer Vorlesung seine
spätere Frau kennengelernt, die später so erfolgreiche Germanistin Frau
Professor Dr. Dr. h.c. Ruth Schmidt-Wiegand. Das Paar heiratete im August 1952,
und am 15. Juli 1953 wurde ihm eine Tochter geschenkt. Einer glücklichen
Zukunft stand anscheinend nichts im Wege, doch dem war nicht so. – Hatte sich
Roderich Schmidt schon der braunen Tyrannei verweigert, so konnte und wollte er
sich auch mit der roten SED-Diktatur nicht arrangieren. Die evangelische
Studentengemeinde mit ihren Gottesdiensten, Bibelstunden, Besinnungen,
Ausflügen, Feiern und Festen und ein Kreis um den einflußreichen Greifswalder
und später Berliner Theologen Rudolf Hermann (1887-1962), Schmidts wichtigstem
theologischen Lehrer, wurden seine geistige Heimat. Einer solchen festen
Verankerung bedurfte es auch in der schweren Zeit. Die glanzvolle 500-Jahr-Feier
der Greifswalder Universität von 1956 verdeckte nur, daß sich an der
traditionsreichen Hochschule der unaufhaltsame Wandel zur kommunistischen
Kaderschmiede vollzog. Mit anderen, älteren Hochschullehrern wurde der
Assistent und geachtete junge akademische Lehrer bald von der Staatspartei des
Verrats am Arbeiter- und Bauernstaat beschuldigt. Im Frühjahr 1958 wurden er und
seine Frau von einer kommunistisch besetzten Universitätskommission befragt, ob
sie künftig auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus lehren und
veröffentlichen wollten. Als sie ablehnten, folgte die brüske Entlassung.
Familie Schmidt verließ der Not gehorchend, doch schweren Herzens kurz vor
Ostern 1958 Greifswald und ging in die Bundesrepublik Deutschland, wo beide an
der Bonner Universität sehr befriedigende Beschäftigungen bei gesicherten
Lebensumständen fanden.
1964 folgte Schmidt
seinem Bonner Mentor Helmut Beumann nach Marburg an der Lahn an die
Philipps-Universität. Seither ist das romantische Städtchen am silbernen Band
der Lahn für ihn zur zweiten Heimat geworden. 1969 wurde Schmidt dort
habilitiert. Von 1972 bis 1990 war Roderich Schmidt Direktor des 1950
gegründeten Herder-Instituts in Marburg und Geschäftsführendes Vorstandsmitglied
des diese Einrichtung bis 1993 tragenden
Johann-Gottfried-Herder-Foschungsrates.
Schmidt lehrte an der
Marburger Universität, seit 1972 als Honorarprofessor, wie einst in Greifswald
und in Bonn mittelalterliche Geschichte und führte an Rhein und Lahn in
Pommern begonnene Forschungen weiter oder nahm sie wieder auf, hat aber auch
neue Themen in Angriff genommen, etwa über den Königsumritt, über den Thron und
die Thronbesetzung mittelalterlicher Herrscher, über Herrschererhebung und
–symbolik des Mittelalters, oder verfaßte Studien über die Kaiser Karl IV. aus
dem Hause Luxemburg (1347-1378) und Friedrich III. von Habsburg (1440-1493).
Roderich Schmidt blieb
auch immer der Universitätsgeschichte treu, wie sich dies schon bei seinem
Aufsatz über die Anfänge der Universität Greifswald 1456 angedeutet hatte. Die
hohen Schulen in Greifswald, Rostock, Prag, Erfurt und Marburg an der Lahn
waren Gegenstand gelehrter Studien.
Was aber wäre das
wissenschaftliche Gesamtwerk Roderich Schmidts ohne seine Arbeiten zur
Geschichte Pommerns? Er wurde für die Zeit der Teilung unseres Vaterlandes
geradezu zur Verkörperung der pommerschen Landesgeschichtsforschung, bei dem
alle deren Fäden zusammenliefen. Er forschte und veröffentlichte unermüdlich
selbst und regte zahlreiche andere zu einschlägigen Studien an, auch betätigte
er sich als emsiger und umsichtiger fleißiger Herausgeber. Bei den eigenen
Arbeiten vernachlässigte er nie, ganz seinem Herkommen treu bleibend, Arbeiten
zur Kirchengeschichte, besonders zur Reformationszeit. Vom 18. November 1967
bis zum 29. September 2001 war er 1. Vorsitzender der Historischen Kommission
für Pommern, die er umsichtig und weitblickend führte. Fast immer verstand er
es, auf glückliche und erfolgversprechende Weise Institutionen, Personen und
Talente zusammenzubringen und zu bündeln, um so große und kleinere
wissenschaftliche Vorhaben voran und zu einem Ziel zu bringen.
Eine nicht vorhersehbare
Herausforderung meisterte er im Zusammenhang mit der Vereinigung Deutschlands
1989/1990, die für ihn ein großes und unverhofftes Glück bedeutete. Schmidts
Sachverstand und unbestechliches Urteil war gefragt, als es galt, an seiner
geliebten Ernst-Moritz-Arndt-Universität zu Greifwald, die er nunmehr
wiedersehen konnte, freiheitliche und rechtsstaatliche Strukturen zu schaffen
sowie Lehrstühle und Professuren zu besetzen bzw. bisherige Amtsinhaber
gegebenenfalls zu belassen. Hier hat Roderich Schmidt mit sehr viel
diplomatischem Geschick Großes geleistet. Er verstand es auch, Grenzen zu
überschreiten und Gräben zu schließen. Die Theologische Fakultät seiner alten
alma mater verlieh ihm am 13. November 1990 den akademischen Grad eines „doctor
theologiae honoris causa (Dr. theol. h.c.)“. Schon 1979 ist er mit dem
Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet worden.
Der 1824 gegründeten
Gesellschaft für pommersche Geschichte, Altertumskunde und Kunst e.V. trat
Schmidt bald nach seiner Übersiedlung nach Westdeutschland Ende der 1950er oder
Anfang der 1960er Jahre bei. 1975 wurde er in ihren Vorstand gewählt und erster
Stellvertretender Vorsitzender. Selbstlos stand er den Vorsitzenden mit Rat und
Tat zur Seite, vermittelte Redner und wies den Weg zur thematischen
Zielsetzung. Auf der Jahrestagung 1999 in Stralsund feierte der Altertumsverein
sein 175-jähriges Bestehen mit einem beeindruckenden Festakt im Löwenschen Saal
des Rathauses. Es war ganz selbstverständlich, daß dort Roderich Schmidt in
seiner Festrede die Vereinsgeschichte lebendig werden ließ. Anschließend wurde
der Festredner für seine so reichen Verdienste zum Ehrenmitglied ernannt, eine
Auszeichnung, die nur selten verliehen wird.
In der ihm eigenen
philosophischen Weisheit und klugen Selbsterkenntnis weiß Professor Schmidt nur
zu gut, daß auch in einem reichen und erfolgreichen Leben vieles unvollendet
bleiben muß und längst nicht alle Vorhaben glücken können. Resignierend-wehmütig
und doch auch heiter-getrost bekannte er einmal, daß es ihm bei manchem großen
Vorhaben lediglich vergönnt war, schlechte, gar unheilvolle Entwicklungen nur
zu verzögern. Das ist bisweilen mehr, als mancher Schönredner von sich
behaupten könnte, wenn er denn ehrlich wäre. Der im Christentum ruhende Gelehrte
weiß um die Unzulänglichkeiten des Menschen und seines Tuns, und er nimmt das
mit vorbildlicher Gelassenheit, Heiterkeit und Würde hin; ein utopischer
Weltverbesserer war und ist er nicht. Wie seine Frau hat Roderich Schmidt bei
seiner Promotion 1951 die Verpflichtung unterschrieben „jederzeit unbeirrt von
äußeren Rücksichten allein die Wahrheit zu suchen und zu bekennen“. Dem ist
Professor – „Bekenner“ – Dr. Dr. h.c. Roderich Schmidt immer treu geblieben und
wird es bleiben.
Werke: Zu Roderich
Schmidts umfangreichem Gesamtwerk bis zum Jahre 2000 siehe Bibliographie
Roderich Schmidt, in: Land am Meer (wie oben), S. XVII-XLIII (230 Positionen!).
– Veröffentlichungen 1990-2000 Roderich Schmidts, in: Goldenes Doktorjubiläum
(wie oben), S. 49-55. – Zu den drei Hauptarbeitsgebieten Schmidts – der
Universitätsgeschichte, der allgemeinen mittelalterlichen Geschichte und der
pommerschen Geschichte – gibt es drei starke Sammelbände mit den wichtigsten
Aufsätzen: Fundatio et confirmatio universitatis. Von den Anfängen deutscher
Universitäten (Bibliotheca Eruditorum. Internationale Bibliothek der
Wissenschaften, 13), Goldbach 1998. – Weltordnung-Herrschaftsordnung im
europäischen Mittelalter. Darstellung und Deutung durch Rechtsakt, Wort und
Bild (Bibliotheca Eruditorum. Internationale Bibliothek der Wissenschaften, 14),
Goldbach 2005. – Die bei der Buchvorstellung gehaltenen Vorträge liegen in
einer Broschüre des Keip-Verlages zu Goldbach gedruckt vor, in der Schmidts
mediaevistisches Œuvre von Paul-Joachim Heinig, S. 19-42, ausführlich und
überzeugend gewürdigt wird: Zeichen der Macht – Macht des Zeichens. Von der
Entzifferung des Mittelalters. – Das historische Pommern. Personen – Orte –
Ereignisse (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Pommern V, 35)
Köln u. a. 2006.
Lit. (Auswahl): Günter
Mangelsdorf, Laudatio für Prof. Dr. phil. habil. et Dr. theol. h.c. Roderich
Schmidt, in: Baltische Studien N.F. 81 (1995), S. 109-111, auch in: Werner
Buchholz/Günter Mangelsdorf (Hrsg.), Land am Meer. Pommern im Spiegel seiner
Geschichte. Roderich Schmidt zum 70. Geburtstag (Veröffentlichungen der
Historischen Kommission für Pommern V, 29). Köln u. a. 1995, S. XLIII-XLVIII und
in: 70. Geburtstag Prof. Dr. Dr. h.c. Roderich Schmidt. Feierstunde am 25.
Januar 1995 an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität (Greifswalder
Universitätsreden, N.F. 78), Greifswald 1995, S. 28-32; siehe auch die übrigen
Beiträge in diesem Heft (Hans Christoph Ehmann, Matthias Buth, Bernd
Hildebrandt, Hans Fix-Bonner, Ludwig Biewer, Werner Buchholz und Manfred Herling).
– Ludwig Biewer, Roderich Schmidt zum 80. Geburtstag, in: Baltische Studien, N.F.
91 (2005), S. 7-14. – Goldenes Doktorjubiläum Ruth Schmidt-Wiegand und Roderich
Schmidt. „In diesem Haus fing alles an (Greifswalder Universitätsreden, N.F.
102), Greifswald 2001.
Bild: Privatarchiv
Roderich Schmidt.
Ludwig Biewer
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