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Im
Jahre 1847 begründete der aus
Bautzen gebürtige Professor Rudolf Buchheim (1820-1879) an der
Universität Dorpat der Welt erstes Pharmakologisches Institut. Der
hervorragendste unter seinen Schülern war Oswald Schmiedeberg. In
Kurland geboren, Sohn eines Oberförsters, ist er im estländischen
Permisküll am Oberlauf der Narve aufgewachsen. Er besuchte in Dorpat die
Kreisschule, danach das Gymnasium, studierte Medizin von 1860-1866 und
promovierte (1866) zum Dr. med. In den Jahren 1866-1868 arbeitete er am
Pharmakologischen Institut bei Buchheim als Assistent, wurde 1867
Privatdozent und 1868 Dozent der Pharmakologie. Nach kurzem
Studienaufenthalt in Leipzig kehrte er nach Dorpat zurück, wo er (1869)
zum außerordentlichen und (1871) zum ordentlichen Professor der
Pharmakologie, Diätetik und Geschichte der Medizin und zum Direktor des
Pharmakologischen Instituts (Buchheim hatte Dorpat verlassen) ernannt
wurde. Auch Schmiedeberg verließ Dorpat, als er im Jahre 1872 einem Ruf
an die neugegründete Universität in Straßburg Folge leistete, wo er bis
zum Jahre 1918 als Professor der Pharmakologie gearbeitet hat. Durch
seine Übersiedlung nach Straßburg sei, so wird ihm nachgerühmt, die
Dorpater Pharmakologie in der ganzen Welt
ausgebreitet worden. Während
seiner fast fünfzigjährigen Tätigkeit in Straßburg haben rund 100 aus 20
Ländern stammende Schüler bei ihm ihre pharmakologische Ausbildung
erhalten. Etwa 40 pharmakologische Lehrstühle an Universitäten
verschiedener Länder wurden mit unmittelbaren Schülern und Assistenten
Schmiedebergs besetzt. Die pharmakologische Forschungsarbeit wurde nicht
nur auf dem europäischen Festland, sondern auch im angelsächsischen
Kulturkreis direkt oder indirekt von Schmiedeberg beeinflußt, wobei zu
seinen Schülern u.a. der spätere Nobelpreisträger auf dem Gebiet der
Neuropharmakologie Otto Loewi, Professor an der New York University,
gehört. Forschungsprojekte, zu denen Schmiedeberg bereits in Dorpat den
Anstoß gegeben hatte, wurden in Straßburg weitergeführt, so die Arbeiten
über das Muscarin, das Atropin und – in Dorpat gemeinsam mit Ernst von
Bergmann begonnen – über das Sepsin. Unter Schmiedebergs geistiger
Führung entwickelte sich die junge Pharmakologie zu nie geahnter Blüte.
Ein internationaler Kreis von Forschern scharte sich um ihn,
jahrzehntelang ging jeder angehende Pharmakologe durch sein Institut,
war fast jeder Pharmakologie-Professor ein Schüler Schmiedebergs.
Schmiedeberg begründete mit Rudolf Naunyn, mit dem ihn seit der Dorpater
Zeit – Naunyn war von 1869-1871 in Dorpat Professor und Direktor der
Inneren Klinik – eine lebenslange Freundschaft verband, im Jahre 1873
das „Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie“. So war
auch die Herausgabe dieser ersten und für einen langen Zeitraum einzigen
Zeitschrift für Pharmakologie in der ganzen Welt die Realisierung einer
in Dorpat gereiften Idee der beiden Freunde. Als bahnbrechender
Vorkämpfer der modernen Pharmakologie hat Schmiedeberg zahlreiche
pharmakologische, physiologische und chemische Abhandlungen verfaßt.
Sein „Grundriß der Arzneimittellehre“, der im Jahre 1883 erschien,
erlebte mehrere Auflagen und wurde in die meisten Kultursprachen der
Welt übersetzt.
Schmiedeberg, der ledig war, blieb seiner estländischen
Heimat, wo er stets seine Sommerferien zu verbringen pflegte, eng
verbunden. Nach dem Ersten Weltkrieg, als Frankreich Straßburg besetzte,
siedelte er im Jahre 1919 nach Baden-Baden über, wo er am 12. Juli 1921
verstorben ist. Schmiedeberg war Ehrendoktor der Universitäten Edinburgh
und Bologna sowie korrespondierendes bzw. Ehrenmitglied
wissenschaftlicher Akademien in Paris, Rom, Brüssel und Berlin.
Lit.: Deutschbaltisches Biographisches Lexikon 1710-1960
(Köln/Wien 1970); Roderich von Engelhardt: Die deutsche Universität
Dorpat (Reval 1933); Hugo Semel: Die Universität Dorpat 1802-1918.
Skizzen zu ihrer Geschichte (Dorpat 1918); Ilo Käbin: Die medizinische
Forschung und Lehre an der Universität Dorpat/Tartu 1802-1940 (Lüneburg
1986).
Erik Thomson
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