Wer Bischof
Schönherr in
Predigt und
Gespräch
erlebte, dem
bleibt vor
allem seine
Besonnenheit
und
Nachdenklichkeit
eindrücklich
in
Erinnerung.
Schönherr
war seit
1963
Generalsuperintendent
in
Eberswalde,
von 1967 an
zunächst
Verwalter
des
Bischofsamtes
für die
Ostregion
der
Berlin-Brandenburgischen
Kirche und
von 1972 bis
1981 deren
Bischof. Er
wirkte von
1969 bis
1981 als
Vorsitzender
des Bundes
evangelischer
Kirchen in
der DDR an
der
Nahtstelle
zwischen
Kirche und
Politik in
dem sicher
schwierigsten
kirchlichen
Amt, das es
damals in
Deutschland
gab. Mit
seinem Namen
ist seit
1971 die
umstrittene
Formel von
der "Kirche
im
Sozialismus"
verbunden
(die aber
von dem
thüringischen
Landesbischof
Mitzenheim
stammt).
Während sein
engster
Mitarbeiter,
der leitende
Kirchenjurist
Dr. Manfred
Stolpe -
der
derzeitige
Ministerpräsident
Brandenburgs
-
durch seine
enge
Zusammenarbeit
mit dem
Staatssicherheitsdienst
bis heute im
Zwielicht
steht, war
Schönherr
unstrittig
ein Mann,
der sein
Leben und
Wirken in
den Dienst
seiner
Kirche und
ihres
Auftrags
stellte.
Die Familie
Schönherr
stammt
ursprünglich
aus dem
Erzgebirge.
Viele der
Vorfahren
waren
Lehrer.
Vater und
Großvater
arbeiteten
als
Katasterbeamte.
1917 zog die
Familie von
Oberschlesien
nach
Neuruppin
um. Im Jahr
darauf fiel
der Vater
Albrecht
Schönherrs
als
Hauptmann
der Reserve
in
Frankreich.
Seiner
Mutter
widmet
Schönherr in
seinem
Lebensrückblick
(dem
sämtliche
Zitate des
vorliegenden
Textes
entnommen
sind) ein
warmherziges
Kapitel und
schreibt:
"Meine
Mutter war
ein Beispiel
dafür,
welche
Glaubenssubstanz
damals
noch...
vorhanden
war."
Schönherr
wuchs als
Einzelkind
"unter den
Augen von
fünf
Lehrerinnen-Tanten
und drei
Lehrer-Onkeln
auf". Da er
die Quinta
übersprang,
absolvierte
er das
Abitur schon
im Alter von
17 Jahren
und legte
- nach
Studien in
Tübingen und
Berlin - als
22jähriger
relativ früh
seine Erste
Theologische
Prüfung ab
(Oktober
1933). Sein
Entschluß,
Pfarrer zu
werden, geht
auf die
Konfirmandenzeit
zurück.
Unter den
prägenden
theologischen
Lehrern
nennt er
Karl Heim
(in
Tübingen),
einen der
herausragenden
Forscher im
Bereich von
Christentum
und moderner
Naturwissenschaft,
Wilhelm
Lütgert und
Hans
Lietzmann in
Berlin (den
er in seiner
Autobiographie
als
"bekannten
Neutestamentler"
bezeichnet,
der aber ein
international
angesehener
Historiker
der alten
Kirche
war!).
Von
entscheidendem
Einfluß für
Schönherrs
ganzes Leben
wurde die
Begegnung
mit Dietrich
Bonhoeffer,
zuerst in
Berlin,
später im
Predigerseminar
in Zingst
und
Finkenwalde
(siehe die
Würdigung
Bonhoeffers
in
Ostdeutsche
Gedenktage
1995, S.
95 f.). Das
Predigerseminar
war eine
Einrichtung
der
Bekennenden
Kirche (BK).
Mitglied der
BK war
Schönherr
seit Oktober
1934. Wer
sich für
diesen Weg
entschied,
bewies Mut
und war
bereit, im
Blick auf
seine
berufliche
Zukunft ein
hohes Maß an
Unsicherheit
auf sich zu
nehmen. 1936
kam es zu
ersten
ökumenischen
Kontakten
auf der
Schwedenreise
des
Predigerseminars
unter
Leitung
Bonhoeffers.
Obwohl der
BK
Amtshandlungen
verboten
waren, legte
Schönherr
vor ihrem
Prüfungsamt
die Zweite
theologische
Prüfung ab
und wurde im
April 1936
durch den
damaligen
vom Dienst
suspendierten
Generalsuperintendenten
der Kurmark,
Otto
Dibelius,
den späteren
Bischof,
ordiniert.
Kurz darauf
heiratete er
Hildegard
Enterlein
und wurde
von
Bonhoeffer
getraut. Der
Ehe
entstammen
sechs
Kinder. Nach
dem frühen
Tode seiner
Frau 1962
heiratete er
die Pastorin
Annemarie
Schmidt.
Nach der
Ordination
wurde
Schönherr
als
"illegaler"
Pastor
offiziell
aus der
altpreußischen
Kirche
entlassen.
1936/37 war
er im
Auftrage der
BK als
Seelsorger
für
Theologiestudenten
an der
Universität
Greifswald
tätig, bis
es gelang,
ihn auf
einer
Patronats-Pfarrstelle
in Brüssow
unterzubringen
(zwischen
Prenzlau und
Stettin
gelegen).
Patronatsherr
war der
greise
Generalfeldmarschall
von
Mackensen.
Später
schrieb
Schönherr:
"Meinem
Patron von
Mackensen
verdanke ich
viel. Wie
mancher alte
Soldat war
er von
schlichter
Frömmigkeit."
Nach
jahrelangem
Kriegsdienst,
einer
Verwundung
in den
letzten
Kriegstagen
in Italien,
einem Jahr
in
amerikanischer
und 14 Tagen
in
sowjetischer
Kriegsgefangenschaft,
kehrte er im
Mai 1946
nach Brüssow
zurück. Im
November
1946 wurde
er
Domdechant
und
Superintendent
am
Brandenburger
Dom und
leitete seit
1951 das
dortige
Predigerseminar.
Am 1. Januar
1963
übernahm
Schönherr
den
neugeschaffenen
Sprengel
Eberswalde
als
Generalsuperintendent.
Vier Jahre
später wurde
er zum
Verwalter
des
Bischofsamtes
der
Ostregion
der
Berlin-Brandenburgischen
Kirche
gewählt.
Seit dem Bau
der Mauer am
13. August
1961 hatten
die Bischöfe
Dibelius,
später
Scharf ihr
Amt im Osten
nicht mehr
ausüben
können.
Scharf wurde
von der DDR
"ausgesperrt".
Dennoch
gelang es,
formal die
Einheit der
evangelischen
Kirche
Berlin-Brandenburg
zu wahren.
Die SED
hinderte
Ratsmitglieder
und
Synodale, an
Tagungen der
Evangelischen
Kirche in
Deutschland
teilzunehmen.
Der
Höhepunkt
der
Spannungen
lag im Jahre
1967. Die
Synode der
Evangelischen
Kirche in
Deutschland
tagte teils
in
Fürstenwalde,
teils in
Berlin-Spandau.
Einen Ausweg
bot 1969 die
Gründung des
(von der EKD
gesonderten)
Bundes der
Evangelischen
Kirchen in
der DDR. Im
September
1969 wählte
die
Konferenz
der
Kirchenleitungen
Schönherr
zum
Vorsitzenden.
Der
bisherige
Sekretär der
Konferenz
der
Kirchenleitungen,
Oberkonsistorialrat
Stolpe,
übernahm die
Leitung des
Sekretariats.
Erst 1971
wurde
Schönherr
von den
staatlichen
Stellen der
Umzug von
Eberswalde
nach
Ostberlin
gestattet.
Im November
1972 wurde
er zum
Bischof der
Ostregion
der
evangelischen
Kirche
Berlin-Brandenburg
gewählt. Auf
vielen
Auslandsreisen
vertrat
Schönherr
seine Kirche
in
ökumenischer
Mission.
Rückblickend
schreibt er,
daß die
Kontakte mit
der
Weltchristenheit
dazu
führten, "daß
die
DDR-Kirchen
in uns
beschämender
Weise
überschätzt
wurden. Je
negativer
man das
DDR-Regime
beurteilte,
desto
heroischer
erschien das
Häuflein der
Christen,
das sich der
'roten Flut'
standhaft
widersetzte".
Schönherr,
der dem
Weißenseer
Arbeitskreis,
der das Erbe
der BK
fortführte,
und seit
1961 der
Prager
Christlichen
Friedenskonferenz
(CFK)
angehörte,
zog sich
später aus
diesen
Gremien
zurück. Als
sich die DDR
1968 am
Einmarsch
der Truppen
des
Warschauer
Paktes in
die
Tschechoslowakei
beteiligte,
bedauerte
die
Kirchenleitung
von
Berlin-Brandenburg
in einem
Brief an
tschechische
Gemeinden
den Einsatz
militärischer
Mittel für
politische
Zwecke,
während der
DDR-Regionalausschuß
der
Christlichen
Friedenskonferenz
den
Einmarsch
guthieß. Als
der Gründer
der
Konferenz,
der Prager
Theologe
Hromadka, im
folgenden
Jahr starb,
stellte
Schönherr
seine
Mitarbeit
ein, "zumal
ich in
Berlin
selber
erlebte, wie
der Staat
die CFK auf
massive
Weise zu
gängeln
versuchte."
Nach Ausweis
der Akten
des
Staatssicherheitsdienstes
wurde
Schönherr in
seinem
Verhältnis
zur DDR als
"negativ"
bis
"schwankend"
beurteilt.
Über Stolpe
lesen wir in
Schönherrs
Memoiren:
"Wie er
seine
Aufgaben
bewältigte,
wurde nicht
gefragt. Ich
sah auch
keinen Grund
dazu. Wenn
er davon
sprach, was
die
'Genossen'
dachten oder
wollten,
konnte diese
Erkenntnis
auch ohne
Vermittlung
des MfS
[Ministerium
für
Staatssicherheit]
gewonnen
worden sein.
Ich habe
niemals
Grund
gesehen, ihm
zu mißtrauen."
Einer seiner
wichtigsten
langjährigen
Gesprächspartner,
der
DDR-Staatssekretär
für
Kirchenfragen,
Seigewasser,
wollte
Schönherr
manchmal
"damit außer
Fassung
bringen, daß
er mir
Inhalte der
Kirchenleitungssitzung
vom Vortrag
auftischte.
Ich habe ihm
den Gefallen
nicht
getan." Doch
spricht der
folgende
Satz für
sich: "Zu
meiner
Amtszeit
haben wir
das Ausmaß
und die
Zielsetzungen
der Stasi
zweifellos
unterschätzt."
Für Synoden
wurden von
der
Staatssicherheit
"minutiöse
Strategien
ausgearbeitet."
Im Rückblick
urteilt
Schönherr: "Daß
es auch
Berichterstatter
aus dem
kirchlichen
Raum gab,
weiß ich
konkret erst
heute." Und
das waren
nicht
wenige!
Daß
Schönherr
die
politischen
Entwicklungen
der DDR
kritisch
einschätzte,
zeigt die
folgende
Festellung:
"Wir haben
die
Verfolgung
der Jungen
[Gemeinde]
und der
Studentengemeinden
von 1952/53
nicht bloß
aus der
Literatur,
sondern mit
der
Verlogenheit,
der
Brutalität
und den
außerordentlichen
Haßgefühlen
der Partei
und ihres
Jugendverbandes
miterlebt.
Wir wissen,
wie man in
den
fünfziger
und
sechziger
Jahren mit
Leuten
umgegangen
ist, die
gegen das
Regime
aufgemuckt
haben...1988/89
stand die
Volkspolizei
mit Hunden
und
Schlagstöcken
rings um die
Kirchen, und
sie hat
zugeschlagen.
Mit großer
Mühe konnte
im Oktober
1989 in
Dresden ein
Blutbad
abgewendet
werden. Man
darf es den
'Vätern'
nicht
unbedingt
als Feigheit
oder als
Sorge um das
'herzliche
Einvernehmen'
zwischen
Kirche und
Staat
auslegen,
wenn sie für
die jungen
Menschen auf
der Straße
einen
'himmlischen
Frieden' auf
DDR-Weise
befürchteten...
Wer
lediglich
mit
politischen
und
ideologischen
Kategorien
an die
Geschichte
der Kirche
der DDR
herangeht,
wird der
vollen
historischen
Wahrheit
nicht
gerecht."
Einen
Beitrag zur
Entspannung
der Lage im
Verhältnis
von Staat
und Kirche
leistete das
Gespräch
führender
kirchlicher
Repräsentanten
mit dem
SED-Chef und
Vorsitzenden
des
Staatsrates,
Honecker, am
6. März
1978. So
etwas hatte
es seit dem
Gespräch des
Ministerpräsidenten
Otto
Grotewohl
mit
leitenden
Geistlichen
1958 nicht
mehr
gegeben. Der
Staat
erklärte
sich zu
gewissen
Zugeständnissen
bereit,
beispielsweise
durften
sechsmal im
Jahr
kirchliche
Fernsehsendungen
ausgestrahlt
werden. In
kommunalen
und
staatlichen
Altersheimen
und im
Strafvollzug
wurde
Seelsorge
ermöglicht.
Doch war es
nicht
leicht,
diese
Zusagen zu
verwirklichen.
Es war aber
als ein
Durchbruch
zu werten,
daß nun "ein
konstruktives
Gespräch auf
allen
Ebenen"
ermöglicht
wurde. "Die
Hoffnung
freilich,
daß der
größere
Freiraum,
der mit der
Zeit der
Kirche
gewährt
wurde, sich
auf die
Innenpolitik
der DDR
auswirken
würde, hat
sich in nur
geringem
Maße
erfüllt."
Besonders
gilt dies
für die
Bildungspolitik:
"Das
Ministerium
für
Volksbildung
mit seinen
Unterorganisationen
verweigerte
bis zur
'Wende'
jedes
Gespräch.
Ich vermute,
daß das
nicht allein
auf die
besonders
starre
Haltung der
Frau
Ministerin
Honecker
zurückzuführen
war. Alles,
was mit der
Erziehung
zur
kommunistischen
Persönlichkeit
zu tun
hatte, war
wohl das
unantastbare
Heiligtum
und
Brennpunkt
aller
ideologischen
Leidenschaft
der Partei."
Die
"Koexistenzformel"
"Kirche im
Sozialismus"
war
mehrdeutig:
"an diesem
Begriff
scheiden
sich die
Geister."
Freimütig
räumt
Schönherr
ein: "Darum
war es ein
Fehler, zu
dem auch ich
mich
bekenne,
diese Formel
gebraucht zu
haben, ohne
sie klar zu
definieren."
In einem
Spannungsverhältnis
dazu steht
sein
Bekenntnis.
"Für den
Weg, der mit
'Kirche im
Sozialismus'
gemeint ist,
Buße zu tun,
bin ich
nicht
bereit."
Wenn eine
mehrdeutige
Formel sich
als "Fehler"
erwies, ist
ein solches
Beharren
schwer
verständlich.
Genauso,
wenn er noch
1993
schreibt:
"Es wäre für
die Welt
nicht gut,
wenn der
Sozialismus
sich so
diskreditiert
hätte, daß
er als
kritisches
Gegenüber
zum
Kapitalismus
endgültig
ausschiede."
Schönherr
ist
theologischer
Ehrendoktor
von
Greifswald
(1963),
Debrecen
(1967) und
Bonn (1986).
Am 30.
September
1981 schied
Schönherr
mit 70
Jahren aus
dem aktiven
Dienst und
zog sich in
sein Haus
nahe von
Berlin
zurück. Er
widmete sich
der
kirchlichen
Weiterbildung
der Laien
(nie habe er
einen so
engen
Kontakt zur
"Basis"
gehabt),
hielt
Vorträge als
"Zeitzeuge",
pflegte
seine Hobbys
(Gartenarbeit,
Photographie,
Wandern und
Rudern) und
freute sich
an seinen
zehn Enkeln
und elf
Urenkeln
(1993).
Wahrlich ein
erfülltes
Patriarchenleben!
Lit.:
A.
Schönherr:
... aber die
Zeit war
nicht
verloren.
Erinnerungen
eines
Altbischofs.
Berlin 1993.
(mit der
Angabe von
Schriften
des Autors
S. 428).
Christoph
Führ