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Dem
Danziger Kaufmannssohn war nicht an der Wiege gesungen worden, einmal
der Philosoph der Epoche zu werden. Vielmehr schien er dazu bestimmt,
das Erbe seines strengen Vaters anzutreten, der denn auch alles tat, um
den Jungen zu einem weltläufigen Nachfolger zu erziehen. Doch als der
Vater starb, sah der Sohn sich unverhofft von dieser moralischen Pflicht
entbunden. Mit vollen Zügen gab er sich seinen Studien hin: vom
hinterlassenen Erbe seines Vaters begünstigt, wählte er den Weg des
Privatgelehrten. Schien ihm das Leben doch eine so mißliche Sache, daß
er beschloß, über es nachzudenken. Selbstbewußt sah er sich später als
den legitimen Erben und Nachfolger eines anderen großen Landsmannes, des
Philosophen Immanuel Kant. Sein Hauptwerk: „Die Welt als Wille und
Vorstellung“ blieb indes lange Zeit über fast unbeachtet. Es galt als
das Produkt eines überspannten Romantikers. Erst in seiner späteren
Frankfurter Zeit zeitigte es erste Wirkungen, und eine Schar von Jüngern
und Anhängern stellte sich ein. Breitere Beachtung fand, nach der
gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848, nicht etwa sein
mittlerweile fast verschollenes Hauptwerk, sondern eine Sammlung
verstreuter Gelegenheitsschriften, die unter dem Titel „Parerga und
Paralipomena“ erschienen. Aus der kleinen Schopenhauer-Gemeinde entstand
erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg eine Schopenhauer-Gesellschaft.
Die
Philosophie Schopenhauers besteht aus ganz wenigen Grundmotiven, die
sich zu einer spannungsreichen Weltsicht zusammenfügen. Dazu gehören,
sehr vereinfacht, vor allem
– die
Annahme eines sinnblinden „Willens zum Leben“ als des metaphysischen
Weltgrundes aller Dinge bis hin zum Menschen – eine materiale Ausformung
des Kantischen „Dings an sich“;
– die
Bestimmung der menschlichen Existenz als einer insgesamt auf Leiden und
Lebensnot hin angelegten sowie
– die
Idee der Erlösung vom Leid durch den „Quietiv des Willens“, ermöglicht
durch die Herausbildung des menschlichen Intellekts, der sich als
Objektivation des Willens begreift.
Schopenhauer wird nicht müde, das Los der Menschen in der Geschichte als
eine Spielart der Hölle und das Leben, alles in allem, als ein Geschäft
zu erweisen, das die Unkosten nicht lohnt. Deshalb gilt er auch als der
Philosoph des Pessimismus. Gleichwohl läßt sich an seinem Weltgemälde
auch der Umriß einer kritischen Gesellschaftstheorie ablesen.
Schopenhauers Kritik am Juste-milieu seiner Zeit gewinnt bis heute seine
Aktualität durch die unerbittliche Blickschärfe und Urteilskraft und die
oft ins Sarkastische mündenden Diagnosen der absonderlichen
Menschenwelt. Doch bleibt seine Anthropologie darin der europäischen
Aufklärung verpflichtet, daß er dem „Willen zum Leben“ zwar den
Wirkprimat zuspricht, zugleich aber Partei ergreift für den stets
gefährdeten Intellekt, das leidende Individuum. Höchster Wert bleibt für
ihn, den Zeitgenossen Goethes, die Persönlichkeit, der er den Vorrang
gegenüber allen Ansprüchen seitens des Staates und der Nation zuerkennt.
Denn nur sie sei letztlich fähig zur Einsicht in den Schuldzusammenhang
alles Lebendigen, nur sie kann durch Erkenntnis der ursprünglichen
Einheit alles Lebens auch jene Solidarität üben, die sich im Mitleid
ausdrückt. Dieser humanistische Grundzug von Schopenhauers Ethik zeigt
sich vor allem darin, daß er, einer der großen Entdecker der Geheimnisse
des Unbewußten im Menschen, doch stets der Helle des Bewußtseins
verpflichtet bleibt. Er hat sich, im Gegensatz zu derzeit wieder
virulenten Mythologemen, niemals ins Urtümliche vergafft. Auch hierin
modern, da er mit seinen scharfsinnigen psychologischen Analysen manches
von dem vorwegnimmt, was erst im 20. Jahrhundert durch Sigmund Freud ans
Licht gebracht wurde. Die Lebensleistung Schopenhauers läßt sich wohl
darin sehen, daß er, am Ausgang des deutschen Idealismus, dessen
Selbstaufklärung unternimmt. Sah dieser noch in der Idee, im Geist, die
prima causa alles Seienden, so räumt Schopenhauer dem Arationalen und
Vitalen im Menschen einen hohen Stellenwert ein: Er sieht ihn als
ziemlich umfängliches Triebwesen. Gerade weil dem so ist, ergibt sich
für alles menschliche Dasein eine große Verantwortung insofern, als das
Freiwerden vom dunklen Triebdrang nur auf jener Stufe
neuzeitlich-kultureller Entwicklung möglich wird, auf der kritische und
selbstkritische Fähigkeiten der Vernunft des Menschen ins Spiel kommen.
Der Weg zur Selbsterkenntnis erscheint Schopenhauer, auch hierin ein
Sohn abendländischer Aufklärung, als der zur Menschwerdung des Menschen.
Ein
Vermächtnis dieses Denkens dürfte darin liegen, daß der Sohn Danzigs das
Bewußtsein dafür geschärft hat, wie wenig gefeit gegen den Rückfall ins
Barbarische alle Kultur bleibt. Die Verlockungen dazu, sei es in Form
des Nationalismus, sei es als Leugnung des Lebensrechtes anderer Völker
und Mitmenschen, stehen nach wie vor am Rand dieses schwierigen Wegs.
Denn nach wie vor gilt: Das Glück liegt stets in der Zukunft – oder auch
in der Vergangenheit. Und die Gegenwart ist einer kleinen dunklen Wolke
zu vergleichen, die der Wind über die besonnte Fläche treibt: vor ihr
und hinter ihr ist alles hell. Nur sie selbst wirft stets einen
Schatten. Wer die Wirkungen des Schopenhauerschen Denkens im 19.
Jahrhundert überblickt, stellt verwundert fest, daß von ihm die
gegensätzlichsten Motivationen ausgingen: von behaglicher Resignation
und Schicksalsergebenheit bis zum kritischen Urteil der Zeitkritik.
Desgleichen konnten sich sehr unterschiedliche Positionen auf ihn
berufen: ein weltferner Idealismus ebenso wie die vom unermüdlichen
Dennoch bestimmte Haltung des engagierten Eingreifens. Entscheidend ist,
daß Schopenhauer auch dort, wo er zum Widerspruch reizt, zur
Selbstklärung verhilft. Er gehört zudem zu jenen seltenen Philosophen,
die das, was sie entdecken, in einer klaren Sprache mitteilen. So dürfte
seine philosophische Prosa mit zum Besten gehören, was sich im 19.
Jahrhundert in Deutschland findet. Wer unsere Sprache liebt, kehrt
häufiger bei ihm ein als bei manchen anderen seiner Zeitgenossen. So
darf man heute resümieren: Pessimismus hin, Optimismus her: Auf diese
simplen Formeln läßt sich ein Denker vom Range Schopenhauers nicht mehr
abziehen. Zwar blieb ihm Dialektik in jener Form verhaßt, wie er sie bei
Hegel, seinem Kontrahenten, vorfand. Doch sind seine eigenen Schriften
reich an gedanklichen Operationen, in denen sich die Widersprüche
seiner, eben nicht bloß seiner, Zeit zu erhellenden Paradoxien
verdichten: Zeichen seiner Zeitgenossenschaft.
Werke: Über die vierfache
Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde (1813); Die Welt als Wille und
Vorstellung (1819); Über den Willen in der Natur (1836); Die beiden
Grundprobleme der Ethik (1841); Parerga und Paralipomena, 2 Bde. (1851).
Lit.: Hübscher, A.: Denker
gegen den Strom. Sch. gestern, heute, morgen. Bonn 21982. –
Weimer, W.: Sch. Darmst. 1982. – Hübscher, A.: Sch.-Bibliogr. Stg. 1981.
– Pisa, K.: Sch. Mchn. 1978. – Pisa, K.: Sch., Kronzeuge einer unheilen
Welt. Bln. u. Wien 1977. – Copleston, F.Gh.: A. Sch., philosopher of
pessimism. London 1946. Nachdr. Scranton (Pa.) 1975.
Kurt Lenk
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