Karl
Schodrok nannte sich selbst gern „Schulmann und Pädagoge“. Über
seinen Lebenslauf berichtend fügte er stolz hinzu: „Schulrat bis
1945 in Oppeln, von 1947 bis 1955 Bayerischer Bezirksschulrat in
Neumarkt/Oberpfalz“. Als er am 24. Februar 1978 kurz nach Vollendung
des 88. Lebensjahres in Würzburg gestorben war, überschrieb die
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“ den Nachruf „Ein schlesischer
Patriot“. Man nannte ihn aber auch – und dies wohlbegründet – einen
„Jünger Eichendorffs“.
Am 26.
November 1857 war der Dichter Joseph Freiherr von Eichendorff in
Neisse, wo er die letzten beiden Lebensjahre in der Familie seiner
Tochter verbracht hatte, gestorben. 22 Jahre später wird Karl
Schodrok am 2. Januar 1890 in Neisse geboren. Diese Koinzidenz von
Sterbeort des einen und Geburtsort des anderen wurde von Karl
Schodrok geradezu als ein den eigenen Lebensweg entscheidend
bestimmendes Sinnbild verstanden und interpretiert.
Das
Elternhaus in Neisse wurde von Karl Schodrok gleichfalls
symbolträchtig ausgelegt, der Vater stammte aus einem Dorf im
zweisprachigen Kreis Cosel, die Mutter aus Österreichisch-Schlesien.
Traditionsgemäß hieß sein Name Sczodrok, aber die
nationalsozialistischen Gewaltherrn drängten den Schulrat, aus dem
Namen die polnische Lautung zu verbannen und „Schodrok“ zu
schreiben. Im nahe Neisse gelegenen Ziegenhals besuchte er
Präparandie und Lehrerseminar und trat mit 20 Jahren seine erste
Lehrerstelle in Bolatitz im Hultschiner Ländchen im Kreis Ratibor
an. Hier war August Scholtis sein Schüler, und aus diesem August
Scholtis wurde später ein bekannter Schriftsteller. In seiner
romanhaften Autobiographie „Ein Herr aus Bolatitz“ hat August
Scholtis ein Loblied angestimmt: „Er durchbrach deutlich jenen
traditionellen, preußisch beamteten Hochmut. Er servierte uns den
sogenannten Geist Friedrichs des Großen auf liebenswürdige Weise ...
Wenn Schodrok ein konservativer Preußenknochen war, dann einer von
der akzeptablen Sorte, gemildert durch das Christentum.“ Schodrok
schrieb über diese Zeit des pädagogischen Beginnens: „Ich gründete
in Bolatitz eine Volksbücherei und einen Lesezirkel und wurde bald
Mitarbeiter von Oberbibliothekar Karl Kaisig in Gleiwitz. Kaisig gab
den Anstoß, daß ich nach Gleiwitz versetzt wurde.“ Er rühmt ihn ob
seiner Verdienste für „die deutsche Kulturpflege in Oberschlesien
vor dem Ersten Weltkrieg bis in die Jahre danach.“ Damit ist auch
das Leitwort für die eigene Arbeit gesprochen: deutsche Kulturpflege
in Oberschlesien.
Drei
Lebensabschnitte werden nach der Rückkehr aus dem Krieg offenbar:
das Ringen im Vorfeld des späteren Plebiszits um die Zukunft
Oberschlesiens und zehn Jahre einer selbständigen Provinz
Oberschlesien während der Weimarer Republik, dann die
nationalsozialistische Diktatur, als es immer schwerer wurde, sich
selbst und seinem Konzept, das Oberschlesien immer geheißen hat,
treu zu bleiben, und es folgten drei Jahrzehnte nach der Vertreibung
und fern der Heimat im wahren Wortsinn eines von Idealismus
erfüllten Dienstes für die Heimat. Schodrok war gerade 29 Jahre alt,
man fand in dem jungen Lehrer einen Mann, der des wohlgesetzten
Wortes mächtig war und zu schreiben verstand, gleichzeitig aber auch
engagiert und überzeugend für die deutsche Sache im
deutsch-polnischen Abstimmungskampf eintrat. Er wurde Mitbegründer
der „Freien Vereinigung zum Schutze Oberschlesiens“, übernahm das
Archiv und die Flugschriften-Abteilung, später von Beuthen aus wurde
er der für Herausgabe und Redaktion der dreimal wöchentlich
erscheinenden Zeitung „Schwarzer Adler“ verantwortlich, womit der
preußische Adler gemeint war, und dies als Gegenstimme zum „Weißen
Adler“, der mit dem polnischen Wappen in deutscher Sprache
erscheinenden Zeitung, die für den Anschluß Oberschlesiens an Polen
eintrat. Eine Sonderheit dabei war, daß Neisse, Schodroks
Geburtsort, gar nicht zu dem wegen seiner Zweisprachigkeit erklärten
Abstimmungsgebiet gehört hat. Gleichzeitig erschien unter seiner
Redaktion das Wochenblatt, „Der Oberschlesier“ als kulturpolitische
Plattform einer Aussprache zwischen Deutschen und Polen.
Nach der
Abstimmung in Oberschlesien am 20. März 1921 und der Teilung
Oberschlesien mit der Abtretung Ostoberschlesiens entgegen dem in
Anspruch genommenen Selbstbestimmungsrecht und dem Sieg der
deutschen Sache wurde Schodrok zuerst wieder Lehrer in Gleiwitz und
dann Rektor in Colonnowska im Kreise Groß Strehlitz. Zum ersten Mal
trat er jetzt als Gründer und Motor des „Oberschlesischen
Kulturverbandes“ in der Öffentlichkeit auf, zugleich als dessen
Geschäftsführer. Es sollte sich seitdem in seinem Lebenslauf noch
oft wiederholen, daß Gesellschaften, Institutionen, Vereinigungen
und auch Zeitschriften entweder von ihm gegründet wurden oder er
deren Leitung in seine feste Hand genommen hat. Später hat er einmal
über sich gesagt, als er seit 1924 die entscheidende Hauptperson der
Monatsschrift „Der Oberschlesier“ und dann von 1956 an, als er in
vielfacher Weise für die Vierteljahresschrift „Schlesien“
Verantwortung trug: „Ich habe die Eignung als Herausgeber,
Schriftleiter und auch Verleger auf keiner Fachschule erworben. Für
mich wurde diese Tätigkeit neben meinem Beruf als Schulmann eine mit
Hingabe gepflegte Liebhaberei.“ „Der Oberschlesier“ hatte ein
ausgezeichnetes Profil, auch im Äußeren dank der Mitarbeit der
Grafikerin Paquita Kowalski-Tannert, und konnte sich nicht nur mit
den „Schlesischen Monatsheften“, herausgegeben von Franz Landsberger
in Breslau, messen, sondern zeichnete sich sowohl durch treues
Heimatbewußtsein als auch durch seine Aufgeschlossenheit gegenüber
der Gegenwart und vor allem dem Neuen und Werdenden aus. Viele der
jungen oberschlesischen Schriftsteller, aber auch Niederschlesier
wie etwa Friedrich Bischoff, fanden hier ein Forum für Versuche und
Erstveröffentlichungen. Schodrok war stets, dies auch in den
Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, auf der Suche nach
Begabungen und Talenten. Oberschlesien sollte sich als seit 1922
selbständige Provinz mit all seinen kulturellen Aktivitäten und
tradierten sowie neuen schöpferischen Kräften wiederfinden und nach
außen darstellen. Joseph Freiherr von Eichendorff war zur gleichen
Zeit die alles überragende Leitfigur, ein nicht hoch genug zu
verehrender Schutzpatron und Säulenheiliger.
Darum
gleichzeitig auch die schwer zu bündenden Aktivitäten, um
Eichendorff weithin tief ins Volk bekannt zu machen, ihn als den
größten Sohn Oberschlesiens lieben zu lernen. Unter dem Zeichen
Eichendorffs wird von Schodrok im Verlag „Der Oberschlesier“ 1929
der Almanach „Aurora“ herausgegeben und zwei Jahre später zusammen
mit dem Enkel des Dichter Karl von Eichendorff und Professor Adolf
Dyroff die „Deutsche Eichendorff-Stiftung“ gegründet. „Aurora“
erscheint 1932 wieder und dann als Jahresgabe der Stiftung. 1935
gelingt es sogar, in Neisse ein Eichendorff-Museum im Sterbehaus des
Dichters zu errichten. Während der letzten Monate des Zweiten
Weltkrieges wurde das Eichendorff-Museum mit all seinen Schätzen ein
Trümmerhaufen.
In den zwölf
Jahren der Diktatur versuchte Schodrok, seit 1936 Schulrat in
Oppeln, auf der einen Seite persönlich sich den Herrschenden
äußerlich zustimmend gefällig zu erweisen, aber zum anderen in hohem
Maße für die Zeitschrift „Der Oberschlesier“ und sein kulturelles
und geistiges Bild von Oberschlesien zu streiten. Mutig trat er für
Mitarbeiter des geplanten „Oberschlesischen Handbuches“ ein, als ein
früheres Mitglied der SPD-Reichstagsfraktion, Karl Okonski (was
inzwischen aktenkundig gemacht worden ist) Schreibverbot erhalten
sollte. Er widersprach auch heftig den Bestrebungen, die vor allem
seine Zeitschrift „Der Oberschlesier“ und das Konzept grundsätzlich
verändern sollten in Richtung eines eng Provinziellen und dem Geist
der Zeit Gefälligen. „Man will eben nur die ‚liebe Heimat‘, also
etwas, das mehr oder weniger am Heimatkitsch vorbeigeht“, so in
einem Brief an Professor Albert Brackmann im Jahre 1941 nach Berlin.
Schließlich unterlag Schodrok, 1943 mußte die Zeitschrift ihr
Erscheinen einstellen. Er „bewegte sich auf einer Zickzack-Linie“,
dies die Feststellung des polnischen Germanisten Wojciech Kunicki
(Universität Breslau) in einem Aufsatz 2003 über Karl Schodrok
während der zwölf Jahre von 1933 bis 1945
Regensburg
und Neumarkt heißen die ersten Stationen des Neubeginns nach dem
Zweiten Weltkrieg. Wieder ist es Eichendorff, zu dessen Werk und
Verständnis er zwei Veröffentlichungen vorlegt, die bereits im Titel
Schodroks Bild von Eichendorff vermitteln, 1949 „Eichendorffs
religiöses Bekenntnis. Gedanken und Lieder“, 1950 „Keinen Dichter
noch ließ seine Heimat los“. 1952 wird die „Eichendorff-Stiftung“
neu gegründet und die Jahresschrift „Aurora“ erscheint seit 1953
wieder alljährlich. Später löste die „Eichendorff-Gesellschaft“ die
Stiftung ab und das Jahrbuch der Gesellschaft die Zeitschrift
„Aurora“.
Erneut geht
Schodrok, nicht anders als zuvor in der oberschlesischen Heimat, als
Gründer ans Werk. Mit ursprünglichem Sitz in Neumarkt, dann in
Würzburg, 20 Jahre Alterssitz des Gründers, „Kulturwerk Schlesien“
heißt die Neuschöpfung, und man wirbt um Mitglieder. 1956 erscheint
zum ersten Mal die Vierteljahresschrift „Schlesien“, Herausgeber und
Schriftleitung, so steht es im Impressum, Karl Schodrok, zusammen
mit Alfons Hayduk als stellvertretender Schriftleiter. Hayduk war
bereits in Oberschlesien, gleichfalls ein Schulmann, enger
Vertrauter und Mitarbeiter, was besagen soll, daß die neue
Zeitschrift „Schlesien“ zurückgreift auf Mitarbeiter aus den Zeiten
der Zeitschrift „Der Oberschlesier“. Den Herausgeber beflügelt auch
jetzt wieder der Ehrgeiz, eine Zeitschrift redaktionell zu
verantworten und zu edieren, frei von jeder provinziellen Enge und
frisch-fröhlicher Überhöhung. Es klingt banal, aber dem ist so:
Qualität ist gefragt, man will die Konkurrenz mit anderen
landsmannschaftlich ausgerichteten Zeitschriften aufnehmen und
gewinnen. Die Vierteljahrsschrift als „Organ des Kulturwerks
Schlesien“ versteht unter Schlesien, wie das Deckblatt verkündet,
„Niederschlesien, Oberschlesien, Sudetenschlesien“ und sich als
Zeitschrift für „Kunst, Wissenschaft, Volkskunst“. Schodrok hatte
sich viel vorgenommen, tausend Kilometer von der Heimat Schlesien
entfernt, in Würzburg Schlesien in seinem kulturellen Reichtum und
in all seinen Spannungen zu spiegeln und zu präsentieren. Und dies
ist ihm auch, wie schon mit der Zeitschrift „Der Oberschlesier“,
hervorragend gelungen, sowohl Leser und Abonnenten zu gewinnen als
auch und dies vornehmlich Mitarbeiter in der Zeitschrift zu Worte
kommen zulassen. Stets hat er besonderen Wert darauf gelegt, sich
frei zu wissen von der süß klingenden Liedzeile „Heimat deine
Sterne“, d.h. von jeglicher sentimentalen Rührseligkeit, und
erstklassigen Beiträgen mit gewichtigen Aussagen und literarischem
Können in der Zeitschrift Platz zu geben.
Auch
weiterhin ist er Eichendorff treu geblieben, wenn auch im Laufe der
Zeit und von der Wissenschaft das Bild nicht so eng auf die
oberschlesische Heimat und das religiöse Bekenntnis ausgerichtet
wurde. Selbstverständlich hing in Schodroks Arbeitszimmer im
Würzburg ein großes Bild des ständigen treuen Weggefährten.
Ein
außergewöhnliches Leben darf man es rühmend nennen. Er war ein
Schulmann, der sich selbst immer weiterbildete, auch mit einigen
Semestern an der Universität Breslau, ein Volkspädagoge, der sein
eigenes Wissen dem Volk vermitteln wollte, ein Idealist, der erst
als pensionierter Schulrat sich frei von seinen beruflichen
Verpflichtungen in der jetzt zur Verfügung stehenden Freizeit
hauptamtlich nunmehr seiner sich selbst gestellten Aufgabe widmen
konnte, denn zuvor waren all die Aufgaben nebenamtlich zu
bewältigen. Dazu kam dann noch der reichliche Briefwechsel, den er
nicht nur als Herausgeber und Redakteur der Zeitschriften führen
mußte, sondern Briefe in der Verteidigung des eigenen geistigen
Konzepts und nicht zuletzt ob der finanziellen Unterstützung all
dessen, was auf den Weg gebracht werden sollte.
Autobiographische Zeugnisse von Schodrok gibt es nur wenige. Ein
Rückblick auf die Zeitschrift „Der Oberschlesier“ schließt, wie
könnte es anders sein, mit einem Gedicht von Eichendorff, zugleich
sich selbst beschreibend: „Mein Gott, Dir sag ich Dank, / Daß Du die
Jugend mir bis über alle Wipfel/ In Morgenrot getaucht und Klang,/
Und auf des Lebens Gipfel,/ Bevor der Tag geendet,/ Vom Herzen
unbewacht/ Den falschen Glanz gewendet,/ Daß ich nicht
traumgeblendet,/ Da nun herein die Nacht/ Dunkelt in ernster
Pracht“. Von Professor Eugen Lemberg stammt über die Zeitschrift
„Schlesien“ das lobende Wort: „Karl Schodrok hat diese seine
Landschaft Schlesien in die Verbannung mitgenommen. Er lebt in ihr
und sie lebt in ihm. So prägt er die Heimat auch in der Fremde.“ Als
ihm 1972 der Oberschlesische Kulturpreis verliehen wurde, rühmte
Professor Günther Grundmann Karl Schodrok als „schöpferischen
Kulturbewahrer und -gestalter“, andernorts wurde er „Kämpferischer
Wächter und kluger Wahrer Schlesiens“ genannt. Die Laudatio zum
Preis wurde mit einem Wort Goethes beschlossen: „Manches Herrliche
der Welt/ Ist in Krieg und Streit zerronnen./ Wer bewahret und
erhält,/ hat das schönste Los gewonnen.“
Bild:
Stiftung Ostdeutscher Kultrrat
Herbert Hupka