Im “Kapitel
von der
schlesischen
Poeterei”
begegnen wir
Autoren, die
als
Volksschullehrer,
als
schlichte
“Dorf-Pauker”
begannen,
bevor sie
unter die
Zwänge von
dichterischen
Gesichten
gerieten –
so
Will-Erich
Peuckert
(1895-1969),
einem der
bedeutendsten
Volkskundler
Schlesiens
und
Literaturhistoriker
(über diesen
siehe OGT
1994, S.
174-177),
Hans-Christoph
Kaergel
(1889-1946),
Hermann
Stehr
(1864-1940)
und Paul
Keller
(1873-1932).
Ihre Werke
spiegeln das
“Getuppelte”
der
schlesischen
Seele; das
Besondere
lag wohl
darin, daß
das Antlitz
des Volkes
mehr nach
innen und
“nicht nach
außen
gekehrt” ist
(Josef
Nadler).
Diese
schlesischen
Schriftsteller
schöpften
aus dem
Grund des
Landes; ihre
Werke wurden
gespeist vom
Zustrom
geheimnisvoller
Kräfte und
Stimmen –
dieser
“wahren
Erde”, von
der Gerhart
Hauptmann im
Neuen
Christophorus
spricht,
“deren
Berührung
unüberwindlich
machte,
weil sie
alle
verlorene
Kraft
wiedergab.”
Gustav
Schröer, der
auch
Schlesier
war, ebenso
auch
Volksschullehrer,
der
Schriftsteller
wurde, über
70 Romane
und
Erzählungen
sowie
Volksstücke
und
Jugendschriften
veröffentlichte,
war Sohn
eines
Maschinenwärters.
Die Familie
lebte in
bescheidenen
Verhältnissen.
“Wenn mir
heute jemand
von Armut
und Not
redet, dann
kann ich ihm
sagen: Das
alles habe
ich bitter
genug am
eigenen
Leibe
erfahren.
Wir waren
sieben
Geschwister,
drei davon
sind
gestorben.
Unter Opfern
haben meine
Eltern,
unterstützt
von treuen
Helfern,
ermöglicht,
daß ich
Lehrer
wurde.” An
den Besuch
der
Präparandenanstalt
in
Schmiedeberg
(Riesengebirge)
schloß sich
1893 bis
1996 ein
Studium am
Seminar in
Münsterberg
an. Danach
verließ
Gustav
Schröer
Schlesien,
das einen
Überfluß an
Lehrern
hatte, und
ging nach
Thüringen.
Am 1. April
1896 trat
Schröer,
zunächst
vertretungsweise,
in
Ziegenrück
an der
oberen Saale
eine Stelle
an, die er
bereits am
1. Juli mit
einer
selbständigen
im
benachbarten
Eßbach
vertauschte.
Dort
verbrachte
er
vierundzwanzig
“Waldschulmeister-Jahre”,
oft in
großer Armut
und großen
Entbehrungen;
oft reichte
es nicht zum
Notwendigsten.
Vier Kinder,
die aus
einer 1900
eingegangenen
Ehe kamen,
waren zu
versorgen;
oft
herrschte
Krankheit,
häufig waren
nicht einmal
die
Arztrechnungen
zu bezahlen.
Einen
Begriff
davon
vermittelt
Schröers
Roman
Käthe Werner,
in dem er
auch seiner
Frau Käthe,
die 1927
starb, ein
Denkmal
gesetzt hat.
Eine zweite
Ehe ging
Schröer 1931
ein.
In der
Eßbacher
Zeit gab
Schröer
nicht nur
Privatstunden;
er schrieb
auch
kleinere
Beiträge für
Zeitungen –
über
Begebenheiten
vorwiegend
aus dem
Leben der
Bauern, dem
er sich hier
ganz
verschrieb
und von dem
er nicht
mehr los
kam. Es
reizte ihn,
“daß
Bauernart
ein Buch
ist, das
schwer zu
lesen ist.”
In Eßbach
wurde der
Schlesier
aber auch
zum
Thüringer:
Manche
Stelle aus
seinem Werk
hat man wohl
auf ihn
selbst zu
beziehen,
wie etwa die
folgende:
“Solch ein
Land! So
weit und so
still und so
heilig! Es
hatte mich
ganz
genommen,
das Land!”
(So der
Chronist im
Der
Schulze von
Wolfenhagen.
Die
Geschichte
eines Dorfes).
“Ich danke
Gott, daß du
mir Heimat
bist!” So
heißt es in
einem “Thüringen”-Gedicht.
Der weitere
Weg führte
Schröer nach
Erfurt, wo
er bei der
Regierung
als
Bezirksjugendpfleger
tätig war;
es folgte
seit 1922
die Leitung
der
Kulturredaktion
beim
“Thüringer
Landbund” in
Weimar und
seit 1928
die
Herausgabe
der
Zeitschrift
Die
Pflugschar.
Die Stelle
eines
Schulrats
hatte er
ausgeschlagen.
“Zum Bauern
gehöre ich!”
So lautete
sein
Bekenntnis.
In Weimar,
wohin er
schließlich
übergesiedelt
war, wurde
Schröer zum
Schriftsteller,
zu einem
“Heimat –
und
Bauerndichter
von
erstaunlicher
Fruchtbarkeit”
(so Franz
Lennartz),
der vor
allem aus
der
mitteldeutschen
Bauern- und
Kleinbürgerwelt
erzählte. Es
sind also
nicht die
Menschen aus
Schlesien,
die ihn
fesseln –
sondern jene
aus dem
oberen
Saaletalgebiet;
es sind die
Berge und
Täler von
dort und vor
allem auch
“die
Steine.”
Weder die
Ereignisse
seiner
Kindheit und
Jugend,
Landschaftseindrücke
vom
heimatlichen
oberen
Weistritztal,
vom
Waldenburger
Bergland –
eine der
schönsten
Landschaften
Schlesiens –
sind in sein
Werk
eingegangen
noch die
Geschichte
der Heimat,
von der
markante
Burgruinen
im Umfeld
von
Wüstegiersdorf
zeugen – wie
das
Freudenschloß
und das
Hornschloß.
Auch ruhen
seine
Gestalten
nicht in Bad
Charlottenbrunn
und in
Görbersdorf
mit seinen
weltberühmten
Lungenheilstätten
aus. Er kam
nicht wie
andere
Schriftsteller
schlesischer
Herkunft auf
Schlesien
zurück.
Schröer
erregte
bereits mit
seinem
Erstlingsroman
Der
Freibauer
(1913)
Aufsehen,
den kein
Geringerer
als Peter
Rosegger
rühmte
(“Liebe zur
Scholle, zum
Bauerntum”).
Die
Thüringer
Bauern sind
es, die ihm
Lebenswirklichkeit,
Kraft und
Weisheit für
seine
Gestaltungen
geschenkt
haben. “Was
heißt Bauer
sein?” Das
heißt, wie
es in
Land Not
(1928)
erklärt
wird: “Ein
Mensch sein,
der die Erde
liebt und
ihr dient,
dem das Herz
bricht, wenn
ihm die
Ernte
verhagelt,
nicht weil
er Geld
verliert,
sondern weil
er sie
liebt. Ein
Mensch ist
der Bauer,
der hinter
seiner
Scholle
zurücktritt
– sie ist
sein Herr,
nicht er der
ihre –
einer, der
aus Gottes
Hand lebt
und den
Plunder
verachtet,
um den ihr
euch um euch
selber
bringt.” Die
Stärke liege
im Herzen,
nicht im
Verstande,
so heißt es
einmal im
Siedler vom
Heidebrinkhofe
von 1943. Da
ist auch von
“einer
erdgeborenen
Idee” die
Rede; sie
könne “das
deutsche
Volk
einigen.”
Das sei auch
die Aufgabe
des
Bauerntums.
Und
schließlich
sei Heimat
dort, “wo
die
Blutströme
ihren
Ausgang
nehmen.”
Das Lob des
einfachen
Lebens,
Skepsis
gegenüber
der
Zivilisation,
der Technik,
der
Industrie,
der
Geldwirtschaft,
der
Verstädterung
und
schließlich
der Glaube
an die
Mächte des
Blutes waren
dazu
angetan,
Schröers
Bauern-Romane
als der
nationalsozialistischen
Ideologie
von “Blut
und Boden”
verschwistert
erscheinen
zu lassen.
Adolf
Bartels
triumphierte:
“Er packt
die ernsten
Probleme der
Zeit an,
ohne je dem
Geiste
moderner
Sensation zu
verfallen!”
Viele Bücher
Gustav
Schröers hat
Bartels in
seinem
Deutschen
Schrifttum
gewürdigt.
“Auf den
Gabentischen
des neuen
Deutschland
darf einer
nicht
fehlen,
einer, der
Vorkämpfer
gewesen
ist... Das
ist Gustav
Schröer!” So
schrieb Paul
Krannhals
(1883-1934),
der als
“Kulturphilosoph
des
Nationalsozialismus”
galt. Für
Josef Nadler
dagegen hat
Schröer “den
Thüringer
Landmann
ungefärbt
von Roman zu
Roman
ab[ge]schildert”
(Literaturgeschichte
des
Deutschen
Volkes,
Bd. 4,
Berlin
1941).
Indessen ist
Schröers
Werk nicht
bloß
Ideologie.
Sein
bekanntester
Roman,
Der Heiland
vom
Binsenhofe
(1918),
gestaltet
das
Schicksal
eines gegen
Haß und
Aberglauben
kämpfenden,
sühnenden
Fremdlings.
Liebevoll,
mit
Sympathie
erzählt
Gustav
Schröer von
guten und
bösen
Bauern, von
ihrem Kampf
um das harte
Dasein und
von Not und
von Glück –
so im Roman
Die Leute
aus dem
Dreisatale
(1920), der
in eine
Köhlergemeinschaft
führt (1949
in einer
Neuausgabe
erschienen).
Der Roman
Heimat wider
Heimat
(1929)
verlagert
das Problem
“Heimatgefühl”
auf zwei
Ebenen: das
Meer und das
Gebirge:
“Auf dem
Deiche aber
stand das
junge Weib
und sah,
eine scharfe
Falte in der
Stirn, dem
Wasser
entgegen.
Auch jetzt
erschauerte
sie nicht
vor der
Gewalt des
Meeres, aber
sie
erschauerte
vor der
Unendlichkeit.
Auf dem
Lande ist
alles
endlich, und
mag der
Blick noch
so
schweifen.
Der
eisstarrende
Berg
bezwingt
durch
Erhabenheit
und Ruhe,
aber nur das
Meer läßt
die
Unendlichkeit
spüren. Und
es ist ein
furchtbares
Wort:
Unendlichkeit!
Und ist
unmittelbar
benachbart
dem
Donnerwort
Ewigkeit!”
In den
Romanen
Die Bauern
von Siedel
(1939) und
Die
Wiedes
(1940) geht
es immer
wieder um
erneute
Abwandlungen
von Liebe,
Kampf, Nöten
und
Hoffnungen
der “Scholle
verbundener
Menschen”.
Es sind in
der Qualität
der
Komposition
und der
Gestaltung
nicht
gleichwertige
Werke. Im
übrigen
steht eine
eingehende
Analyse von
Schröers
Werk durch
die
Literaturwissenschaft
noch aus.
Deutlich ist
Schröers
nationale
Tendenz – so
im Volksbuch
vom
Thüringer
Befreiungskampf
gegen
Napoleon,
Volk im
Schmiedefeuer
(1934), oder
im
Weltkriegsbuch
Flucht
von der
Murmanbahn
(1917).
Schröer, der
Schlesier
und
Wahlthüringer,
verschloß
sich auch
sozialen
Problemen
nicht – wie
sein Buch
von den
Kämpfen und
Nöten
arbeitsloser
Menschen
zeigt (Wir
lassen uns
nicht
unterkriegen,
1934). Und
an das
schwere
Dasein der
Thüringer
Buckelapotheker
und
Laboranten
im 19.
Jahrhundert
erinnert
Das
Schicksal
der Käthe
Rotermund.
Eine seltene
Fülle an
Menschen und
Schicksalen,
Gestalten,
die uns
nicht mehr
erreichen –
sie sind
vergessen
und reden
womöglich in
einer uns
nicht mehr
vertrauten
Sprache. Ein
durchaus
normales
Schriftstellerschicksal,
das Schröer
zuteil
wurde, der
einmal von
sich sagte:
“Niemals
habe ich
mich einen
Dichter
genannt. Es
genügt mir,
ein
deutscher
Erzähler zu
sein.” Damit
hat er wohl
selbst seine
Grenze
abgesteckt.
Sein Werk
veraltete
mit den
Maßstäben
und dem
Geschmack
seiner Zeit.
Werke:
Das Herz
spricht.
Erzählung,
Quell-Verlag,
1934. – Der
Hof im Ried.
Leipzig
1929. – Der
Hohlofenbauer.
Roman.
Gütersloh
1943. – Die
Lawine von
St. Thomas.
Ein Roman
aus den
Bergen.
Gütersloh
1949. –
Deutsche
Legenden.
Halle
(Saale)
1923. –
Peter
Lorenz. Die
Geschichte
eines
Knechtes.
Leipzig
1922. – Die
Flucht aus
dem Alltag.
Berlin 1941.
– Im
Schatten des
Helberges.
Roman.
Gütersloh
1943. – Der
Schelm von
Bruckau. Ein
heiterer
Kleinstadtroman.
Gütersloh
1943. –
Schicksalshände.
Roman.
Gütersloh
1943. – Der
Schulze v.
Wolfenhagen.
Die
Geschichte
eines
Dorfes.
Leipzig
1944. – Die
Siedler vom
Heidebrinkhofe.
Gütersloh
1943. – Der
Streiter
Gottes. Ein
Lutherbuch.
Stuttgart
1949. – Frau
Käthe
Werner. Die
Geschichte
einer
tapferen
Frau.
Stuttgart
1940. – Das
Wirtshaus
zur Kapelle.
Roman.
Leipzig
1942. –
Thüringer
Kurzgeschichten.
Aus dem
Nachlaß
ausgew. von
Gertrud
Schröer.
Würzburg
1963. – Der
Bauernenkel.
Roman.
Gütersloh
1942. – Der
Brockhof und
seine
Frauen.
Wilhelmshaven
1954.
Lit.:
Reinold
Braun:
Gustav
Schröer. Weg
und Werk.
1935.
Günter
Gerstmann