Bernard Schultze zählt
zu den
„großen
Figuren der
gegenwärtigen
deutschen
Kunstszene“
schreibt
Wieland
Schmied
1973.
Angeregt
durch
Lanskoy und
Riopelle bei
einem
Aufenthalt
in Paris
1951 hatte
Schultze zum
Tachismus
gefunden, in
den
vorangehende
Entwicklungsphasen
nicht ohne
innere
Konsequenz
einmündeten.
Bernard
Schultze
wird zu
einem der
wichtigsten
Vertreter
des „Informel“
in
Deutschland.
Zugleich
gehört
Schultze zu
den
Künstlern,
die nach der
langen
Isolierung
der
deutschen
Kunst
während der
Nazizeit in
durchaus
selbständiger
Konzeption
nicht nur
den Anschluß
an
internationale
Kunstströmungen
wieder
herstellten,
sondern
darüber
hinausgehend
schöpferisch
eine
individuelle,
man könnte
in diesem
Falle
vielleicht
sogar sagen
deutschgrüblerische
Note
einbrachten.
Die
„Quadriga
1952“ – K.
O. Götz,
Otto Greis,
Heinz
Kreutz,
Bernard
Schultze –
wird noch
Ende der
50er Jahre
als „neue
Richtung in
der Malerei“
gefeiert.
Diesen Ruhm
hätte
Schultze
ausbauen und
zeitlebens
davon zehren
können. Doch
das rein
Artifizielle-Ästhetische
im Tachismus
fesselte ihn
nur kurze
Zeit, und es
ist für sein
persönliches
Engagement
bezeichnend,
daß er
weniger an
Pollock und
seine
Nachfolge
anknüpft,
als vielmehr
eine
Richtung
einschlägt,
wie sie Wols
vorgebahnt
hatte. Schon
ein Bild wie
„Rosengeschwüre“
von 1955
markiert
diese
Tendenz,
Wundmale zu
zeigen, eine
hintergründige
existentielle
Problematik
und Tragödie
bloßzulegen.
Schon früh
vorhandene
surrealistisch-phantastische
Gestaltungsformen
gewinnen
wieder
Bedeutung –
mit
fließenden
Übergängen
zu
abstrahierenden
Formen. 1959
erfindet
Bernard
Schultze die
„Migofs“,
seine
bekanntesten
Schöpfungen.
Der Malerei
und
Zeichnung
werden
Strukturen,
plastische
Elemente,
Figürliches
hinzugefügt,
die seit
1961 in
raumfüllenden
Environments
kulminieren.
„Das große
Migof-Labyrinth“
von 1966
gelangt in
die
Nationalgalerie.
„Das
Labyrinth
ist mein
Schutz.
Wieder
spielt hier
das
Angstgefühl
hinein. Ich
denke an
Franz Kafkas
Maulwurf-Erzählung,
die für mich
die äußerste
Form des
Angstzustandes
schildert.
Ausgänge
werden
zugeschüttet.
Es gibt nur
fingierte
Ausgänge.“
Neben erfundenen,
phantastischen
Gestalten
benutzt
Schultze
Schaufensterpuppen,
leere
Klischees
menschlicher
Idealfiguren
– hier ganz
konform mit
der Popart
im
Aufgreifen
banaler
Konsumprodukte
–, denen er
Verwundungen
beibringt,
sie mit
Geschwüren
bemalt und
sie damit in
befremdliche
sinnbildhafte
Figurinen
der
Verletzung
und
Zerstörung
verwandelt,
eine
unheimliche
Demonstration
der latenten
Bedrohung
des
Menschen.
In dem Environment
„Innerer
Monolog –
ein Leben
lang“,
(1972-1979),
einem
Hauptwerk
des
Künstlers,
das einen
großen Raum
in der
Ostdeutschen
Galerie
füllt, ging
Schultze
noch einen
Schritt
weiter. Die
eine Seite
zeigt die
Deformierung,
die Agonie
der Welt,
die andere,
Grau in Grau
gemalt, eine
tote
Landschaft,
von Asche
bedeckt. Die
Vietnam-Krise
wie die
Gefahr eines
alles Leben
zerstörenden
Nuklearkrieges
stehen als
nur zu wahre
Realitäten
hinter der
irritierenden,
luciden
Phantastik
der Migofs.
Auf das
Bettuch
eines neben
ihm
gestorbenen
Soldaten
malte
Schultze am
Ende des
Krieges 1945
„ein
düster-fahles
Bild von
treibenden
Toten auf
schwarzem
Gewässer,
von
Gebirgen,
die aus
fahlweißen
Molchen
bestanden,
unter einem
Gewitterhimmel
...“. Die
anhaltende
Kontinuität
von
Bedrohung
und Angst,
die seine
Werke
widerspiegeln,
hat etwas
Erschreckendes.
Erfindungsreich
und voll
frappierender
Phantasie
präsentiert
sich das
Werk von
Bernard
Schultze in
vielen
Aspekten.
Das Bild des
Waldes, auch
der
gebirgigen
Waldlandschaft,
erscheint
als eine
alte
Metapher,
nicht ohne
Anknüpfungen
an die
eigenartig
verzauberte
Landschaft
der
Donauschule,
wie zugleich
an Kubin,
Erinnerungen
an die
„dunklen
grünen Wald
der meiner
Kindheit an
der
Polnischen
Grenze“, ein
unheimlicher
Wald, ein
Labyrinth,
in dem man
sich
verirrt. „Migof
Gruppe,
verdorrt und
von den
Wäldern
verschlungen“
laute der
Titel,
„zerborstene
Landschaft“
ein anderer.
Wuchernde
Vegetation,
immer wieder
pathologische
Deformierungen
wahre Blumen
des Bösen
und zugleich
berauschende
Kaskaden von
Farbflecken,
und dort, wo
die bewegte
Linie zu
Tage tritt,
erscheint
ein
faszinierendes
Lineament,
das seine
impulsive
und
intuitive
Kreativität
aus der Zeit
des
Tachismus
bewahrt hat.
Der Zugang zum Werk des
heute in Köln
lebenden
Kunstlers
laut vielen
Kunstinteressierten
schwer; es
lohnt sich
ein wenig um
Verständnis
bemüht zu
sein, denn
nur bei
wenigen
Kunstlern
spiegelt
sich die
Problematik
unserer Zeit
so intensiv
und packend
wider.
Lit.:
Kat. Bernard
Schultze. Im
Labyrinth.
Werke von
1940-1980.
Städtische
Kunsthalle Düsseldorf;
Akademie der
Künste,
Berlin;
Frankfurter
Kunstverein;
Saarland-Museum,
Saarbrücken
1981 (mit
Bibliographie
1970-80)
Werner Timm
(1985)