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Bereits als Schüler suchte Schulz beim Schlittschuhlaufen auf dem Eise
des seinem Heimatdorf benachbarten Lauternsees den Wind zur Fortbewegung
nutzbar zu machen. Nach dem Besuch der Dorfschule, in der sein Vater
Ferdinand Schulz unterrichtete, kam Schulz nach Thorn auf das
Lehrerseminar. Am 1. April 1914 wurde er zum Inf.Rgt. 128 eingezogen,
nahm am 1. Weltkrieg teil, wurde als Unteroffizier am 9. November 1916
an der Somme verwundet, kam ins Kriegslazarett St. Quentin, dann ins
Reserve-Lazarett nach Kassel, von hier aus am 31. Januar 1917 als
garnisonsdienstfähig zum Ersatz-Btl. nach Preußisch-Stargard; am 26.
Februar 1917 wurde Schulz dienstfähig geschrieben. Vom 1. Januar 1918 an
flog er als Schlachtflieger an der Front, wurde mit dem E.K.I
ausgezeichnet und als Leutnant d.R. bei Kriegsende entlassen. Zunächst
wurde Schulz Junglehrer in Tuchel/Westpr., verlor jedoch diese Stelle
durch die Errichtung des Polnischen Korridors. Nach dem Tode des Vaters
unterrichtete Schulz einige Zeit in der Schule seines Heimatorts und
erhielt anschließend eine Anstellung in Neumark (Kr. Stuhm/Westpr.).
Nach dem 1. Weltkriege war den Deutschen von den Siegern (bis 1924) der
Motorflug verboten worden; man erinnerte sich daher an Otto Lilienthal
und dessen ersten Gleitflug vom 29. Juni 1895 bei Lichterfelde bei
Berlin; die Gebrüder Wright (und andere) hatten diese Bestrebungen
fortgeführt. Orville Wright segelte am 24. Oktober 1911 9:45 Minuten,
eine Leistung, die erst 1921 auf der Rhön überboten werden sollte. Auch
in Deutschland waren vor dem 1. Weltkriege weitere Versuche auf diesem
Gebiete unternommen und die Wasserkuppe als geeignetes Gelände entdeckt
worden. Nach dem Kriege war es Oskar Ursinus, genannt der „Rhönvater“,
der im März 1920 zum Modell- und Gleitflug aufrief; Kriegsflieger und
interessierte Jugend folgten ihm im Juli 1920 zum 1. Rhön-Wettbewerb.
Der Weltkriegsflieger Schulz konstruierte und baute in seiner Freizeit,
ohne jede Hilfe, ein Segelflugzeug, die sagenhafte „Besenstielkiste“
(von ihm so genannt); Stangen und Bettbezüge waren das Material. Das
Flugzeug erschien so primitiv, daß es beim Rhön-Wettbewerb 1921 nicht
zugelassen wurde. Auf der Wasserkuppe stellte damals (30. 8.1921)
Wolfgang Klemperer einen Weltrekord im Dauersegelflug in 13:03 Minuten
auf. Mit seiner so primitiven „Besenstielkiste“ gelang es Schulz am 11.
Mai 1924, über den Hängen der Kurischen Nehrung am Haff bei Rossitten in
seiner Heimat Ostpreußen den Weltrekord im Dauersegelflug auf 8:42:09
Stunden zu steigern; in diesem Jahr nahm Schulz auch am Rhön-Wettbewerb
teil. Er flog auf einem kleinen Brettchen sitzend; seine Füße mußte er
hintereinander auf die Kufe stellen, weil diese so schmal war. Die
„Besenstielkiste“ besaß keinen stehenden Steuerknüppel, sondern zwei am
Flügelholm hängende, der eine für das Querruder, der andere für das
Höhenruder. Sein Weltrekord wurde am 26. Juli 1925 von dem Belgier
Massaux überboten, der den Rekord auf 10:28 Stunden brachte. Schulz
holte sich jedoch wenige Monate später (2.10.1925) über der Krim (auf
Typ „Moritz“) mit 12:07 Stunden den Weltrekord zurück und steigerte ihn
(auf Typ „Westpreußen“) am 3. Mai 1927 über Rossitten auf 14:07 Stunden
(dieser Rekord wurde zu seinen Lebzeiten nicht mehr übertroffen). Einige
Tage später (14.5.1927) glückte Schulz ein Streckenrekordflug mit 60,2
Kilometern von Rossitten nach Memel; dabei erreichte er eine Höhe von
503 Metern. Auch im Doppelsitzer hatte er einen Weltrekord im Dauerflug
aufgestellt, am 3. Juni 1926 über Rossitten mit 9:21 Stunden. Nach
diesen Erfolgen wurde Schulz als Fluglehrer nach Rossitten berufen, wo
er gleichzeitig als Volksschullehrer tätig war. Bei Rossitten befindet
sich mit 4 Kilometern die breiteste Stelle der Kurischen Nehrung
zwischen Haff und Ostsee. Das Kirchdorf hatte seit 1901 eine Vogelwarte,
hinzu kam ein naturkundliches Museum. Darüber hinaus machte sich
Rossitten nun in der Geschichte des Segelfluges einen Namen. Das war das
Verdienst von Schulz, der an den Osthängen der Dünen seine Rekorde flog.
Das Segelfliegerlager befand sich in der Nähe des Predin-Berges, nicht
weit davon entfernt waren Startstelle und Landewiese, auch eine
Flugzeughalle; ein Nebenlager gab es nördlich des nächsten Dorfes, des
etwa 11 Kilometer entfernten Pillkoppen. Die Höhe der Dünen lag zwischen
33 und 60 Metern. Der meist lockere Sandboden (von Vorteil bei
mißglückten Landungen) stellte besondere Anforderungen an die Methoden
des Starts sowie des Transports. Schulz blieb nicht allein beim
Segelflug, er kehrte auch zum Motorflug zurück. Am 16. Juni 1929 sollte
in Stuhm ein Fliegerdenkmal durch den Westpreußischen Verein für
Luftfahrt eingeweiht werden. Schulz übernahm hierbei den Auftrag, vom
Flugzeug aus einen Kranz abzuwerfen. Beim Anflug löste sich ein Flügel,
die Maschine stürzte auf den Marktplatz der Stadt ab; Schulz und sein
Flugschüler Bruno Kaiser fanden den Tod. Auf Wunsch seiner Mutter Rosa
Schulz, geborener Scharneck, wurde Schulz auf dem Waldfriedhof in
Heilsberg beigesetzt.
Trotz seiner Erfolge war und blieb Schulz ein stiller bescheidener
Mensch, ein erfolgreicher Pädagoge in der Schule und beim Segelflug. Die
Entwicklung des Segelfliegens hat Schulz entscheidend beeinflußt.
Der Westpreußische Verein für Luftfahrt setzte dem Pionier des
Segelfluges im Juli 1930 auf dem Willenberger Segelfluggelände einen
Gedenkstein.
Quellen:
Dt. Biogr. Jahrbuch Bd. XI, 1929, S. 368. – Der Große Brockhaus, 15.
Aufl. Bd. 17. Leipzig 1934, S. 230 f. – Adolf Poschmann: Schulz,
Ferdinand. In: Altpr. Biographie, Bd. II, 5. Lfg. Marburg/L.: N. G.
Elwert Verl. 1963, S. 646 (Litr.-Hinw.). – Die Kartei Quassowski (Sa-Sd)
zsgst. v. Günter Boretius. Hamburg 1989, S. 479/290 u. S. 483/385 (Ver.f.
Familienforsch. in Ost- u. Westpreußen e.V., Quellen, Materialien u.
Sammlungen). – Die Kurische-Nehrung. Königsberg Pr.: Gräfe u.
Unzer Verl. 1932.Reprint Leer: Rautenberg 1989. – Auskunft
Krankenbuchlager Berlin, v. 23. 5. 1991.
Gerd Brausch
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