Der
Kronstädter Architekt Günther Schuller wurde am 10. Oktober 1904
als ältester Sohn des Architekten Albert Schuller (1877-1948)
geboren. Er besuchte das Honterusgymnasium in Kronstadt und von
1923 bis 1929 studierte er an der Technischen Hochschule in
München. Anschließend war er in Kronstadt im Projektierungsbüro
seines Vaters tätig. In den Jahren 1941 bis 1944 nahm er am
Zweiten Weltkrieg teil und war von 1945 bis 1948 zur
Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert. Dort verlor er durch
einen Arbeitsunfall den rechten Arm.
Nach
seiner Heimkehr lernte er mit eisernem Willen und aus Liebe zu
seinem Beruf, mit dem linken Arm zu arbeiten und konnte so
weiter als Architekt wirken. In den Jahren 1948 bis 1962
fungierte er als Baustellenleiter, u.a, bei der Restaurierung
des alten „Generalsquartiers“ am Marktplatz (1956-1958) und des
„Kaufhauses“ (1961-1962), von 1963 bis 1968 als Abteilungsleiter
bei der Direktion für Systematisierung, Architektur und
Projektierung von Bauten.
In den
Jahren 1969/1970 war Günther Schuller Baustellenleiter bei den
vom Stadtvolksrat durchgeführten Restaurierungen von
Baudenkmälern. Seit dem Jahre 1970 war er hauptsächlich bei der
Restaurierung der Schwarzen Kirche beteiligt, leitete aber auch
die Restaurierung des Katharinentors (1971-1974), des Weißen
Turms (1974/1975), der Graftbastei (1976) sowie von anderen
Abschnitten der mittelalterlichen Befestigungen von Kronstadt.
Nach dem
Erdbeben vom 4. März 1977 widmete sich Günther Schuller der
Behebung der hierdurch verursachten Schäden, vor allem an
Baudenkmälern in Kronstadt (altes Rathaus) und Umgebung (die
Kirchen in Rothbach und Brenndorf).
Im Jahre
1983 verlieh die Hamburger Freiherr-vom-Stein-Stiftung an
Günther Schuller den Herderpreis. In der Laudatio heißt es: „So
widmete er sich, ausgestattet mit profunder Kenntnis der
Baugeschichte und handwerklicher Techniken wie auch mit
künstlerischer Begabung, der Erhaltung und Erneuerung
zahlreicher Baudenkmäler Kronstadts. Es handelte sich hierbei
sowohl um Profan- als auch um Sakralbauten, aber auch um
Straßen- und Platzräume als wichtige Gestaltungselemente des
Städtebaus. Seine jahrzehntelange beharrliche Arbeit,
einvernehmlich mit dem Stadtarchitekten von Kronstadt betrieben,
fand im Laufe der Zeit zunehmend Unterstützung und Förderung
durch die Direktion für Denkmalpflege in Bukarest und damit auch
verdiente öffentliche Anerkennung in seiner Heimat. Mit der
Auszeichnung des Herrn Schuller durch den Herderpreis bezeugen
wir unsere Hochachtung vor der menschlichen und fachlichen
Leistung, die er in mannigfacher Weise als Architekt in
Kronstadt erbracht hat.“
In
vielen Lichtbildvorträgen und Presseartikeln hat Günther
Schuller die öffentliche Meinung zugunsten der gefährdeten
Baudenkmäler zu beeinflussen versucht, was ihm in vielen Fällen
auch gelang.
Nach der
Wende von 1989 war Günther Schuller Initiator der Gründung des
Verbandes der Rußlanddeportierten im Kreis Kronstadt. Ebenso
erreichte er als Mitglied der städtischen Kommission für
Straßenbenennungen, das 1991 in 14 Fällen die Straßen die Namen
von verdienstvollen deutschen Persönlichkeiten erhielten, wie z.
B. Johannes-Honterus-Hof, Stephan-Ludwig-Roth-Gasse,
Paul-Richter-Gasse, Johann-Benkner-Gasse, Valentin Wagner-Gasse,
Michael-Weiß-Gasse oder Apollonia-Hirscher-Gasse.
Nicht
unerwähnt sei die künstlerische Tätigkeit von Günther Schuller
als Maler. Im Jahre 1970 schuf er ein gelungenes Bild des
mittelalterlichen Kronstadt, das als Postkarte in Tausenden von
Exemplaren verkauft wurde. Der Erlös wurde für die Restaurierung
der Schwarzen Kirche verwendet. Weiter verdanken wir ihm Bilder
der Schwarzen Kirche, des Schlosses am Kronstädter Schloßberg
sowie eine Rekonstruktion der Braschovia-Burg auf der Zinne.
In den
letzten Jahren seines Lebens sammelte Günther Schuller Material
für ein Werk mit dem Titel „Kronstadt. Kaleidoskop einer Stadt
im Südosten 1211-1988“. Es enthält zahlreiche Aufsätze von ihm
selbst und von anderen Verfassern über die Schwarze Kirche und
über andere Kronstädter Baudenkmäler und ihre Geschichte sowie
ihre Restaurierungen, über Kronstädter Persönlichkeiten und auch
autobiographisches Material, da Günther Schuller jahrzehntelang
vielseitig sehr aktiv war. Das Buch ist ein schönes Zeugnis der
Heimatliebe und -verbundenheit von Günther Schuller.
Leider
hat er das Erscheinen des Bandes nicht mehr erlebt, da er an den
Spätfolgen eines Sturzes am 14. Juli 1995 starb und auf dem
Martinsberger Friedhof begraben wurde.
Der Band
wurde im Jahre 1998 in Hermannstadt gedruckt und soll wegen
seines hohen dokumentarischen Wertes für die Geschichte von
Kronstadt auch ins Rumänische übersetzt werden.
Lit.:
Walter Myß (Hrsg), Lexikon der Siebenbürger Sachsen, Thaur
bei Innsbruck 1993, S. 444. – Günther Schuller, Kronstadt.
Kaleidoskop einer Stadt im Südosten 1211-1988, Hermannstadt
1998.
Bild:
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Gernot
Nussbächer