Johann
Gottlieb
Schummel ist
ein heute
weitgehend
vergessener
Autor.
Während noch
ein
vierbändiger
Brockhaus
aus dem
Jahre 1926
von ihm
Kenntnis
nimmt und
auf sein
Hauptwerk,
den
komischen
Schelmenroman
Spitzbart
hinweist,
kommt er in
dem
zehnbändigen
Bertelsmann
Lexikon
aus dem
Jahre 1996
nicht mehr
vor.
Sicherlich
kann
Schummel
wohl kaum
als ein
großer Zeuge
für
Schlesien
gelten, und
er wurde
auch in den
von Herbert
Hupka
besorgten
Band
Große
Deutsche aus
Schlesien
(München
1969) nicht
aufgenommen,
wenngleich
er kurz nach
seinem Tode
als eine der
„gefeiertsten
Größen
Schlesiens“
charakterisiert
wurde (so
der
Breslauer
Historiker
Karl Adolf
Menzel).
Weit mehr:
Schummel war
zu seiner
Zeit in
Deutschland
bekannt und
wurde als
Gelehrter,
vor allem
als ein
bedeutender
Pädagoge und
auch als
Autor,
wenngleich
als dieser
nicht
unumstritten,
geschätzt.
Schummel war
ein
Vertreter
der
Aufklärung,
und in
seinem Werk,
vor allem in
seinen
reformpädagogischen
Schriften,
spiegelt
sich dieses
Gedankengut
wieder.
Nicht ohne
Einfluß auf
ihn war wohl
die
Philosophie
Christian
Wolffs
(1679-1754)
und
Christian
Garves
(1742-1798).
Johann
Gottlieb
Schummel
wurde in
ärmlichen
Verhältnissen
als Sohn
eines
Dorfschulmeisters
geboren. Er
verlor früh
seine
Mutter. Von
seinem
Vater, der
das Amt
eines
Kantors
versah, mag
er die
musikalische
Begabung
geerbt
haben.
Während des
Besuchs des
Hirschberger
Gymnasiums
beeindruckten
ihn
Theateraufführungen
so stark,
daß er sich
einer
Schauspielertruppe
anschloß und
sein Vater
ihn mit
Gewalt
zurückholen
mußte. Will
man den
Berichten
Glauben
schenken,
spielte er
in Landeshut
die Rolle
der Panthea
im
gleichnamigen
Stück der
Gottschedin
(Luise
Adelgunde
Victorie
Gottsched).
Nach dem
Abschluß des
Hirschberger
Gymnasiums
folgten
Studien der
Philosophie
und der
Theologie an
den
Universitäten
Halle und
Leipzig
(1767-71).
Freilich
zwangen ihn
bedrückende
äußere
Verhältnisse,
eine Stelle
als Erzieher
bei einem
Oberamtmann
(„ein
schweres
Amt“) in
Aken (b.
Magdeburg)
anzunehmen,
die er 1772
mit dem ihm
angetragenen
Amt als
Präzeptor an
der
Klosterschule
zu Unserer
Lieben Frau
in Magdeburg
vertauschen
konnte,
protegiert
vom
preußischen
Unterrichtsminister
von Zedlitz
(1731-1763).
Vornehmlich
unterrichtete
er hier
Französisch,
Englisch und
Italienisch.
In Magdeburg
schrieb
Schummel
auch an
seinem
ersten
größeren
literarischen
Werk – die
Empfindsamen
Reisen durch
Deutschland
(3
Teile,
1771/72),
die den
Einfluß des
englischen
Schriftstellers
Laurence
Sterne
verraten. In
einer
Vorrede
heißt es:
„Große
Begebenheiten
sind mir nie
begegnet...“
Und: „Kann
ich doch
selbst
nichts
weiter, als
Histörchen
lose
aneinanderkleben...“
Goethe
bezeichnete
das Werk
1772 in den
Frankfurter
Gelehrten
Anzeigen
als
„Makulaturbogen“
und fand
daran „alles
unter der
Kritik.“
Schummel
verbrachte
an der
Magdeburger
Klosteranstalt
acht Jahre
als ein
angesehener
Lehrer und
versuchte
sich
weiterhin
auch als
Schriftsteller;
eine Reihe
von
Beiträgen
schrieb er
für
Zeitschriften,
verfaßte
Komödien und
gab eine
Übersetzerbibliothek
zum
Gebrauche
der
Übersetzer,
Schulmänner
und
Liebhaber
der alten
Literatur
(Wittenberg-Zerbst
1774)
heraus.
Viele
Reisen, die
ihn nach
Berlin,
Kassel und
Göttingen,
nach
Braunschweig
und
Hannover,
nach Sachsen
und Böhmen
und in seine
schlesische
Heimat
führten,
erweiterten
sein
Blickfeld
und
schärften
seine
aufklärerischen
Intentionen.
Von größter
Bedeutung
wurde seine
Teilnahme an
einer Tagung
im Dessauer
Philanthropin
im Mai 1776,
das von
Johannes
Bernhard
Basedow
(1734-1780)
gegründet
worden war.
Das hier
praktizierte
Lern- und
Bildungsziel
sollte in
einem frohen
Spiel
bestehen,
und selbst
das
Lateinische
sollte eine
höchst
lebendige
Angelegenheit
sein;
Strafen
sollten
abgeschafft
werden (eine
bis heute in
diesem
Geiste
wirkende
Schule, die
1784 von
Christian
Gotthilf
Salzmann
[1744-1811]
gegründet
wurde,
befindet
sich in
Schnepfenthal
bei Gotha).
Schummels
pädagogische
Erfahrungen,
die er im
Umgang mit
seinen
Schülern und
im Austausch
mit seinen
Kollegen
sammelte,
haben sich
in seinem
Roman
Spitzbart.
Eine
komisch-tragische
Geschichte
für unser
pädagogisches
Jahrhundert
(1779)
niedergeschlagen
– eine Art
Persiflage
auf
„Idealenkrämer
im
Erziehungswesen“.
Auch der
Leiter des
Dessauer
Philanthropinums,
Basedow,
geriet in
die
kritische
Optik
Schummels.
Das
interessante
Werk wurde
von dem in
Weimar
lebenden
Literaturwissenschaftler
Eberhard
Haufe in der
DDR neu
herausgegeben
(eine
Ausgabe bei
Beck in
München 1983
folgte).
Schummel
schrieb
weitere
pädagogische
Werke: so
Wilhelm von
Blumenthal
(2 Bde.
1780/81) und
Der
kleine
Voltäre
(1782) –
eine
„Lebensgeschichte
für unser
freigeistiges
Jahrhundert“.
Im
Spitzbart
schreibt er:
„Ist irgend
ein Stand
recht
eigentlich
dazu
gemacht,
Karikaturen
von
menschlichen
Charakteren
zu zeugen,
so ist es
gewiß der
Schulstand.
Nur die
wenigsten
Schulleute
haben die
Gelegenheit,
sich, ich
will nicht
einmal sagen
in der
großen,
sondern nur
in der
gesitteten
Welt zu
bilden:
Verachtung
oder Fleiß
oder Armut
schließen
sie davon
fast
gänzlich
aus. Das
originale
Gepräge
also, was
bei uns
andern in
der
menschlichen
Gesellschaft
gar bald
abgeschliffen
wird, bleibt
bei ihnen
unverändert.
Sie sind von
keinen
kritischen
Beobachtern
ihrer
kleinen
Torheiten
und
Leidenschaften
umgeben,
sondern nur
von Kindern
oder
Jünglingen,
vor denen
sie tun zu
können
glauben, was
ihnen
beliebt.“
Das klingt
wie das
literarische
Programm
Schummels.
In den
Jahren 1779
bis 1788
lehrte
Schummel an
der
Ritterakademie
zu Liegnitz
und folgte
danach einem
Ruf an das
berühmte
Breslauer
Elisabethgymnasium,
wo ihn eine
Fülle an
weiteren
Aufgaben in
Anspruch
nahm
(Lehrtätigkeit
unter
anderem an
der
neugeschaffenen
Militärakademie).
Zudem
engagierte
er sich, wie
das schon in
Magdeburg
der Fall
war, für
soziale
Belange, was
sich auch in
der
Schaffung
einer
Schulwitwenkasse
für die
Hinterbliebenen
bedürftiger
Lehrer
zeigte. Im
Breslauer
Almanach
(Breslau
1801) legte
er ein
Handbuch
über die
bedeutendsten
Persönlichkeiten
der Stadt
vor – wie
überhaupt
eine Reihe
von Werken
sein
Interesse
für
schlesische
Dinge
verrät. So
erschien
1791 das
Buch
Schummels
Reise durch
Schlesien im
Julius und
August 1791.
Es war „auf
Kosten des
Verfassers“
gedruckt
worden und
war der
Bericht über
eine
mehrwöchige
Reise, die
den Autor
vorwiegend
in die
oberschlesischen
Regionen
sowie auch
in die
Grafschaft
Glatz und
einige
Flecken in
Österreichisch-Schlesien
geführt
hatte. Am
Fuße des
Zobten wurde
die Reise
beendet.
Zweifellos
war
Schummels
Reisebericht
auch ein
Versuch, auf
Grund
eigener
Beobachtungen
und
Eindrücke
Vorurteile,
die über das
Reisegebiet
(„das so
fürchterlich
beschriebene
Oberschlesien“)
bestanden,
zu
korrigieren
–
Horror-Visionen
zu
verscheuchen,
in denen die
dort
lebenden
Menschen
„noch einige
Stufen unter
den
Kalmücken
und
Kirgisen“
klassifiziert
wurden.
Schummels
Reisebericht
enthält eine
Reihe von
ganz anderen
Beobachtungen.
„Schummels
Buch, in der
Forschung
durchaus
bekannt,
unzählige
Male zitiert
und
gewürdigt,
wurde wohl
aus
Verlegenheit
[angesichts
des Problems
Oberschlesien]
nicht in
seiner
vollen
Bedeutung
erkannt“,
wie Wojciech
Kunicki
darlegt, der
im Auftrage
der Stiftung
Haus
Oberschlesien
das Buch neu
herausgegeben
und
kommentiert
hat.
Schummels
Reise,
so W.
Kunicki,
„ist ein
frühes
Zeugnis für
das
erwachende
geschichtliche
Interesse an
den
oberschlesischen
Problemen,
und so kann
es als eines
der
Beispiele
für die
Entstehung
der
Historiographie
aus dem
Reisebericht
verstanden
werden: Der
Autor
spricht über
sich selbst
als von
einem
‘Historiker
von
Profeßion’,
der die
beobachteten
Daten so
genau wie
möglich
dem
belehrungsbedürftigen
Publikum
darbieten
soll.“ Sein
Hauptinteresse
gilt
nicht dem
Vergangenen,
sein Blick
richtet sich
auf das
Zukünftige,
er glaubt
„an den
Fortschritt
des
Menschengeschlechts“.
Zweifellos
stellt
Schummels
Reise durch
Schlesien
ein
aufschlußreiches
Kulturdokument
dar.
Lit.:
M. Hippe:
J.G.
Schummel.
Ein
Lebensbild,
in: Zeitschr.
d. Ver. f.
Gesch.
Schles. Bd.
XXVI (1892),
S. 249-281.
– Rudolf
Heine: Aus
dem
handschriftl.
Nachlasse d.
Reformpädagogen
J.G.
Schummel,
in: Jahrbuch
d. Vereins
f. wiss.
Pädagogik.
Jg. 41
(1909), S.
1-98. –
Franz
Wiedemann:
J.G.
Schummel und
die
Rektorwahl
am Gymnasium
zu St.
Elisabeth im
Jahre
1809/10, in:
Festschrift
zur Feier
des
350jährigen
Bestehens
des
Gymnasiums
zu St.
Elisabeth,
Breslau
1912, S.
1-91. –
Franz Etzin:
Joh. Gottl.
Schummels
Pädagogik.
Langensalza
1915. –
Wilhelm
Gierke: Joh.
Gottl.
Schummel und
seine Romane
(Diss. phil.,
Bern),
Borna-Leipzig
1915. –
Georg
Weigand: J.G.
Schummel.
Leben und
Schaffen
eines
Schriftstellers
und
Reformpädagogen.
Frankfurt
a.M. 1925
(Mit
Bibliographie
der
Schriften
von und über
Schummel).
Weitere
bibliographische
Angaben
enthält die
von W.
Kunicki
besorgte
Buchausgabe
„Schummels
Reise durch
Schlesien im
Julius und
August 1791“
(Gebr. Mann
Verlag
Berlin
1995).
Günter
Gerstmann