Am 15.
November
1949, als
der Deutsche
Bundestag in
einer seiner
ersten
großen
Debatten um
die von den
Westmächten
gewünschte
und von
Konrad
Adenauer
betriebene
Westintegration
der jungen
Bundesrepublik
rang, trat
der
Oppositionsführer
Schumacher
dem
Bundeskanzler
hart
entgegen.
Auch er
bekannte
sich zum
"menschlichen
und
kulturellen
Stil des
Westens",
trat für die
"Idee der
Vereinigten
Staaten von
Europa" ein,
geißelte
allen
"nationalistischen
Unfug". Aber
in Adenauers
sehr
eigenständigem
Vorgehen in
dieser
"Lebensfrage"
der
Deutschen
sah er nicht
nur eine
Mißachtung
des
Parlaments,
sondern
zugleich
eine
Preisgabe
deutscher
Interessen,
vor allem
auch einen
Schlag gegen
den "Kampf
um die
Rückgewinnung
der Gebiete
östlich der
Oder und
Neiße". Das
mündete eine
gute Woche
später, als
der Kanzler
die
Sozialdemokraten
ungemein
reizte, in
den erregten
Zwischenruf
"Der
Bundeskanzler
der
Alliierten".
In diesen
dramatischen
Tagen wurde
der Habitus
des
Politikers
Kurt
Schumacher
pointiert
sichtbar.
Haltung und
Stil dieses
Mannes
gründeten
nicht
zuletzt in
seiner
Herkunft aus
dem
Grenzland im
Osten. Sohn
eines
Kaufmanns
und
freisinnigen
Stadtverordneten
in Culm an
der
Weichsel,
dieser seit
1772
preußischen
Deutschordensgründung,
kam
Schumacher
aus
kulturell
selbstbewußtem
evangelischen
Bürgermilieu.
Inmitten
einer
polnischen
Mehrheit war
es
entschieden
national und
von einer
unbedingt
preußischen
Art, welche
im deutschen
Westen und
Süden als
schroff
galt. 1914
zog er nach
dem
Notabitur
als
Kriegsfreiwilliger
ins Feld;
schon nach
wenigen
Monaten
verlor er
durch eine
schwere
Verwundung
den rechten
Arm. Er
studierte in
Halle,
Leipzig und
Berlin
Staatswissenschaften
und
Jurisprudenz
und wurde
mit einer
Dissertation
über den
Staatsgedanken
in der
deutschen
Sozialdemokratie
promoviert,
die in der
Tradition
Ferdinand
Lassalles
dem Staat
einen hohen
sittlichen
und sozialen
Wert
zuschrieb.
Dies war
nicht nur
eine
akademische
Erörterung.
Denn
Schumacher,
schon als
Gymnasiast
in
politischem
Meinungsstreit
engagiert,
war Anfang
1918 der SPD
beigetreten,
für sie in
der
November-Revolution
Mitglied des
Groß-Berliner
Arbeiter-
und
Soldatenrats
gewesen und
1920 als
Redakteur
ihres
Stuttgarter
Organs, der
Schwäbischen
Tagwacht,
nach
Württemberg
gegangen.
Dort gewann
er, seit
1924 im
Landtag,
bald durch
intellektuellen
Rang,
Energie und
politischen
Kampfwillen
Einfluß. Er
gründete
eine gegen
den
Strassenterror
der
militanten
Rechten
gerichtete
republikanische
Schutztruppe,
die dann im
'Reichsbanner
Schwarz-Rot-Gold'
aufging.
1930 kam der
erbitterte
Feind der
Nationalsozialisten
in den
Reichstag,
wo er sich
mit einer
schneidenden
Stegreifrede
gegen
Goebbels
exponierte.
Da er weder
1933 zur
Flucht noch
später zu
Gnadengesuchen
bereit war,
verbrachte
er die
NS-Zeit
nahezu
ununterbrochen
in
Konzentrationslagern,
vorwiegend
in Dachau.
Diese Zeit
zerrüttete
Schumachers
Gesundheit,
aber brach
seine
politische
Leidenschaft
nicht, ja,
gab ihm
charismatische
Kraft und
nährte ein
märtyrerhaftes
Sendungsbewußtsein.
Das ließ ihn
für die
"Zeit nach
Hitler" eine
führende
politische
Rolle
beanspruchen.
Bereits im
April 1945
begann er,
die
Sozialdemokratische
Partei,
deren alter
Vorstand
noch im
Londoner
Exil weilte,
mit seinem
'Büro Dr.
Schumacher'
von Hannover
aus
zielstrebig
wieder
aufzubauen.
Von der
britischen
Besatzungsmacht
gefördert,
setzte er
sich in den
westlichen
Zonen
zunächst
inoffiziell,
1946 dann
als
gewählter 1.
Vorsitzender
durch.
Rasch rückte
der von der
Verfolgung
gezeichnete,
unbeugsame
und so
offenkundig
integre
Mann, der
wie eine
Verkörperung
des besseren
Deutschland
erschien,
ins Zentrum
der
politischen
Arena. Er
gewann eine
starke
innerparteiliche
Autorität
und fand
zugleich als
Anwalt eines
geschlagenen,
hungernden
Volkes
großen
Zulauf in
der
Bevölkerung.
Mit
glänzender
Feder, mit
scharfem
Wort warb er
für einen
patriotischen
Sozialismus
in
internationaler
Solidarität
im Sinne von
Lassalle und
Jaurès, der
nach dem
Versagen der
bürgerlichen
Ordnung
allein
Deutschland
wieder
aufrichten
könne. Marx
folgte er
zwar im
sozialen
Impuls, doch
nie seiner
Lehre als
einem Dogma.
Er kämpfte
gegen
Privilegien
aller Art
für eine
egalitäre
Demokratie.
Und mit dem
moralischen
Anspruch des
Widerstandes
forderte er
von den
Besatzungsmächten
unentwegt
mehr
Rücksicht
auf die
Interessen
der
Deutschen,
die vom
Objekt
wieder zum
politischen
Subjekt
werden und
die Einheit
ihres
Reiches in
den
Vorkriegsgrenzen
zurückgewinnen
müßten.
All dies,
besonders
das
letztere,
geschah mit
so
leidenschaftlicher
Überzeugung,
in oft so
brüskem Ton,
daß er wie
kein anderer
der
führenden
deutschen
Politiker im
Ausland
trotz hoher
Achtung
provozierte
und im
Innern
polarisierte.
Seine
kompromißlose
Art, die
kategorische
Schärfe
verstärkte
sich noch,
als
Schumacher
nach der
unerwarteten
Niederlage
der SPD in
der 1.
Bundestagswahl
1949 nicht
Kanzler,
sondern
Adenauers
Gegenspieler
wurde. Sich
mit eisernem
Willen gegen
den
körperlichen
Verfall
stemmend,
zwang er
seine Partei
in den
Grundentscheidungen
über die
innnere
Ordnung und
die äußere
Orientierung
des
westdeutschen
Staates zu
unbedingter
Opposition
gegen den
Regierungskurs.
Das führte,
zumal sein
prinzipieller
Blick die
akuten
Alltagsnöte
nicht immer
traf und er
in
preußisch-sozialdemokratischer
Tradition
ganz
zentralistisch
dachte, auch
innerhalb
der Partei
zu
Konflikten
mit den
pragmatischen,
auf eine
rasche
Westintegration
drängenden
Bürgermeistern
Reuter
(Berlin),
Kaisen
(Bremen) und
Brauer
(Hamburg)
wie mit dem
bayerischen
Föderalisten
Högner. Die
Gestalt der
Bundesrepublik
- Teilstaat,
Föderalismus,
Marktwirtschaft,
Westintegration,
Wiederbewaffnung
- zeigt, wie
wenig der
reale
Einfluß
Schumachers
Einsatz
entsprach.
Dieser
folgte, bei
allem
politischen
Scharfsinn,
wohl zu
doktrinär
Weimarer
Vorstellungen.
Adenauers
flexible
Politik
erwies sich
als
zeitgemäßer;
Schumachers
eigene
Partei
näherte sich
denn auch
nach seinem
Tod diesem
Weg.
Doch das ist
nur die eine
Seite. In
drei Punkten
konnte
dieser
rastlose,
von Idealen
beseelte und
zugleich
machtbewußte
Mann die
politische
Kultur der
Bundesrepublik
durchaus
bleibend
prägen. Als
stärkste
Stimme
nationaler
Selbstbehauptung
hat dieser
"unbeirrbare
Patriot"
(Wolfgang
Benz), der
aus der
NS-Zeit
wahrlich
glaubwürdig
hervorging,
den
Deutschen
geholfen,
gegen die
kollektive
Verurteilung
von außen
und
vielerlei
eigene
Selbstentwertung
Identität zu
bewahren.
Als
Oppositionsführer
hat er
dieser Rolle
ein im
deutschen
Parlamentarismus
ungewohntes
Gewicht
gegeben;
neben
Adenauers
'Kanzlerdemokratie'
wird das
gerne
übersehen.
Vor allem
aber hat er
als
Parteivorsitzender
durch die
scharfe
Abgrenzung
vom
Kommunismus
sowohl gegen
den
sowjetischen
Druck zur
SED als auch
gegen manche
Wiedervereinigungsromantik
in den
eigenen
Reihen die
SPD klar auf
die
westliche
Demokratie
festgelegt.
So wurde sie
zur
Mitwirkung
in einer
bürgerlichen
Ordnung
geführt, zu
ihrem für
Westdeutschland
konstitutiven
Part, ob in
Opposition
oder
Regierung.
Ohne Zweifel
- Kurt
Schumacher
gehört zu
den Vätern
der
Bundesrepublik.
Daß er dies
besonders
für die
einfachen
Leute war,
brachten
diese nach
seinem
frühen Tod
in einem
überwältigenden
Abschied zum
Ausdruck:
Hundertausende
säumten den
Trauerzug
von Bonn
nach
Hannover. Es
war die
letzte
Massenkundgebung
für einen
deutschen
Arbeiterführer.
Nachlaß:
Archiv der
sozialen
Demokratie
(Friedrich-Ebert-Stiftung),
Bonn.
Werke:
Der Kampf um
den
Staatsgedanken
in der
deutschen
Sozialdemokratie,
Diss.
Münster
1926. -
Grundsätze
sozialistischer
Politik,
Hamburg
1946. - Nach
dem
Zusammenbruch.
Gedanken
über
Demokratie
und
Sozialismus,
Hamburg
1948. -
Durch freie
Wahlen zur
Einheit
Deutschlands.
Hg. vom
Vorstand der
SPD
Hannover,
o.J. -
Student und
Politik,
Hamburg o.J.
- Reden und
Schriften,
Berlin 1962.
- Reden,
Schriften,
Korrespondenzen.
Hg. von W.
Albrecht,
Berlin, Bonn
1985
(umfassende,
kommentierte
Edition mit
großer
Einleitung
zu Person
und Wirken).
Lit.:
Kurt
Schumacher,
Leben und
Leistung.
Hg. vom
Vorstand der
SPD,
Mannheim
1952. - A.
Scholz u. W.
G.
Oschilewski
(Hg.):
Turmwächter
der
Demokratie.
Ein
Lebensbild
von Kurt
Schumacher,
2 Bde,
Berlin 1953.
- W. Brandt
u. R.
Löwenthal:
Ernst
Reuter,
München
1957. - W.
Hoegner: Der
schwierige
Außenseiter,
München
1959. - A.
Kaden: Die
Wiedergründung
der SPD
1945-1946,
Hannover
1964. - W.
Ritter: Kurt
Schumacher.
Eine
Untersuchung
seiner
politischen
Konzeption
und seiner
Staats- und
Gesellschaftsauffassung,
Hannover
1964. - Th.
Pirker: Die
SPD nach
Hitler. Die
Geschichte
der
Sozialdemokratischen
Partei
Deutschlands
1945-1964,
München
1965. - L.
J. Edinger:
Kurt
Schumacher.
Persönlichkeit
und
politisches
Verhalten,
Köln,
Opladen
1967. - W.
Kaisen:
Meine
Arbeit, mein
Leben,
München
1967. - F.
Heine: Dr.
Kurt
Schumacher.
Ein
demokratischer
Sozialist
europäischer
Prägung,
Göttingen
u.a. 1969. -
H. G.
Ritzel: Kurt
Schumacher,
Reinbek b.
Hamburg
1972. - R.
Hrbek: Die
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Deutschland
und Europa.
Die Haltung
der
Sozialdemokratie
zum
Verhältnis
von
Deutschlandpolitik
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Bonn 1972. -
E. Lüth: Max
Brauer,
Hamburg
1972. - W.
E. Paterson:
The German
Social
Democratic
Party and
European
Integration
1949-1952,
Westmead
Farnborough
1974. - H.-P.
Schwarz: Die
Ära
Adenauer,
Stuttgart
1981. - K.
Klotzbach:
Der Weg zur
Staatspartei,
Berlin, Bonn
1982. - Th.
Eschenburg:
Jahre der
Besatzung
1945-1949,
Stuttgart
1983.- W.
Benz: Der
unbeirrbare
Patriot, in:
Süddeutsche
Zeitung
5./6.9.1987.
- G. Scholz:
Kurt
Schumacher,
Düsseldorf
1988. - K.-L.
Sommer:
Wiederbewaffnung
im
Widerstreit
von
Landespolitik
und
Parteilinie,
Bremen 1988.
- W. Brandt:
Erinnerungen,
Frankfurt/M.
1989. - H.-P.
Schwarz:
Konrad
Adenauer, 2
Bde.,
Stuttgart
1986 u.
1991. - W.
Mühlhausen
(Hg.):
Treuhänder
des
deutschen
Volkes,
Melsungen
1991.
Bild:
Presse- und
Informationsamt
der
Bundesregierung.
Werner K.
Blessing